DrachenSabber
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen   Teil III

Warum ich ein Buddhist sei, wurde ich im Lauf der Zeit einige Male gefragt. Was mich dazu bewegt habe, Buddhist zu werden, oder was denn am Buddhismus besser sei, verglichen mit den anderen Religionen, insbesondere dem Christentum?

Buddha Shakyamuni wurde fünf Jahrhunderte vor Jesus geboren. Für die Ursprünge des Mahayana und des Vajrayana lässt sich kein genauer Ausgangspunkt angeben, von größter Bedeutung für seine Entwicklung und Verbreitung ist aber der Kusana Kaiser Kanishka und das von ihm im Jahr 120 n.Chr. einberufene vierte buddhistische Konzil in Gandhara. Der Nordwesten Indiens war zu dieser Zeit ein multikultureller Schmelztigel, in dem viele gnostische Züge in den Buddhismus eindrangen. Von großem Interesse sind in diesem Zusammenhang die sogenannten Kanishka-Münzen. Auf ihnen ist der Buddha abgebildet, an sich bereits ein Unding aus der Sicht der Theravadins. Auf ihnen jedoch überreicht der Buddha Kanishka das Königtum und dieser wiederum betet den Buddha vor einem Feueraltar an. Ebenso tauchen auf diesen Münzen immer wieder Shiva und Symbole des Zoroastrismus auf, wobei auch hier der König durch die Gottheiten in seinem Königtum bestätigt wird. Auch der Feueraltar scheint auf den Zoroastrismus zu verweisen, da solche Altäre außerhalb des tantrischen Buddhismus nicht Teil des buddhistischen Kultes sind.

Kanishka herrschte über ein multireligiöses Reich und die Münzen spiegeln den regen Austausch und auch eine synkretistische Einverleibung wider. Davon aber abgesehen verweisen sie auch auf einen tiefgreifenden Wandel im Verständnis von Königtum und Buddhaschaft, wie im Verständnis der Natur eines Bodhisattvas. Es ist hier nicht mehr ein von unten aufstrebender Bodhisattva, der sich auf dem Erleuchtungsweg befindet, jedoch noch nicht erleuchtet ist, sondern ein aus dem Absoluten herabkommender erleuchteter Bodhisattva, der den Wesen hilft. Und dieser Bodhisattva wird mit dem Königtum gleichgesetzt, was bis heute in den Initiationen und Ritualen des tantrischen Buddhismus von großer Bedeutung ist.

Der Mahayana lehrt, dass das Nichtwissen bzw. die Ignoranz (skt. avidya, gr. agnosia) die Wurzel allen Übels ist. Wir sind gefangen in unseren Illusionen und damit verbundenen Gewohnheiten des Denkens, Fühlens und Handelns, die unablässig in leidhafte Erfahrungen führen. Die Befreiung oder Erlösung aus dem Kreislauf des Leidens und der Illusionen geschieht durch die höhere Erkenntnis (skt. jnana, gr. gnosis), die auf die Erkenntnis des Absoluten der Leerheit und auf das Wohl aller empfindenden Wesen gerichtet ist. Von diesem Absoluten sind die Wesen durch leidvolles Nichtwissen getrennt und aus diesem Absoluten emanieren überweltliche Weisheitsgottheiten als energetische Manifestationen freudvoller Visionen oder als magische Erscheinungskörper, die materiell zu sein scheinen, es jedoch nicht sind, in das Gefüge unserer Welt, um den Wesen auf dem Weg ihrer Befreiung zu helfen. Dies sind Vorstellungen, die uns auch aus der Gnosis und der neuplatonischen Philosophie wohlbekannt sind. Dass die Wörter Gnosis und Jnana sich aus der gleichen indogermanischen Wurzel herleiten, sei hierbei nur am Rande erwähnt.

"Mahayana" bedeutet "Großes Fahrzeug". Als groß gilt es deshalb, weil es das Augenmerk nicht allein auf die eigene Befreiung aus dem großen Kreislauf der leidhaften Illusion richtet, sondern das Wohl aller empfindenden Wesen anstrebt, denn die Wesen eint, dass sie ihrer innersten Geistesnatur nach eine Verkörperung ein und derselben höchsten Wahrheit und Wirklichkeit sind. Die Lehren des Mahayana beschäftigen sich damit, das Edle der eigenen innersten Natur zum Nutzen aller Wesen freizulegen. Über das Erblühen dieser inneren Wahrheit aus einer reinen Motivation heraus wird Karma gereinigt und spirituelles Verdienst angesammelt, oder anders ausgedrückt: Die tief eingeprägten gewohnheitsmäßigen Muster der Selbstsucht und Ichbezogenheit werden nach und nach transzendiert und aufgelöst, während die guten, heilsamen Qualitäten zu einer immer stärkeren Antriebskraft werden. Gleichzeitig hat die Schulung und Entwicklung der Intelligenz einen hohen Stellenwert als ein geschärftes Werkzeug in den Händen der höheren Weisheit, das dazu befähigt, die Schleier der Illusion zu durchschneiden.

Im Westen indes wurde die Zeit der athenischen Akademie zwischen 100 v.Chr. und 200 n.Chr. als Mittelplatonismus bezeichnet. Es wurden hauptsächlich die Schriften Platos erörtert und kommentiert und man versuchte, andere philosophische Richtungen, vor allem Aristoteles und die Stoa, einzubeziehen, um zu einem einheitlichen und umfassenden Gedankengebäude zu gelangen. Im Mittelpunkt standen dabei die Theologie und Kosmologie, d.h. Betrachtungen über das Göttliche und Theorien über Ursache und Ursprung des Universums. Im Neuplatonismus verstärkte sich diese Tendenz zu einer stärkeren Beachtung religiöser Themen, gefördert noch durch eine Auseinandersetzung mit dem aufstrebenden Christentum, dem Manichäismus und verschiedenen gnostischen Strömungen. Dies führte zu einem vertieften Eindringen in die Grundlagen religiöser Vorstellungen und erstmals wurden auch mystische Erfahrungen beschrieben. Und einige Philosophen wandten sich auch der Theurgie zu und befassten sich mit Wahrsagerei, Magie, Orakelbefragungen und Zauberei, wodurch der Neuplatonismus teilweise in Verruf geriet: Theurgie, so scheint es, geziemt sich nicht für einen Philosophen.

"Philosophie" erscheint hierbei als Disziplin intellektueller Schulung, die sich deutlich vom Mystischen, Magischen und Religiösen unterscheiden soll. Sie wird dadurch auch von dem als Religion verstandenen Buddhismus unterschieden, der zwar auch philosophisch ist, vorrangig jedoch als religiös verstanden wird und von der reinen Philosophie Europas unterschieden werden muss.

Aber entspricht ein solches Philosophie-Konzept wirklich dem, was in der Antike unter Philosophie verstanden wurde?

Tatsächlich haben die antike helenistische und die moderne europäische Philosophie außer dem Namen nichts gemeinsam. Aus diesem Grund stellt etwa Christos C. Evangeliou (in: The Helenic Philosophy. Binghamton 1997) die unkritische Behauptung, helenistische Philosophie sei "der Ursprung" westlicher oder europäischer "Philosophie", grundsätzlich in Frage und argumentiert statt dessen, dass die sokratische Tradition, zu der auch Plato und Aristoteles gehören, sehr viel mehr Gemeinsamkeiten mit der ägyptischen Weisheit und den "entlegenen Philosophien Indiens und Chinas" aufweise.

In den spirituellen Traditionen der Orphiko-Pythagoreer und des Platonismus wurde die Philosophie als ein Mittel praktiziert, mit dessen Hilfe es möglich war, aus der Wiedergeburt zu entfliehen, indem sie eine Loslösung von jenem "barbarischen Schmutz" (pelon) bewirkte, unter dem die Augen der Seele begraben liegen, woraufhin man zu seinem Ursprungsstern, dem Ort jenseits der Himmel, zurückkehren kann. So bezeichnet der Begriff "Philosophie" ein Mittel zur Befreiung; einen Siegeswagen, mit dessen Hilfe man in andere Welten reisen kann; eine machtvolle Methode, die erst von den Göttern gestohlen und darauf korrumpiert und auf den Kopf gestellt wurde; eine kunstvolle List; auch ein Mittel, um unteilbare Dinge zu erlangen und zu erleben, d.h. ein "anderes Leben" zu leben, in dem das Selbst verschmolzen ist mit Dionysos, der gleichermaßen ein Gott der Tragödien und Komödien ist. Philosophie in diesem Sinn ist eine Methode, die zu einer Vermittlung zwischen der transzendenten göttlichen Weisheit und unserer menschlichen Existenz führt.

Philosophie ähnelt dem dynamischen Austausch zwischen Proteus, Eidothea und Menelaus, wie er von Proclus geschildert wird. Proteus ist der himmlische Intellekt (nous) in den Ketten (seira) Poseidons, der "in sich selbst die Formen aller Dinge der Welt enthält". Proteus erklärt Menelaus, dass er nicht sterben wird, sondern statt dessen von den Göttern in das Elysium erhoben wird, die letztendliche Belohnung der menschlichen Helden und zweifellos auch der Philosophen.

Gemäß Proclus fungiert Eidothea, die durch Proteus die Formen kontempliert, als Vermittlerin zwischen der bruchstückhaften verkörperten Seele des Menelaus und dem himmlischen nous (vgl. Lamberton, Robert: Homer the Theologian. Neoplatonist Allegorical Reading and the Growth of the Epic Tradition. Berkeley 1986). Als eine daimonische Seele hat sie Anteil an Menelaus unvollkommenem Wahrnehmungsmodus, doch als Seele der höchsten Ordnung, gleich dem himmlischen nous, ist sie fähig, die ganze Identität des Proteus vollständig zu erfassen, das allumfassende Pleroma der Formen.

Wird Proteus wahrgenommen von einer abgespaltenen, bruchstückhaften Seele, die in der Zeit versunken und unfähig ist, all die Formen in ihrer Gleichzeitigkeit wahrzunehmen, so erscheint es, als wandere er von einer Form zur nächsten, wo er doch tatsächlich alle Formen und Gestalten gleichzeitig umfasst. Daher besteht Eidotheas Anweisung in der Schilderung einer Methode, wie man sein Bewusstsein vom Zustand der unablässig sich wandelnden fragmentarischen Bilder hin zur wahren proteischen Identität auf einer noetischen Ebene des Seins transformiert, d.h. eine vielgestaltige Identität auf einer Daseinesebene erlangt, die fähig ist, alles erkennend zu umfassen. Die verwirrende Pluralität der Welt der Phänomene wird somit überführt in die erkennende und verstehende Einheit oder eine göttliche Ganzheit, wie wenn Odysseus durch die großen Wanderungen des Lebens zurückgeleitet wird in den Hafen der Seele.

Nur ein Leben des Intellektes besitzt Stabilität. Das ist das philosophische Leben, das den Pfad zur eigenen noetischen Essenz darstellt, verwirklicht durch das Eingreifen der göttlichen Gnade, etwa in Form von Hermes Geschenk (dosis), das Odysseus Verständnis von den Ketten der poseidonischen Imagination befreit. Folgt man diesem Muster des homerischen Odysseus, so bedeutet Philosophie ganz allgemein ein Werk des Übergangs, in dessen Verlauf die ureigene Existenz transformiert wird. In diesem Sinne als "viel fahrend" und "überaus listig" bezeichnet, segelt Odysseus in den "wunderschönen Westen" aus der Dunkelheit in das erkennende und verstehende Licht. So ist das griechische Wort noos (Geist, Verstand) verwandt mit dem Verb neomai (heimkehren), was eine Rückkehr aus dem Tod bedeutet, eine Befreiung aus der süßen Gefangenschaft in Kalypsos Armen – das Verb kalupto (verbergen, verschleiern) ist gleichermaßen mit Dunkelheit und Tod assoziiert.


Uhanek


Ihr Kinderlein kommet! Oder warum gut sein allein nicht ausreicht - Teil II 16.09.2017
Ihr Kinderlein kommet! Oder warum gut sein allein nicht ausreicht - Teil I 02.09.2017
Lehrer - Meister - Gurus - Teil II 29.07.2017
Lehrer - Meister - Gurus - Teil I 22.07.2017
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil III 07.01.2017
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil II 17.12.2016
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil I 26.11.2016
Keine Psychotherapie, kein Wellness - Teil II 29.10.2016
Keine Psychotherapie, kein Wellness - Teil I 22.10.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil III 18.06.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil II 05.06.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil I 28.05.2016
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen - Teil III 06.02.2016
Geistestraining – Dharma im Alltag 19.09.2015
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen! - Teil II 22.08.2015
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen! - Teil I 21.04.2015
Die rechte Weise des Hörens und Studierens 20.12.2014
Zeichen für die Gegenwart und das Wirken der Nagas - Teil II 06.09.2014
Zeichen für die Gegenwart und das Wirken der Nagas - Teil I 16.08.2014
Über die Wichtigkeit der Motivation 03.05.2014
Der Tanz der Dakinis - Teil III 18.01.2014
Der Tanz der Dakinis - Teil II 09.11.2013
Der Tanz der Dakinis - Teil I 19.10.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil III 20.07.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil II 22.06.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil I 04.05.2013
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil IV 09.03.2013
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil III 01.12.2012
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil II 01.09.2012
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil I 21.07.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil III 14.04.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil II 17.03.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil I 25.02.2012
Herrin der drei Welten 20.11.2011
Karma - Gedanken zu einem missverstandenen Begriff - Teil II 05.11.2011
Karma - Gedanken zu einem missverstandenen Begriff - Teil I 22.10.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl… - Teil V 02.07.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl… - Teil IV 19.02.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil III 20.11.2010
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil II 28.08.2010
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil I 15.05.2010
Der spirituelle Freund - Teil III 13.02.2010
Der spirituelle Freund - Teil II 14.11.2009
Der spirituelle Freund - Teil I 08.08.2009
Zufluchtnahme und Initiation im tantrischen Buddhismus 17.05.2009
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil V 25.10.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil IV 04.10.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil III 20.09.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil II 06.09.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil I 23.08.2008





               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017