Betreut von Uhanek
DrachenSabber
Der spirituelle Freund   Teil III

Auf allen Ebenen des Buddhismus ist der spirituelle Lehrer von zentraler Bedeutung. Er wird als spiritueller Freund bezeichnet und nimmt eine herausragende Stellung ein. Doch warum benötigt man einen spirituellen Freund?

Der Lehrer prüft den Schüler

Doch nicht nur der Schüler muss lernen, den Lehrer zu prüfen, auch der Lehrer muss die Eigenschaften des Schülers prüfen. So sollte ein geeigneter Schüler u.a. folgende Eigenschaften aufweisen:

  • Entschiedenheit und stabile Intelligenz
  • Er oder sie sollte dem Meister ohne Rücksicht auf den eigenen Körper und das eigene Leben folgen
  • Der Schüler sollte all das, was ihm gesagt wird, vollständig ausführen
  • Er schützt sich nie selbst und wird sich dank der eigenen Hingabe befreien
  • Geeignet ist ferner, wer Glaube, großes Mitgefühl und Weisheit hat und ernsthaft studiert,
  • wer die Gelübde und die Samayas (d.h. die mit der tantrischen Ermächtigung übernommenen Verpflichtungen) einhält und mit Körper, Stimme und Geist bescheiden ist,
  • wer offen und großzügig ist, reine Vision und Sinn für Zurückhaltung hat,
  • wer sich bereitwillig vom Lehrer korrigieren lässt
  • wer sich frei von Stolz und Arroganz vom Lehrer anleiten lässt

Dies sind Eigenschaften, die ein Schüler unbedingt besitzen sollte. Hat er sie nicht, so sollte er mit Fleiß daran arbeiten, sie zu erlangen. Man kann es jedoch auch anders formulieren: Ein Schüler sollte von gutem Charakter sein und ein ernsthaftes Interesse an den Lehren und ihrer tatsächlichen Anwendung besitzen; er sollte fähig sein zur kritischen Selbstreflektion und zur Zusammenarbeit mit dem spirituellen Lehrer; er sollte den Lehrer respektieren und Loyalität, Vertrauen und Hingabe zu ihm entwickeln.

Umgekehrt werden für einen ungeeigneten Schüler folgende Eigenschaften aufgelistet:

  • Wer nur durch Materielles zu befriedigen ist,
  • wessen Glaube heuchlerisch ist und wandelbar wie die vier Jahreszeiten
  • Wer zuerst nicht fähig ist, den Pfad des Dharma zu betreten und danach Abneigung empfindet gegen das Studium und die Reflexion
  • Wer sich nur mit dem Leben im Augenblick beschäftigt und sich am Schluss mit schlechten Gefährten zusammentut und darauf hin nur noch üble Handlungen begeht
    • Wenn er vor dem Meister steht, möchte er fliehen
    • Wo auch immer er hingeht wird er von den eigenen negativen Handlungen bestimmt
  • Er ist wie ein Stängel des Kusha-Grases, der vom Wind hin und her geweht wird, d.h. sein Charakter ist schlecht, er ist Experte im Betrug mit heuchlerischen Worten
  • Er folgt dem Meister, als wäre dieser ein Moschushirsch, um von ihm den höchsten Dharma zu nehmen, als wäre dieser Moschus, um dann begeistert von der Jagd heimzukehren, ohne die Samayas zu beachten
  • Er hat viele Ideen, setzt sie jedoch nie in die Praxis um auf Basis der essentiellen Punkte der erhaltenen Belehrungen, sondern geht auf die Suche nach neuen Belehrungen
  • Am Ende ist er all dessen müde, er findet keine neuen (Belehrungen) mehr, die er erhalten könnte und (die wenigen, die er einmal gekannt hat), vergisst er

Hier wird eine Form von charakterloser Oberflächlichkeit umrissen, die sicherlich für weite Teile unserer heutigen Konsumgesellschaft kennzeichnend ist. „Spiritualität“ ist dabei selten mehr als einer von vielen Konsumartikeln im Dienste gewöhnlicher Selbstbespiegelung und zum Zwecke banaler Lustbefriedigung, die sich spirituell gibt, jedoch von authentischer Spiritualität nicht selten weit entfernt ist.


Dem Meister folgen und sein Wissen und Verhalten erlangen

Wie aber folgt man einem qualifizierten Meister, nachdem man ihn gefunden hat? Dazu sagt etwa Jigme Lingpa, einer der herausragendsten spirituellen Meister des 18. Jahrhunderts:

Wie ein Kranker dem Arzt und ein Reisender dem Führer,
wie ein ängstlicher Mensch der (mutigen) Eskorte folgt,
wie ein Kaufmann (auf Reisen) dem Kapitän (des Schiffes),
so wie jemand auf einem Fährschiff dem Fährmann folgt:
Wer vor den beiden Feinden Geburt und Tod und vor den Emotionen Furcht empfindet,
soll auf diese Art und Weise (dem Lehrer) folgen.

Bei Patrul Rinpoche, einem wichtigen Lehrer des 19. Jahrhunderts, heißt es über die Art und Weise, wie man den Meister erfreuen kann:

Was auch immer an materiellen Gütern ihr der vierten Kostbarkeit[1] opfert,
Oder wie ihr ihm mit Körper und Rede dient und ihn ehrt,
keine dieser Taten geht jemals verloren.
Doch die beste der drei Arten, ihm zu gefallen, ist zu praktizieren.

Patrul Rinpoche führt noch einige weitere sehr wichtige Punkte aus. So etwa über die Notwendigkeit, eine reine reine Sichtweise zu üben:

Man kann die Handlungsweise eines Lehrers nicht im Voraus festlegen. Doch wie auch immer er handelt, wir sollen dabei denken, dass er mit geschickten Mitteln handelt (um den anderen zu helfen) und nur eine reine Vision haben.
[…]Fast alle mächtigen indischen Siddhas lebten auf einer sehr niedrigen sozialen Stufe, oft waren sie Kastenlose; Saraha stellte Pfeile her, Shâvaripa war Jäger. Lasst euch deshalb niemals durch das Verhalten eures Lehrers irre machen. Übt euch darin, immer eine reine Sichtweise zu haben.[…]
Wer das nicht weiß und das Verhalten des Lehrers ständig falsch interpretiert und kritisiert, würde – so heißt es – selbst am Buddha etwas auszusetzen haben, falls er nur lange genug mit ihm zusammen sein könnte.

Hier geht es nicht darum, „das Gehirn an der Garderobe abzugeben“, sondern darum, einem Pfad konsequent zu folgen und dabei das Hindernis der narzistischen Selbstüberhöhung zu überwinden, das uns dazu verführt, Negativitäten zu suchen, mit deren Hilfe wir in einer selbstgefälligen Position verharren können, die letztlich einer authentischen Weiterentwicklung im Wege steht. Die Dharmapraxis zielt darauf, unser Bewusstsein aus seinem dualistischen Gefängnis zu befreien. Solang es sich im konditionierten Zustand befindet, unterliegt es dem Irrtum. Daher heißt es:

Ohne eure Wahrnehmung gemeistert zu haben,
Ist es ein unermesslicher Irrtum, nach Fehlern bei anderen zu suchen.

Tatsächlich hilft uns der Meister, aus dem Irrgarten all der Konzepte unseres verwirrten, von Gedanken und Emotionen konditionierten Geistes hinaus zu gelangen. Dabei sind wir jedoch nicht einfach passiv, sondern üben uns aktiv in der reinen Sichtweise und bemühen uns intensiv darin fähig zu werden, das Wissen und das Verhalten des Meisters zu erlangen. Dazu ist es notwendig, lange ernsthaft zu üben, bis in uns alle authentischen Aspekte des Zustandes des Wissens und des Verhaltens des Meisters entstanden sind. Letztlich führt uns eine solche Hingabe an den äußeren authentischen Meister hin zum inneren Meister.

Indem wir die Haltung der reinen Sichtweise üben, betrachten wir den Meister aus einer Perspektive der Nicht-Zweiheit. Der äußere Meister spiegelt das Reinste und Edelste wieder, das verborgen unter vielerlei Befleckungen in uns ruht. Sehen wir daher den Meister als den kostbaren Buddha selbst, so können wir dadurch die Verwirklichung eines Buddhas erlangen. Ein Sprichwort sagt:

Alle Handlungen basieren auf Nachahmung: Wer am besten imitiert, ist der Beste!

Den Dharma zu üben bedeutet tatsächlich, den Buddhas und Bodhisattvas der Vergangenheit, die im Wissen und Verhalten des Meisters repräsentiert sind, nachzueifern. Daher sagt Jigme Lingpa:

Jene, die den Lehrer so teuer halten wie die eigenen Augen, erhalten alle tiefgründigen Belehrungen. Es reicht nicht aus, die Belehrungen zu erhalten. Wenn wir sie nicht mit intensiver Konzentration üben und dabei alle Zerstreuung fallen lassen, werden wir den (absoluten) Zustand, der alle höchsten Eigenschaften hat, nicht erlangen.

Dharma bedeutet also nicht Theorie, sondern praktische Anwendung. Daher sagte der indische Meister Aryadeva:

Jemand, der für Millionen von Kalpas (= Weltzeitalter)
Sein Studium vervollkommnet hat,
und doch die Ermächtigungen noch immer draußen sucht,
versteht die wahre Natur nicht.


Die Meidung schlechter Gesellschaft

Das Gute entsteht, wenn man schlechte Gesellschaft meidet und vorbildhaften Gefährten folgt. Als vorbildhafte Eigenschaften gelten z.B. Intelligenz, Großzügigkeit und Mitgefühl, Vertrauen in die Drei Juwelen (d.h. der Buddha, der Erwachte, der Dharma, die in der Lehre formulierten Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten, und der Sangha, die Gemeinschaft der den Dharma praktizierenden vorbildhaften Gefährten), Aufrichtigkeit, Bildung; die Fähigkeit, Unannehmlichkeiten ertragen zu können; nicht Brahmanen und weltliche Gottheiten zu verehren; Geschicklichkeit und Bescheidenheit etc. Indem wir uns an solchen Qualitäten guter Gefährten orientieren, werden auch wir alle heilsamen Dharmas entwickeln und uns von falschen Wegen entfernen. Gute Gefährten werden uns erklären, was wir anzunehmen und ablehnen sollten. Sie sind uns auf unserem Pfad, dem Meister folgend, eine große Hilfe. Sie werden uns an all das erinnern, was wir von den Belehrungen vergessen haben.

Schlechte Gefährten hingegen werden uns in unserer Negativität bestärken. Dazu sagt Jigme Lingpa:

Auch wenn die schlechten Gefährten menschliche Körper haben, so sind sie, was ihre geistige Haltung betrifft, Asuras [d.h. aggressive und machtversessene Halbgötter]. Deshalb verhalten sie sich auf direkte oder indirekte Art und Weise immer schlecht. Mit der Absicht zu betrügen, mit dem Geist, der von negativen Handlungen beherrscht wird, verhalten sie sich im Gegensatz (zu dem Prinzip), dass wir alle negativen Handlungen zurücklassen und positive Handlungen ausführen sollten. Allein der Umgang mit solchen Gefährten lässt die negativen Handlungen anwachsen und das Heilsame abnehmen. Deshalb ist es notwendig, diese Gefährten zu verlassen. So heißt es im Text „Das Sutra der geistigen Achtsamkeit“: „Die Ursache aller Anhaftung, Ablehnung und geistiger Verdunkelung ist schlechte Gesellschaft. Diese ist wie eine giftige Pflanze.“

Das Mahaparinirvana-Sutra sagt dementsprechend:

Ein Bodhisattva muss schlechte Gesellschaft noch mehr fürchten, als beispielsweise einen verrückt gewordenen Elefanten. Der Letztere kann nur den Körper zerstören, doch die Erstere kann die makellose Reinheit des Geistes vollständig zerstören.

Auf diese Weise wird verdeutlicht, wie wichtig es für einen Praktizierenden ist, aus ganzem Herzen einem qualifizierten Lehrer zu folgen und dabei gute Gefährten zu haben. Gleichzeitig wird auch gezeigt, wie wichtig es ist, immer bewusst zu bleiben, um nicht negative Einflüsse aufzunehmen, die Hindernisse unterschiedlichster Art schaffen können.


[1]
Der Lehrer als Verkörperung der Drei Juwelen wird hier als Vierte Kostbarkeit bezeichnet.


Uhanek


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