DrachenSabber
Das Lächeln des Dalai Lama   Teil II

1989 erhielt Tenzin Gyatso, Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama, den Friedensnobelpreis. Seitdem erfährt der Buddhismus ungeheuren Zulauf und das Bildnis des Mönches, Philosophen und Politikers Tenzin Gyatso ist zur Popikone  „Dalai Lama“ angewachsen, die, eingefärbt in immer neuen schrillen Tönen westlicher Projektionen, einen Platz unmittelbar neben Andy Warhols berühmten Marylin-Siebdrucken verdient hat. So wenig realistisch die Fantasien sind, die auf das in riesigen Auflagen reproduzierte, in gefrorener asiatischer Höflichkeit lächelnde Konterfei des tibetischen Staatsmannes projiziert werden, so realitätsfern sind meist auch die Vorstellungen über den tibetischen Buddhismus, die damit einhergehen.

Tibet, das Reich westlicher Träume

Tibet erscheint europäischen Menschen auch heute bisweilen noch als weit entfernte Fremde, abseits des vermeintlich geschlossenen europäischen Kulturgebietes. 1998 erklärte mir ein Politologe in eifernder heiliger Wut, dass Griechenland die Wiege der europäischen Kultur sei und Länder wie Indien und Tibet eben weit außerhalb der „europäischen Kulturgemeinschaft“ lägen, dass gar ihre Sprachen so sehr fremd und daher eigentlich unübersetzbar seien. Buddhismus und Hinduismus und überhaupt „das asiatische Denken“ sei aus diesem Grunde für europäische Menschen unverständlich. In neuheidnisch-esoterischem Zusammenhang wurde mir sogar ein paarmal die Ansicht präsentiert, dass es eben grundsätzliche Unterschiede auf biologischer Ebene zwischen „dem Europäer und dem Asiaten“ gebe und dass sich diese Verschiedenheit auch in einem völlig verschiedenen Denken äußere.

Das so oder ähnlich konstruierte Bild zeigt Europa wie eine Insel inmitten der Kulturen und Kontinente. Wohl gehütet unter einer Art Kulturkäseglocke entwickelte sich, angeblich ausgehend von Griechenland, die vermeintliche Spitze der kulturellen Evolution, die ihren Höhepunkt in einem der Länder Mittel- oder Nordeuropas fand. Dementsprechend sollte ja schon einmal am deutschen Wesen die Welt genesen. Und passt uns das deutsche Wesen nicht, na dann nehmen wir eben das englische oder französische oder weichen, wenn es denn sein muss, gegebenenfalls auf eins der skandinavischen Länder aus. Zuweilen werden aber natürlich auch die USA als Spitze der Spitze der kulturellen Evolution gedeutet – als äußerste Zuspitzung sozusagen, um es ein wenig überspitzt zu formulieren. So können wir ja immer wieder beobachten, auf welche Weise und mit welchen Folgen insbesondere ressourcenreiche Länder durch die USA von ihren eigenen Unterdrückern befreit und in den Schoß westlicher Leitkultur überführt werden sollen.

Aus einer solchen Perspektive mag es sicherlich so erscheinen, als seien Tibet und die tibetische Kultur gerade erst kürzlich von Aliens auf unserem Planeten abgesetzt worden. Und was in einem so großen Maß als fremdartig erachtet wird, das lässt sich umso leichter falsch interpretieren. Doch immerhin entstehen auf diese Weise beliebte Geschichten, die von Generation zu Generation als angebliche Fakten weitererzählt werden.

Das älteste Zeugnis einer europäischen Auseinandersetzung mit sagenhaften Vorstellungen um ein Traumland Tibet finden wir in Herodots Geschichtsbüchern aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert. Im dritten Buch werden „die äußersten Länder der Erde“ behandelt und dort ist von Stämmen die Rede, die nördlich der „anderen“ Inder leben. Bei ihnen gibt es Herodot zufolge seltsame Riesenameisen, die beim Bau ihrer unterirdischen Gänge goldhaltigen Sand aufwerfen. Am Morgen kommen dann Goldjäger, die in höchster Eile so viel von dem Goldsand wie möglich einsammeln und schnell die Flucht ergreifen, denn die Riesenameisen werden durch den Geruch auf die Menschen aufmerksam und nehmen sogleich die Verfolgung auf. Bevor aber jemand anfängt darüber zu lachen, ist anzumerken, dass es ein Sanskritwort gibt (pipilaka), das ein vom Wort für Ameise abgeleitetes Adjektiv ist und substantiviert ein besonderes Gold bezeichnet. Zudem sind in tibetischen Kulturgebieten tatsächlich Geschichten über goldgrabende Ameisen im Umlauf.

Erste Nennungen von Volks- und Flussnamen, die mit Tibet in Verbindung gebracht werden können, finden sich in der Geografike hyphegesis des Klaudios Ptolemaios (90-180 n.Chr.), die bereits auf älteren Geographien beruht und bis ins 16. Jahrhundert (!) maßgebend blieb. Hier findet sich der Volksname Hai Bautai und der Flussname Ho Bautisos, die beide aufgrund einer sehr genauen Lokalisierung in Tibet vermutet werden können. „Bautai“ leitet sich höchstwahrscheinlich von dem indischen Wort Bhota ab, das von der Eigenbezeichnung der Tibeter (bod) stammt und seit dem Altertum bis in die Gegenwart in indischen Sprachen „Tibeter“ bedeutet. Bei dem Fluss Bautisos handelt es wahrscheinlich um Tibets Hauptfluss, den Tsangpo. Zudem waren Ptolemaios offenbar auch tibetische Überlieferungen bekannt. So erwähnt er etwa einen „im Malayagebirge gelegenen kupferfarbigen Berg“, der sogar in Details Ähnlichkeiten aufweist mit der Beschreibung des „kupferfarbigen Bergpalastes“ (Sangdogpalri) von Padmasambhava.


Gesandte, Händler und Missionare

Es ist hier natürlich nicht möglich, alle Berichte durch die Jahrhunderte aufzuzählen. Für die europäische Wahrnehmung Tibets spielten indirekt mittelalterliche Reiseberichte eine gewisse Rolle. Gesandtschaften von Papst Innozenz IV. und König Ludwig IX., der Franziskanermönch Odorico de Pordenone und Marco Polo berichteten im 13. Jahrhundert von ihren Reisen, die sie zu den Mongolen geführt hatten. Sie alle berichteten von Begriffen und Eigentümlichkeiten des tibetischen Buddhismus, dem sie bei den Mongolen begegnet waren. Marco Polo erzählt von den Zauberkräften der Lamas im Gefolge des Khans, während Odorico davon berichtet, dass der Name des höchsten Lamas auf Tibetisch wie „Papa“ klinge, also wie die lateinische Bezeichnung für Papst (id est papa in lingua sua). Offenbar meinte er damit den berühmten Phagpa Lama, der im 13. Jahrhundert am Hof des Kubilai Khan in höchstem Ansehen stand. Dieses Staunen über ein tatsächliches oder vermeintliches Übereinstimmen von christlich-europäischen und buddhistisch-tibetischen Gegebenheiten sollte in den folgenden Jahrhunderten noch eine wichtige Rolle in der Entstehung westlicher Tibetmythen spielen.

Zur ersten nachhaltigen Begegnung zwischen dem Westen und Tibet kam es in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Gestalt des Jesuitenpaters António de Andrade (1580-1634) der gemeinsam mit seinem Begleiter Pater Manuel Marques ins westtibetische Königreich Guge reiste. Er verfasste ein Buch mit dem Titel Neue Entdeckung des Großen Catay oder des Königreichs Tibet, das recht bald nach der portugiesischen Ausgabe im Jahre 1626 auch in weitere europäische Sprachen übersetzt wurde. Diese Reise fand auf der Grundlage des zu der Zeit kursierenden Mythos statt, dass die Tibeter Christen seien. Es waren Geschichten im Umlauf, dass angeblich im chinesisch-tibetischen Gebiet Nestorianer lebten oder auch, dass es sich um das Volk des allwissenden christlichen Erlösers und Priesterkönigs (Presbyter) Johannes handelte, der angeblich im 12. Jahrhundert in Zentralasien über ein paradiesisches Reich geherrscht habe. Zudem weist ein Dokument im römischen Archiv der Gesellschaft Jesu darauf hin, dass die Reise de Andrades als Erfüllung einer biblischen Prophezeiung verstanden wurde, der zufolge das die Apokalypse überlebende Volk auf einem gewaltigen, alles überragenden Berg wohnen werde.

Obwohl er selbst kaum die tibetische Sprache beherrschte, unternahm de Andrade von Indien kommend zweimal die mühselige Reise (im Sommer 1624 und im Sommer 1625), wobei er detaillierte Missionsberichte verfasste. In Tibet angelangt erkannte de Andrade, dass er einem Mythos aufgesessen war und es sich bei den Tibetern nicht um Christen handelte, doch glaubte er enge Affinitäten zwischen dem Christentum und dem Buddhismus zu erkennen. Von allen Religionen schien der Buddhismus dem Christentum am nächsten zu stehen, gefolgt vom Islam und Hinduismus als Schlusslicht innerhalb dieser Hierarchie.

Die Tibeter werden sehr wohlwollend von de Andrade beschrieben. Sie seien „größtenteils liebenswürdig, mutig und fromm“, und sie liebten den Kampf, den sie immerfort übten. Er schreibt dann weiter, dass sie barmherzige Menschen und dem „Gottesdienst“ sehr zugeneigt seien, dass man selten ein unbescheidenes oder zorniges Wort höre und dass es sich anscheinend um ein sehr friedliches Volk handele. Hier zeigt sich ein grundlegender Widerspruch, der bis in die Gegenwart in der europäischen Wahrnehmung der tibetischen Kultur fortwirkt: Handelt es sich um ein „tapferes und kriegserprobtes Volk“, wie es an anderer Stelle heißt, oder um ein friedliebendes und pazifistisches? Bei de Andrade jedenfalls scheint die Feststellung, dass die Tibeter sehr fromm seien, den Aspekt, dass dieses Volk den Kampf liebe und immerzu übe, völlig zu überstrahlen. Das eine scheint in der europäischen Wahrnehmung das andere weitestgehend auszuschließen.

De Andrades Beschreibung der tibetischen Religion ist recht abwertend, doch sieht er auch viele Dinge, die er in Beziehung zu christlichen Vorstellungen setzt und daher respektiert, so etwa die Verwendung von Blasinstrumenten, Malas und Trinkschalen aus menschlichen Knochen, deren Verwendung dazu diene, den Tod und die Vergänglichkeit der Freuden vor Augen zu führen. So war er der erste Autor, der sich mit der tibetischen Sicht des Todes, ihrer „ars moriendi“, wie er sagt, auseinandersetzte – ein Aspekt, der bis heute viele westliche Menschen in besonderem Maße fasziniert und seit de Andrade von unzähligen Autoren aufgegriffen wurde. Auch de Andrades Methode, zu einem Verständnis dessen zu gelangen, was er beobachtete, ist bis heute weit verbreitet: Er blickt auf Bilder, Handlungen und Begriffe, setzt sie in eine Beziehung zu seinen eigenen, christlichen Vorstellungen, und glaubt so, zu einem Verständnis zu gelangen. So interpretiert er eine Gottheit, die ein Schwert in der Hand hält, als den Erzengel Gabriel, wenngleich auch die Flügel und die Waage fehlen. Oder er erblickt in den drei Zufluchtsobjekten Buddha, Dharma (die Lehre) und Sangha (die Gemeinschaft) die christliche Dreifaltigkeit Vater, Sohn und heiliger Geist.

Insgesamt vermittelt de Andrade ein sympathisches Bild der Tibeter, auch wenn er den tibetischen Glauben für rückständig hält. Nach eigenen Aussagen stand er dem König nahe, was aber vermutlich damit zu tun hatte, dass er – nicht zuletzt wohl auch aufgrund seiner mangelnden Sprachkenntnisse – nie deutlich zum Ausdruck brachte, dass er und seine Begleiter keine Buddhisten waren. Dies mag auch der Grund dafür gewesen sein, dass er „eine große Neigung zum Empfang der heiligen Taufe“ wahrzunehmen glaubte, was jedoch ebenfalls eine Fehleinschätzung war. Obwohl es in den Jahrhunderten nach de Andrade immer wieder Bekehrungsversuche durch christliche Missionare gab, wechselten nur sehr wenige Tibeter zum Christentum.


Ende Teil II

Uhanek


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