DrachenSabber
Ich-Sucht und -anhaftung    Teil I

Uwe, ein neuer GastAutor hat uns seinen Blick auf das "Ich" gespendet. Gerade für Nicht-Buddhisten (aber auch für Praktizierende) finden sich darin etliche Sichtweisen, die bestens dazu geeignet sind einige eigene Interpreatationen noch einmal zu überdenken.

Eine starke Gewohnheit erkennen und überwinden lernen ...

Häufig wird das Thema „Überwindung der Ich-Anhaftung“ nicht nur von Beginnern auf dem Weg des Buddha-Dharma missverstanden. Manche glauben, es ginge darum, dieses „Ich“ abzuschaffen. Doch das ist eine nicht stimmige Interpretation. Zuallererst geht es doch um die Frage, was eigentlich dieses tatsächlich von jedem „normalen“ Menschen erfahrene „Ich“ wirklich ist. Wie tritt es in Erscheinung? Wo ist es zu finden? Und wie erfahre „Ich“ denn dieses „Ich“?
So stellen sich also viele Fragen – die mit Hilfe der buddhistische Sicht untersucht und analysiert werden können.
Dabei stellt man ganz eindeutig fest, worauf ein „Ich“, ein „Selbst, eine „Person“ gründet.

Auf nichts weiter als einer falschen Annahme. Die schließlich durch Meditation korrigiert werden kann.
Doch zuerst geht es darum: Was ist denn dieses erfahrene „Ich“?


„Ich“ - Relativ gesehen: Ja

Kein Gelehrter der buddhistischen Sichtweise streitet die Existenz eines relativen, in Bezug auf einzelne abhängig-erscheinende Komponenten zu betrachtendes „Ich“ oder „Selbst“ ab. Ganz im Gegenteil. Diese „Ich“ existiert ganz offensichtlich. Denn dieses Ich erfährt all diese unterschiedlichen Dinge wie Gedanken, Gefühle, Emotionen und Phänomene. Dieses Ich strebt nach angenehmen Erfahrungen, versucht, unangenehme zu vermeiden und blendet Uninteressantes aus.
Dieses Ich ist die Grundlage für alles dualistische Erfahren. Dieses Ich erfährt vor allem einen ständigen Prozess der Mühe, der Anstrengung, der Bestrebung der Verbesserung seiner Umständen, immerzu auf der Suche nach „Glück“.
Was letztlich leidhaft erfahren wird, da die bedingt-abhängigen Umstände sich zwangsläufig wieder verändern.
Dieses „Ich“ sich selbst aber als etwas Unabhängiges, Selbstständiges, Dauerhaftes erfährt.
Worin letztlich die ganze Krux der Sache liegt.

Wem dieser dem „Ich“ inneliegende Mechanismus auch nur annähernd klar geworden ist, der beginnt sich zu fragen:

„Wie kommt es dazu, dass „Ich“ so überzeugt von „Mir“ bin und alle Erfahrung einteile in „angenehm, unangenehm, neutral, vorteilhaft, unvorteilhaft, uninteressant, nützlich, schädlich, egal“?
Die buddhistische Sicht hat hierfür effektive Sichtweisen und Methoden entwickelt, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und der Sache auf den Grund zu gehen. Tatsächlich, um dies vorwegzunehemn, ist die letztliche „Antwort“ auf die Frage nach dem „Ich“ oder „Selbst“ schockierend.
Denn da ist nichts vorzufinden, was man als wahrhaft existentes Ich oder Selbst definieren könnte. Viel mehr unterliegen wir einer furchtbaren Täuschung, einer Illusion, die uns vorführt, uns glauben macht, da gebe es etwas zu beschützen oder zu bewahren.

Das Problem ist: Die Gewohnheit, an diesem Ich festzuhalten ist so extrem stark, dass wir aus eigener Kraft nicht fähig sind, diese zu überwinden.
Wer schon einmal den Entzug von Nikotin, Alkohol oder einer anderen „Sucht“ erlebt hat, kennt das Problem. Nicht die Substanz an sich ist von Übel. Es ist die Gewohnheit, daran anzuhaften. Was die Überwindung von Nikotin und Alkohol betrifft sind diese im Vergleich zu unserer „Ich-Anhaftung“ einem gemütlichen Spaziergang an einem schönen Sommertag ähnlich. Zweites gleicht eher dem Besteigen des Everest - Schneesturm, Steinschlag und Orientierungslosigkeit inklusive.

Nun gut. Spazierengehen ist ja schon ein Anfang. Und mit dem entsprechenden Wissen und Hilfsmitteln ist auch das Bezwingen eines Berges möglich. Zwar schwierig, aber möglich. Aber warum sollte man sich überhaupt die Mühe machen, ein solch schwieriges Unterfangen anzugehen?
Weil am Ende die vollständige Befreiung steht. Die Befreiung von einer furchtbaren Gewohnheit, die zum einen „Mir“ schon so viel Schaden und Leiden zugefügt hat, zum anderen auch so vielen anderen. Aber diese Entscheidung, sich auf den Weg zu machen, liegt bei jedem selbst. Wenn man sich entscheidet, hat man jedenfalls für diese Extremkletterei das beste Material, die besten Karten und die besten Führer zur Seite. Den Buddha-Dharma.


Das bloße Ich – Kein Problem

„Ich bin“, so ist das vorrangige Gefühl, dass wir normalerweise haben. Nur im Tiefschlaf, in Bewusstlosigkeit und einigen besonderen Zuständen (Niesen, Orgasmus etc.) oder in den Versenkungen der Meditation ist diese Gewohnheit nicht in einem solch starken "Bereitschaftsmodus".
Worauf gründet aber dieses Gefühl „Ich“, dass sich so hartnäckig hält? Dass immer und überall mitmischt und einem die Suppe anrührt, die man gemeinhin buddhistisch als „Samsara“ bezeichnet? Und wo soll man dieses „Ich“ letztlich suchen, um es als das zu erkennen was es ist - eine Illusion?

Zu Beginn dieser Untersuchung muss man sich über eines klar sein. Solange man nicht wirklich weiß, wonach man suchen soll wird man das Gesuchte auch nicht finden. Es verhält sich dabei wie mit der Aufforderung, man solle ein „Ding“ suchen. Ohne genaue Definition des "Dings".So ähnlich verhält es sich mit dem „Ich“.
Die Begrifflichkeit „Ich“ allein ist zu wage, zu unscharf, als dass uns dieses helfen kann, das „Ich“ genau zu suchen. Selbst wenn sich ein tatsächliches, dauerhaftes und unabhängiges "Ich" im Endeffekt nicht finden lässt. Denn genau darum geht es.
Wir sind im buddhistischen Kontext dazu aufgefordert, dieses „Ich“ so präzise wie möglich zu formulieren, ihm Gestalt und Inhalt zu geben. Und zwar durch genaue Untersuchung, analytisch als auch meditativ.
Um über diesen Weg, zumindest in einem ersten Aufblitzen herauszufinden, dass es sich beim „gefundenen“ Ich um eine reine Zuschreibung handelt, die bar jeder Realität ist. Und über beharrliches Weiteruntersuchen diese erste Erkenntnis in eine Gewissheit zu überführen.
Eine bloße Theorie in Form von „Das Ich ist nur Illusion“, die ohne wirkliche eigene Reflexion papageienhaft daher geplappert wird, nützt nichts. Führt schlimmstenfalls nur in eine intellektuelle Sackgasse ohne befreiende Erkenntnis. Führt dazu, dass man in die grausame, nur konzeptuell ausgedachte Fallgrube „Leerheit“ stolpert, aus der kaum mehr ein Entkommen ist. In der die spitzen Pfähle von Arroganz, Stolz und Ignoranz darauf warten, einen aufzuspießen und nicht mehr frei zu lassen.

Ende Teil I


Uwe Spille


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