DrachenSabber
Zeichen für die Gegenwart und das Wirken der Nagas   Teil I

Worte formen unsere Welt. Sie beschreiben uns, was die Wirklichkeit sei und lenken unsere Wahrnehmung. Wir formen Worte zu Sätzen und Sätze zu Erzählungen.

Unsere Wahrnehmung wird bestimmt von unserem Glauben an Erzählungen darüber, was die Wirklichkeit sei. So ist ein jeder von uns Teil der Geschichte, die wir uns gegenseitig von der Menschheit erzählen. Unsere Erzählung hat zu weiten Teilen einen ungemein anthropozentrischen Zug angenommen. Doch hinter den Fassaden der gängigen Wirklichkeitsbeschreibungen gibt es andere, nichtmenschliche Welten, die sich unserem selbstherrlichen Blick auf das Dasein entziehen. Wir kommen in unserem Sein und Handeln mit ihnen in Berührung und sie reagieren auf uns, doch sind wir uns dessen meist nicht bewusst.

Von klein auf werden wir von der überaus schlechten Angewohnheit geprägt, uns als Herrscher einer Welt zu erleben, in die wir mit unserer Geburt hineingeworfen wurden und von der wir auf seltsame Weise getrennt zu sein scheinen. Hier stehen wir vor einem großen Haufen Materie, den wir zur Befriedigung unserer Bedürfnisse nutzen. Die Welt erscheint als eine Ansammlung von Ressourcen zu unserem persönlichen Gebrauch: Öl, Kohle und all die anderen Rohstoffe, mit denen wir unsere virtuelle Realität – wir nennen sie Zivilisation – füttern, sie am Leben erhalten und weiter wachsen lassen. Eine durch und durch künstliche Welt, die die seiende Welt aufzufressen droht, angetrieben von der Annahme, im Besitz jener angeborenen Herrschernatur zu sein, die uns innerhalb einer von uns selbst aufgestellten Hierarchie über den Planeten und die anderen Wesen stellt. Innerhalb der menschlichen Gesellschaften auch über die Mitmenschen, in scheinbarer Widerspiegelung der vermeintlich natürlichen Ordnung. Die virtuellen Wirklichkeiten sind beherrscht von der Gier nach virtuellen Werten, deren Anhäufung Macht innerhalb der künstlichen Hierarchien verspricht. Diese auf Gier und Selbstsucht gegründete Macht ist zu weiten Teilen die Befähigung zu sinnlosem Handeln und die Fähigkeit, andere Menschen und neue Generationen in einen Strudel aus Sinnlosigkeit zu zwingen. Es ist ein Handeln, das dem Machterhalt dient oder, schlimmstenfalls, dem einzigen Grundsatz eines selbstsüchtigen und zynischen Nihilismus folgt, Dinge nur deshalb zu tun, weil man sie eben tun kann.

Leider ist dieses Kapitel, das wir uns von unserem Menschsein erzählen, ungeheuer laut, schrill und aufdringlich, so dass es vielen Menschen allein deshalb sehr überzeugend erscheint. Und so werden solche Erzählungen, die eine ganz andere Geschichte erzählen, von Stargeglitzer, Stylingfragen, Börsennews und Kriegsgerassel nur allzu oft übertönt. Aber es gibt sie.


Der Mensch im Gewebe abhängigen Entstehens

Neben unendlich vielen hässlichen Zügen hat die Globalisierung heute ein Gutes: Die letzten Vertreter jener alten Weltanschauungen, die den Menschen nicht zum Weltenherrscher erheben, sondern als Teil eines lebendigen Ganzen betrachten, stehen heute in regem Kontakt und Austausch miteinander. Zu diesen Weltanschauungen gehört auch der Buddhismus und insbesondere der vor allem in Tibet praktizierte Vajrayana, der gute Beziehungen zu verschiedenen indigenen Völkern Amerikas und Australiens unterhält.

Die Sichtweise des Vajrayana-Buddhismus zeigt die Welt als einen Tanz der Elementarenergien, in dem die verschiedenen Erscheinungen der Welt in gegenseitiger Abhängigkeit entstehen und vergehen. In dieser Sichtweise spielt der Sanskritterminus Shunyata eine herausragende Rolle. Er setzt sich zusammen aus dem Wort shunya, was "leer", "offen", "inhaltlos" und "nichts" bedeutet, mit dem Suffix -ta, was als "-heit" oder "-keit" übersetzt wird. Shunyata ist die Leerheit, die Offenheit, die Nicht-Dingheit der Phänomene. Dies meint nicht, wie es im Westen oft falsch interpretiert wurde und wird, dass hier von einem Vakuum oder einem Nichts die Rede ist. Vielmehr muss eine passende Gegenfrage lauten: Leerheit von was? Es ist die Leerheit von Begriffen, geistigen Konstruktionen und Projektionen. Leerheit ist das, was ist, nur frei von Begriffen, Kategorien, Wertungen etc. Der Mensch gehört zu den empfindenden Wesen und ist als solches ebenfalls leer, d.h. offen und dynamisch, ein Ornament im Gewebe der Welt und untrennbar mit ihr verbunden; zusammengesetzt, gleichsam im Raum kondensiert aus ihren lebendigen Elementen und in unentwegter Bewegung, bis sich die Verbindung der Elemente wieder auflöst.

Dieser große Tanz der Elemente ist geistiger Natur, er spielt sich innerhalb des allumfassenden Geistes, der Buddhanatur, ab, und als verblendete Wesen, die infiziert sind von der Wahnvorstellung, unabhängig als ein geschlossenes Selbst zu existieren, sind wir blind dafür. Erwachen wir aber und sind in Harmonie mit dem Tanz der Elemente, so tritt uns aus den Wesen und Erscheinungen das Strahlen der verborgenen Buddhanatur entgegen, die sie alle gleichermaßen verbindet. Die Welt ist dann nicht länger irgendein Ort, der ausgebeutet werden kann, sondern die unentwegte Manifestation des Heiligen. Indem wir auf die Erscheinungen der Welt schauen, sind wir Geist, der sich selbst betrachtet.

Dieses große, geheimnisvolle Gewebe ist nach buddhistischer Auffassung noch von weiteren empfindenden Wesen bevölkert – viele davon für uns unsichtbar - , die zum Teil sehr machtvoll auf die Menschenwelt einwirken können. Zu diesen machtvollen Wesen gehört auch die Klasse der Nagas. „Naga“ ist ein Sankritbegriff mit der Bedeutung „Schlange“. In diesem Zusammenhang ist es jedoch ein Oberbegriff, der drei Arten von Wesen zusammenfasst, auf Tibetisch Sadag, Lu und Nyen. „Sadag“ bedeutet Herrscher der Erde oder Erdherrscher (sa = Erde; dag = Herrscher), d.h. Wesen, die den Erdboden bewohnen. „Lu“ herrschen über die Gewässer und „Nyen“ bewegen sich über der Erde in den Lüften und bewohnen die Atmosphäre, Wiesen und Wälder.


Ende Teil I


Uhanek


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