Betreut von Uhanek
DrachenSabber
Die Heiligkeit der Welt   Teil III
Buddhisten, die den Vajrayana praktizieren, bewegen sich durch eine dynamische Welt reiner Sinnlichkeit, klare Weite, die erfüllt ist von fließenden, Muster bildenden Energien. Die Welt, das ist das Spiel der fünf Elemente. Gemeint sind die Elemente Raum, Wind, Feuer, Wasser und Erde.

Der Buddha suchte und fand die Befreiung vom Leiden. Der leidhafte Zustand der Illusion ist Samsara, also Verwirrung, Wahnsinn und Lüge mit all ihren leidhaften Verstrickungen. Heutzutage bewegen wir uns durch eine Zeit, die als Kaliyuga, das dunkle Zeitalter, bezeichnet wird. Es ist eine Zeit, in der die dämonischen Kräfte Samsaras sich zu so großer Macht ausgeweitet haben, dass es immer schwerer wird, die Wege zur Befreiung zu finden, denn selbst wenn wir einen solchen Pfad gefunden haben, werden wir von immer neuen Verwirrungen und Zweifeln geplagt. Es ist eine Zeit, in der wir auf all unseren Daseinsebenen auf immer neue Weise vergiftet und betäubt werden. Dies wiederum zieht viele sekundäre Leiden und Probleme nach sich. So sind die Vergiftungen und Verunreinigungen unserer drei Tore – des Körpers, der Stimme und des Geistes – unser primäres Problem, aber sie bewirken eine Fülle äußerer leidhafter Erfahrungen.

Gemäß der tantrisch-buddhistischen Sichtweise bewegen wir uns durch eine Welt, die von unermesslich vielen Arten empfindender Wesen bevölkert ist. Hierbei machen diejenigen Daseinswelten, die wir mit unseren Sinnen erfassen können – also die menschlichen und tierischen Existenzformen -, nur einen Bruchteil dessen aus, was tatsächlich um uns herum vorhanden ist. Der Buddhismus beschreibt darüber hinaus viele weitere, subtilere intelligente Daseinsformen, die Samsara ebenfalls bevölkern und uns umgeben. Wir interagieren mit ihnen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Da sie genau wie wir verblendete, von Leiden heimgesuchte Wesen sind, können wir ihnen durch unser blindes, unbewusstes, zutiefst ignorantes und selbstsüchtiges Dasein Schaden zufügen, was diese damit quittieren, dass sie uns vielfältige körperlichen und psychische Krankheiten schicken.

Unter den verschiedenen machtvollen Wesen bilden die Mamos (tib.) oder Matrikas (skt.) eine der wichtigsten und gefährlichsten Klassen. Ihr Name bedeutet „Mütter“ und unter den machtvollen Wesen sind sie die ältesten, denn sie repräsentieren den Aspekt des Universums, den wir als „Materie“ wahrnehmen. Wird ihr Daseinsbereich verletzt, so schicken sie Krieg und verheerende Seuchen. Insbesondere in diesem dunklen Zeitalter, in dem selbst der Vajrayana, das „Große geheime Mantra“, nicht unangetastet bleibt und von manchen in banale Zauberei, reine Psychologie oder ähnliches verzerrt wird, wird ihr legendärer Zorn entfesselt:

„Wenn die Söhne nicht mehr auf die Worte ihrer Väter hören,
eine böse Zeit, wenn Verwandte streiten,
wenn sich die Leute in schlampige Lumpen kleiden,
wenn sie sich mit schlechtem, billigem Essen ernähren,
wenn es Familienfeden und Zivilkriege gibt:
All dies provoziert den Zorn der schwarzen Mamos.
Diese vielfältigen Frauen füllen tausend Daseinsbereiche.
Sie schicken Krankheit zu Mensch und Tier.
Der Himmel ist dick erfüllt von dunklen Wolken der Krankheit.
Sie entfesseln kosmischen Krieg.
Sie vernichten, indem sie ein Zeitalter der Waffen einleiten.
Plötzlich schlagen sie die Menschen mit tödlichen, eitrig-geschwürigen Wunden.
Kühn werfen sie Hagel und Blitzschläge herab.“

Bildliche Darstellungen zeigen die Mamos meist ausgestattet mit einem Ledersack, der verschnürt ist mit einer Giftschlange. Er ist gefüllt mit Giften und Seuchen, die von den Müttern verspritzt werden, wenn ihr Zorn erregt wurde. Neue, bisher noch nicht gekannte Seuchen gelten als das Werk der Mamos. Hier liegt nach buddhistischem Verständnis z.B. auch der Ursprung von AIDS. Und um hier gleich einem ganz typischen Missverständnis entgegen zu wirken: Es geht nicht um eine individuelle Schuld, die von den Mamos bestraft wird, es geht um kollektives menschliches Fehlverhalten. Das Individuum kann sich nur darum bemühen, achtsam zu handeln und den Zorn der Mütter zu beschwichtigen.

Die Mamos insgesamt sind zwar machtvolle, jedoch samsarische Wesen wie wir. Es gibt jedoch auch unter ihnen erleuchtete Wesen. So nennen die höchsten Tantras der Nyingma-Schule oder der alten Tradition des tibetischen Buddhismus eine Mamo, die in den Rang einer überweltlichen Weisheitsdakini erhöht ist, d.h. sie ist ein im Daseinsbereich der Mamos manifestiertes erleuchtetes Wesen. Sie repräsentiert die „befreiende Zauberei“ oder den „befreienden Fluch“ (tib. mamo bötong), durch die sie die Verbindung des Praktizierenden mit der heiligen Welt beschützt. Wenn sich also z.B. ein Praktizierender des Vajrayana eine respektlose Haltung gegenüber der Heiligkeit angewöhnt, so hat dies giftige Ergebnisse zur Folge. Die Praxis dieser Meditationsgottheit ist daher ein äußerst kraftvolles Erinnerungsmittel für den Praktizierenden, um seine spirituellen Versprechen (samaya) zu stärken und seinen Sinn für die Kostbarkeit des Lebens zu schärfen.

Die Mamos bilden eine Kategorie von insgesamt acht Klassen machtvoller Wesen, die den Menschen umgeben. Die Klasse der Nagas etwa umfasst insgesamt drei Arten von Wesen, die die Gewässer und den Erdboden bevölkern. Werden sie provoziert, so bewirken sie verschiedene Hautkrankheiten, Lepra u.ä. Die anderen Klassen bewirken Lähmungen, Epilepsien, Krebs, Wahnsinn, Streit, Krieg oder auch Unfälle. Eine jede der acht Klassen repräsentiert einen Aspekt der uns umgebenden Welt und jeder dieser Aspekte ist gleichermaßen eine Spiegelung unserer inneren Beschaffenheit. Wir sind also nicht Opfer einer feindlichen, dämonischen Umwelt, sondern die von uns erlebte Umwelt spiegelt die Dämonie der in uns bestehenden Geistesgifte.

Es mag vielleicht langsam deutlich werden, dass Buddhismus weder ein Synonym für Weltabgewandtheit oder  Körperfeindlichkeit, noch eine seichte Wellness-Übung ist, die der Entspannung und dem persönlichen Wohlbefinden dient. So empfiehlt etwa Dzongsar Khyentse Rinpoche solchen Menschen, die nur meditieren wollen, um sich „gut zu fühlen“, um „glücklich“ oder „entspannt“ zu sein, sie sollten doch lieber zusehen, dass sie eine Ganzkörpermassage bekommen, statt zu versuchen, den Dharma zu praktizieren.

Den Buddha-Dharma zu praktizieren bedeutet, sich einer anspruchsvollen Übung zu unterziehen, die den Geist klärt, die Achtsamkeit schärft, das Mitgefühl entwickelt, die uns dabei hilft, die dualistischen Aufspaltungen in Selbst und Andere, Ich und Welt, Zuneigung und Abneigung usw. zu überwinden und dadurch fähig zu werden, die heilige, ursprünglich reine Welt in das eigene Dasein zu integrieren. Daraus resultiert ein entsprechendes Handeln. Wird der Körper als etwas Heiliges erkannt, das die Grundlage auf dem Weg zur Erleuchtung darstellt, so wird er gepflegt und sowohl äußerlich, als auch innerlich rein gehalten. Wir werden achtsam hinsichtlich unserer Nahrung, werden fähig, Genussgifte zu erkennen und zu vermeiden, können die natürlichen Rhythmen von Ruhe und Aktivität angemessen beachten und Exzesse aller Art vermeiden. Dies hilft uns dabei, unsere Energie auszugleichen und zu harmonisieren, wodurch wiederum die Übungen des Geistes intensiviert werden und schnellere Resultate bringen. So können wir innere Zufriedenheit, Entspannung und Gelassenheit entwickeln, was zu äußerer Genügsamkeit führt. So in den mittleren Weg zwischen allen Extremen eingetreten, können wir dann auf vielen Ebenen zum Nutzen aller empfindenden Wesen handeln. Wir sind dann Teil dieser heiligen Welt und unser Handeln ist natürlich und ungekünstelt auf ihr Wohl gerichtet.


Uhanek


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