Betreut von Uhanek
DrachenSabber
Der Tanz der Dakinis   Teil II

Es geschah am 21. Februar 1981 in Amritsar, Indien. An der Strasse von Tarantaran und Amritsar stiegen zwei Frauen in einen Bus. Sie waren weiß gekleidet, jung und von atemberaubender Schönheit. Der Bus fuhr sehr schnell, als er an einer Haltestelle mit einem Ruck gestoppt wurde. Dabei fiel das Augenmerk des Fahrers und eines Fahrgastes auf die Füße der beiden Frauen.

Die Dakini im Buddhismus

Aus hinduistischer Sicht sind also Dakas und Dakinis zu bekämpfende Feinde des Menschen, Dämonen, die die Ordnung und das Gute bedrohen und dem Gefolge zerstörerischer Gottheiten angehören. Eine andere Stellung nehmen sie hingegen im tantrischen Buddhismus ein.
Noch im Lankavatara-Sutra, einer wichtigen Schrift des Mahayana-Buddhismus, die, spät angesetzt, um das vierte Jahrhundert herum verfasst wurde, tauchen Dakinis und Dakas in der aus dem Hinduismus bekannten Deutung auf. Das 8. Kapitel dieses Sutras ist eine Lehrrede wider den Fleischverzehr. Dort heißt es über die negativen Folgen des Fleischessens u.a.

“Aus dem Schoß einer Dakini wird er [der Fleischesser] in die Familie eines Fleischessers wiedergeboren und dann im Schoß einer Rakshasi[1] und einer Katze; er gehört zur niedrigsten Klasse der Menschen“

Nach Ansicht dieses Sutras führt also das Essen von Fleisch durch die damit verbundene Ansammlung von Negativität in dämonische und tierische Daseinsbereiche. An anderer Stelle wird dort die Geschichte eines karnivoren Königs erzählt, der im Wald mit einer Löwin Geschlechtsverkehr hat, woraus dann Kinder hervorgehen:

„Aufgrund ihrer schlechten Eindrücke in der Vergangenheit, als ihre Nahrung Fleisch war, aßen sie als Könige Fleisch. Und in diesem Leben wohnten sie in einem Dorf namens Kutiraka; weil sie stark am Fleischessen hingen, wurden ihnen Dakas und Dakinis geboren, die schreckliche Esser von Menschenfleisch waren.“


Simhavaktra Dakini

Dakinis werden in diesem Mahayana-Text also noch als etwas Abzulehnendes dargestellt. Dies sollte sich allerdings im Laufe der Zeit grundlegend ändern. Das Hauptprinzip der buddhistischen Sutras liegt in der Schulung von Intelligenz und Disziplin. Außerdem wird Bodhicitta kultiviert, d.h. alle Handlungen werden auf ihre Motivation überprüft. Im Gegensatz zum Hinayana, dem „kleinen Fahrzeug“, dessen zentrales Anliegen die Entsagung der leidhaften Welt und die persönliche Befreiung daraus ist, nimmt außerdem im Mahayana, dem „großen Fahrzeug“, die Gesamtheit der empfindenden Wesen eine zentrale Stellung ein: Der oder die Mahayana-Praktizierende legt das Bodhisattva-Gelübde ab, bis zum Zustand der Erleuchtung, also über viele Existenzen hinweg, den einmal eingeschlagenen spirituellen Pfad zu gehen, um allen empfindenden Wesen von Nutzen zu sein.

Aus diesem Ansatz ergibt sich eine ethisch-moralische Wertung äußeren Handelns, die zwar vom Hinayana unterschieden ist durch die altruistische Einbettung der Spiritualität, jedoch noch sehr stark an dessen Sicht- und Praxisweisen anlehnt. Und wenn also die Aufgabe des Mahayana-Praktizierenden darin besteht, sich positives Handeln zu Eigen zu machen und als negativ bewertete Dinge abzulehnen, so bleibt doch ein hohes Maß an Bindung gegenüber den kulturell gesetzten Normen und Wertmaßstäben bestehen – und die Dakini bleibt negativ.

Dies änderte sich im tantrischen Buddhismus oder Vajrayana. Manche westlichen Interpreten sahen im Vajrayana eine Art Verfallserscheinung, gewissermaßen eine Verunreinigung der „reinen buddhistischen Lehre“. Tatsächlich stellt aber die Entwicklung vom Hinayana über den Mahayana hin zum Vajrayana eine logische und konsequente Weiterentwicklung dar. Im Falle des Vajrayana ist es eine Vertiefung der im Mahayana ausgearbeiteten Philosophien, insbesondere der Leerheitsphilosophie der Prajñaparamita[2]-Literatur.
In diesem Zusammenhang steht auch die westliche Interpretation, der zufolge die Dakini durch den Buddhismus uminterpretiert worden sei. Tatsächlich aber stellt der tantrische Buddhismus in sich lediglich einen Wechsel der Perspektive dar, weg von der kulturellen Ordnungskonstruktion mit ihrer Angst vor allem, was die Ordnung in Frage stellt, hin zum Blickwinkel der Dakini selbst.

Im wesentlichen zielt die tantrische Praxis auf eine Transformation der negativen Zustände, durch die das Bewusstsein konditioniert ist, in Weisheiten. Ziel ist ein nicht-dualistischer Geisteszustand, der befreit ist von der Konditionierung durch dualistische Gedanken und daraus entspringende Emotionen, in dem sich das Potential menschlichen Bewusstseins spontan entfalten kann. Im Verlaufe dieses Prozesses werden all die Werte und Wahrheiten, die dem Individuum als augenscheinliche und greifbare Wirklichkeit des inneren und äußeren Erlebens erscheinen, allmählich bis an die Wurzel aufgelöst und zerstört. Und eine bedeutende Rolle spielt dabei die Dakini.


Vierundzwanzig Orte der Kraft

Der Begriff „Dakini“ gilt, wie bereits dargestellt, als Sanskritwort. Es gilt allerdings auch als gesichert, dass der Ursprung des Wortes, wie auch seine Bedeutung nicht-indogermanisch sind. Etwa ab 2000 v.Chr. wanderten in Indien indogermanisch sprachige Stämme ein, die sich selbst gegenüber der Urbevölkerung, den Drawiden, als Arier, d.h. „die Edlen“ bezeichneten. Als Sanskritwort wird „Dakini“ dem Indogermanischen zugerechnet, tatsächlich aber ist es drawidischen Ursprungs, d.h. es entstammt einer der nicht-indogermanischen Sprachen Indiens. Dies führt manche Forscher zu der Vermutung, dass dieses Wort drawidischer Völker aus einer Zeit stammt, bevor die arischen Stämme aus dem Nordosten einwanderten und den Subkontinent überrannten.

Die Dakas und Dakinis in ihrer ursprünglichsten Bedeutung werden mit dem Kult der Muttergöttinnen, den Matrikas[3], in Verbindung gebracht. Bei den Drawiden gab es eine tiefe Verehrung des Weiblichen und in ihren Überlieferungen findet sich bereits früh eine überaus interessante Entsprechung zum europäischen Blocksberg- und Hexensabbatmotiv, das im Hinduismus und Buddhismus bis heute von großer Bedeutung ist. Sie berichten sie von vierundzwanzig Kraftplätzen in der Himalayaregion Indiens und in Tibet, die als Residenzen jener Art von Göttin gelten, die als Dakini bezeichnet wird. Die mit diesen vierundzwanzig Plätzen in Verbindung gebrachten Dakinis hatten einen menschlichen Körper und den Kopf eines Tieres. So gab es in dieser sehr alten Tradition also Dakinis mit den Köpfen von Adlern, Krähen, Löwen, Tigern, Büffeln usw.


Heruka

Die Arier übernahmen diese Kraftplätze und verorteten sie innerhalb ihres eigenen Religionssystems. Sie verehrten eine göttliche Trinität, nämlich Gott als Schöpfer (Brahman), Gott als Erhalter (Vishnu) und Gott als Zerstörer (Ishvara, der später zu Shiva wurde). Die vierundzwanzig Kraftplätze und die Dakinis ordneten sie dem Ishvara zu, dem Zerstörer. Die mit Ishvara und den Dakinis verbundenen Riten waren dementsprechend blutig und forderten Tier- und Menschenopfer.

Im buddhistischen Chakrasamvara-Tantra, ein eng mit dem Hevajra-Tantra verwandter Text, tauchen diese vierundzwanzig Orte der Kraft mit dem Berg Kailash als Zentrum wieder auf. Hier nun sind sie die Stätten, an denen sich der zornvolle Heruka, d.h. die höchste Form des erleuchteten Bewusstseins, manifestiert und mit den Dakinis versammelt. „Heruka“ das bedeutet „Bluttrinker“. Tatsächlich wurzelt diese Bezeichnung in der alten hinduistischen Tradition des Blutopfers, ihre Bedeutung jedoch erfuhr im Buddhismus einen grundlegenden Wandel: Das Blut, von dem hier die Rede ist, symbolisiert die Vereinigung von Leerheit und Glückseligkeit.

Die buddhistische Tradition berichtet von einer spirituellen Eroberung der vierundzwanzig Kraftorte: Um den Blutopfern und anderen Handlungen der Dakini-Tradition Ishvaras, die ein spirituelles Erwachen verhindern, entgegen zu wirken, manifestierte der Buddha das Mandala des Heruka Chakrasamvara, das er sodann auf die vierundzwanzig Orte niederdrückte. Dadurch wurden Ishvara und seine Dakini-Gefolgschaft unterworfen. Sie entsagten fortan den Blutopfern und wurden als Schützer des Buddha-Dharma eingeschworen.

[1]Rakshasa, fem. Rakshasi = böse Geister, die Friedhöfe heimsuchen, Tote beleben, Menschen verschlingen, Opferhandlungen stören und Unheil verursachen
[2] Prajñaparamita = Transzendente Weisheit
[3] Im Hinduismus finden sich unter den Matrikas Göttinnen wie Kali, Chamunda, Tara und Durga


Ende Teil II


Uhanek


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