Betreut von Uhanek
DrachenSabber
Der Tanz der Dakinis   Teil I

Es geschah am 21. Februar 1981 in Amritsar, Indien. An der Strasse von Tarantaran und Amritsar stiegen zwei Frauen in einen Bus. Sie waren weiß gekleidet, jung und von atemberaubender Schönheit. Der Bus fuhr sehr schnell, als er an einer Haltestelle mit einem Ruck gestoppt wurde. Dabei fiel das Augenmerk des Fahrers und eines Fahrgastes auf die Füße der beiden Frauen.

Da brach ihnen der Angstschweiß aus den Poren, denn es waren keine menschlichen Füße, sondern die Hufe von Tieren. Dadurch wurden die Frauen als Dakinis erkannt. Der Busfahrer floh daraufhin in Panik aus dem Fahrzeug, während der andere Mann vor Angst das Bewusstsein verlor. Die beiden Frauen verschwanden unterdessen spurlos. So berichtet am 22. Februar 1981 in der Hindi-Zeitung Dainik Panjab Kesari.

  Dakini
Simhavaktra Dakini,
Quelle: Wikimedia commons

Das Verschwinden dieser beiden Dakinis war sicher ihr Glück, denn Frauen, die man als Dakinis identifiziert, kann es in der Hindugesellschaft Indiens bis heute passieren, dass sie gelyncht werden, denn in Hindu-Indien gelten die Dakini und ihr männliches Gegenstück, der Daka, gefürchtete Hexen, die schwarze Magie, Blutopfer und weltliches Tantra auf niedriger Stufe praktizieren. Dakinis und Dakas werden als Gefolgsleute Shivas oder Durgas angesehen und als verabscheuungswürdige, bluttrinkende Personen charakterisiert. Es heißt, sie verfügen über spezielle Fähigkeiten oder auch Mantras, die als „Dakini Bidya“ bezeichnet werden, mit denen sie verschiedene Zauberkräfte erlangen. Das Bild der Dakini zeigt interessante Gemeinsamkeiten mit jenem Bedeutungskomplex auf, der in der deutschen Sprache mit dem Begriff „Hexe“ belegt ist.


Jenseits der Ordnung

Das Wort „Dakini“ leitet sich ab von der Sanskritwurzel „dī“, d.h. fliegen, und hat die Bedeutung „Himmelswandlerin“, wörtlich ins Tibetische übertragen als Khandroma. Dies gibt eine der wichtigsten Eigenschaften wieder, die den Dakinis nachgesagt wird: Sie bewegen sich durch die Lüfte. Genau wie im traditionellen europäischen Hexenbild umfasst darüber hinaus im hinduistischen Volksglauben das Konzept der Dakini all diejenigen Dinge, die den Vorstellungen von Ordnung, vom Guten und vom Schönen entgegenstehen: Sie sind hässlich oder doch zumindest auf hässliche Weise unvollkommen, denn sie sind das Gegenteil des von der Kultur vorgegebenen Erstrebenswerten.
Sie sind von äußerst furchterregender Natur, verborgen jedoch unter einer Oberfläche, die einen reinen und makellosen Eindruck zu erwecken vermag. Sie erscheinen zunächst als normale oder ungewöhnlich schöne Frauen, doch haben sie Tierfüße oder ihr Rücken, unbedeckt von Haut, zeigt das rohe Fleisch. Samt und sonders Elemente, die sich in Europa ebenfalls in Verbindung mit dem Hexenglauben finden, etwa in der Darstellung der dämonischen Begleiter oder auch in der Literaturgattung der Hexenmärchen.

Grundsätzlich unterscheidet der Volksglaube zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Dakinis. Die nicht-menschlichen Dakinis sind häufig die Geister von Frauen, die während der Schwangerschaft, während der Niederkunft oder im Kindbett gestorben sind. Diese Vorstellung ist verbunden mit der Stellung der Frau in der indischen Gesellschaft. Der Wert oder sogar das Existenzrecht einer Frau ist dort mehr oder weniger in der Fähigkeit begründet, Söhne zu gebären. Wird sie durch das Schicksal daran gehindert, ihre Rolle zu erfüllen, so wird sie dem überlieferten Glauben zufolge zu einem extrem übelwollenden Geist. Und auch den Leichen solcher Frauen wird ein so großes magisches Potential nachgesagt, dass Teile davon oder auch die Asche in den magischen Verrichtungen menschlicher Dakinis und Dakas Verwendung finden.

Dakini  
Simhavaktra Dakini, Quelle: Wikimedia commons

In Rajastan findet sich eine andere Variante zum Ursprung nicht-menschlicher Dakinis. Dort erscheint die Dakini an jenen Orten, die Mahasati genannt werden, d.h. „Ort des großen Opfers“. Das sind die Orte, an denen brave Witwen ihren verstorbenen Gatten in das Bestattungsfeuer folgen. Dort erhebt sich die Dakini, um die Herzen ihrer Opfer, die sich unvorsichtiger Weise diesem Ort zu sehr genähert haben, zu verschlingen. So wird also der Ort, an dem die nach den Regeln ihrer Gesellschaft folgsame und gute Frau ihrem Gatten die höchste Verehrung und ihren Sinn für die eheliche Pflicht zeigt, zum Sitz einer übelwollenden Dämonin, die jede Ordnung und allen Gehorsam bedroht.
Die Dakini rüttelt also an den Grundwerten der Gesellschaft. Dies gilt auch für menschliche Dakinis. Will eine Frau zu Lebzeiten eine Dakini werden, so opfert sie, der Überlieferung zufolge, ihren Sohn, ihr erstgeborenes Kind oder ihren Ehemann, um so die Hexenkräfte zu erlangen. Doch auch kinderlose Frauen oder Frauen, deren Kind gestorben ist, können sich in Hexen verwandeln.
Die Ehepartner von Dakinis und Dakas leben immer ein wenig auf Messers Schneide, denn stets laufen sie Gefahr, ausgezehrt zu werden oder durch verschiedene Krankheiten ihr Leben zu lassen. Dakinis verhexen ihre Partner, wenn diese ihre sexuellen Wünsche nicht befriedigen. Und als allgemeine Regel gilt, dass sie immer zornig reagieren, wenn ihren Wünschen nicht nachgekommen wird. Dann bringen sie Unglück, Krankheit – insbesondere Fieber – und Tod.

Ein weiteres wichtiges Merkmal der Dakinis und Dakas ist ihre Tierhaftigkeit. Ihre tierische Natur zeigt sich insbesondere in ihrer Gier nach Fleisch, sowohl dem von Tieren, als auch dem von Menschen, und sie sind fähig, ihre Gestalt zu wechseln und die von Tieren anzunehmen. Sie können als jedes Tier erscheinen, aber die am häufigsten genannten Tiere sind Katze, Hund, Schakal, Hyäne, Büffel und Ziege. In Rajastan wurden daher 1819 während einer groß angelegten Hexenjagd durch den Prinzen Zalim Singh auch Katzen mit einbezogen.
In verschiedenen Regionen Indiens findet sich zudem der Glaube, bei menschenfressenden Tigern handele es sich um Dakas und Dakinis. Dies deutet noch eine andere wichtige Assoziation an, nämlich die mit dieser Tierhaftigkeit verbundene aggressive Sexualität und die Lust am Töten, die den Dakinis ebenfalls nachgesagt wird. Und so, wie sie ihre eigene Gestalt wechseln können, so können sie auch Menschen in Tiere verwandeln und sie dadurch ihrer Menschlichkeit berauben.


Ende Teil I


Uhanek


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