DrachenSabber
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden   Teil II

Zugegeben, es vergeht ja selten ein Tag, an dem uns die Eso- und Okkultszene nicht Anlass zur Erheiterung bietet. Und da wir diesen Spaß gerne teilen, hier ein kleiner Einblick, was bei einer guten Flasche Rotwein auf gemütlichen Bommelkissen so alles herauskommen kann ...

Uhanek: Dieses ganze Gerede über den „kosmischen Orgasmus“, „Sexualmagie“ u.ä. ist natürlich Blödsinn und hat in der Regel mit Tantra wenn überhaupt, dann nur sehr wenig zu tun. Man kann halt von „Neotantra“ oder „Esotantra“ oder von mir aus auch von „Wellnesstantra“ sprechen. Es werden heutzutage einfach gerne irgendwelche Begriffe aufgegriffen und so zurechtinterpretiert, wie es den Wunschträumen und Bedürfnissen der Angehörigen unserer Gesellschaft entspricht.

Sati: Das ist ja gerade in der Eso- und Spirituellenszene recht häufig anzutreffen... nicht nur auf buddhistische Inhalte bezogen...

Uhanek: Klar, das ist dann ein eigenständiges und recht weit verbreitetes Phänomen westlicher Kulturen, neben Neuheidentümern, neuen Hexen, der „neuen Spiritualität“ christlich evangelikaler Gruppen etc. Was häufig hinter diesen verschiedenen Begriffen steckt, unterscheidet sich kaum voneinander und ist inhaltlich im Grunde alles ein Abwasch. Eins von vielen Phänomenen der postmodernen Gesellschaft. Und meist geht es darum, den Wunsch nach narzisstischer Selbstbespiegelung zu bedienen. Der übliche Blödsinn: An sich ganz durchschnittliche Mitglieder dieser Gesellschaft wollen irgendwie anders sein als Mutti und Vati, bedienen sich daher bestimmter Begriffe, die sie mit diesem Anders-Sein assoziieren und betreiben inhaltlich am Ende doch nur eine Apologetik eben jener Durchschnittlichkeit, von der sie sich doch so sehnlich hatten abheben wollen.

Sati: Das erinnert mich jetzt fast wieder ein bisschen an die Punk/Gothic-Szene (nur die hatten einfach die cooleren Outfits ...). Erst kürzlich habe ich einige Leute wiedergetroffen, die damals noch mit viel Mühe "anders" sein wollten und es ist beinahe lustig, wie angepasst und konservativ die meisten von ihnen heute sind. Job, Familie, Auto, Anzug, statt kollektivem Besäufnis Dinner-Partys mit Freunden...

Uhanek: Die Übergänge zwischen diesen Szenen – Gothic, Okkultismus, Neuheidentum, Hexen, Mittelalter, Rollenspiel - sind oft recht fließend und der Umgang mit der „Spiritualität“ oft geprägt durch Selbstdarstellung und Oberflächlichkeit. Eigentlich ist es traurig. Aber vielleicht ja auch ganz interessant, weil solche Dinge dann halt in vielerlei Hinsicht den Zustand unserer Gesellschaft widerspiegeln. Den Grad des Verfalls. Spirituell ernst zu nehmende Persönlichkeiten bilden in diesen „westlichen Wegen“  eher die Ausnahme, scheint mir. Einigen wenigen bin ich aber begegnet...

Sati: Solche, die das von sich zumindest behaupten, gibt's ja mehr als genug und die Nachfrage scheint ziemlich groß zu sein. Vielleicht ist der Anstrich nicht mehr ganz so "spirituell" wie noch vor 10-20 Jahren. Heute schmeißt man mit ein paar gesundheitlichen Schlagwörtern um sich und behauptet Krebs oder AIDS heilen können. Und ich staune immer sehr, was für einen unglaublichen Ansturm solche Leute haben...

Uhanek: Derlei esoterische Tunichtgute sind ja leider Legion. Das lässt mich jetzt spontan an einen solchen denken, der in der buddhistischen Szene sein Unwesen treibt und sich seit ein paar Jahren als wundertätiger buddhistischer Ngakpa-Lama ausgibt. Mit magischen Heilversuchen und magischen Börsenspekulationen ist es ihm im Laufe der Jahre bereits recht erfolgreich gelungen, ganz gehörig Unheil zu stiften. Es gelingt ihm immer wieder, „Schüler“ mit Methoden, wie man sie aus Psychokulten kennt, eine Zeit lang an sich zu binden. Er erzählt den Leuten dann, dass sie von Dämonen besessen seien oder dass die Schützer der buddhistischen Lehre auf sie wütend seien, wenn sie nicht machen, was dieser Guru von eigenen Gnaden ihnen sagt. Da steht man immer ganz fassungslos davor und fragt sich, was eigentlich schlimmer ist: Dass es solche skrupellosen Hochstapler überhaupt gibt oder dass immer wieder Menschen ganz grenzenlos naiv auf derartige Scharlatane hereinfallen?

Das ist natürlich ein Extremfall. Sicherlich meinen die meisten Leute es durchaus gut. Wir leben in einer so offensichtlich kranken, verrückten und von einem geistig-kulturellen Krebs zerfressenen Gesellschaft, dass es nicht verwunderlich ist, wenn sich Menschen auf die Suche nach Auswegen machen. Nur leider geschieht dies oft auf eine Weise, in der die grundlegenden Denk- und Sichtweisen dieser Gesellschaft gar nicht in Frage gestellt werden. So verbleiben die Suchenden oft einfach in dem Gefängnis, dem sie doch entfliehen möchten. Eine der wichtigsten Fesseln bildet dabei das Haften an oberflächlichen Begriffen und Konzepten. Da werden dann eben exotisch anmutende Begriffe ins Spiel gebracht und innerhalb der herrschenden Denkmuster und Wirklichkeitsvorstellungen interpretiert. So bleibt alles beim Alten, nur mit etwas neuer Tünche und aufgefrischtem Make Up.

Sati: Kannst Du bitte einmal erklären, was man unter Tantra nun wirklich versteht?

Uhanek: Der Begriff „Tantra“ bedeutet „Gewebe“, „Zusammenhang“, „Kontinuum“. Es gibt hinduistische und buddhistische Tantra-Traditionen. In vielen Publikationen wird behauptet, die tantrische Überlieferung des Buddhismus habe sich aus der hinduistischen entwickelt, was aber eigentlich gar nicht so sicher zu sein scheint. Im Wesentlichen spiegeln solche Aussagen wohl den europäischen Wunsch wieder, die Welt in linearen Abfolgen denken und deuten zu wollen. Relevant für uns ist, dass es mehrere tantrische Überlieferungen mit unterschiedlichen inhaltlichen und methodischen Schwerpunktsetzungen gibt. Die tantrischen Traditionen speisen sich aus verschiedenen Quellen des mittelalterlichen Indiens, die neue, nicht-vedische Rituale einführten. Allen ist gemeinsam, dass ihre Lehren die Einheit des Relativen und des Absoluten betonen, also die letztliche Identität von phänomenaler Welt und höchster, absoluter Wirklichkeit. Das Ziel dieser Lehren besteht dementsprechend in der Einswerdung mit dem Absoluten und der Erkenntnis der höchsten Wirklichkeit.

Sati: Wie kommt es dann zu diesem... sagen wir mal "schlüpfrigen" Image von Tantra? Und vor allem wie passt das in einen buddhistischen Kontext? Ich dachte immer der Buddhismus hat viel mit Askese zu tun? Außerdem hab mich schon über den nicht-vegetarischen Inhalt Deines Kühlschranks gewundert...

Uhanek: Es gibt immer wieder Westler mit sonderbaren Vorstellungen, viel bruchstückhaftem Wissen und sehr viel selbstgefälliger Ignoranz, die im Brustton der Überzeugung zum Teil höchst sonderbare Vorstellungen über einen „reinen“ Buddhismus verbreiten. Dabei wird dann meist das Geschreibe anderer kenntnisfreier westlicher Autoren wiedergekäut. So erscheint dann der Gedanke, es könne einen tantrischen Buddhismus geben natürlich leicht als ein Widerspruch in sich, weil ja vermeintlich alle Buddhisten weltverneinende und asketische lächelnde Vegetarier seien; Tantra hingegen habe doch eher mit sexueller Extase und Zauberei zu tun. Wer diesen Blödsinn für bare Münze hält ist dann auch leicht mal sehr offen für völlig absurde „Enthüllungen“ gewisser Autoren, die ganz genau zu wissen glauben, dass das einzig wahre Heil in der Krone der menschlichen Entwicklung liegt, nämlich den westlichen Gesellschaften der Gegenwart mit ihren auf breiter Ebene akzeptierten dogmatischen Beschreibungen dessen, was die Wirklichkeit sei. Was davon abweicht ist natürlich gefährlich. Und so werden leicht die Ergüsse primitivster Propaganda unters Volk gebracht: Der Dalai Lama betreibe Sexualmagie, raube dabei Frauen ihre Gynergie - eine eigens von den Autoren erfundene geschlechtsspezifische Energieform, die geraubt werden kann und offenbar vor dem Hintergrund bevorzugter Geschlechtervorstellungen vielen Leuten plausibel erscheint – und strebt mittels finsterer Mächte die Weltherrschaft an. Und wem der Dalai Lama als Urvater Darth Vaders und der finsteren Sith denn doch eine Spur zu fantasievoll ist, der kann sich von den höchst primitiven faschistoiden Hetzschriften eines gewissen deutschen Psychologen darüber aufklären lassen, dass die „Scheiße fressenden Tibeter“ uns edle Westler in seelische Krüppel verwandeln wollen, allen voran ihr grinsender „Gottkönig“, der Dalai Lama.

Das hat natürlich auch alles nichts mit Tantra, Buddhismus und Tibet zu tun, eher mit einer Psychopathologie westlicher Mentalitäten.


Ende Teil II


Sat Ma´at & Uhanek


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