DrachenSabber
Der Tanz der Dakinis   Teil III

Es geschah am 21. Februar 1981 in Amritsar, Indien. An der Strasse von Tarantaran und Amritsar stiegen zwei Frauen in einen Bus. Sie waren weiß gekleidet, jung und von atemberaubender Schönheit. Der Bus fuhr sehr schnell, als er an einer Haltestelle mit einem Ruck gestoppt wurde. Dabei fiel das Augenmerk des Fahrers und eines Fahrgastes auf die Füße der beiden Frauen.

Energie und Leerheit

Die grundsätzliche Bedeutung der Dakini im buddhistischen Kontext ist die Manifestation von Energie, das Spiel und die freie Bewegung von Energie im unbegrenzten Raum. Der Raum repräsentiert hierbei Shunyata, die Leerheit, d.h. die Nichtsubstantialität der Erscheinungen, die gleichzeitig die reine Potentialität aller möglichen Manifestationen bedeutet. Die wahrgenommenen Erscheinungen gelten hierbei einerseits als nichtsubstantiell, weil sie aus dem Zusammenspiel einer Vielzahl von äußeren Faktoren entstehen und vergehen und nur in Abhängigkeit von diesen Faktoren erscheinen. Andererseits, weil sie zusammengesetzt sind, d.h. sie bestehen in sich aus einer Vielzahl anderer Bestandteile, deren Zusammenspiel die Illusion eines eigenständigen Phänomens erzeugt. So sind die Phänomene der Welt also ein kompliziertes Netz einer gewaltigen Vielzahl innerer und äußerer Faktoren und ohne irgendeine Form eines eigenständigen Selbst. Daher gelten sie in ihrer letzten Wirklichkeit als substanzlos, vergleichbar einer Spiegelung im Wassser.

Basierend auf diesem Leerheitsbegriff wird die Welt beschrieben als ein Tanz reiner Energie, das Reich der Dakinis (tib. Khandro) und Dakas (tib. Pawo). Und das dualistische Substanzdenken erscheint als wahnhafter Zustand leidverursachender Illusion. Die Praxis des Vajrayana ist die Transformation der Energie negativer, weil illusionärer Zustände, den sogenannten Kleshas oder Befleckungen, in die strahlende Energie des gnostischen Gewahrseins (Jñana). Dakinis können sich in menschlicher Gestalt manifestieren und existieren potentiell als natürliche Gegebenheit im Individuum. Sie können auch in männlicher Form erscheinen, manchmal etwa als männliche Meditationsgottheit, oder als Mann im menschlichen Daseinsbereich.


Die Klassifikation von Dakinis

Die Energien, die als Dakinis in Erscheinung treten, werden im Buddhismus in verschiedene Klassen unterteilt. Eine grobe Klassifikation ist die in überweltlich und weltlich. Überweltliche Dakinis werden als Weisheitsgöttinnen oder Jñana-Dakinis bezeichnet. Diese Weisheits-Dakinis sind Manifestationen des erwachten Bewusstseins selbst, des Buddha also. Der tibetische Ausdruck für diese Dakinis lautet jigtenle depai khandro, d.h. „jenseits der Welt“ und umfasst vollkommen erleuchtete Dakinis wie die berühmte Simhamukha, die Löwengesichtige, oder Tara.

Ihnen stehen die weltlichen Dakinis, die Karma-Dakinis oder Aktivitäts-Dakinis, gegenüber, die dem Bereich der leidhaften Illusion, Samsara, angehören und keine erleuchteten Wesen sind. Der tibetische Ausdruck lautet hierbei jigten khandro, d.h. weltliche Dakini oder nicht jenseits unserer Vision.Diese Wesen leben und bewegen sich im Bereich der Energie unserer Welt, können sich als Menschen manifestieren oder in einer Form, die dem menschlichen Auge nicht sichtbar ist.

Die weltlichen Dakinis werden nochmals in verschiedene Typen unterteilt, abhängig von der speziellen Art ihrer Aktivitäten. Als besondere Kategorie ist hier die shasa khandro, d.h. „Fleisch essende Dakini“ zu nennen. Diese Dakinis nehmen die Gestalt von Vögeln an, Geier meistens. Sie können aber auch als zaubermächtige Frauen und Männer erscheinen, die sich in einer Art Geistreise als Vögel manifestieren. Dies jedoch nicht im Sinne einer Fantasiereise, sondern sehr real und konkret.

Die wichtigste Rolle der Dakinis im Buddhismus betrifft ihre Verbindung zu den essentiellen Lehren. So können sie zu den Schützern der geheimen Lehren gehören oder selbst solche Lehren bewahren, die sie dann an hoch verwirklichte spirituelle Meister und Meisterinnen weitergeben. Ihre Hauptaufgabe ist also das Schützen und Bewahren der innersten Lehren.

Es heißt, die Dakinis leben in einem eigenen Daseinsbereich, dem Reich der Dakinis, in einer Art Gemeinschaft, die alle spirituellen Ebenen umfasst. Diese Gemeinschaft hat, wie jede andere auch, Regeln. Ein Verstoß gegen die Regeln führt zu entsprechenden Konsequenzen, sei es für einen praktizierenden des Vajrayana-Buddhismus, der sich dem Reich der Dakinis genähert hat, sei es für die Dakinis selbst. Man spricht hierbei von einer „Verurteilung durch die Dakinis“. Wenn ein Praktizierender seine Samayas, d.h. seine Verpflichtungen gegenüber den Lehren und den Trägern der Lehre, verletzt oder sich sehr schlecht benimmt, dann trifft ihn eine entsprechende Bestrafung. Und eine Dakini, die ihre Verpflichtung zum Schutz der Lehren nicht respektiert, wird ebenfalls bestraft und gezwungen, in menschlicher Gestalt wiedergeboren zu werden. Sie sind dann ein Leben lang in dem menschlichen Körper gefangen, unglücklich und gebunden.


Die große Festversammlung und die magischen Aktivitäten

Eine der interessantesten Parallelen zum europäischen Hexenglauben hat sich seit Urzeiten bis in die Gegenwart erhalten: Die nächtliche Festversammlung mit ihrer wilden, chthonischen Symbolik. Zu bestimmten Zeiten versammeln sich die Dakinis und Dakas an den großen Kraftplätzen und auf Friedhöfen, um ein tantrisches Fest zu zelebrieren, die Ganachakra Puja. Gemeinsam mit den schreckenerregenden Matrikas, den großen Herrschern der verschiedenen Klassen machtvoller Wesen und deren Gefolge aus Geistern und Dämonen aller Art eilen sie durch den Himmelsraum herbei und finden sie sich um den großen Heruka oder die Königin der Dakinis zusammen. Dort versammeln sie sich an einem gewaltigen Kessel, der aus einem riesigen Schädel gemacht ist, um zu singen, zu tanzen und bei einem gemeinsamen Festmahl die große Glückseligkeit der letzten Wirklichkeit zu genießen.

Die Details in den Beschreibungen derartiger Versammlungen ähneln z.T. derartig frappierend den spätmittelalterlichen/ frühneuzeitlichen Vorstellungen vom Hexensabbat, dass sich bei einem Vergleich bisweilen die Frage stellt, ob möglicherweise solcherlei Vorstellungen über die alten Handelswege nach Europa gelangt sein mögen? Gab es viellleicht einen entsprechenden Ideentransfer über die Seidenstrasse? Oder mögen die buddhistischen Mongolen einen Einfluss auf die Entwicklung des Hexenbildes europäischer Gelehrter gehabt haben? Dies lässt sich wohl schwer beweisen und entsprechende Untersuchungen gab es bislang dazu nicht. Daher spricht etwa der Indologe und Tibetologe John Reynolds von einem „Archetypus des Nächtlichen“, der in Indien zu einer spirituellen Antiestablishment-Bewegung geführt habe, während er in Europa in den Fantasien der Gelehrten verblieben sei.

Ein wichtiger zum Abschluss noch zu nennender Aspekt im Zusammenhang mit den Dakinis ist etwas, das man in den christlich geprägten Ländern als Magie bezeichnet. Als Ergebnis formeller spiritueller Praxis (Sadhana) stellen sich Siddhis, d.h. spirituelle Errungenschaften oder Verwirklichungen (Hellsichtigkeit, Telepathie u.ä.), und die Fähigkeit ein, sogenannte Karma-Yogas oder Aktivitäts-Praktiken auszuführen. Im Vajrayana werden vier magische Aktivitäten unterschieden, nach denen auch die Dakinis klassifiziert werden:

  • Shantika-Karma oder die befriedenden Aktivität, das ist die Funktion des Beruhigens oder Befriedens von Umständen und die Heilung. Ein Beispiel für diese Art der Aktivität ist die Praxis der weißen Tara.
  • Paushtika-Karma oder vermehrende Aktivität, die der Vermehrung von Reichtum, Wohlstand, spirituellem Verdienst, Wissen, u.ä. dient.
  • Vashya-Karma oder die überwältigende Aktivität dient dazu, Wesen aller Art zu überwältigen, unter den eigenen Einfluss zu bringen, sie zu magnetisieren und zu behexen etc.
  • Raudra-Karma oder die zerstörende Aktivität schließlich dient dazu, Böses und Hindernisse auf dem spirituellen Pfad zu beseitigen.

Durch ihre Einheit mit der innersten Natur der Erscheinungswelt wird den Dakas und Dakinis die Fähigkeit zur Verwandlung nachgesagt, wie auch die Kraft, das Wetter zu beeinflussen. Es heißt, sie seien fähig durch die Luft zu fliegen und auf dem Wasser zu gehen, Vergangenes und Zukünftiges zu erkennen und die vier Aktivitäten auszuführen. Magie steht hierbei nicht für etwas unnatürliches, teuflisches, sondern ist vielmehr das Ergebnis einer Entfaltung des natürlichen Potentials eines Individuums, das sich mehr und mehr dem inneren Wesen der Welt und damit seiner selbst annähert: Dem freien, vollkommen reinen Spiel der Energien und Kräfte – dem Tanz der Dakinis.


Uhanek


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