DrachenSabber
Keine Psychotherapie, kein Wellness    Teil I

Gerade im Bereich der Esoterik wird der Buddhismus oft als Therapie angesehen. "Werde Buddhist und sei glücklich ..." ist zwar ein ansprechendes Motto, aber ob das mit real praktizierten Buddhismus etwas zu tun hat, das beleuchtet dieser Zweiteiler.

Wir leben in einem dunklen Zeitalter, das nach buddhistischer Auffassung regiert wird von Dämonen. Es ist ein Zeitalter, in dem die Dämonen immer größere Macht erlangen und die Welt verführen und vergiften. Zu den höchsten Dämonen gehören der Dämon der Aggregate, der Dämon der zerstörerischen Emotionen, der Herr des Todes und der Sohn der Götter.

Der Dämon der Aggregate lässt uns glauben, wir seien getrennt von der uns umgebenden Welt; ein in sich geschlossenes Ich, das der Welt gegenüber steht, sich gegen sie verteidigen muss und von ihr nach Gutdünken Gebrauch machen kann. Er blendet uns mit den Erscheinungen, den Oberflächen der Dinge. Wir nehmen die Welt als Ansammlung von Oberflächen wahr, die wir für wirklich halten - sie sind ja schließlich das, was wir sehen und berühren oder auch fühlen können. Er lässt uns an die eigenständige Existenz der weltlichen Phänomene glauben und erfüllt uns mit Gier und dem Wunsch nach Dauer. Unter seinem Einfluss halten wir unsere mentalen und emotionalen Zustände für eigenständige Kräfte. Er lässt uns uns an Formen, Wahrnehmungen und geistige Zuständen als etwas vermeintlich Realem haften. Dem Dämon der Aggregate gesellt sich ein weitere teuflischer Fürst bei: Der Dämon der zerstörerischen Emotionen. Er erfüllt uns mit der Furcht, Gier, Neid, Zorn und Unwissenheit. Er ist unser süchtiges Haften an Gewohnheiten und zerstörerischen Emotionen. Als weiterer Dämon ist der Herr des Todes jene Kraft, die unsere kostbare Existens abschneidet und uns mit tiefer Furcht vor Veränderung, Vergänglichkeit und Tod erfüllt. Der Sohn der Götter schließlich erfüllt uns mit Sehnsucht nach Lust und Freude, nach Bequemlichkeit und dem, was wir jeweils für "Frieden" und "Freiheit" halten.

Tagtäglich sind wir so von der Vorstellung erfüllt, ein einzigartiges Selbst zu sein, das getrennt vor einer Welt steht, derer es sich bedienen kann. In dieser Welt will das Selbst glücklich sein. Glück aber bedeutet ihm im Wesentlichen, etwas zu besitzen. Wenn ich nur dieses Auto hätte, dann wäre ich glücklicher. Wenn ich diese teuren Schuhe hätte, dann ginge es mir besser. Sex oder eine Beziehung mit dieser oder jener Person, damit wäre ich glücklich... So hangelt sich dieses Selbst von einem Wunsch zum nächsten, richtet sein Dasein danach aus und wähnt sich in einem riesigen Supermarkt, der dazu dient, die jeweiligen Wünsche und Gelüste zu befriedigen. Es ist eine Art Drogensucht: Erst kommt der kurzzeitige Kick, dann wird es schal und dann kommt der treibende Wunsch nach dem nächsten Kick. Ad infinitum.

Doch es bleibt nicht allein bei dieser äußeren Gier. Spirituelle Lehren und Religionen werden in gleicher Weise korrumpiert, verdreht und in den Dienst eines Selbst gestellt. Sie erfüllen dann die Aufgabe, ein solches Selbst zu schmücken, ihm vielleicht eine Besonderheit zu verleihen, als politisches Machtinstrument zu dienen oder vielleicht auch als ein Mittel, um zu Reichtum zu gelangen.

Diese Entwicklung lässt sich in allen Religionen und spirituellen Systemen beobachten. Dabei bildet auch der Buddhismus keine Ausnahme. Seine Lehren werden nur allzu oft aus ihrem Zusammenhang gerissen. Versatzstücke werden benutzt, um individuellen, meist ganz weltlichen angepasst und eingefügt zu werden. Speziell der Vajrayana ist oft attraktiv für Menschen, die fasziniert sind von esoterischen und okkultistischen Lehren. Seine Praktiken, so scheint es, sind magisch und gewähren die Entfaltung von Zauberkräften. Zauberkräfte bedeuten Macht. Und das Versprechen der Macht ist, was manche Menschen an diesen Lehren fasziniert.

Vor ungefähr siebzehn Jahren nahm ich an den Belehrungen eines großen Meisters des Vajrayana teil. Dabei erlebte ich eine interessante Szene. Eine ältere Frau aus Hamburg war mit einer anderen Frau aneinander geraten. Wütend erzählte sie ihrer Tochter, was geschehen war. Dabei rief sie aus, die andere wisse wohl nicht, was sie bereits für Ermächtigungen erhalten habe; die andere solle sich nur vorsehen, sonst ginge es ihr schlecht.

In einer in Berlin ansässigen okkultistischen Gruppierung wiederum wird erklärt, welche buddhistischen Meditationsgottheiten man benutzen solle, um Liebeszauber zu praktizieren, ungewollte Personen fortzustoßen oder Flüche zu verüben. Und ein anderer Okkultist, der, nachdem er über viele Jahre hinweg mit der Selbstdarstellung als Schamane und Magier seinen Lebensunterhalt bestritten hatte, entdeckte schließlich den Vajrayana für sich, erklärte sich zum (natürlich mit Wunderkräften ausgestatteten) Lama und erläuterte seinen Gefolgsleuten interessante Neuinterpretationen von Vajrayana-Lehren. Die waren zwar dabei komplett entstellt oder verloren ihren tatsächlichen Sinn, entsprachen dafür aber den okkultistischen Ansichten dieses "Meisters" und seiner Schüler. Der Vajrayana wird hierbei als höchster Pfad der magischen Macht gesehen. Mahayana und mehr noch Hinayana werden als Minderwertig erachtet.

Wir erinnern uns, der Buddhismus umfasst drei Yanas oder Fahrzeuge: Den Hinayana, der die eigene Leidbefreiung und die Entsagung betont; den Mahayana, der die Entwicklung von Intelligenz und Mitgefühl, sowie das Wohl aller empfindenden Wesen betont; den Vajrayana schließlich, der die Selbstransformation und Nicht-Dualität ins Zentrum seiner Praxis rückt. Es sei an dieser Stelle klar gestellt, dass der Vajrayana den Hinayana und den Mahayana beinhaltet. Er baut darauf auf und ist untrennber damit verbunden. Den Vajrayana von den beiden anderen Yanas abzuspalten ist ein schwerwiegender Bruch der Samayas. Und er ist vollkommen absurd, denn der Vajrayana verliert mit den beiden anderen Yanas das Fundament, auf dem er steht und durch das er überhaupt Sinn und Bedeutung erhält.

Ende Teil I


Uhanek


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