DrachenSabber
Das Lächeln des Dalai Lama   Teil III

1989 erhielt Tenzin Gyatso, Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama, den Friedensnobelpreis. Seitdem erfährt der Buddhismus ungeheuren Zulauf und das Bildnis des Mönches, Philosophen und Politikers Tenzin Gyatso ist zur Popikone  „Dalai Lama“ angewachsen, die, eingefärbt in immer neuen schrillen Tönen westlicher Projektionen, einen Platz unmittelbar neben Andy Warhols berühmten Marylin-Siebdrucken verdient hat. So wenig realistisch die Fantasien sind, die auf das in riesigen Auflagen reproduzierte, in gefrorener asiatischer Höflichkeit lächelnde Konterfei des tibetischen Staatsmannes projiziert werden, so realitätsfern sind meist auch die Vorstellungen über den tibetischen Buddhismus, die damit einhergehen.

Obgleich António de Andrade keinen Zweifel daran ließ, dass er den tibetischen Glauben für rückständig hielt, zeichnete er doch insgesamt ein positives Tibetbild, wobei er Gläubigkeit und religiöse Hingabe der Tibeter besonders hervorhob. Nur fünf Jahre nach de Andrade lieferte indes sein Nachfolger Nuño Coresma eine ganz gegenteilige Einschätzung, der zufolge diese Menschen unfähig seien, das Mysterium des Christentums zu verstehen, in nie gekanntem Maße grob und unzivilisiert seien, nicht einmal den Schatten einer religiösen Empfindung hätten und nur in die Tempel gingen, um dort zu essen und zu trinken.

Diese Ansicht mag dadurch begründet gewesen sein, dass die Missionare, die auf de Andrade folgten, nicht mehr zuvorkommend behandelt wurden und zeitweise unter Hausarrest standen, bevor sie das Land wieder verlassen mussten. Möglicherweise spiegelt der Stimmungsumschwung gegenüber den Missionaren auch wieder, dass de Andrades Nachfolger nicht mehr mit dem gleichen Einfühlungsvermögen und der gleichen Sympathie gegenüber den Tibetern auftraten. Zudem hatten die Tibeter mittlerweile verstanden, dass sie getauft und zum Christentum bekehrt werden sollten.

Bis ins frühe 18. Jahrhundert reisten noch weitere Jesuiten nach Tibet, gefolgt von mehreren Kapuzinern. Die Berichte der Kapuziner waren um einige Synkretismustheorien angereichert und legten das Fundament einer Vorstellung, die in Tibet das Schatzhaus eines üppig wuchernden Synkretismus sah. Die meisten bis heute existierenden europäischen Negativbilder über Tibet haben ihren Ursprung im Bericht der Kapuziner: Einige von ihnen sahen im tibetischen Buddhismus das Werk Satans, denn allein der Fürst der Finsternis könne in so perfider Weise eine Religion schaffen, die äußerlich dem Katholizismus so ähnlich sei.

Einer der interessantesten Missionare war der Jesuit Ippolito Desideri, der Lhasa im März 1716 erreichte und fünf Jahre in Tibet verbrachte. Desideri war seiner Zeit in vielfacher Hinsicht voraus. Anders als die meisten anderen Tibetreisenden befasste er sich ernsthaft und genau mit der tibetischen Kultur, arbeitete sich in deren Inhalte ein, ohne sich von vermeintlichen äußeren Ähnlichkeiten blenden zu lassen, und verfasste einen ungeheuer detailreichen und, trotz inhaltlicher Kritik, akkuraten Bericht, in dem er auch versuchte, gängige Fehlinformationen über Tibet zu korrigieren. So vertrat er zwar die Ansicht, es handele sich letztlich um eine „falsche Sekte“ und eine „höchst merkwürdige Religion“, bemühte sich aber dennoch nach Kräften um eine treffende Deutung dessen, was er vorfand. Unter dem Namen Gokargyi Lama, der „weißköpfige Lama“, verfasste er schließlich sogar eigene tibetische Schriften mit Titeln wie Dschungkhung „Über den Ursprung der Dinge“, in der er sich in Form eines sokratischen Dialoges mit dem buddhistischen Leerheitsbegriff auseinandersetzt, oder auch Nyingpo „Die Essenz“ und Thorang „Die Morgenröte“, in denen er sich ebenfalls mit einer Darlegung christlicher Inhalte und dem Versuch einer Widerlegung buddhistischer Lehren befasst. In diesen Arbeiten zitiert Desideri ausführlich aus kanonischen und nichtkanonischen Texten des Buddhismus. Seine Auseinandersetzung mit dem tibetischen Buddhismus war so gründlich und ausführlich, dass er heute als erster Tibetologe gilt.

Bezeichnenderweise dauerte es fast 200 Jahre, bis sein Bericht in Europa veröffentlicht wurde, und noch einige Jahrzehnte mehr, bis man ihn zur Kenntnis nahm. Tatsächlich scheint sich das Tibetbild durch die Jahrhunderte immer vorwiegend am Bedürfnis des westlichen Publikums nach wundersamen Geschichten über das Fremde orientiert zu haben, als an tatsächlichem Wissen. So hatten die reine Fiktion und die Fehldeutung in der Verbreitung stets Vorrang vor der gesicherten Erkenntnis und der Schilderung aus erster Hand.  Dies betraf auch Desideri. Kurz nach seiner Ankunft in Lhasa hatte er einen Brief verfasst, der – wie er selbst später einräumte – zwei schwerwiegende Fehler enthielt. Er behauptete dort, die Tibeter würden nicht an die Seelenwanderung glauben, sondern nach Eintritt des Todes direkt in den Himmel oder die Hölle gelangen. Zudem schrieb er, sie hätten eine gewisse Kenntnis von Gott und der heiligen Dreifaltigkeit. Dieser Brief wurde ohne Desideris Kenntnis und Einverständnis umgehend veröffentlicht und als Beleg immer weiter zitiert, während Desideris Richtigstellung erst Ende des 19. Jahrhunderts publiziert wurde.

Desideri bildete in seinem Bemühen, zu einem korrekten Verständnis des Buddhismus und der Kultur Tibets zu gelangen, in Europa seiner Zeit eine große Ausnahme und hob sich auch dadurch ab, dass er sich kritisch mit anderen Autoren auseinandersetzte. So widersprach er etwa Athanasius Kircher, der in seinem reich bebilderten Werk China Illustrata behauptete, der Große Lama (Dalai Lama) könne nur von einigen engen Freunden gesehen werden und die Tibeter würden einen Gott mit Namen Manipe verehren, den sie mit „O Manipe mi hum“ anbeteten. Während er jedoch Kircher noch zugestand, auch einige Wahrheiten zu verbreiten, sprach er dies dem Franzosen Jean-Baptiste Tavernier vollkommen ab, der über ein Land schreibe, das er nie betreten habe, weshalb alles, was er darüber schreibe, ohne Wahrheit, reine fantastische Erfindung und wertlos sei.

Bei all seiner Genauigkeit verfiel allerdings auch Desideri einem Mythos, der auch heute noch sehr lebendig ist, nämlich dem des friedliebenden Tibeters. Er schien sich des Widerspruches auch keineswegs bewusst gewesen zu sein, einerseits die Meinung zu vertreten, Tibet sei ein friedliebendes Land, und gleichzeitig ausführlich über Kriege und bürgerkriegsartige Zustände zu berichten, in denen „Gelbmützen-Mönche“ die „Rotmützen-Mönche“ folterten und ermordeten, Klöster plünderten und zerstörten, Bücher verbrannten, Statuen zerstörten und ein allgemein Verbot erließen, zu Urghien (Guru Padmasambhava) zu beten oder auch nur seinen Namen zu nennen.

Sieht man aber von diesem Widerspruch ab, war Desideri mit seiner ungeheuer gelehrten und differenzierten Sichtweise seiner eigenen Zeit weit voraus. Dies mag erklären, weshalb seine Texte für so lange Zeit schlichtweg in den Schubladen verschwanden. Selbst nach der Entdeckung seiner Texte wurde er lange verkannt, offenbar weil das von ihm gezeichnete Tibetbild nicht den gängigen Vorstellungen und Klischees entsprach.

Die Auseinandersetzung mit Tibet war durch die Jahrhunderte bis heute immer wieder gekennzeichnet durch die Hervorhebung des „absonderlichen Anderen“ aus einer eurozentrischen Perspektive und die Versuche einer „Übersetzung“ des als fremd oder unerklärlich empfundenen in Bekanntes. So wurden und werden die Tibeter mit den Ägyptern, den Inkas, den Indianern und den Gnostikern in Beziehung gebracht. Der Buddhismus wurde dem Katholizismus und dem Satanismus gleichgesetzt, wurde mit Begriffen wie Okkultismus,  Hexerei und der Magie belegt.  Diese Vergleiche wurden vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts durch die Theosophen immer mehr verfeinert, die sich zwar immer wieder auf die Tibeter beriefen, doch tatsächlich lediglich Banalitäten und Unwahrheiten verbreiteten.  Die Hauptmotive in dieser Auseinandersetzung mit einem fantasierten Tibetbild sind die Suche nach dem Ursprung und der Traum von einem verbotenen Reich der Mysterien als Gegenwelt zur westlichen Kultur.  Und der Dalai Lama nimmt in den meisten dieser Fantasien im Guten wie im Schlechten meist eine zentrale Stellung ein.


Ende Teil III

Uhanek


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