DrachenSabber
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen   Teil I

Uwe hat uns wieder einen seiner Mehrteiler gespendet! Diesmal zu einem Thema, das gerade in Heidenkreisen immer wieder aktuell ist. Karma verstehen oder missverstehen - das ist die Frage

Nicht findet man der Taten 'Täter', kein 'Wesen', das die Wirkung trifft
Nur leere Dinge zieh'n vorüber: Wer so erkennt, hat rechten Blick.
Und während so die Tat und Wirkung im Gange sind, wurzelbedingt,
kann, wie beim Samen und beim Baume, man keinen Anfang je erspäh'n.
(Vissudhi Magga)


Einführung

Manche Leute missverstehen das, wohlgemerkt, buddhistische Prinzip von Karma gründlich. Ob nun gewollt oder unabsichtlich sei mal dahin gestellt. Dass dies zu merkwürdigen Sichtweisen sogar in buddhistisch interessierten Kreisen führen kann zeigt immer wieder die reflexartige Zuckung wenn man (buddhistisch) postuliert, dass jede individuell gemachte positive, negative oder auch neutrale Erfahrung nur aufgrund früherer individueller positiver, negativer oder neutraler Handlungen zustande kommt.
Schnell greifen dann solche Leute (unter anderem auch gern manche der, ich sage mal griffig, „Batcheloristen“) zum Holzhammer und bringen historisch unschlagbar „die Juden“ oder irgendwelche anderen leidende Volksgruppen ins Spiel.
Sollen denn diese Menschen selbst „schuld“ sein an ihrem „Karma“, wird dann die ebenfalls unschlagbare Frage in den Raum gestellt. Die natürlich niemand auch nur annähernd beantworten kann, ohne sich in gefährlich braune Wasser zu begeben.
Auch der Nazischerge Adolf Eichmann, wie vor kurzem von einem buddhistisch angehauchten aber wenig verständigen Menschen hübsch kolportiert, soll schon eine solche hinduistisch-buddhistisch verbrämte Karma-These vertreten haben. Er habe nach dem Krieg in Gefangenschaft behauptet, dass „die Juden“ eben ein „schlechtes Karma“ hätten und die Nazis nur die Erfüllungsgehilfen für die Auflösung desselben gewesen seien.

Mit genau solchen kruden Darstellungen wird dann der „Buddhist“( unter anderen meine Wenigkeit), der das Prinzip des Karma ganz im Sinne des abhängigen Entstehens darlegt, in eben eine solche Nazi- oder sonst eine braune oder zumindest ethisch schmutzige Ecke gedrängt.
(Was übrigens auch etliche sozialistische in Deutschland seit vielen Jahren oder auch Einzelpersonen wie Colin Goldner tun, um ihr Mütchen an allem buddhistischen zu kühlen.)
Da werden dann über „Buddhisten“ alle möglichen Aussagen in die Welt gesetzt, die diese gesagt haben sollen.
Das beginnt bei „Den Juden“, geht über Sklaverei und unethische Zustände, an denen die beteiligten also „selbst schuld“ seien und wird noch abstruser mit Behauptungen, Buddhisten würden eine „kosmische Bestimmung“ sehen oder einen „gerechten Platz im Gefüge“. Also viel Blödsinn und unreflektiertes Gedöns.
Geschenkt. Wenn es demjenigen so wichtig ist, mag er es tun.
Mich persönlich ficht eine solche dümmliche Unterstellung nicht wirklich an.

Worum es mir aber geht ist, dass es eben schwierig ist, über etwas, dass aus einer unendlichen Vielzahl von Faktoren abhängig in Erscheinung tritt, eine intellektuell unausgegorene und zudem auch noch verschiedene Sichtweisen durcheinanderbringende Aussage zu machen.
Mit solchem Zeug oder gar „kosmischer Bestimmung“ hat „Karma“ wie es der Buddha selbst beschrieben hat, rein gar nichts zu tun. Auch nicht mit der ähnlichen, aber dennoch höchst unterschiedlichen hinduistischen Sichtweise auf Karma, die einen eher fatalistischen Zug trägt.
Die buddhistische Sicht auf Karma, überhaupt auf die relative und absolute Ebene der Erscheinungen ist dermaßen differenziert und fein, dass sie nicht einfach in den Schredder dualistisch philosophischer Dünnbrettbohrer gehört.

Daher möchte ich das „Buddhistische“ Prinzip von Karma gerade aus Verständnisgründen hier noch einmal genauer beleuchten, mit meinem geringen Verständnis aufarbeiten, versuchen, es in einigermaßen einfache nachvollziehbare Sätze zu bringen. Die in Übereinstimmung mit Buddhas Lehre stehen.
Aus verschiedenen Winkeln heraus betrachtet. Damit sich der einigermaßen klar Denkende ein Bild machen kann.
Und darüber reflektieren mag, dass nicht jeder, der in dieser Karmakategorie denkt ein zynischer, mitgefühlsloser Mensch, verantwortungsloser Hedonist oder gar Nazi ist.
Vor allem aber, dass sich der buddhistische Karmagedanken ganz erheblich unterscheidet von der hinduistischen, der esoterischen oder gar der Eichmannschen Sicht.


Karma – Relativ einfach

Karma ist weder „Strafe“, „Sühne“ oder gar „Schuld“.
Karma hat nur mit einer konsequenten Betrachtung des Ursache-Wirkungsgefüges, das im relativen Sein alles durchdringt, zu tun.

Genau ein solches Gefüge, das die allermeisten Menschen grundlegend akzeptieren, ohne dass sie sich dessen groß bewusst sind geschweige denn darüber gar nachdenken würden.

Dies wird besonders an deutschen Sprichwörtern schnell klar.
„Jeder ist seines Glückes Schmied“, „Wie man in den Wald hereinruft, so schallt es heraus“, „Wer anderen eine Grube gräbt...“ und so weiter und so fort, wer kennt nicht diese alten Weisheiten, die nichts anderes als ein „westliches“ Verständnis von Karma darstellen.

Dieses bezieht sich aber natürlich auf direkt nachvollziehbare Ursache-Wirkungsverhältnisse, die in einigermaßen überschaubarem zeitlich-räumlichen Zusammenhang stehen.
Schwieriger wird es da bei Vorkommnissen, die von einem „normalen“ Menschenverstand in ihrer ganzen Tragweite nur bedingt, in Hinsicht auf "Ursachen" allerdings nur ungenügend (wenn überhaupt) nachvollzogen werden können.
Beispiele hierfür gibt es zu Hauf, hier nur mal eine sehr kleine Auswahl von Möglichkeiten:

Ein Kleinkind, das Krebs hat (wobei es dann noch mal darauf ankommt, ob dieses in Deutschland oder in Nigeria lebt), ein Kind, das in ärmlichen (oder reichen) Verhältnissen geboren wird, ein Mensch, der scheinbar ohne jeden Grund überfallen oder ermordet wird, einen Unfall erleidet oder im Lotto 90 Millionen Euro gewinnt.

Diese Beispiele werden dann in die Kategorie „Schicksal“, „Zufall“ oder "Politik" eingeordnet.

Für den Buddhisten jedoch gibt es so etwas wie Schicksal, Zufall oder kosmische Fügung nicht. Und auch "Politik" hat nur eine riesige Bandbreite von Ursachen und Wirkungen.

Alles relativ erfahrbare in diesem trügerischen Anschein folgt klaren, bedingt abhängigen Erscheinungen und Abläufen.


Ende Teil I


Uwe


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