DrachenSabber
Die Sache mit dem Mitgefühl …   Teil V

Leicht setzen Westler den Begriff „Mitgefühl“ mit einem emotionalen Bad aus warmer Milch mit Honig gleich. Nicht selten erscheint der tibetische Buddhismus dadurch als watteweiche Rundumwohlfühlpille. Dies wiederum ruft „Enthüller“ auf den Plan, die das Gegenteil behaupten und die Bedeutung der magischen Macht im Vajrayana-Buddhismus hervorheben.

Dharma besteht nicht in der Ausübung mehr oder weniger gekünstelter Handlungen. Er bedeutet nicht, dass wir der Welt ein Dauerlächeln zeigen und uns ein Verhalten antrainieren, von dem wir glauben, dass es unserer Umwelt als nett und zuvorkommend erscheinen könnte. Buddha-Dharma betrachtet den wahrnehmenden Geist, die von ihm erlebten Zustände, die von ihm wahrgenommene Umwelt und folgt in präziser Weise der Frage, wie das alles zusammenhängt. Freundliches Verhalten kann hierbei Teil der Methode oder auch ein Ergebnis der Übung sein, doch es ist nicht der zentrale Punkt.

Der Buddhismus hat im Verlauf seiner Geschichte eine sehr präzise Philosophie, Psychologie und Terminologie entwickelt. Dieser Umstand kann uns leicht dazu verleiten, den Dharma zu einem Konzept zu machen. Wir wechseln dann vermeintlich von einer anderen Weltanschauung zu einer solchen, die wir für buddhistisch halten, indem wir nun Worte wie „Mitgefühl“, „Karma“ und „Buddha“ häufiger verwenden, eine äußerst positive Ausstrahlung wahrzunehmen glauben, sobald wir ein Bild des Dalai Lamas sehen, und all dies verwenden, um z.B. eine Begründung für ein persönliches Gefühl moralischer Überlegenheit zu entwickeln — während doch möglicherweise in uns gar nicht viel passiert und wir die gleiche enge Persönlichkeit mit den ewiggleichen Neurosen bleiben.  Und noch viel weniger bedeutet Dharma, dass man den Verstand ausschaltet. Vielmehr sollte man den „drei Säulen“ folgen: Studium, Anwendung und Erfahrung. Es ist also von zentraler Bedeutung, dass wir das, was wir gelernt haben, anwenden und prüfen, damit es zu lebendiger Erfahrung und zu tatsächlichem Wissen werden kann.

Die Methoden des Buddhismus werden zusammengefasst in dem Begriff „Meditation“. Was aber soll dieser Ausdruck besagen? Wir Westler verstehen vieles darunter. Es gibt zum Meditationsbegriff in westlicher Terminologie viele Definitionen. Allgemein finden sich auf dem Buchmarkt unterschiedlichste Erfindungen einzelner Autoren, die widerspiegeln, was sie sich unter diesem Begriff vorstellen, was also Meditation sein könnte. Manche dieser Definitionen versuchen in der einen oder anderen Weise auszudrücken, was dieser Begriff im Kontext buddhistischer Lehren bezeichnet. So wurden im Zusammenhang mit Buddhismus bereits viele verschiedene Definitionen formuliert, die meist vor allem Einzelaspekte der Praxis betonen, wie z.B. die Beruhigung des Geistes. Derlei Definitionen schränken die Sache als solche meist zu sehr ein, sofern sie sich nicht überhaupt in reiner Fantasie verrennen.

Um zu verstehen, was Meditation im Buddhismus bedeutet, ist es am besten, sich dem Thema von traditioneller Seite her anzunähern. In dem Fall ist die Begriffsbedeutung von „Meditation“ abgeleitet von dem tibetischen Terminus Gom, das bedeutet „vertraut werden mit…“. Wir werden mittels verschiedener Methoden der buddhistischen Meditation vertraut mit vielerlei Dingen, die den Geist betreffen. So kann die allgemeinste Definition von Meditation lauten: Vertraut werden mit etwas oder: Vertraut werden mit sich selbst, d.h. mit dem, was unabhängig von allen Beifügungen die eigentliche Grundlage all unserer Erfahrungen bildet.  Der Begriff Meditation bezeichnet also nicht eine einzelne Methode, die etwa der Konzentration, der Entspannung oder der Beruhigung des Geistes dient, sondern ein breites Spektrum vielfältiger Methoden, deren Ziel das tiefgründige Vertraut-werden mit der eigenen ursprünglichen Natur des Geistes ist.

Natürlich schließt jeder Entwicklungsweg und jede Religion wohl in irgendeiner Weise eine Sammlungs- oder Konzentrationsphase mit ein. Insofern ist Meditation in diesem allgemeinsten Sinne keine Erfindung des Buddhismus. Aber Meditationen können verschieden sein. Ihr Inhalt und ihre Technik hängen ganz von dem Ziel ab, das durch sie erreicht werden soll.

Das Ziel im Buddhismus allgemein ist zunächst einmal Befreiung von allem, was die Natur des Geistes verschleiert, wie Ängste, störende Gefühlsausbrüche, Verwirrung usw. Um dieses zu erreichen, lehrte der Buddha Meditationen, die den Geist beruhigen. Durch Konzentration auf die Bewegung des Atems, auf äußere Objekte wie Bilder oder Statuen oder auf vorgestellte Objekte wie Licht- oder Buddhaformen, kann man sich von der Konditionierung durch Gedanken und Gefühle befreien. Die Konzentration auf das Meditationsobjekt ist ein Hilfsmittel, um den Geist vom Umherwandern abzubringen. Sobald eine Ablenkung bemerkt wird, richtet sich die Konzentration wieder auf das Meditationsobjekt, jedoch ohne über seine Besonderheiten nachzudenken. Das Meditationsobjekt dient lediglich als Stütze für die Konzentration.

Im Mahayana wird vorwiegend die Entwicklung von Liebe, Mitgefühl und Intelligenz betont, zum einen, um viele positive Eindrücke im Geist anzusammeln, was zu sehr angenehmen Erfahrungen führt, zum anderen, um egoistische Einstellungen zu überwinden. Im Vajrayana dienen Meditationen dazu, das Ergebnis aller Praxis, den Zustand der Erleuchtung nämlich, vorwegzunehmen, indem man sich z.B. als eine Gottheit visualisiert und das damit verbundene Mantra praktiziert. Qualitäten wie Freude, Furchtlosigkeit, Liebe und Inspiration werden als Licht- oder Energie-Formen vergegenwärtigt. Dies bewirkt neben der Konzentration auch eine Selbstidentifikation mit erleuchteten Eigenschaften. Das letztendliche Ziel im Mahayana-Buddhismus ist Erleuchtung, d.h. die Beseitigung aller falschen Vorstellungen über sich und die Welt und das völlige Erblühen aller geistigen Qualitäten und Fähigkeiten. Es ist das sich Wohlfühlen in jeder Situation, das Erleben grenzenloser Freude, die frei von äußeren Bedingungen ist, und das Hervorbringen unterscheidungsloser, sehr tatkräftiger Liebe.

Ziel aller Meditiationspraktiken des Vajrayana- Buddhismus ist die Erfahrung der inneren Geistnatur. Sind wir erst fähig, sie zu erfahren, so kann dies durch alles geschehen, durch jeden Gedanken, jede Wahrnehmung, jede Emotion, jedes Verdienst und jedes Nicht-Verdienst. Sind wir einmal frei von diesen Dingen, werden nicht von ihnen beeinflusst, erfasst und davongetragen, sind wir also wahrhaft fähig, auf ihre innere Essenz und Natur zu schauen, so gibt es keinen Unterschied mehr zwischen der Essenz und der Natur eines Tempels und einer Küche oder was auch immer. Man kann also im Tempel meditieren und ein Buddha werden, man kann aber auch in einer Küche meditieren und ein Buddha werden. Die Palette der Meditationsformen im Vajrayana reicht von ruhigen Formen der Geistkonzentration über komplexe yogische Praktiken bis hin zu umfangreichen Ritualen, die Gebrauch machen von überaus reichhaltigen Symbolsystemen und Bilderwelten.

Die zwei Grundpfeiler der buddhistischen Meditation sind Shine (skt. Shamatha) und Lhagthong (skt. Vipashyana). Das Ziel von Shine / Shamatha ist das „Verweilen im ruhigen Zustand“. Dabei werden der Geist und die Energie beruhigt, damit man die Erfahrung des Zustandes, der von Gedanken ungestört oder der ohne Gedanken ist, machen kann. Lhagthong / Vipashyana (was als „klare Sicht“ übersetzt werden kann) hat verschiedene Bedeutungen und Zielsetzungen, entsprechend jeweils den verschiedenen Praxissystemen innerhalb des Buddhismus. Allgemein bezieht es sich auf das intuitive und nicht nur intellektuelle Verständnis der wahren Natur der Erscheinungen.


Ende Teil V


Uhanek


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