Betreut von Uhanek
DrachenSabber
Die Heiligkeit der Welt   Teil I
Buddhisten, die den Vajrayana praktizieren, bewegen sich durch eine dynamische Welt reiner Sinnlichkeit, klare Weite, die erfüllt ist von fließenden, Muster bildenden Energien. Die Welt, das ist das Spiel der fünf Elemente. Gemeint sind die Elemente Raum, Wind, Feuer, Wasser und Erde.

In dieser Reihenfolge aufgezählt wird ein Schöpfungsprozess zum Ausdruck gebracht, in entgegen gesetzter Richtung aufgezählt bedeutet es Auflösung. Das Zusammenspiel und die Verflochtenheit der Elemente wird in der tibetischen Tradition als Mandala dargestellt. Der tibetische Ausdruck dafür lautet kyilkhor, das bedeutet Kreis, das Rotierende, die Rotation der Essenz, die zentrale Energie, das essenzielle Zentrum. Die grafische Darstellung eines Mandalas ist sehr einfach, nämlich ein Zentrum und vier Richtungen. Ohne ein Zentrum gibt es auch keine Richtungen, denn Richtungen lassen sich nur von einem zentralen Bezugspunkt aus definieren, daher bildet der Raum das zentrale Element. Raum ist identisch mit dem philosophischen Konzept der Leerheit. Raum und Leerheit bilden die Grundlage der Bewegung, d.h. die Bewegung kommt aus dem Raum.

Was aber bedeutet „Energie“ in diesem Zusammenhang? Energie ist Bewegung. Alle Phänomene sind in steter Bewegung. Die Bewegung als solche wird als Wind bezeichnet, der damit das Hauptelement nach dem Raum darstellt. Der Wind kann in zwei Hauptaspekte unterteilt werden: Er weht als äußeres Element, während er im Geist als Bewegung von Gedanken und Emotionen erscheint. Geht man sehr gründlich in die Tiefe, so finden sich weit mehr Details und viele verschiedene Arten von Bewegung: Unser Herz schlägt, unsere Lunge atmet, unser Verdauungssystem, das Nervensystem, der Blutkreislauf, die Muskeln etc., all diese Systeme unseres Lebens beruhen auf Bewegung. Geht man dann noch eine Ebene tiefer, so findet man z.B. in den Verdauungsorganen Mikroorganismen und Abermillionen von Zellen, die sich unaufhörlich bewegen. Die Grundlage des Gleichgewichts bildet die wiederkehrende Bewegung. Hört die Bewegung auf, so ist das der Tod. Nimmt man eine Körperzelle und dringt in ihr Inneres vor, so finden sich weitere, noch feinere Strukturen, Mineralien, Proteine etc. Geht man noch tiefer, so findet man Moleküle und dann Atome. Gehen wir sogar noch weiter in die Tiefe, so sehen wir Energie, von der niemand genau weiß, um was es sich handelt. Diese Energien sind Bewegung, sie sind wie eine Vibration. Das ist es, woraus Atome und Moleküle hervorgehen und schließlich die ganze von uns erlebte Welt mit ihren vermeintlich festen Erscheinungen. Doch obgleich sie fest erscheinen, sind sie doch ihrer inneren Natur nach nichts Festes, sondern vibrierende, sich bewegende Energie. Diese Bewegung wird in der tibetischen Beschreibung durch Lung repräsentiert, ins Deutsche übersetzt als „Wind“. So wird also Lung zwar als Wind übersetzt, doch seine Bedeutung ist Bewegung.

Der Vajrayana lehrt, dass alles Geist ist. Gemeint ist jedoch nicht unser gewöhnliches Tagesbewusstsein, das auch als Affengeist bezeichnet wird, weil es sich unentwegt von Objekt zu Objekt oder von Konzept zu Konzept hangelt, unberechenbar, nie wirklich zu Ruhe kommend. Gemeint ist eine überindividuelle Qualität oder Ebene des Bewusstseins, die über alle Konzepte und alle Begrenzungen hinausreicht. Dieses Bewusstsein entspricht dem Raum, es ist weit, klar und leuchtend, unerschütterlich, allwissend, ungeboren; es ist die grundlegende Buddhanatur. Frei von allen Begrenzungen und Konzepten ist sie die Leerheit. Sie ist leer von den Grenzen eines Selbst und sie ist gleichermaßen leer von Anderem, weil sie alles beinhaltet.

In der unermesslichen Weite dieses ursprünglichen Raumes ist die Bewegung – Wind. Zu den verschiedenen Arten Wind zählen auch die Winde des Karma, d.h. die gewohnheitsmäßigen Tendenzen, die zu einer bestimmten Erfahrung von Wirklichkeit führen. Sie können den ursprünglichen Raum niemals beeinflussen, aber sie können den Anschein erwecken, als überdeckten sie ihn. Buddhistische Praxis, das ist die Anwendung von Methoden, die alle Begrenzungen eines illusionären Selbst transzendieren, die karmischen Winde bereinigen und beruhigen und die ursprüngliche, raumgleiche Buddhanatur offenbar werden lassen.

Die Winde des Karma peitschen die Oberfläche des ozeangleichen Geistes und formen immer neue Muster aus den fließenden Elementen. Es ist ein Meer, das von gewaltigen Wellenbergen durchwogt wird. Die kleinsten Kräuselungen darauf sind die Individuen, verbunden mit etwas größeren Wellenbewegungen – das Karma von Familien -, die Teil noch größerer Wellen sind – das Karma von ethnischen Gruppen und ganzer Völker -, die sich wiederum zu riesigen Brechern formieren – das Karma eines ganzen Planeten. Wellenberg neben Wellenberg sind auch die unzähligen Weltsysteme miteinander verbunden, alle miteinander in der einen Buddhanatur.

Der von Illusionen verwirrte Geist durchläuft immer neue traumartige Zustände, vorangetrieben von den karmischen Winden. Eine Existenz endet, wenn ihr Karma zu einem Ende gelangt. Aber die karmischen Winde wehen weiter. Neue wurden entfacht, unvorstellbar alte gelangen zu voller Kraft und der Kern des Bewusstseins, das mit dem Tod seinen Namen und andere Faktoren seiner vergangenen Existenz hinter sich gelassen hat, wird vorangeweht, hinein in eine neue Existenz, die dem vorherrschenden Wind und den damit verbundenen Gewohnheiten und Emotionen entspricht. Es ist ein großes Glück, in die meist ausgewogenen Umstände einer überaus kostbaren menschlichen Existenz  geboren zu werden,  mit all ihren Möglichkeiten, aus dem karmischen Traumzustand erwachen zu können. Der Eintritt in die Existenz erfolgt im Augenblick der Zeugung, wenn drei Faktoren zusammentreffen: Die weiße, lunare Substanz des Vaters, die rote, solare Substanz der Mutter und der Bewusstseinskeim, der sich mit den Substanzen und dem Karma von Vater und Mutter verbindet. Aus dieser Verbindung bildet sich der karmische Körper – ein System aus subtilen Energien und Energiebahnen und Winden, durchweht und aufrechterhalten vom karmischen Wind. Im Herzen sitzt der Bewusstseinskeim, im Scheitel die lunare Essenz des Vaters und im Sexualzentrum die solare Essenz der Mutter. Zwischen der weißen und der roten Essenz weht der karmische Wind und hält sie an ihrem Ort. Gelangt die Existenz an ihr Ende, so kollabiert das System unumkehrbar, die beiden Essenzen fallen ins Herz, der Zwischenzustand des Todes setzt ein und eine Neuwerdung beginnt – sofern das Bewusstsein sich seiner wahren, raumgleichen Natur nicht vorher bewusst wird.


Ende Teil I


Uhanek


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