DrachenSabber
Die Sache mit dem Mitgefühl …   Teil I

Leicht setzen Westler den Begriff „Mitgefühl“ mit einem emotionalen Bad aus warmer Milch mit Honig gleich. Nicht selten erscheint der tibetische Buddhismus dadurch als watteweiche Rundumwohlfühlpille. Dies wiederum ruft „Enthüller“ auf den Plan, die das Gegenteil behaupten und die Bedeutung der magischen Macht im Vajrayana-Buddhismus hervorheben.

1989 erhielt Tenzin Gyatso, Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama, den Friedensnobelpreis. Seitdem erfährt der Buddhismus ungeheuren Zulauf  und das Bildnis des Mönches, Philosophen und Politikers Tenzin Gyatso ist zur Popikone  „Dalai Lama“ aufgeblasen worden, die, eingefärbt in immer neuen schrillen Tönen westlicher Projektionen, einen Platz unmittelbar neben Andy Warhols berühmten Marylin-Siebdrucken verdient hat. So wenig realistisch die Fantasien sind, die auf das in riesigen Auflagen reproduzierte, in gefrorener asiatischer Höflichkeit lächelnde Konterfei des tibetischen Staatsmannes projiziert werden, so realitätsfern sind meist auch die Vorstellungen über den tibetischen Buddhismus, die damit einhergehen. Buddhisten lächeln demnach viel. Sie sind lieb, sanft, bescheiden und gelassen humorvoll. Der Buddhist an sich lacht vermeintlich einfach gern und dauernd. Sie vermitteln emotionales Wohlgefühl und sind Wellness für die Seele, immerhin spielt ja Mitgefühl im Buddhismus eine wichtige Rolle.

So in etwa lässt sich eines der wichtigsten Klischees und Zerrbilder des Buddhismus zusammenfassen. Weit verbreitet ist zudem das Klischee von den „Heiligen in roten Roben“, das Tibetern ein Übermaß an Tugend, Weisheit und spiritueller Kraft zuweist, wenn sie die Mönchsroben tragen. Ausgeweitet auf das tibetische Volk werden dem tibetischen Menschen besondere Eigenschaften wie eine ihm inhärente außergewöhnliche Friedfertigkeit und Sanftmut, spirituelle Hingabe und mystische Befähigung unterstellt, die ihn von den Menschen anderer Völker zu unterscheiden scheinen. Bestärkt werden diese Projektionen durch Texte des Dalai Lamas selbst, die, außerhalb des Kontextes buddhistischer Philosophie und tibetischer Geschichte rezipiert, bisweilen Anlass zu verschiedenen Missverständnissen geben können. So lesen wir in einem Buch mit dem Titel „Den Geist erwecken, das Herz erleuchten“:

„Die Unterweisungen des Buddha erörtern viele Methoden, mittels derer man Mitgefühl, Geduld, ein Verständnis der Wirklichkeit und so weiter erzeugt. Sie enthalten viele eindrucksvolle Argumente, die uns dabei helfen können, negative Zustände wie Feindseligkeit und Gewalttätigkeit abzubauen. Das kulturelle Erbe Tibets wurde durch die Unterweisungen des Buddha außerordentlich bereichert. Infolgedessen besitzt unsere Bevölkerung große innere Ruhe.“(Dalai Lama 1996b: 41-42)

Derartige Texte führen leicht zu träumerischen Fehlschlüssen, durch die tibetische Kultur, tibetischer Buddhismus und tibetische Menschen in das von Mystikern bewohnte, verklärte Friedensreich Shangri-La versetzt werden und der Buddhismus als solcher zur umfassenden Wohlfühlpille verklärt wird. Die Wirklichkeit hinter den Klischees vom friedfertigen Wellness-Buddhismus und einem in Tibet lokalisierten Shangri-La ist indes eine ganz andere. Trotz ihrer sehr reichen spirituellen und philosophischen Überliefungen waren die Kulturen der tibetischen Hochebene nie so friedfertig, wie es die westliche Fantasie gern erträumt.  Und das Ziel des Buddhismus ist keineswegs eine zwischenmenschliche Interaktion, deren einziger Maßstab das ist, was in westlichen Gesellschaften unter „positiven Gefühlen“ verstanden wird.

Der aus der Bön-Tradition stammende Dzogchen-Meister Tenzin Wangyal  umreißt  die fehlerhafte Sichtweise mancher westlicher Menschen gegenüber dem Buddhismus wie folgt:

„Einige Menschen im Westen rebellieren dagegen, dass die westlichen Erziehungssysteme das intellektuelle Wissen so stark betonen. Deshalb fühlen sie sich von Meistern angezogen, die ihnen als antiintellektuell erscheinen. Sie glauben, sie könnten mit Hilfe jener Lehrer ihre Vorstellungen oder Phantasien über „Spiritualität“ aufrechterhalten und es so vermeiden, etwas neues lernen zu müssen, um sich geistig weiterzuentwickeln.“ (Wangyal: Der kurze Weg zur Erleuchtung, S. 32, Frankfurt a.M. 1997)

Es ist sicher nicht die Intention des Dalai Lamas, realitätsferne Vorstellungen zu erzeugen. Tatsächlich folgt er in den genannten Büchern der Lehrtradition seiner philosophischen Schule, des im 15. Jahrhundert gegründeten Gelugpa-Ordens, und verknüpft seine Darlegungen mit Verweisen auf die Tragödie seines Volkes. Diese Vorgehensweise hilft bei der Schaffung einer Tibet-Lobby im Westen, stärkt die Position des Dalai Lamas gegenüber China und in politischen Machtkämpfen innerhalb der tibetischen Exilgemeinde selbst. Darüber hinaus folgt er dem Wunsch vieler westlicher Menschen nach Belehrungen über buddhistische Philosophie und Praxis. Es schafft jedoch auch eine Grundlage für die Übertragung einer Reihe von  zum Teil jahrhundertealten Problemen in den Westen.

Der vermeintlich einheitliche Buddhismus Tibets ist  heute in vier Schulen unterteilt, fünf, folgt man dem Dalai Lama, der seit Beginn der neunziger Jahre die Schule des so genannten reformierten Bön (Yungdrung Bön) offiziell als gültige buddhistische Schule akzeptiert hat. Sechs Schulen schließlich, nimmt man den Jonang-Orden hinzu, der lange Zeit als verschwunden galt, nachdem die Gelugpas im 17. Jahrhundert systematisch an dessen völliger Vernichtung gearbeitet haben. Tatsächlich existieren im südlichen Amdo und nördlichen Gyarong bis heute Jonang-Klöster, die sich in den vergangenen Jahrhunderten dem Einfluss der Gelugpas entziehen konnten. Wenn man den sektiererischen Kult um die Gottheit Dolgyal/Shugden als eigenständiges Phänomen betrachtet, dann kommt man auf sieben Schulen und acht, wenn davon dann auch noch die von Geshe Kelsang vorwiegend im Westen propagierte, als „Neue Kadampa“ bekannte Version dieses Kultes und der Gelug-Schule abgrenzt. Und noch einige Schulen mehr, wenn man in Rechnung stellt, dass die vier Hauptschulen nochmals unterteilt sind in etliche Unterschulen und eigenständige Übertragungslinien mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten in Lehre und Praxis.

Als ob die Dinge nicht schon kompliziert genug seien, gibt es neben der monastischen Tradition dieser verschiedenen Schulen die nichtmonastische Tradition der Ngagpas. Diese starke Tradition tantrischer Laienpraktizierender und Yogis ist seit jeher mit Erzählungen über außergewöhnliche Wunderkräfte verknüpft --- und damit auch mit den verhängnisvollen Begriffen und Konzepten „Magie“, „Zauberei“ und „Hexerei“ von Seiten westlicher Interpretatoren.


Ende Teil I


Uhanek


Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil III 07.01.2017
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil II 17.12.2016
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil I 26.11.2016
Keine Psychotherapie, kein Wellness - Teil II 29.10.2016
Keine Psychotherapie, kein Wellness - Teil I 22.10.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil III 18.06.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil II 05.06.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil I 28.05.2016
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen - Teil III 06.02.2016
Geistestraining – Dharma im Alltag 19.09.2015
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen! - Teil II 22.08.2015
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen! - Teil I 21.04.2015
Die rechte Weise des Hörens und Studierens 20.12.2014
Zeichen für die Gegenwart und das Wirken der Nagas - Teil II 06.09.2014
Zeichen für die Gegenwart und das Wirken der Nagas - Teil I 16.08.2014
Über die Wichtigkeit der Motivation 03.05.2014
Der Tanz der Dakinis - Teil III 18.01.2014
Der Tanz der Dakinis - Teil II 09.11.2013
Der Tanz der Dakinis - Teil I 19.10.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil III 20.07.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil II 22.06.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil I 04.05.2013
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil IV 09.03.2013
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil III 01.12.2012
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil II 01.09.2012
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil I 21.07.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil III 14.04.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil II 17.03.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil I 25.02.2012
Herrin der drei Welten 20.11.2011
Karma - Gedanken zu einem missverstandenen Begriff - Teil II 05.11.2011
Karma - Gedanken zu einem missverstandenen Begriff - Teil I 22.10.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl… - Teil V 02.07.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl… - Teil IV 19.02.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil III 20.11.2010
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil II 28.08.2010
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil I 15.05.2010
Der spirituelle Freund - Teil III 13.02.2010
Der spirituelle Freund - Teil II 14.11.2009
Der spirituelle Freund - Teil I 08.08.2009
Zufluchtnahme und Initiation im tantrischen Buddhismus 17.05.2009
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil V 25.10.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil IV 04.10.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil III 20.09.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil II 06.09.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil I 23.08.2008





              
                    
              

Für den Inhalt dieser Seite ist eine neuere Version von Adobe Flash Player erforderlich.

Adobe Flash Player herunterladen



    

© WurzelWerk · 2001-2017