DrachenSabber
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen!   Teil II

Warum ich ein Buddhist sei, wurde ich im Lauf der Zeit einige Male gefragt. Was mich dazu bewegt habe, Buddhist zu werden, oder was denn am Buddhismus besser sei, verglichen mit den anderen Religionen, insbesondere dem Christentum?

In einem "buddhistischen Diskussionsforum" las ich auf Facebook kürzlich wieder einmal eine Diskussion um den Einwand, dass Buddhismus angeblich einer "ganz anderen Tradition" angehöre, die ja gar nichts mit unserem "Kulturkreis" zu tun habe. Auf die ein oder andere Weise wird in derlei Gesprächen stets aufs Neue ein Erstaunen darüber zum Ausdruck gebracht, wie man sich als Europäer mit einem so vollkommen fremden Kulturphänomen abgeben könne.


Das Eigene und das Andere

Ein grundlegendes Problem mögen hierbei sicherlich die Konzepte vom "Eigenen" und vom angeblich so furchtbar fremden "Anderen" sein, noch dazu in Kombination mit dem simplifizierenden, um nicht zu sagen primitiv-eurozentrischen "Kulturkreis"-Konzept. Was aber soll das sein, der „Kulturkreis“, auf den sich Menschen immer dann gerne berufen, wenn sie auf die Unverständlichkeit und Gefahr des „Anderen“ verweisen wollen? Der einzige „Kulturkreis“, den die meisten Menschen kennen, ist zunächst einmal lediglich das, was sie als ihre alltägliche Realität erleben. Und die Kultur der Homo Consumicus beschränkt sich doch zu weiten Teilen auf das, was ihm von der unmittelbaren Umgebung vorgelebt und von MTV und RTL, von Castingshows, Werbesendungen und Popvideos vermittelt wird. Das sind prägende Elemente, die die Wirklichkeitsauffassung formen. Er sucht sich dann Freunde, die diesen Wirklichkeitsbegriff teilen und widerspiegeln, und projiziert am Ende seine eigene geistige Begrenzung auf die Welt. „Kulturkreis“ umfasst das Fremde, was wir an der Peripherie unserer eigenen Beschränktheit gerade noch so als entfernt dem Eigenen zugehörig interpretieren und halbwegs tolerieren mögen. Außerhalb dieser äußersten Grenze aber lauert die Gefahr und das Chaos, eben der „fremde Kulturkreis“.

Ein weiterer Einwand im Rahmen des Kulturkreisargumentes lautet, dass man sich ja intellektuell mit dem Buddhismus beschäftigen und ihn so erst einmal lernen müsse, er sei ja schließlich fremd. Dieser Gedanke lässt aber völlig außer acht, dass wir alles, was menschliche Kultur ausmacht, erst einmal lernen müssen, und er setzt zudem voraus, dass wir hinsichtlich der hiesigen Kulturen über ein Wissen verfügen, das wir nicht erst lernen müssen, sondern gleichsam in uns tragen. Mir scheint, dieser Gedanke ist Ausdruck einer trägen Ignoranz, die Angst hat, etwas dazulernen zu müssen. Unser gesamtes Leben ist aber geprägt von Lernprozessen: Lernen ist ein Ausdruck von Leben und Lebendigkeit. Leider sind viele Menschen hinsichtlich des Lernens ein wenig unwillig, was dazu führt, dass sie sich vereinfachenden Ideologien zuwenden, die in der einen oder anderen Weise die Vorstellung wiederkäuen, wir trügen als Angehörige eines Kulturkreises, einer Nation, eines Volkes spezifische Kulturformen in unseren Genen und unserem Blut. Kultur scheint in diesem Fall etwas zu sein, das regional verwurzelt und nach Art einer Pflanze aus dem Boden gewachsen ist und die Menschen wie Früchte hervorbringt. Das Eigene repräsentiert eine überragende Ordnung, in der die Begrenzung des so denkenden Geistes gespiegelt wird durch die in der Außenwelt gezogenen Grenzen. Die Grenzen der Sprache erscheinen als die Grenzen einer geordneten, sicheren Welt. Das Fremde wird in diesem Fall als Bedrohung wahrgenommen, die von außerhalb der sicheren Grenzen hereinbricht und die vermeintlich natürliche Ordnung bedroht.

Natürlich ist ein inhaltliches Verständnis unabdingbar, um einen Zugang zum Buddhismus und zu seinen verschiedenen Praxismethoden zu finden - anders würde es ja gar keinen Sinn machen, denn wenn ich keinen Schimmer davon habe, was ich da tu, dann ist die betreffende Handlung bedeutungsleerer Mummenschanz. Und tatsächlich gibt es nicht wenige Menschen die glauben, sie könnten rein intuitiv erfassen, was Buddhismus sei, nachdem sie vielleicht ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Zitate buddhistischer Meister oder frei erfundene Weisheiten gelesen haben, die als angeblich buddhistisch von wem auch immer in Umlauf gebracht wurden. Diese Art westlicher Buddhist scheint sich vor allem an einer gewissen Exotik zu erfreuen, die er im Buddhismus wahrzunehmen glaubt. Zu dieser Exotik zählen dann auch Meditationspraktiken oder auch die elaborierten Rituale etwa des Vajrayana-Buddhismus, die ggf. sogar mitpraktiziert werden, ohne jedoch den Sinn dieser Handlungen zu kennen. In diesem Fall wird ein sinnvoller Kommunikationsakt (denn um einen solchen handelt es sich) entweder blind nachgeäfft oder, schlimmer noch, es werden nach eigenem Gutdünken und frei assoziierend falsche Bedeutungen hineinfantasiert.

Die Inhalte buddhistischer Lehren sind in erster Linie Dharma, d.h. sie formulieren Beobachtungen/Untersuchungen aus über die Welt und das Bewusstsein und das Verhältnis dieser beiden zueinander. Anders ausgedrückt: Der Dharma untersucht die Natur des Daseins und des Geistes, d.h. er betrifft das allgemein Menschliche. Innerhalb des Dharmas gibt es verschiedene Schulen der philosophischen Ausformulierung und unterschiedliche Methoden, die buddhistische Analyse und Untersuchung durchzuführen und auf immer subtilere Weise die jeweiligen Grenzen des Geistes zu überschreiten. Doch immer gilt: Sie alle betreffen das allgemein Menschliche und das allgemeine Dasein. Das "Andere" der "fremden Kultur" betrifft die Oberflächen, etwa die Bereiche der künstlerischen Gestaltung, aber das ist eine Hürde, die leicht überwunden werden kann, wenn man den Wahn der "Kulturkreisbesonderheit" einmal über Bord geschmissen hat und sich vorrangig als Mensch unter Menschen begreift.

Buddhismus ist in Europa schon lange kein „neues“ und „fremdes“ Phänomen mehr, denn seit gut zweihundert Jahren gibt es in Europa eine Auseinandersetzung mit dem buddhistischen Denken. Buddhismus ist nicht fremd, sondern ein kultureller Faktor, der unsere Gegenwart mit geformt hat. Doch umgekehrt gilt das auch: Sieht man vom Einfluss moderner und postmoderner Kultur der Gegenwart einmal ab, so hat bereits in der Antike die griechische Philosophie den Buddhismus mit beeinflusst. Der Einfluss ging in beide Richtungen, weil Europa und Asien sich eben nicht isoliert unter zwei Käseglocken befanden, wie es der Kulturkreisgedanke nahelegt, sondern sich seit jeher in konstantem kulturellem Austausch befanden. Ein Umstand freilich, der dem Kulturkreisgedanken ziemlich fremd ist.

Ein wichtiges und von Kulturkreiseurozentrikern gern übersehenes (wahrscheinlich aber gar nicht bekanntes) Beispiel hierfür ist Gandhara. Viele haben ja schon einmal von den berühmten Buddhastatuen von Bamiyan in Afghanistan gehört, die unglücklicherweise von fanatischen Verrückten, den durch die USA groß gewordenen Taliban, zerstört wurden. Die Verkörperung hasserfüllter geistiger Beschränkung hat die kunstvoll in Stein gehauene Darstellung von Weisheit und Größe, durch die sie sich bedroht fühlt, zerstört. Ein hinlänglich bekanntes Prinzip, auf das ich an späterer Stelle noch genauer eingehen werde. Natürlich gibt es noch sehr viel mehr, als die beiden Riesenstatuen und deren Schutt. Typisch für Gandhara ist ein ganz besonderer Stil: Die Artefakte der Gandhara-Kultur sehen nicht nur griechisch aus, sie sind griechisch. Das Reich von Gandhara, ursprünglich eine Provinz des achämenidischen Perserreiches, war 326 v.Chr. von Alexander eingenommen worden, dessen Gefolgsleute – Griechen wohlgemerkt! - nach seinem Tod das Seleukidenreich gründeten, das sich auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung von Thrakien, also dem heutigen Bulgarien, über Persien bis ins Industal erstreckte. Gandhara war eine Provinz dieses riesigen Reiches. Der Buddhismus dieser Kultur wird auch als als Graeco-Buddhismus bezeichnet und hat sich über einen Zeitraum von achthundert Jahren entwickelt.

Und es gab noch weitere Verbindungen zwischen Ost und West. Unter dem legendären Kaiser Ashoka wurde im 2. Jahrhundert v.Chr. eine griechische Übersetzung des buddhistischen Kanons in Umlauf gebracht, indem er buddhistische Lehrer zu den griechischen Inseln entsandte. Man vermutet eine Verbindung zum Stoizismus, und Vergleiche von Neuplatonismus und Mahayana, Theurgie und Vajrayana zeigen bemerkenswerte Gemeinsamkeiten. Die ältesten bildlichen Darstellungen Vajrapanis, einer der wichtigsten zornvollen tantrischen Gottheiten, stammen aus Gandhara und enthüllen, dass er niemand anders ist, als die buddhistische Erscheinung des Herakles. Auch andere Gottheiten der griechischen Antike, allen voran die neuplatonische Hekate, bestehen im Buddhismus fort. Ebenfalls lassen sich bis heute Verbindungen zum Gnostizismus finden. Schwer vorstellbar vielleicht, wenn man der Kulturkreis-Ideologie anhaftet, nicht weiter verwunderlich jedoch, wenn man historisch-kulturelle Tatsachen wie die riesige Ausdehnung des Seleukidenreiches, konstante Handelsverbindungen zwischen Rom und Indien u.ä. bedenkt.

Ende Teil II


Uhanek


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