DrachenSabber
Die Sache mit dem Mitgefühl …   Teil II

Leicht setzen Westler den Begriff „Mitgefühl“ mit einem emotionalen Bad aus warmer Milch mit Honig gleich. Nicht selten erscheint der tibetische Buddhismus dadurch als watteweiche Rundumwohlfühlpille. Dies wiederum ruft „Enthüller“ auf den Plan, die das Gegenteil behaupten und die Bedeutung der magischen Macht im Vajrayana-Buddhismus hervorheben.

Bleiern lastet die dichter werdende Finsternis. Wir durchwandern Kaliyuga, das Zeitalter des Niedergangs und der Dunkelheit, und es äußert sich hell und licht. Kaliyuga – unendliche Weiten der begehrenswerten Möglichkeiten. Jedem scheint der Weg „from dishwasher to millionaire“ offen zu stehen. Alter und Krankheit sind besiegt. Nun ja, oder doch zumindest ein wenig besiegter, als noch vor ein paar Jahren. Aber der Wissenschaft scheinen ja keine Grenzen gesetzt zu sein. Grenzen werden von einer unbotmäßigen Natur gezogen, doch Technologie wird uns helfen, sie zu überwinden. Runzeln im Gesicht werden durch Hormone und Nervengift geglättet. Hüftspeck? Kein Problem dank Absaugung und Magenbändern. Jugendlichkeit, Gesundheit, Entspannung und Vergnügungen aller Art sind für alle verfügbar. Man muss nur das nötige Kleingeld besitzen und um das zu bekommen, muss man nur wollen. Wer´s nicht hat, der will nur nicht. Jeder ist seines Glückes Schmied und im Schweiße seines Angesichts ist sich jeder selbst der Nächste. Man will ja nicht viel, nur ein wenig glücklich sein. Und um das zu erreichen braucht´s nur ein paar Kleinigkeiten: Die richtige Unterkunft, das richtige Transportmittel, die richtige Kleidung, den richtigen Luxusurlaub… Nur noch eins, dann bin ich gewiss glücklich. Doch es gelingt nie.

Mehr und mehr scheint die Welt in vollendetem Wahnsinn zu versinken. Immer schamloser raffen die einen zusammen, was auch immer sie bekommen können, und tragen mit wachsender Deutlichkeit eine menschenverachtende Selbstsucht zur Schau, deren oberste Handlungsmaxime der reine, nahezu unverhüllte Eigennutz ist. Und woran bemisst sich dabei der Wert eines Menschenlebens? Vor allem wohl am Arbeits- und Geldwert, der sich aus den Leben der Menschen zum Nutzen einer selbsternannten, maßlosen „Elite“ pressen und saugen lässt, so macht es den Anschein. Dem gegenüber die breite Masse derer, deren Lebensspanne und –kraft der elitären Profitmaximierung dienen. Sie wird auf immer neue perfide Weise dazu erzogen, diesen Zustand der Versklavung hinzunehmen und sich in immer neuem Maße benutzen zu lassen. Brot und Spiele. Dem müden Lohnsklaven stehen heute endlose Möglichkeiten der Ablenkung zur Verfügung, die für Kurzweil sorgen und ihm vermitteln, auf welche Art er selbst und die Welt zu betrachten seien. So erfährt er, dass er mit dem Erwerb dieser oder jener Ware gewiss Glück erlangen wird. Nur noch eins, dann bin ich sicherlich glücklich. Doch es gelingt nie.

Dieser Zustand aus falschen Hoffnungen, Gier und Eigennutz, Hass gegen alles, was uns auf unserem Pfad der Selbstsucht als ablehnenswert erscheint, diese ganze hoffnungslose neurotische Verstrickung bildet den Motor des Leidens. Die virtuelle Welt, die wir uns daraus errichten, versorgt uns mit immer neuen Leiden. Die Momente des Glücks werden überschattet von Vergänglichkeit und Verlust. Das Glück neuerworbenen Besitzes geht über in die Fadheit der Gewöhnung. Was heute neu ist, wird morgen von etwas Neuerem überstrahlt. Was uns im Augenblick lieb ist, wird uns bald schon langweilig. Woran wir unser Herz geheftet heben, das geht uns im Fluss der Zeit verloren. Wir suchen dauerhaftes Glück und wollen leidhafte Zustände vermeiden. Unsere große Illusion besteht darin, dass wir wirkliches Glück meist dort suchen, wo es nicht bestehen kann, nämlich in der von uns erlebten Wandelwelt, die gekennzeichnet ist durch Bewegung, Wandel und Unbeständigkeit.

All die feste Materie der uns umgebenden Welt ist alles andere als Fest. Wir sind umgebend von unendlich vielen Formen, die doch nur zusammengesetzt sind aus weiteren Formen. Alles um uns und auch wir selbst. Wir sind nicht geformte Materie, wir sind Form, die durchströmt ist von Materie, deren letzte Wirklichkeit dynamische Energie ist. Ein wirkliches Glück können uns die äußeren Formen daher nicht geben. Wir können den Augenblick glückselig genießen, doch festhalten können wir ihn nicht. Versuchen wir das Glück des Augenblicks festzuhalten, so verrinnt es uns zwischen den Fingern. Im Moment des Greifens beginnt es bereits zu vergehen und wir beginnen schon Ausschau zu halten nach einem neuen Objekt der Anhaftung. Immer werden wir weiter getrieben von immer neuer Gier und Anhaftung.

Die Formen dieser fließenden, strömenden und wogenden Welt zeigen uns Wandel und Vergänglichkeit. Wir erleben die Vergänglichkeit der äußeren Welt und die der in ihr lebenden Wesen. Wir erleben grobe Vergänglichkeit, die sich in großen Zeiträumen zeigt, und feine Vergänglichkeit, die in kleinen Zeiträumen wie dem Wandel der Jahreszeiten, den Rhythmen der Sonne und des Mondes und jedes Augenblickes sichtbar wird. Wir erleben die Vergänglichkeit der anderen Wesen und schließlich unsere eigene Vergänglichkeit.


Ende Teil II


Uhanek


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