DrachenSabber
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden   Teil I

Zugegeben, es vergeht ja selten ein Tag, an dem uns die Eso- und Okkultszene nicht Anlass zur Erheiterung bietet. Und da wir diesen Spaß gerne teilen, hier ein kleiner Einblick, was bei einer guten Flasche Rotwein auf gemütlichen Bommelkissen so alles herauskommen kann ...

Foto by Sati

Sati: Tantra… das erste Mal hörte ich davon Anfang der 80er. Also ich bin mir ziemlich sicher, es war Anfang der 80er, weil ich mich noch gut erinnere, dass ich hoffte, dass meine Mutter nicht zur Tür reinplatzt und mitkriegt, was ich mir da gerade im Fernsehen ansah. Dort saß nämlich ein zotteliger, leicht ausgemergelter Vegetarier mit zwei Frauen und erzählte was über Polygamie und eben "Tantra". Die eine von den beiden Frauen, eine großbusige, spärlich bekleidete Dunkelhaarige, hatte so einen komischen Punkt auf der Stirn und poste die ganze Zeit in die Kamera, während der Zottel im Schneidersitz und ebenfalls halbnackt über Besitzdenken in Beziehungen referierte. Die andere Frau, eine blasse Blondine, hatte in ihrer Unscheinbarkeit kaum eine Chance gegen die Dunkelhaarige, zumal man sie in einem 80er-Jahre-Schulterpolsterblazer genauso gut für eine Bankangestellte hätte halten können. Da half auch das durchsichtige Blüschen nicht.

Uhanek: Ach Gott, ja, an diese Art … nennen wir es mal „Neo-Tantra“-Präsentationen (böse Zungen sprechen ja zuweilen u.a. auch vom Swinger-Tantra) erinnere ich mich auch gut. Es gab da einen Herrn in Berlin, der gern für seine „Tantra-Kurse“ warb, indem er sich den Fernsehkameras nackt oder im knappen String-Tanga präsentierte, das lange Haar oberhalb der Ohren zu einem mit roten Bändern umwickelten Zopf gebunden. Vor ein paar Jahren schenkte mir ein äußerst spöttisch veranlagter Freund aus Berlin sogar mal eine DVD dieses „Tantrikers“ - falls ich mal ein wenig Erheiterung bräuchte.
Meine eigene Begegnung mit dem Begriff „Tantra“ fand Anfang der achtziger Jahre in Gestalt eines reich bebilderten, ganz ausgezeichneten Buches über tantrische Lehren des Hinduismus statt. Ich hatte bereits seit meiner Kindheit eine starke Affinität für Buddhismus, Hinduismus und allgemein indische Kultur und Religionsgeschichte. Dementsprechend befremdlich erschienen mir von Anfang die Publikationen (oder darf man an dieser Stelle ruhig von „Ergüssen“ sprechen...?) insbesondere aus Osho-Kreisen, die unter dem Begriff „Tantra“ im Wesentlichen über kosmische Orgasmen fabulierten.

Sati: Ich stolperte einige Jahre später wieder über den Begriff Tantra. Ich war um die 16 und entdeckte gerade meine Leidenschaft für Okkultimus und die Gothic-Szene. Ich hatte eine Brieffreundin aus Norddeutschland, die mir immer von schwarzen Messen berichtete, von Sexualmagie, nächtlichen Friedhoftouren und von Aleister Crowley. Ich glaube meine Mutter weiss bis heute nicht, was das für Bücher waren, die ich mir so sehnlichst gewünscht hatte und regelrecht verschlang. Irgendwo las ich dann was von "Tantra" und Sexualmagie und da es damals weder Internet gab noch jemanden den ich als wohlbehütete Akademikertochter fragen konnte, dachte ich, Sexualmagie ist wohl die deutsche Übersetzung von "Tantra".

Uhanek: „Sexualmagie“ ist ein schönes Stichwort. Unter dem Begriff finden sich großartig absurde Verzerrungen des Tantra-Begriffes. Ich hatte in einem sehr umfangreichen Archiv hier in Göttingen Gelegenheit, ziemlich viele interne Texte diverser Logen zu dieser Thematik zu lesen. Die meisten dieser Texte waren zusammengestückelt aus Versatzstücken hinduistischer und buddhistischer Tantra-Lehren, mit einem Schuss taoistischer Alchemie hier und dort. Bei vielen dieser Versatzstücke kannte ich die ursprünglichen Quellen und es war ganz interessant zu lesen, welche Verzerrungen sie durchlaufen hatten, um sie den machtlüsternen Fantasien ihrer Interpreten der „westlichen Tradition“ anzupassen. Letztlich waren derlei Deutungen fast noch komischer als die der Swinger-Tantriker, weil sie sich selbst noch sehr viel wichtiger nahmen.
In den 80ern hatte ich auch so einen Faible für Postpunk und Gothic. In der Szene wurde ja gerne mit okkultistischen Symbolen kokettiert, zumal es damals, ausgehend von Amerika, ja auch so eine leichte Okkultismus-Satanismus-Hysterie gab, die hinter jedem Pentagramm und jeder dahingeschmierten 666 den Teufel witterte. In den Grupppen, zu denen ich damals Kontakt hatte, wurden verschiedene Texte ganz unterschiedlicher esoterischer und okkultistischer Strömungen herumgereicht. Da fand man dann Starhawk neben LaVeys satanischer Bibel und natürlich Crowleys Texte. In der so zusammengerührten „Magie-Suppe“ durfte natürlich auch die Sexualmagie und viel Gerede über Tantra und Chakren nicht fehlen.


Goths, Foto: Sigurdas,
Wikimedia Commons

Sati: Ja, genau so ähnlich kenne ich das auch, da fallen mir auch gleich Stars wie Marc Almond von Soft Cell oder Thomas Thorn von Thrill Kill Kult ein, die der "Church of Satan" angehörten. Von  Chakren hatte ich damals noch keine Ahnung. Ich wuchs immer mehr in die Gothic-Szene hinein und tatsächlich gab es auch bei uns einige, die dem Okkultismus recht zugetan waren, und manche behaupteten auch von sich, Sexualmagie zu praktizieren. Das waren dann meistens jene, die irgendwann ihre Spitzenhemden und Samtröcke gegen Lackhosen, High Heels und Lederschlauchkleider eintauschten. Auch mir gefiel dieser Klamottenstil sehr und ich erinner mich noch gut daran, dass ich meine erste Lackhose für damals 80 Mark kaufte, was ein Vermögen angesichts meines Taschengeldes darstellte. Nicht dass jetzt Lackhosen grundsätzlich direkt was mit Tantra zu tun hätten...

Uhanek: Ich mochte das ja auch. Und ich habe mir damals auch gern mein silbernes Okkultgebamsel um den Hals gehängt. Machte sich ja gut auf den schwarzen Klamotten.

Sati: In meiner Gothic-Zeit lernte ich meine damals beste Freundin kennen, die der fernöstlichen Spiritualität sehr zugetan war. Auch sie sprach von "Tantra" oder "Kama Sutra" und ich staunte nicht schlecht, als ich erfuhr, was sie damit assoziierte, nämlich in wallenden Saris herum zu hüpfen, Räucherstäbchen abzufackeln und die neusten Kniffe aus ihren Massageseminaren an mir auszuprobieren, was mir außerordentlich gefiel. Was mir weniger gefiel war, dass sie das auch immer an Kerlen ausprobieren musste, in die sie gerade verknallt war. Das weiß ich, weil sie einmal wollte, dass ich mitmache. Ich muss sagen, ich fand es äußerst befremdlich einem fremden Mann, den ich zudem auch noch ziemlich unspektakulär fand, die haarigen Beine einzuölen.
Diese Freundin lernte bald darauf ihren zukünftigen Mann kennen - ein Ex-Sanyassin übrigens - der natürlich "Tantra"-erfahren war. Das sah dann in erster Linie so aus, dass er mir dauernd an die Wäsche wollte und behauptete mich ebenfalls "auf eine universelle Weise" zu lieben, vor allem nachdem er meine Freundin versehentlich geschwängert hatte. Die beiden gründeten nach ihrer Hochzeit eine "spirituelle Gemeinschaft" und bezogen ein großes Bauernhaus im Voralpenland als das Kind kam. Ich besuchte die kleine Familie einzweimal dort und erinnere mich noch gut, dass das kleine Mädchen beim Mittagessen ihren Rock hochhob und zu mir meinte "Guck mal das ist meine Klitoris." Als ich völlig entsetzt zu meiner Freundin blickte, meinte sie lächelnd zu mir "Wir wollen dass sie ohne körperliche Tabus aufwächst." Mir blieb der Salat im Hals stecken, zumal meine Freundin mir später anvertraute, dass sie besorgt war, dass ihre Tochter diese "Natürlichkeit" auch beim Nachbarshof zeigen könnte.
Ihr Mann wollte mir übrigens immer noch an die Wäsche und versuchte mich mit widerlichen kleinen Psychospielchen ins Bett zu kriegen, was ihm nicht gelang, da ich immer noch auf Männer mit schwarzen Lackhosen, Springerstiefel und ausrasierten Schläfen stand. Auf Leinenschlabberhosen, Gesundheitssandalen und säuseliges Geschwafel fuhr ich so gar nicht ab. Ich beschloss mich von alldem zu distanzieren...

Ein paar Jahre später las ich in einer großen deutschen Esoterik-Zeitschrift einen Bekennerbericht einer Frau, die von ihrem Guru sexuell missbraucht worden war. Der Sitz der spirituellen Kommune, den diese Frau als "Tatort" angab, stimmte ziemlich genau mit dem letzten Wohnsitz meiner Freundin überein. Die betroffene Frau, die in ihrer Kindheit langjährigen sexuellen Missbrauch erlebt hatte, schilderte wie ihr "Guru" ihr verklickerte, dass sie ihr "Karma" nur auflösen könne, wenn sie ihm zu Willen sei - gefolgt von anatomisch genauen Angaben, wie dies von Statten zu gehen hatte. Irgendwo trieb ich die Mailadresse von meiner Freundin auf und schrieb ihr von diesem Bericht. Die News waren dort wohl schon längst angekommen, denn ich platze mitten in einen großen Ehekrach. Mit Spiritualität hatte das alles nicht mehr viel zu tun…

Uhanek: Diese Verzerrungen des Tantra-Begriffes tragen im Grunde ja immer den Missbrauch in sich, kommt mir vor. Vielleicht hat das mit dieser unsäglichen, selbstgefälligen Ignoranz zu tun, die sich an fremden Kulturen bedient und ganz beliebig die aus ihrem Kontext gerissenen Versatzstücke fremdkultureller philosophischer Lehren und Praktiken, religiöser Kultformen, mystischer Vorstellungen u.ä. dem eigenen Ego anpassen. Oft scheint es wirklich nichts anderes als reiner Egokult und blanke Nabelschau zu sein.


Sannyas-Zeremonie,
Foto: Samvado Gunnar Kossatz,
Wikimedia Commons

Sati: Das erinnert mich tatsächlich sehr, an diesen Ex-Sanyassin, was Du beschreibst. Um noch mal zu den Lackhosen zurückzukehren… Gothicmode war ja damals sehr kostspielig und durch meine Großmutter mit einem Talent fürs Schneiderhandwerk gesegnet fing ich früh an meine Kleidung selbst herzustellen, was irgendwann soweit ging, dass ich mein eigenes Atelier für Schnürkorsetts eröffnete. Doch, doch ich bin immer noch bei Tantra! Irgendwann hatte ich nämlich mal eine Lieferung an einen benachbarten Swingerclub, der eine meiner Kreationen während einer Swingerparty verlosen wollte. Als ich am späten Nachmittag vor der Veranstaltung dort auftauchte, war man gerade mitten in den Vorbereitungen. Natürlich gab es auch einen Räucherstäbchen bestückten Raum für "Tantra", der ein bisschen aussah wie ein chinesisches Restaurant bei dem man die Tische gegen ein Kingsize Bett mit vielen Bommelkissen eingetauscht hatte

Uhanek: Ach, da sind wir also beim Swingerclub angekommen...

Sati: Genau! In der Korsettszene lernte ich außerdem eine Frau kennen, die nicht nur Korsettliebhaberin sondern auch Philosophie-Dozentin an der Uni war. Eines ihrer Wissensgebiete war so einer Art "philosophische Sexualwissenschaften", das heisst sie erforschte Sexualität in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Sie erklärte mir dass man über Tantra zu einer heilen Sexualität finden könne und dass dies in westlichen Kulturen aufgrund der christlichen Prägung nur schwerlich möglich sei, da die westliche Sexualität vor allem von Machtspielchen geprägt sei, die in der BDSM Szene besonders pervertiert worden seien. Sie nannte derartige Spiele "moderne Sklaverei" - womit sie ja nicht ganz Unrecht hatte ...
Ehrlich gesagt, ich habe immer noch keine Ahnung von Tantra. Ich denke aber, dass ich inzwischen ziemlich genau weiß, was es nicht ist. Das was ich unter diesem Label kennengelernt habe, fand ich meist für einen kurzen Zeitraum auf eine gruselige Art spannend, aber nie wirklich interessant, weil es mir immer wie eine groteske Inszenierung von etwas vorkam, dass eigentlich keinerlei Inszenierung bedarf. Ich liebe Bommelkissen, ich habe ein beachtliche Sammlung an Lederstiefeln und einen Sari hab ich mir kürzlich auch zugelegt. Aber jetzt möchte ich wirklich gerne mal hören, was Tantra eigentlich wirklich ist ...


Ende Teil I


Sat Ma´at & Uhanek


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