DrachenSabber
Keine Psychotherapie, kein Wellness    Teil II

Gerade im Bereich der Esoterik wird der Buddhismus oft als Therapie angesehen. "Werde Buddhist und sei glücklich ..." ist zwar ein ansprechendes Motto, aber ob das mit real praktizierten Buddhismus etwas zu tun hat, das beleuchtet dieser Zweiteiler.

Weitere Motive können Wünsche nach Exotik, Wellness-Übungen, Selbstoptimierung, Psychotherapie oder lichtvollen esoterischen Erfahrungen sein. Oder ein Mix aus allem. Der Sangha (die Gemeinschaft der Praktizierenden) wird dann zuweilen zur psychologischen Encounter Group umgedeutet, die als Publikum der eigenen psychodramatischen Inszenierungen dient. Der Dharma (die buddhistische Lehre) wird zu einem Instrument für die eigenen "psychischen Prozesse", das Erzählen über sich selbst und die eigenen Befindlichkeiten zur "eigentlichen Praxis" erklärt. Werden die eigenen Vorstellungen aber vom Sangha und den Lehrern nicht bestätigt oder werden die Erwartungent entsprechend den eigenen Vorstellungen nicht oder nicht hinreichend erfüllt, dann sind eben als nächstes das "spirituelle Medium" in der Nachbarschaft oder die "schamanische Energiearbeit mit Edelsteinen" die besseren Zufluchtsobjekte --- bis auch sie langweilig geworden sind bzw. die "psychischen Prozesse" im Verbund mit dem "emotionalen Bauchgefühl" aufzeigt, was "für mich gerade irgendwie richtiger anfühlt". Aber immerhin fühlt man sich mit dem Dalai Lama total verbunden. Und der strahlt ja auch so kraftvolle Schwingungen aus und ist sowieso bedeutsamer als die Lehrer, von denen man die tantrischen Ermächtigungen erhalten hat.

Der Dharma wird hierbei zu einem reinen Konsumobjekt herabgewürdigt. Er steht austauschbar neben allem, was der Esoterikmarkt und die Psychoszene hergeben. Er wird nach Bedarf in Einzelteile zerlegt und Stückchenweise vor den Karren des Egos gespannt. Sämtliche Elemente, die den buddhistischen Pfad ausmachen, fehlen. Sämtliche Versprechen, die man in den Ermächtigungen gegeben hat, sind gebrochen.

Die wichtigsten Grundlagen des Pfades bilden Hingabe und eine reine Motivation. Die reine Motivation ist der tiefe Wunsch, sich zum Nutzen aller empfindenden Wesen auf den Pfad zu begeben. Der zeitliche Rahmen ist hierbei klar formuliert: Bis der Zustand der Buddhaschaft erlangt ist, also ggf. auch über viele Existenzen hinweg. Hingabe wiederum ist Hingabe an die Objekte der Zuflucht, nämlich die drei Juwelen Buddha, Dharma und Sangha und im Vajrayana an die drei Wurzeln, nämlich den spirituellen Lehrer, die Meditationsgottheit und die Dakinis. Die eigentliche Praxis besteht dann in der Beachtung und Umsetzung der Samayas, der tantrischen Gelübde oder Versprechen. Auch dies ohne wenn und aber. Es handelt sich um ein System, das uns hilft, über die durch die vier Dämonen veursachte Beschränktheit hinauszugelangen. Das kann aber nur gelingen, indem wir uns vollständig auf den spirituellen Pfad einlassen, ihm ausnahmslos in allen Belangen höchste Priorität einräumen und ihn niemals aufgeben. Der Pfad ist zudem kein nebensächlich betriebenes Hobby neben einem vermeintlich realeren Alltag, sondern der Alltag wird in den Pfad integriert. Auf diese Weise werden die Samayas zu einer scharfen Klinge, die mit großer Präzision unsere Verwirrungen und geistigen Verdunklungen entfernt, so dass unsere innerste wahre Natur freigelegt werden kann.

Es gibt zwei Arten von spirituellen Pfaden: Solche, die zur Befreiung führen, und solche, die uns versklaven. Befreiung liegt jenseits der vier Dämonen, während die Versklavung durch die vier Dämonen und die weltlichen Götter uns vielleicht kurzfristige weltliche Vorteile verschaffen mag, uns jedoch unermesslich lange in Dunkelheit und Leid bindet. Ein authentischer spiritueller Pfad der Befreiung ist im Grunde eine Form der Selbstregulation, die dazu dient, den Praktizierenden zur Verwirklichung des spirituellen Zieles zu führen. Er ist so beschaffen, dass er Selbstsucht und Selbstbezogenheit beendet und die edlen Qualitäten freilegt. Und letztlich führt er sogar über sich selbst hinaus in das Unsagbare, jenseits aller Konzepte. Um ihn aber wirklich beschreiten zu können braucht es Hingabe und reine Motivation. Ohne Hingabe werden wir wankelmütig und tun heute dies, morgen etwas Anderes und übermorgen wieder etwas Neues. Dementsprechend ist die Annahme, eine spirituelle Praxis müsse vorrangig glücklich und zufrieden machen im Grunde falsch, denn die Dämonen in uns, unsere zügellose Selbstbezogenheit, all unsere Gier, unser Hass unsere Unwissenheit und all die anderen wollen nicht gezügelt, gezähmt und reguliert werden. Sie wollen nur zerstören. Tatsächlich ist es so, dass spirituelle Pfade, die auf die Befreiung gerichtet sind, ersteinmal ziemlich unbequeme Tumulte aller Art verursachen. Indem wir eine authentische spirituelle Praxis ausführen, treten wir auf eine Bühne, die uns für spirituelle Kräfte und Entitäten aller Art sichtbar werden lässt. Auch hierbei sind Hingabe und reine Motivation von größter Bedeutung. Die reine Motivation läßt uns das Ziel im Auge behalten, die Hingabe öffnet uns dem Segen der drei Juwelen und der drei Wurzeln und lässt uns durchhalten. Je stärker Motivation und Hingabe sind, desto kraftvoller können wir die Hindernisse, die uns begegnen, überwinden. Motivation, Hingabe und die strikte Beachtung und Verwirklichung der Samayas verleiht uns Stabilität und Sicherheit. Jegliches Wenn und Aber ist nichts, als ein Versuch der Dämonen, ihre Macht über uns zu erhalten und unsere Praxis auszuhöhlen.

An dieser Stelle mag vielleicht die Frage gestellt werden, wieso denn überhaupt im Plural von Pfaden der Befreiung gesprochen wird? Schließlich sei doch der Vajrayana der höchste und beste aller Pfade und der einzige, der wirklich zur Befreiung führe. Ich erachte eine solche Annahme als sektiererisch. Sie ist arrogant und Vajrayana-Praktizierenden unwürdig. Zu den Samayas gehört auch, alle anderen Dharmas nicht herabzusetzen. Und das gilt nicht nur für die beiden anderen Yanas. Es gibt viele verschiedene Pfade, weil es viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Problemen gibt. Für Praktizierende des Vajrayana mag dies möglicherweise für sie der beste Pfad ist. Möglicherweise, denn manch einesr mag sich auch nur in seine Fantasien von Macht und Erhabenheit verstrickt haben. Aber es gilt: Jeder soll auf seine eigene Praxis schauen und die eigenen Samayas beachten. Solange wir keine Verwirklichung erlangt haben, sind wir nicht fähig überhaupt zu erkennen, wo sich die überweltlichen Gottheiten manifestieren, um die Wesen zur Befreiung zu führen. Somit ist unser Urteil nicht mehr, als ein Ausdruck unserer eigenen Verwirrung. Wenn unser Denken, Reden und Tun den Hass und das Leid schürt, dann haben wir uns von unserem Pfad entfernt und wir stehen im Widerspruch zur Lehre. Es sind dann nur wieder die vier Dämonen, die aus uns sprechen. Wir sollten ihnen mit unserer scharfen Waffe aus Hingabe, reiner Motivation, Mitgefühl und reinen Samayas begegnen.


Uhanek


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