DrachenSabber
Ich-Sucht und -anhaftung    Teil II

Uwe, ein neuer GastAutor hat uns seinen Blick auf das "Ich" gespendet. Gerade für Nicht-Buddhisten (aber auch für Praktizierende) finden sich darin etliche Sichtweisen, die bestens dazu geeignet sind einige eigene Interpreatationen noch einmal zu überdenken.

Ich – Bloß relativ

Wollen wir dieses Ich einmal ein wenig "auseinandernehmen".
Auf der einfachsten Ebene kann man dieses Ich auch das "bloße Ich“ nennen. Dieses bloße Ich wird benötigt, um zu agieren, zu kommunizieren, um überhaupt etwas zu tun. Ziel einer Meditation auf das "Ich" könnte es nun sein, dieses „bloße Ich“ klar definiert hervortreten zu lassen. Allerdings ohne seine "neurotischen" Komponenten.
Es folgt nun ein zugegebenermaßen unzulängliches Beispiel für dieses bloße ich und seine neurotischen Anteile:

Das bloße Ich könnte man mit dem eigenen Gesicht vergleichen. Dieses ist zusammengesetzt aus verschiedenen voneinander abhängigen Teilen wie Haut, Mund, Augen, Nase, Ohren. Mit diesem Gesicht kann man die Welt wahrnehmen.
Dieses Gesicht, das "bloße Ich", ist so gesehen tatsächlich nicht das Problem, um das es aus buddhistischer Sicht geht. Denn um in dieser relativen Welt überhaupt zu existieren und zu agieren braucht es ein Gesicht, braucht es dieses bloße Ich. Solange das Gesicht nicht in einen Spiegel schaut ist alles okay.

Doch sobald dies geschieht, ist es vorbei mit dem „Nur-Gesicht“. Dann kommt es zu: „Oh. Das ist mein Gesicht“, die erste Stufe der Verwirrung. Sie verfestigt sich mit „Was für ein schönes/hässliches Gesicht“. Wird endgültig steif mit „Mein schönes/hässliches Gesicht“. Neurotisch wird es mit „Ich sollte mit meinem schönen Gesicht Fotomodell werden/zum Chirurgen gehen“. Wahnhaft mit „Mein schönes/hässliches Gesicht ist schöner/hässlicher als das von anderen“. Völlig verwirrt durch „Warum sehen die anderen nicht mein schönes/hässliches Gesicht“.
Doch genauso wie ein Gesicht nur eine bedingt abhängiges Zusammenkommen von Haut, Mund, Augen, Nase, Ohren ist und beileibe nicht dauerhaft, unabhängig oder gar aus sich selbst existierend ist auch dieses „bloße Ich“ nicht mehr als etwas Zusammengesetztes.

Statt von Haut, Mund, Augen, Nase und Ohren beim Gesicht sprechen wir im Zusammenhang mit dem "bloßen Ich" von Form, Gefühl, Unterscheidung, Gewohnheitsmustern (auch karmischen Wirkkräften) und Bewusstsein. Diese fünf Komponenten führen zum Erleben eines eigenständig, unabhängig, dauerhaft erlebten "Ich", "Selbst", "Person".
Und können gut betrachtet werden als ebenfalls bedingt-abhängige Komponenten ohne jede Eigennatur.


Absolut kein Ich

Dieses „Ich“, das wir alle erfahren, ist etwas bedingt-abhängig Existentes. Da ist zum einen „Form“, die materielle Erscheinung, die sich als Körper manifestiert. Dieser Körper wäre ein schnell verwesender Leichnam, wären da nicht vier geistige Komponenten. Zum einen „Gefühl“, dann „Unterscheidung“, dazu kommt ein riesiger Komplex an „Gewohnheitsmustern, Erinnerungen und Fähigkeiten“, die allesamt in „Bewusstsein“ stattfindet.
(Dazu sei angemerkt, dass es sich bei dieser „Vierteilung“ um eine grobe, konzeptuelle Beschreibung des Phänomens „Geist“ handelt. Diese aber hilft, das Konstrukt „Ich“ besser einzugrenzen und zu verstehen).

Aus diesen fünf Faktoren wird, wie im Folgenden beschrieben, in Unkenntnis der Wirklichkeit schließlich mehr „gemacht“ als tatsächlich vorhanden ist. Aus einem sich ständig ändernden Konglomerat wechselseitig abhängiger Faktoren wird etwas Solides, Dauerhaftes, Selbstständiges. Der Irrtum nimmt seinen fatalen Lauf.
Genau damit haben die nicht erleuchteten Wesen, also wir, zu kämpfen. Darunter leiden wir.


Ich - Absolut gesehen: Nein

Denn was die „absolute Wahrheit“ betrifft, so ist dieses Ich aus buddhistischer Sicht nirgendwo zu finden. Wo auch?
Das Ich, wie es wahrgenommen wird, ist nur ein zusammengesetztes, von seinen einzelnen Komponenten abhängig existierendes Phänomen. Um diese Komponenten noch einmal zu benennen:

1. Der Körper als materielle Form.
2. Gefühle - angenehm, unangenehm, neutral.
3. Unterscheidung – Benennung oder Etikettierung.
4. Impulse aus vergangenen Handlungen und Gewohnheitsmustern.
5. Bewusstsein – Die fünf Sinnesbewusstseine sowie das Geistbewusstsein.

Betrachtet man diese fünf Faktoren und untersucht ihre Erscheinungsweise, erkennt man über kurz oder lang, dass sie ebenfalls in sich wieder nur zusammengesetzte Phänomene sind.

Beispielsweise die fünf Sinnesbewusstseine sind ohne ihre dazugehörenden Sinnesorgane und die entsprechenden Sinnesobjekte, auf die sie sich beziehen (z. B. Form, Auge, wahrgenommene Form) nicht erfahrbar. Wenn diese dann zusammen kommen, sind es nur vorübergehende Erfahrungen, die letztlich keine wirkliche Existenz haben (so wie der Klang, der vom Ohr wahrgenommen und im Bewusstsein erfahren wird im nächsten Moment schon wieder verklungen ist).
Die Impulse aus vergangenen Handlungen und Gewohnheitsmustern sind ebenfalls etwas abhängig Entstandenes und von flüchtiger Natur.

Auch der Faktor „Unterscheidung“ ist nichts, dass von dauerhafter oder unabhängiger Natur wäre sondern abhängig von den Erscheinungen, die unterschieden werden.

Gefühle sind, wie jeder bestätigen wird, besonders flüchtig zu erleben, können nirgends wirklich „verortet“ werden.

Und was diesen Körper betrifft - 100 Billionen Körperzellen, die ständig absterben und neu entstehen, sich formieren, verändern und in Bewegung sind, die für sich nur zusammengesetzte Proteine und Moleküle sind, die in sich auch nur aus Atomen und Wellen bestehen - was soll daran „solide“ sein?

Betrachten wir diese fünf Faktoren einmal mit einer gewissen Distanz, so erkennen wir, dass diese sich in einem ständigen Wandel befinden, nie still stehen geschweige denn unsterblich sind. Das trifft nicht nur auf die materielle Komponente zu, wo dies, wenn es um Tod und Sterben geht, besonders auffällig ist.
Gefühle, Gedanken, Emotionen sind wesentlich schneller noch der Vergänglichkeit und Unbeständigkeit unterworfen und aus absoluter Sicht tatsächlich nicht vorzufinden. Nur relativ, in Bezug auf eine Vielzahl anderer Komponenten. Wie könnte aber etwas, das absolut gesehen nicht existiert, etwas hervorbringen, dass ein absolutes „Ich“, ein „höheres Selbst“ oder irgendeine andere Entität sein könnte?
Und dennoch halten wir fest an der Überzeugung „Ich bin“. Ein Missverständnis, das seid anfangsloser Zeit vorliegt.
Dieses Missverständnis ist ein hartnäckiger, absurder Selbstläufer. Dieses sorgt dafür, dass sich „Ich“ in seiner Selbsttäuschung für tatsächlich existent hält. Genau diese Selbsttäuschung zu überwinden gilt es. Eigentlich ein unmögliches Unterfangen.
Dass es, zumindest für Menschen mit entsprechendem Potential, dennoch möglich ist, sich aus diesem Missverständnis zu befreien, darin liegt das Verdienst des Buddha. Er hat dieses Missverständnis aufgedeckt und einen Weg gezeigt, wie es überwunden werden kann.


Ende Teil II


Uwe Spille


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