Betreut von Uhanek
DrachenSabber
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen!   Teil I

Warum ich ein Buddhist sei, wurde ich im Lauf der Zeit einige Male gefragt. Was mich dazu bewegt habe, Buddhist zu werden, oder was denn am Buddhismus besser sei, verglichen mit den anderen Religionen, insbesondere dem Christentum?

Oder was mich überhaupt an einer Religion interessiere, die ja eigentlich unserer zwar christlich geprägten, doch heutzutage rational-wissenschaftlich orientierten Kultur fremd sei? Immerhin, wer dank höherer Bildung etwas Durchblick im Weltgeschehen hat, der ist antireligiös --- so scheint es.

Warum also...? Ja, warum eigentlich?

Nun, weil es meine Natur ist. Was mich dazu bewegt hat? Ich konnte nicht anders. Wahrhaftigkeit mir selbst gegenüber, könnte man vielleicht auch sagen. Was am Buddhismus „besser“ ist? So weit es mich betrifft gar nichts, denn eine derartige Wertung scheint mir in dem Kontext eher irrelevant. Mich interessiert etwas Existenzielles, dass jenseits meiner persönlichen Zu- und Abneigungen steht, jedoch einen tiefen Einfluss auf sie hat: Der Dharma. Und für mich persönlich ist der Buddhadharma der einzig gangbare Weg. Aber, wohl gemerkt, für mich persönlich!Für andere mag das anders sein - Buddhadharma ist nicht der einzige Weg. Ihn in chauvistischer Weise wertend zum besten aller spirituellen Wege zu erklären heißt, sich mit einer solchen Aussage in direkten Widerspruch zu den Inhalten dieser Lehre zu stellen. Auf irgendwelche Wertungen greife ich zurück, wenn ich im Kaufhaus stehe und Preise vergleiche oder wenn es um die Folgen von Ideologien geht, die sich selbst als höchste Wahrheit verkaufen und daraus womöglich Herrschaftsansprüche ableiten. Und Religion interessiert mich als kulturelles Zeichensystem, dessen sich der Dharma zwar zuweilen bedient, dass jedoch vorwiegend im Dienste der Machtansprüche diverser Ideologien steht.

Darf ich ...?

Befremdlich scheint es mir zuweilen, wenn unter Menschen, die sich selbst für Buddhisten halten, ernsthaft diskutiert wird, ob man als Buddhist Weihnachten oder Ostern feiern darf. Immerhin seien das ja christliche Feste und als solche wiederum dem Buddhismus völlig fremd. Man hat es wohl in solchen Fällen mit den gleichen Menschen zu tun, die umgekehrt den Buddhismus als vollkommen kulturfremd bezeichnen, wenn sie sich christlicher Konzepte bedienen. Oder anders ausgedrückt: Es spielt letztlich keine Rolle, welcher Begriffe man sich bedient, um der eigenen weltanschaulichen Beschränkung Ausdruck zu verleihen; über diese Begriffe aber sagt das letztlich wenig aus.

Und dann die ernsthafte Annahme, wir lebten in einer Zeit und einer Kultur, die in höherem Maße rational sei und dank ihrer Wissenschaft über einen höheren Erkenntnisgewinn und über einen einzig gültigen Zugang zu einer absoluten Wirklichkeit verfüge? Diese Annahme an sich scheint mir ausgesprochen irrational zu sein. Eher ist es in diesem Fall ein Deus Oeconomicus, der seinen Gläubigen vorgibt, was sie als einzige Wahrheiten zu erachten haben. Alternativlos, versteht sich.

Was krieg ich denn heuer??

Ostern und Weihnachten sind in unserer wunderbaren westlichen Welt heute die wichtigsten Feste der großen Religion der freien Märkte. Beim Aldi fängt Ostern kurz nach Weihnachten an. Ab Januar wird bergeweise Süßkram in Eier- und Hasenform aufgefahren. Ostern ist dann der Zeitpunkt, an dem man davon ausgehen kann, dass den Kunden in bunten Frühlingsfarben verpacktes Zuckerzeug endgültig zum Hals raushängt. Der von den Göttern des Marktes gelenkte Daseinsstrom geht nun über in eine sommerlich orientierte Zwischenphase, die bestimmt wird von dem Streben nach der Strandfigur. Ab Ende August folgt dann die langsame Einleitung des weihnachtlichen Jahresdrittels.


Wer hat´s erfunden?

Man hat in dieser Welt des religiösen Konsumismus schon einmal gehört, dass Ostern und Weihnachten etwas mit Religion und speziell mit Jesus zu tun haben. Doch was für ein Jesus ist das? Und was bedeuten seine beiden Feste? Die Supermärkte und Kaufhäuser vermitteln als Tempel des Homo Consumicus wichtige Lehren zur heutigen Bedeutung dieser Feste: An Weihnachten legt der nach Schokolade und Zimt riechende Weihnachtsmann im Glühweinrausch ein Ei, das von einem Hasen und seinem Gefolge aus Hühnerkükenengeln (die sich einst als männliche Küken der Zerschredderung hingaben – freiwillig... oder hat je eins versucht wegzulaufen? -, um den Gott des Überflusses zu besänftigen, auf dass nicht der Dämon des Verzichts und der Mäßigung sich erhebe) bebrütet wird, bis ihm an Ostern ein strahlender Lord Jesus entsteigt, der eine amerikanische Flagge schwenkt und seine Anhänger lehrt, mit welchem Style und welchen Produkten man sich in diesem Jahr als Superstar und Topmodel fühlen darf. Er definiert damit dann auch den Grad der Vollwertigkeit eines Menschen und setzt Maßstäbe zur Beurteilung des Lebenswertes individuellen Lebens während der kommenden Monate: Haste was, biste was. Haste den richtigen Style der Saison, biste angesagt und cool.

... und vor allem wozu?

Mir persönlich war diese Religion immer recht fremd. Mir fehlt einfach der Zugang dazu und sie enthält nichts, das in meiner innersten Natur eine Resonanz erzeugen könnte. Das mag erklären, weshalb ich es bislang nicht zu Reichtümern gebracht habe und dennoch ganz zufrieden bin. Buddhist bin ich, weil Buddhismus in seiner Philosophie, seiner Terminologie und - im Vajrayana - in seinen Symbolen beschreibt, was ich als einzig Sinngebendes jemals kannte. Ich fand dort in sehr logischen, klaren Worten und Symbolen, die mir unmittelbar verständlich waren, eine Beschreibung des Geistes und der Wirklichkeit dargelegt, die bis dahin für mich sprachlich nur schwer zu fassendes Erleben und Intuieren war. Insofern kam der Buddhismus für mich als große Offenbarung, die mich davor bewahrte, mir behelfsmäßig Konzepte aufzuzwingen, für die ich mich hätte verdrehen müssen, weil sie mir wesensfremd sind, und durch deren Aneignung sich mein Intellekt von meinem Erleben abgespalten hätte. Was nicht passt, müsste ja passend gemacht werden. Dies ist der Grund, weshalb ich nicht sagen könnte, Buddhismus sei besser, als andere Religionen. Er ist besser, weil er meiner Art des Erlebens, Erfahrens und Verstehens entspricht. Er ist keine Religion, weil ich daran nichts glauben muss. Buddhismus beschreibt das Beobacht- und Erfahrbare. Ihn zu praktizieren bedeutet zu lernen, zu prüfen und die daraus resultieren Erfahrungen und Einsichten in das Leben zu integrieren. Sein Objekt ist der lebendige, wahrnehmende Geist und die von ihm erlebte Wirklichkeit in all ihren Aspekten.

Wenn´s Sinn macht ...

Mit Ostern oder Weihnachten oder irgendwelchen anderen kulturell-relgiösen Festen und Traditionen habe ich dabei nicht das geringste Problem. Die religiösen Feste kommunizieren einen übergeordneten Sinn. Welchen Unterschied macht es, ob dieser Sinn in dieser oder jener Sprache vermittelt oder in unterschiedliche Geschichten gekleidet wird? Diese Feste sehe ich als Möglichkeiten, mit anderen Menschen Sinn zu kommunizieren. Lasst uns die Feste feiern, wie sie fallen! Und lasst es uns gemeinsam tun! In welchem buddhistischen Text findet sich schließlich eine Aufforderung zur feindseligen Abgrenzung? Und wozu sollte eine solche Abgrenzung dienen? Macht sie die Welt in irgendeiner Weise besser? Wohl kaum. Tatsächlich beruhen die meisten Probleme unserer heutigen Zeit ja genau auf der feindseligen Abgrenzung verschiedener Weltanschauungen gegeneinander. Die wichtigste grundlegende Übung für Buddhisten bilden die „Vier Unermesslichen“: Liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Unparteilichkeit. Feindseligkeit und Chauvinismus sind das Gegenteil davon. Natürlich ist es wichtig, nicht alles nach Belieben zu vermischen und auf diese Weise einen ungenießbaren Weltanschauungseintopf zusammen zu rühren. Man kann nur einen Weg konsequent gehen. Aber es ist Teil dieses Weges, in den anderen Wesen das Gemeinsame und Verbindende zu finden.

Tatsächlich ist es so, dass ich durch meine buddhistische Brille sehr viel Sinn in diesen Festen entdecken kann. Wieso schließlich sollte ich nicht auch als Buddhist nach der längsten Nacht des Jahres die Geburt des Lichtes feiern? Zumal wenn ich die Lichtmetapher mit der höchsten Erkenntnisfähigkeit und der vollkommenen Verwirklichung etwa von Mitgefühl gleichsetze? Und mehr noch Ostern, das wichtigste christliche Fest. Ostern fällt immer auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond und es feiert die Auferstehung. Nun mag man einwenden, dass die Auferstehung Christi aber ja definitiv christlich, folglich also nicht buddhistisch sei. Dem halte ich als Buddhist jedoch entgegen, dass es zu weiten Teilen vom eigenen Verständnis abhängt, was genau man dort feiert. Der Homo Consumicus zelebriert vielleicht seinen Stammesgott Lord Jesus, der aus dem Schokoei schlüpft und verkündet, mit welchem man in dieser Saison dazugehört. Manch ein Christ feiert, dass ein Mensch namens Jesus erst gestorben, dann aber wieder auferstanden sei. Die orthodoxen Traditionen lehren, dass sich der unerkennbare Gott im Erkennbaren offenbart und aufgezeigt hat, dass der Tod, also die Sterblichkeit, durch die dem Menschen angeborene überzeitliche innere Natur oder die eingeborene Göttlichkeit – die göttliche Gnade – überwunden werden kann. Ihre frohe Botschaft lautet: Der Mensch ist mehr, als nur ein materielles Wesen in der Zeit. Das ist eine Bedeutung, die ich auch als Buddhist teilen kann. Karfreitag repräsentiert in dem Fall das Leiden und das Mitgefühl; das Osterfest selbst verweist auf das Potential, über das Leiden und die Begrenzung hinauswachsen und die besten Qualitäten verwirklichen zu können. Das ist eine Bedeutung, die ich aus der buddhistischen Perspektive heraus teilen kann und eingedenk dieser Bedeutung feiere ich Ostern sehr gerne und nehme in der Begegnung mit christlichen Freunden und Verwandten in der einen oder anderen Weise darauf Bezug. Dies tut meinem „Buddhist sein“ in keiner Weise Abbruch, sondern ist ganz im Gegenteil eine Umsetzung der „Vier Unermesslichen“ im alltäglichen Handeln.

Reden wir drüber

Religion und Kultur bedeutet in vielerlei Hinsicht Kommunikation. Über die kulturellen und religiösen Zeichen kommunizieren wir Sinn. Je oberflächlicher wir diese Zeichen betrachten, desto wichtiger wird es für uns, dass wir uns abgrenzen können. Je weiter wir von einer inneren und verbindenden Bedeutung entfernt sind, desto wichtiger werden uns die trennenden Worte. Im Bereich der Religionen und Ideologien zeigt sich dies im Fundamentalismus, d.h. in Formen einer wortwörtlichen Auslegung von Texten, die sich gerne als besonders Gläubig inszenieren. Der religiöse Fundamentalismus aber ist keineswegs ein Ausdruck des Glaubens, sondern ganz im Gegenteil des Unglaubens und der Abwesenheit eines religiösen Vertrauens in Gott oder das Absolute. Indem die religiösen Geschichten nicht länger als vielschichtige Metaphern und Gleichnisse für das Unerfassbare Wesen des Absoluten verstanden werden, rückt das menschliche Wesen mit seinen Begrenzungen, seinem Unverständnis und seinem eigenen Machtstreben in den Vordergrund. Das Streben nach Gott wird in diesem Fall zu einer Verehrung des Teufels. Oder buddhistisch formuliert: An die Stelle eines Strebens nach Verwirklichung der Buddhanatur rückt der Wunsch nach einer Vergöttlichung des Selbst.


Ende Teil I


Uhanek


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