DrachenSabber
Die Heiligkeit der Welt   Teil II

Buddhisten, die den Vajrayana praktizieren, bewegen sich durch eine dynamische Welt reiner Sinnlichkeit, klare Weite, die erfüllt ist von fließenden, Muster bildenden Energien. Die Welt, das ist das Spiel der fünf Elemente. Gemeint sind die Elemente Raum, Wind, Feuer, Wasser und Erde.

Die inneren und äußeren Umstände und Ereignisverläufe sind eine Widerspiegelung des Fließens der inneren subtilen Energien und des Wehens der karmischen Winde. Die Erfahrung der Sonne und ihres Verlaufs ist eine Spiegelung des Verlaufs der solaren Energie während des Tages. Die Erfahrung des Mondes und der Sterne spiegeln den Verlauf der lunaren Energie während der Nacht. Die Erfahrung des Raumes spiegelt die Grenzenlosigkeit des ursprünglichen Bewusstseins. Wohlgemerkt: Das Äußere ist Spiegelung des Inneren, nicht umgekehrt. Karma wiederum zeigt sich in den Ereignissen und Ereignisverläufen, sowie in der Art unseres Erlebens.

Der buddhistische Weg ist ein Pfad tiefgründiger Transformation. Der Körper und die Erscheinungen werden als unermesslich kostbare Manifestationen der befreienden Energien erkannt. Anders als in vielen von dualistischer Zersplitterung geprägten Sichtweisen gilt unser menschlicher Körper nicht als abzulehnende oder zu unterdrückende Unreinheit, sondern als eine schwer zu erlangende Kostbarkeit. Der Körper bildet die Grundlage unseres Erwachens in die Buddhanatur, daher muss er rein gehalten und gepflegt werden. Der Körper ist das alchemistische Gefäß, in dem die unreinen und unedlen Substanzen der karmischen Energien in das Gold der Verwirklichung umgewandelt werden. Den Körper rein zu halten und zu pflegen bedeutet, dass er angemessen gereinigt wird, dass ihm keine Giftstoffe zugeführt werden, dass er gut genährt wird, ausreichend Schlaf und Bewegung erhält, dass Exzesse aller Art vermieden werden etc. Ernähren wir uns von hochwertigen Nahrungsmitteln im natürlichen Wechsel eines gesunden Hungergefühls und daran anschließender genuss- und maßvoller Nahrungsaufnahme, so nehmen wir die Essenzen der Elemente auf und gelangen zu einem tiefen, sehr befriedigenden Gefühl der Sättigung und es fällt sehr leicht, auf alle erdenklichen Genussgifte einfach zu verzichten.

Das europäische Denken ist bis heute tiefgreifend von einem Dualismus geprägt, der das menschliche Dasein in Körper und Geist aufspaltet, wobei der Geist höher bewertet wird und dem Körper, lediglich materieller Besitz und Gebrauchsgegenstand eines vermeintlich eigenständig existierenden geistigen Selbst, mit seinen Funktionen Geringschätzung entgegen gebracht wird. Dies bildet die Grundlage für die Extreme Askese und Exzess. Die Verachtung des Körpers und der körperlichen Welt lässt uns ungeachtet der Folgen zu immer neuen Genussgiften greifen, bis wir fett und aufgedunsen vor uns hinvegetieren, mit stets überfülltem Bauch, doch unentwegtem Hunger. Oder wir verachten die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme, ernähren uns – kalorienzählend – jahrzehntelang nur mehr von Kaffee, Zigaretten, Keksen, Knäckebrot u.ä., ohne uns zu nähren. Der ausgezehrte, unterernährte Körper manifestiert Krankheiten aller Art, die wir mit Chemie zu bezwingen versuchen. Oder wir betrachten den Körper als eine Art Maschine, die wir durch verbissene Diäten und durch selbstquälerische sportliche Aktivitäten unserem Willen zu unterwerfen und zu „optimieren“ versuchen. Diese drei Beispiele offenbaren die immer gleiche tiefe Spaltung und Entfremdung gegenüber dem Körper und der natürlichen Welt.

In ähnlicher Weise wie der Körper werden auch die Stimme und der Geist rein gehalten und gepflegt. Die Stimme repräsentiert die Energie. Sie rein zu halten und zu pflegen bedeutet, nicht zu lügen, nicht in grober Weise zu reden, nicht die Stimme als Waffe zu missbrauchen, mit der man Wortprojektile auf andere abschießt, oder ihre Kraft durch Geschwätz zu zerstreuen. Der Geist wiederum wird in Qualitäten wie Mitgefühl, Achtsamkeit, Ruhe, Konzentration und Logik geschult. Auf diese Weise wird das psychophysische System immer weiter sensibilisiert und geschmeidig gemacht, um schließlich fähig zu werden, auch die subtilen Energien transformieren zu können.

All dies geschieht natürlich nicht aus Eigennutz, sondern zum Nutzen aller. Die Welt, die wir erleben, ist eine Widerspiegelung dessen, was in uns ist. Buddhismus beschränkt sich daher nicht auf die Läuterung innerer Energien, vielmehr muss mit den inneren Entwicklungen ein äußeres Handeln einhergehen. Im Buddhismus wird auf ganz verschiedenen Ebenen Entsagung geübt. Generell wird dem Unheilsamen entsagt und das Heilsame angestrebt. Das Unheilsame sind die verwirrten karmischen Sichtweisen - der Glaube an ein eigenständig existierendes Selbst und die damit verbundenen negativen Emotionen und neurotischen Zustände, die zusammengefasst werden in den drei Geistesgiften Gier, Hass und Unwissenheit oder Verblendung - und die daraus resultierenden verdrehten Arten des Handelns. Der Oberbegriff für die wahnhaften, unheilsamen Zustände ist Samsara. Die heilige Welt, in der wir uns befinden, ist in vielfacher Hinsicht kontaminiert mit den Giften Samsaras. Dies verschafft uns unendlich viele Möglichkeiten, unsere inneren heilsamen Entwicklungen in äußeres heilsames Handeln umzusetzen…

Samsara, das ist Verwirrung, Wahnsinn und Lüge. Wahrheit wird verzerrt und Verzerrungen werden zur Wahrheit erklärt. Hass und Gier werden gesät, tiefe Ignoranz wird kultiviert. Das betrifft natürlich auch den Buddhismus. Was man aber auch so alles zu lesen bekommt! Vor einiger Zeit las ich irgendwo, dass Buddhismus so furchtbar weltverneinend sei. Das zentrale Thema sei das Nichts und der Körper würde verachtet. Von Lustfeindlichkeit war gar die Rede. Gleichzeitig findet man Buddhismus mit Vegetarismus, Gewaltlosigkeit, Frieden und Meditation assoziiert. Der Umstand, dass es im Buddhismus monastische Traditionen gibt, kommt der europäischen Neigung zur Verachtung des Körpers sehr entgegen. Und natürlich gibt es weit verbreitete, durch allerlei romantisierende Kitschfotografie, Hollywooddramen und Japanromantik geprägte Vorstellungen von der Poesie des Buddhismus. Ein „richtiger“ Buddhist ist demzufolge offenbar eine Person, die als nihilistisch-asketischer Mönch oder Nonne mit brezelförmig verschlungenen Beinen herum sitzt, dann und wann ein wenig Grünzeug mümmelt, verzückt lächelnd einen Schmetterling oder eine Blume betrachtet und sich bisweilen dazu einen irgendwie poetischen Vierzeiler notiert.

Vielen Menschen scheinen derartige Vorstellungen in der einen oder anderen Weise durch den Sinn zu geistern. Ihr Glaube daran ist oft so fest, dass sie empört reagieren, wenn sie etwa erfahren, dass die Realität des Buddhismus nicht ihren Fantasien darüber entspricht, oder wenn sie vielleicht enttäuscht sind, dass ihr Lehrer nicht immer sanft und freundlich mit ihnen umgeht, oder wenn ihnen bewusst wird, dass ein Lama nicht zwingend auch ein zölibatärer Mönch sein muss. Zuweilen entwickeln sie dann sogar wilde Verschwörungstheorien, die sie als vermeintliche Enthüllungen in reißerischen Büchern veröffentlichen. Aus derlei verzerrten und verengten Vorstellungen leuchtet oft eine jahrhundertealte europäische Arroganz. Man kann ein ganzes Leben lang den Buddhismus studieren und auch nach Jahrzehnten des Studiums immer neue Aspekte und Tiefen erkunden, doch europäisches Denken liest einen Lexikoneintrag oder eine religionswissenschaftliche Zusammenfassung (und wie viel dort tatsächlich verstanden wurde, sei einmal dahingestellt), glaubt fortan alles über „den Buddhismus“ zu wissen und betrachtet dann ganz einfach die Oberfläche dieses Objektes durch die Brille präferierter Ideologien, halbverstandener christlicher Konzepte und selbst zusammengeschusterter Theorien.

Solch reduzierte Buddhismus-Klischees sind immer wieder erstaunlich: Glaubt tatsächlich irgendjemand, für so etwas seien Tempel und Stupas errichtet worden? Prinz Siddharta opferte sein luxuriöses Palastleben, umgeben von allen Annehmlichkeiten, der Suche nach Erleuchtung. Sollte man nicht annehmen, dass er mehr gesucht haben könnte, als einfach nur Passivität und Grünzeug? War er lediglich ein Luxusgeschöpf, das ein wenig Wellness gesucht hat? Oder entspannt lächelnde Körperfeindlichkeit?


Ende Teil II


Uhanek


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