DrachenSabber
Karma - Gedanken zu einem missverstandenen Begriff   Teil I

Die Interpretation von Karma als religiöse Kategorie, die vermeintlich Ausdruck einer Bestrafung oder Belohnung durch eine göttliche Instanz sei, ist die bedauernswerte Fehldeutung eines philosophischen und psychologischen Konzeptes, das sich auf den wahrnehmenden Geist und die von ihm erlebte Wirklichkeit bezieht.

Ego-Krankheiten

Zu den am häufigsten missverstandenen und fehlinterpretierten Konzepten auf dem esoterischen Markt zählt der Begriff Karma. Vorzugsweise gibt er Anlass zu allerlei oberflächlichem Geschwätz über simple Vorstellungen von metaphysischen Bankkonten - sicherlich kein Zufall in kapitalistisch-materialistischen Gesellschaften. Mir geht es gut - tja, ist gutes Karma. Jeder scheint über sein eigenes Konto mit viel, wenig oder gar keinem Guthaben zu verfügen, manch einer ist verschuldet. Und selbstverständlich ist das Guthaben "spiritueller" Personen, die z.B. in irgend einen erhabenen Kult initiiert und daher Angehörige einer beliebigen "Elite" von eigenen Gnaden sind, in vielen Fällen offenbar besonders groß. Dieses Guthaben also, mit dem man sich auf mysteriöse Weise selbst beerbt, scheint sich auch nicht zu verringern und erfordert daher keinen besonderen persönlichen Einsatz. Anderen geht es schlecht? Was geht es mich an, das ist ihr Karma, sie haben nicht über viele Leben hinweg Guthaben gehortet. Sie sind also selbst schuld.

Neben diesem Konzept eines Bankkontos gibt es häufig auch eine andere Vorstellung, die ich an dieser Stelle einmal als "Frau-Holle-Prinzip" bezeichnen will. Über dem Einzelnen wird hierbei, abhängig natürlich vom Ausmaß der Intimität seiner Beziehung zu einer wie auch immer interpretierten göttlichen Instanz, Karma nach Goldmarie-und-Pechmarie-Art ausgeschüttet: Wenn ich immer lieb bin, bekomme ich gutes Karma, wenn ich aber nicht lieb bin, dann bekomme ich schlechtes Karma - Zuckerbrot und Peitsche. Die Vorstellung lautet also, dass eine Art „Karma-Substanz“ als Lohn oder Strafe z.B. von einer Gottheit von einem wie auch immer gearteten Außenbereich dem System unserer menschlichen Lebenswelt hinzugefügt und unter den Menschen verteilt wird.  Wenn ich lieb bin, gibt mir die Mami ein Stück Kuchen. Lieb sein, so scheint es, hat hierbei allerdings oft zu tun mit billigen, ganz individuellen Rechtfertigungen, weniger mit allgemeingültigen Handlungsmaximen. Ich bin gerecht, also lieb, weil ich im Recht bin - ich muss es nur rechtfertigen können. Kein Problem, wenn ich jederzeit intuitiv weiß, was richtig ist (und ich weiß das natürlich! Und die, die das nicht wissen, sind die Leute mit den schlechten Beziehungen zur Gottheit und/oder dem schlechten Karma-Bankkonto). Intuition äußert sich dabei für gewöhnlich als "so´n Gefühl" --- wie auch sonst? Und natürlich lässt sich mit dieser Art Gefühl leicht alles rechtfertigen. Und wenn ein anderer auf die gleiche Weise handelt, ich mich aber davon gestört fühle, dann ist beides natürlich auf gar keinen Fall vergleichbar, denn jeder weiß ja: Wenn zwei das gleiche tun, dann ist es noch lange nicht dasselbe. Es liegt auf der Hand, dass der Störenfried jemand ist, der aufgrund seines Karmakontos und seiner schlechten Beziehungen (natürlich in aller objektiven Klarheit erfühlt vom Gestörten) auf gar keinen Fall das Recht hat so zu handeln, wie man selbst es bei ähnlichen Gelegenheiten zu tun pflegt. Man selbst ist also das Goldkind mit den guten Beziehungen zur Göttin und entsprechend gutem Karma und der Störenfried ist das Miststück mit dem schlechten Karma.

Überhaupt klingt der Ausdruck "schlechtes Karma" im Grunde wie eine Art Krankheit. Man bekommt es so ähnlich wie z.B. eine Grippe. Außerdem scheint "Karma" in vielen Fällen hauptsächlich sowieso zu tun zu haben mit eigenem Wohlbefinden und anderer Leute Unglück: Wenn es mir selber finanziell (gesundheitlich etc.) gut geht, dann ist das gutes Karma und wenn mein nerviger Nachbar erst mit Grippe im Bett liegt und dann an einer Lungenentzündung stirbt, dann wirkt sich natürlich (zu meiner Genugtuung) sein schlechtes Karma so aus. Geht es hingegen mir beispielsweise finanziell nicht so gut, während mein unangenehmer Nachbar sich eine goldene Nase verdient, dann hat das meist nichts mit Karma zu tun sondern damit, dass die Gesellschaft schlecht ist oder Europa sich unter der Herrschaft der bösen Christen, der Illuminaten, Freimauerer o.ä. befindet.

Was ich hier so überspitzt formuliere, ist ein weit verbreitetes Prinzip. Diese Vorstellung von Karma ist letztlich nichts anderes, als ein Hilfsmittel zur Abgrenzung eines ängstlichen und daher überheblichen Egos von einer als feindlich oder inferior gedeuteten Umwelt. Ähnlich verhält es sich auch mit den zum Karma-Begriff gehörenden Vorstellungen von Wiedergeburt: Ein merkwürdig dauerhaftes Ego legt seinen Körper ab und wabert zu einem neuen. Und da dieses Ego offenbar seit jeher gewisse Vorlieben hatte und überhaupt schon immer sehr romantisch war, suchte es sich im Laufe der Jahrtausende natürlich meist die Körper ägyptischer Pharaonen/Prinzessinen, sibirischer Schamanen, indianischer Medizinmänner und -frauen u.ä. Und Egos, deren Romantik schon immer ein wenig düsterer war, verkörpern sich natürlich als wiederkehrende Finsterlinge. Legion sind etwa die (bisweilen etwas verwahrlost wirkenden) Reinkarnationen des armen Aleister Crowley – ich selbst bin im Lauf der Zeit mehreren tragischen Gestalten begegnet, die ihren Mangel an Persönlichkeit und Ausstrahlung über die Identifikation mit einer interessanten und exzentrischen Figur wie Crowley zu kompensieren versuchten. Und das alles passiert für gewöhnlich auf der Basis der immer gleichen Reinkarnationsfantasie: Der Körper stirbt, das Ego bewegt sich wie in einer Karmablase durch eine Zwischenwelt, landet dann wieder - plumps! - im Schoß einer Frau und bleibt ganz die alte Person im neuen Outfit, aber mit wenigstens unverändertem metaphysischem Bankkonto - damit man selbst wieder genug Geld und Spaß hat und in Ruhe zusehen kann, wie der doofe Nachbar zur rechten Zeit an der Grippe stirbt.

Auf diese Weise werden der tiefgründige Karmabegriff und die Reinkarnationslehren zu reinem Gift.


Eine kleine Liebesgeschichte

Man sollte nun meinen, der metaphysischen Raffgier sei an dieser Stelle genug getan. Weit gefehlt: Man möchte nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit anderen über tausende von Jahren zusammen bleiben (von Ewigkeit zu Ewigkeit eben!). Hierzu als Beispiel eine Geschichte, die sich vielleicht nicht ganz genau so ereignet hat, die ich selbst in Varianten jedoch gleich mehrfach erlebt habe, so dass ich vermute, dass sie manchen Lesern auch bekannt vorkommen mag: Eine Frau und ein Mann, nennen wir sie mal Kathrin und Michael, sind in einen neuheidnischen Kult initiiert und treffen sich auf - sagen wir einer Sonnenwendfeier. Beide sind seit einiger Zeit partnerlos und neigen dazu, ihre romantische Vorstellung ewiger Liebe in der Welt zu suchen. Sie treffen sich also (schon wieder?), finden sich attraktiv (immer noch?), halten das für Liebe (der Déjà-vu-Effekt), landen im Bett (wie zuvor im Heu, Wald o.ä.), haben daselbst ein wenig Sex. Sie stellen eine gewisse Übereinstimmung ihrer romantischen Fantasien fest und verlieben sich folgerichtig in das, was sie im anderen zu kennen glauben. Sie treffen sich also auch weiterhin, feiern eine "Heilige Hochzeit" nach der anderen und projizieren ihre Vorstellungen auf sich selbst und den Partner. So wird sie also kurzerhand die Frau aller Frauen (die Göttin) und er wird der Mann aller Männer (der Gott). Dieser Zustand wird nun kombiniert mit wirren Vorstellungen von Karma und Reinkarnation. Michael und Kathrin verwandeln sich in Tristan und Isolde --- und vor ihnen liegt die Ewigkeit (was auch sonst?). Gewiss werden sie (als Kathrin und Michael?) in alle Ewigkeit miteinander verbunden bleiben. Über den Tod hinaus --- über alle Tode hinaus --- halt in alle Ewigkeit.

Dies also bildet die Basis eines Dramas, das sich jetzt langsam zur Tragödie entfalten kann. Denn nun verbringen sie jede freie Minute miteinander. Ewige Liebe bedeutet ja schließlich, dass man nicht mehr voneinander lassen kann, will und darf. Und natürlich braucht man sich wie die Luft zum atmen. Ein jeder braucht nunmehr den anderen, wie Narziss sein Spiegelbild.

Leider hat Existenz die Eigenart, niemals wirklich derartigen Idealen zu entsprechen. Stets verweigert sie eine Anpassung an derartige romantische Vorstellungen. Immer gibt es Abweichungen. Unter der glatten Oberfläche der Harmonie gibt es Kanten und mehr und mehr muss sich unser Pärchen die Dinge schönreden - ein jeder für sich. So langsam wird es aufgrund der jeweiligen psychischen Strickmuster explosiv. Unsere Kathrin fühlt sich vielleicht eingeengt und bedroht, wenn sie mal Kompromisse eingehen oder sich selbst hinterfragen muss. Besser nicht! Schließlich wollte sie stets aus der breiten Masse herausragen und wollte sich nie einfügen in die Enge eines Frauenbildes, in dem die Frau gehorsame Handlangerin ihres Mannes ist, etwa so, wie es vielleicht bei Kathrins Mutter oder Großmutter der Fall war. Zudem ist sie ja heidnische Priesterin, also die Repräsentantin der Göttin, quasi die Göttin selbst - und dadurch immer im Recht. Die Konsequenz scheint zu lauten: Tu wozu du Lust hast und setze dich zur Wehr, wenn Du dabei auf Grenzen stößt, denn Grenzen sind ein Synonym für patriarchale Unterdrückung.

Und Michael? Nun, der hat vielleicht nie gelernt wirklich zu sich selbst zu stehen, ist aus einer problematischen Kindheit mit einem geschwächten, labilen Selbstbild hervorgegangen und hat zum Zweck der Kompensation seine Vorstellungswelt mit infantilen Kriegerfantasien angefüllt und mit damit verbundenen Vorstellungen darüber, was z.B. Ehre sei. So bringt er es nicht fertig, seine im romantischen Überschwang gemachten Äußerungen ein wenig zu revidieren und zu sagen: Die eine Frau, die große Liebe meines Lebens existiert leider nur in meinem Kopf und hat mit der tatsächlichen Person nicht besonders viel gemein. Die Konsequenz könnte lauten, entweder die reale Frau zu verlassen und weiter einer romantischen Illusion zu folgen, um im Lauf der Zeit zu entdecken, dass sie unwirklich ist, oder aber den  Traum sofort zu beenden und sich der lebendigen Wirklichkeit zu stellen. Doch in unserer Geschichte geschieht das Schlechteste: Unser Michael leidet unter der Wirklichkeit und zieht sich weiter in seine Traumwelt zurück. Darüber hinaus ist in unserem Beispiel sein Ego noch nicht gar so sehr übermäßig aufgebläht wie das ihre, d.h. er sieht sich noch nicht als Gott und kann daher dem grandiosen Ego seiner "Geliebten" noch nicht genug entgegensetzen.

So lügen sich beide in die Tasche, um nur ja den romantischen Schein zu wahren --- bis einer der beiden sich in den Fantasien einer grotesk aufgeblähten (dabei dennoch instabilen) Egowelt verloren hat und der andere zerbricht, weil er den andauernden Selbstverrat nicht mehr ertragen kann und Angst vor der Konsequenz einer einfachen Trennung hat.


Ende Teil I


Uhanek


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