DrachenSabber
Die Sache mit dem Mitgefühl …   Teil IV

Leicht setzen Westler den Begriff „Mitgefühl“ mit einem emotionalen Bad aus warmer Milch mit Honig gleich. Nicht selten erscheint der tibetische Buddhismus dadurch als watteweiche Rundumwohlfühlpille. Dies wiederum ruft „Enthüller“ auf den Plan, die das Gegenteil behaupten und die Bedeutung der magischen Macht im Vajrayana-Buddhismus hervorheben.

Leben, das ist die Erfahrung des Meeres der Existenz mit seinen sich auftürmenden Wogen und Gezeiten: Entstehen und Vergehen, Freude und Leid, Gesundheit und Krankheit, Gewinn und Verlust -  Lust und Verdruss. In unserem Wahn, uns im Besitz einer eigenständigen Seele oder eines ewigen Selbst zu befinden, im tiefsten Kern etwas anderes zu sein als die Wesen und die Welt um uns herum, fühlen wir uns bisweilen dem Fließen der Welt ausgeliefert, fühlen uns gar in die Welt hineingeworfen und von Fluten überwältigt, die von außen auf uns einstürzen. Doch jedes Meer wird vom Wind aufgewühlt. Der Wind, der die Wogen im Meer Samsaras auftürmt, ist das Karma, das aus unserem Unwissen resultiert. Karma, das das sind die über ungezählte Existenzen begangenen Taten, die sich den Tiefen des Bewusstseins als gewohnheitsmäßige Strömungen eingeprägt haben oder als Potential gleich Samen darauf warten, als Ereignis und Erlebnisqualität zur Reife zu gelangen. Unser Unwissen gaukelt uns, die wir kleine Wellen, Kräuselungen und Ornamente auf den Fluten sind, vor, etwas vom Meer Getrenntes zu sein.

Buddhismus spricht von einer Kontinuität des Geistes. Dieser Geist ist nicht etwas, das mit der Entstehung des Körpers neu entsteht und mit seinem Tod endet. Er ist etwas, das von einem Existenzzustand zum nächsten kontinuierlich besteht, einen großen Einfluss auf die aufeinanderfolgenden Zustände ausübt und eine klare Verbindung mit jedem der Zustände darstellt. Seine innerste Natur ist klar, leer und ungehindert, die Erfahrung der innersten Natur ist ewig. An seiner Oberfläche aber kann er durch die Illusionen der Zeitlichkeit und des bedingten Entstehens verdunkelt werden. Er erfährt dann immer wiederkehrende Zustände von Verwirrung und Leid. Das ist, was der Buddha als Samsara bezeichnete – ein Kreislauf der Wiedergeburten von einem Erfahrungszustand zum folgenden.

Das, was wir in Samsara erleben, ist der Inhalt des Geistes, nicht aber seine Natur. Diese Inhalte leiten sich aus einer grundlegenden Unwissenheit oder Verwirrung ab, die sowohl den physischen Körper, als auch die Wahrnehmung der Phänomene projiziert. Diese Projektionen sind instabil und vergänglich, verwandeln sich unentwegt und werden durch neue ersetzt. Der leere, klare und dynamische Zustand des ursprünglichen Gewahrseins oder die grundlegende Natur des Geistes wird in der Terminologie der buddhistischen Philosophie als Alaya bezeichnet, das bedeutet Quelle, Ursprung aller Erfahrung und transzendentes oder innewohnendes ursprüngliches Gewahrsein. Ein traditionelles Gleichnis dafür ist klares, durchsichtiges Wasser, in das man eine Handvoll Lehm geworfen und so lange umgerührt hat, bis die Durchsichtigkeit des Wassers durch die dunklen Schlammwolken verborgen ist. Das Wasser ist noch immer vorhanden, doch seine Klarheit wird durch etwas verhüllt. Unsere Erfahrungen in Samsara und die damit verbundenen Konzepte und Emotionen sind der Schlamm, der das klare Wasser trübt.

Von der grundlegenden Natur des Geistes wird der diskursive Geist unterschieden, bisweilen auch als Affengeist bezeichnet, denn er hangelt sich von Konzept zu Konzept, greift unruhig nach immer neuen Objekten und erhält so die Trübungen des Geistes aufrecht. Es sind also zwei Aspekte des Geistes miteinander vermischt: Die grundlegende klare und ungehinderte Natur des Geistes, repräsentiert durch das klare Wasser, und der unruhige und begrenzte diskursive Geist, dargestellt als verquirlte trübende Schlammwolken.

Der grundlegende Ansatz des Buddhadharma besteht darin, die von den Schleiern der Unwissenheit herrührenden Komplikationen zu beseitigen, um die klare Natur des Geistes zum Vorschein zu bringen. Ziel ist dabei, diese klare Natur sich so manifestieren zu lassen, dass sie nicht wieder getrübt werden kann, also dass es nichts mehr gibt, was diese direkte Wahrnehmung zu hindern oder zu begrenzen vermag. Dieser Zustand wird als Erleuchtung oder als Zustand der Buddhaschaft bezeichnet. Erleuchtung ist also ein Zustand, in dem alle Verwirrungen und Verdunkelungen des Geistes vollständig entfernt und die reine, klare Natur des Geistes in ganzer Vollkommenheit erfahren wird.


Ende Teil IV


Uhanek


Ihr Kinderlein kommet! Oder warum gut sein allein nicht ausreicht - Teil II 16.09.2017
Ihr Kinderlein kommet! Oder warum gut sein allein nicht ausreicht - Teil I 02.09.2017
Lehrer - Meister - Gurus - Teil II 29.07.2017
Lehrer - Meister - Gurus - Teil I 22.07.2017
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil III 07.01.2017
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil II 17.12.2016
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil I 26.11.2016
Keine Psychotherapie, kein Wellness - Teil II 29.10.2016
Keine Psychotherapie, kein Wellness - Teil I 22.10.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil III 18.06.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil II 05.06.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil I 28.05.2016
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen - Teil III 06.02.2016
Geistestraining – Dharma im Alltag 19.09.2015
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen! - Teil II 22.08.2015
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen! - Teil I 21.04.2015
Die rechte Weise des Hörens und Studierens 20.12.2014
Zeichen für die Gegenwart und das Wirken der Nagas - Teil II 06.09.2014
Zeichen für die Gegenwart und das Wirken der Nagas - Teil I 16.08.2014
Über die Wichtigkeit der Motivation 03.05.2014
Der Tanz der Dakinis - Teil III 18.01.2014
Der Tanz der Dakinis - Teil II 09.11.2013
Der Tanz der Dakinis - Teil I 19.10.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil III 20.07.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil II 22.06.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil I 04.05.2013
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil IV 09.03.2013
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil III 01.12.2012
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil II 01.09.2012
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil I 21.07.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil III 14.04.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil II 17.03.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil I 25.02.2012
Herrin der drei Welten 20.11.2011
Karma - Gedanken zu einem missverstandenen Begriff - Teil II 05.11.2011
Karma - Gedanken zu einem missverstandenen Begriff - Teil I 22.10.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl… - Teil V 02.07.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl… - Teil IV 19.02.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil III 20.11.2010
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil II 28.08.2010
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil I 15.05.2010
Der spirituelle Freund - Teil III 13.02.2010
Der spirituelle Freund - Teil II 14.11.2009
Der spirituelle Freund - Teil I 08.08.2009
Zufluchtnahme und Initiation im tantrischen Buddhismus 17.05.2009
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil V 25.10.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil IV 04.10.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil III 20.09.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil II 06.09.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil I 23.08.2008





               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017