DrachenSabber
Das Lächeln des Dalai Lama   Teil I

1989 erhielt Tenzin Gyatso, Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama, den Friedensnobelpreis. Seitdem erfährt der Buddhismus ungeheuren Zulauf und das Bildnis des Mönches, Philosophen und Politikers Tenzin Gyatso ist zur Popikone  „Dalai Lama“ angewachsen, die, eingefärbt in immer neuen schrillen Tönen westlicher Projektionen, einen Platz unmittelbar neben Andy Warhols berühmten Marylin-Siebdrucken verdient hat. So wenig realistisch die Fantasien sind, die auf das in riesigen Auflagen reproduzierte, in gefrorener asiatischer Höflichkeit lächelnde Konterfei des tibetischen Staatsmannes projiziert werden, so realitätsfern sind meist auch die Vorstellungen über den tibetischen Buddhismus, die damit einhergehen.

Heilige in roten Roben

Weit verbreitet ist das Klischee von den „Heiligen in roten Roben“, das Tibetern ein Übermaß an Tugend, Weisheit und spiritueller Kraft zuweist, wenn sie die Mönchsroben tragen. Ausgeweitet auf das tibetische Volk werden dem tibetischen Menschen besondere Eigenschaften wie eine ihm inhärente außergewöhnliche Friedfertigkeit und Sanftmut, spirituelle Hingabe und mystische Befähigung unterstellt, die ihn von den Menschen anderer Völker zu unterscheiden scheinen. Bestärkt werden diese Projektionen durch Texte des Dalai Lama selbst, die, außerhalb des Kontextes buddhistischer Philosophie und tibetischer Geschichte rezipiert, bisweilen Anlass zu verschiedenen Missverständnissen geben können. So lesen wir in einem Buch mit dem Titel „Den Geist erwecken, das Herz erleuchten“ (Dalai Lama 1996: 41-42):

„Die Unterweisungen des Buddha erörtern viele Methoden, mittels derer man Mitgefühl, Geduld, ein Verständnis der Wirklichkeit und so weiter erzeugt. Sie enthalten viele eindrucksvolle Argumente, die uns dabei helfen können, negative Zustände wie Feindseligkeit und Gewalttätigkeit abzubauen. Das kulturelle Erbe Tibets wurde durch die Unterweisungen des Buddha außerordentlich bereichert. Infolgedessen besitzt unsere Bevölkerung große innere Ruhe.“

Und in seinem Buch „Der Weg zur Freiheit“ (Dalai Lama 1996: 87) heißt es u.a. zur buddhistischen Praxis der Zufluchtnahme:

„Einer der Vorteile der Zuflucht besteht darin, dass alle Missetaten, die du in der Vergangenheit verübt hast, geläutert werden können; denn Zufluchtnahme bringt es mit sich, dass man die Führung des Buddha akzeptiert und einem Pfad tugendhaften Handelns folgt. Die meisten negativen Handlungen, die du in der Vergangenheit begangen hast, können gemildert und abgebaut, und deine Vorräte an Verdienst können vergrößert werden.“

Derartige Texte führen leicht zu träumerischen Fehlschlüssen, die den tibetischen Buddhismus, die tibetische Kultur und tibetische Menschen in das von Mystikern bewohnte, verklärte Friedensreich „Shangri-La“ versetzen. Die Wirklichkeit hinter den Klischees vom friedfertigen Buddhismus und einem in Tibet lokalisierten Shangri-La ist indes eine ganz andere. Trotz ihrer sehr reichen spirituellen und philosophischen Überliefungen waren die Kulturen der tibetischen Hochebene nie so friedfertig, wie es der westliche Schangri-La Mythos erträumt. Doch Tibet galt der westlichen Fantasie nicht nur als mythisches Friedensreich. Neben der Idealisierung gibt es im Westen auch eine starke Tradition einer dämonisierenden Sicht, die in der tibetischen Kultur eine Quelle und Brutstätte vielerlei Übel und bisweilen gar eine Bedrohung für die gesamte Menschheit sieht. Im Brennpunkt derartiger Fantasien und Projektionen steht meist die idealisierte oder dämonisierte Gestalt des Dalai Lamas, die vermeintlich im Guten wie im Bösen alle Fäden zu ziehen scheint.

Derartige Mythenbildungen folgen einer Tradition, die sich bei Marco Polo bereits andeutete, doch ihren eigentlichen Anfang im 17. Jahrhundert mit den Reisen der Missionare nahm, deren oft höchst verzerrende Berichte und absurden Fehldeutungen in einem Europa, das in fremden Ländern nur das „absonderliche Andere“ sehen wollte, auf einen fruchtbaren Boden fiel. So ist die Auseinandersetzung mit Tibet und dem tibetischen Buddhismus bis heute meist weniger von dem Wunsch geprägt, dieses Andere inhaltlich zu verstehen, als vielmehr durch eine eurozentrische Paranoia, und Xenophobie, ein Bedürfnis nach narzistischer Selbstbespiegelung oder auch eine Lust an romantischen Gefühlsduseleien. Die Beschäftigung mit „dem Anderen“ ist dabei in der Regel schlichtweg eine Beschäftigung mit sich selbst, mit den eigenen Wünschen und den eigenen Ängsten, wobei die Kultur „der Anderen“ lediglich als Leinwand für die eigenen Projektionen missbraucht wird.

Der aus der Bön-Tradition stammende Dzogchen-Meister Tenzin Wangyal  umreißt  die fehlerhafte Sichtweise mancher westlicher Anhänger des Buddhismus wie folgt:

„Einige Menschen im Westen rebellieren dagegen, dass die westlichen Erziehungssysteme das intellektuelle Wissen so stark betonen. Deshalb fühlen sie sich von Meistern angezogen, die ihnen als antiintellektuell erscheinen. Sie glauben, sie könnten mit Hilfe jener Lehrer ihre Vorstellungen oder Phantasien über „Spiritualität“ aufrechterhalten und es so vermeiden, etwas neues lernen zu müssen, um sich geistig weiterzuentwickeln.“ (Wangyal, Tenzin: Der kurze Weg zur Erleuchtung. Frankfurt a.M. 1997: 32)

Es ist sicher nicht die Intention des Dalai Lamas, realitätsferne Vorstellungen zu erzeugen. Tatsächlich folgt er in den oben genannten Büchern der Lehrtradition seiner philosophischen Schule, dem im 15. Jahrhundert gegründeten Gelugpa-Orden, und verknüpft seine Darlegungen mit Verweisen auf die Tragödie seines Volkes. Diese Vorgehensweise hilft bei der Schaffung einer Tibet-Lobby im Westen, stärkt die Position des Dalai Lamas gegenüber China und in politischen Machtkämpfen innerhalb der tibetischen Exilgemeinde selbst. Darüber hinaus folgt er dem Wunsch vieler westlicher Menschen nach Belehrungen über buddhistische Philosophie und Praxis. Es schafft jedoch auch eine Grundlage für die Übertragung einer Reihe von  zum Teil jahrhundertealten Problemen in den Westen.

Der vermeintlich einheitliche Buddhismus Tibets ist  heute in vier Schulen unterteilt, fünf, folgt man dem Dalai Lama, der seit Beginn der neunziger Jahre die Schule des so genannten reformierten Bön (Yungdrung Bön) offiziell als gültige buddhistische Schule akzeptiert hat. Sechs Schulen schließlich, nimmt man den Jonang-Orden hinzu, der lange Zeit als verschwunden galt, nachdem die Gelugpas im 17. Jahrhundert systematisch an dessen völliger Vernichtung gearbeitet haben. Tatsächlich existieren im südlichen Amdo und nördlichen Gyarong bis heute Jonang-Klöster, die sich in den vergangenen Jahrhunderten dem Einfluss der Gelugpas entziehen konnten.

Unter diesen Schulen nimmt vor allem die Gelug-Schule, der auch der Dalai Lama angehört, in einem durch fundamentalistische Macht- und Wahrheitsansprüche geprägten Ränkespiel eine herausragende Rolle ein, die nicht allein die anderen Schulen, sondern auch jeden Prozess der Öffnung innerhalb des Gelug-Ordens selbst betrifft. Im Zuge der Demokratisierung im Exil hat der im alten Tibet ehemals allein herrschende  Gelug-Orden an Einfluss verloren, während gleichzeitig die anderen Schulen und der reformierte Bön an Einfluss und Macht gewonnen haben. Der Dalai Lama erscheint hierbei als Vertreter der im 19. Jahrhundert entstandenen Rime-Bewegung, d.h. einer nichtsektiererischen Bewegung, die sich für einen toleranten Pluralismus einsetzt. Dies führte in jüngster Zeit zu einem gewaltsamen Konflikt mit einer reaktionären, fundamentalistischen Minderheit innerhalb der Gelug-Schule, den Anhängern des Shugden-Kultes. Dieser Konflikt wurzelt im Kult der Schutzgottheiten und reicht zurück ins 17. Jahrhundert zum 5. Dalai Lama.

Wer also ist der Dalai Lama? Er ist Mönch, Philosoph, Politiker, eine der wichtigsten Integrationsgestalten innerhalb der spirituellen Traditionen Tibets und ein spiritueller Lehrer. Er ist eine vielschichtige Persönlichkeit, die innerhalb des tibetischen Buddhismus und der tibetischen Kultur ein wichtiges Amt bekleidet, das seit etwa fünfhundert Jahren besteht. Die westliche Rezeption der Person, des Amtes und der tibetischen Kultur allgemein ist zu weiten Teilen seit Jahrhunderten von immer gleichen Projektionen und Fantasien gekennzeichnet. In den nächsten Teilen dieser Artikelreihe geht es daher sowohl um den Dalai Lama in seinem historischen und kulturellen Kontext, als auch um einen geschichtlichen Abriss zur westlichen Auseinandersetzung mit „dem Anderen“.


Ende Teil I


Uhanek


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