DrachenSabber
Der spirituelle Freund   Teil II

Auf allen Ebenen des Buddhismus ist der spirituelle Lehrer von zentraler Bedeutung. Er wird als spiritueller Freund bezeichnet und nimmt eine herausragende Stellung ein. Doch warum benötigt man einen spirituellen Freund?

Den Lehrer prüfen

Erhält man Belehrungen, so ist es unerlässlich, die richtige Motivation des Hörens zu entwickeln. Das bedeutet von dem Wunsch motiviert zu sein, allen empfindenden Wesen zu helfen, den Zustand der Buddhaschaft zu erlangen. Es wird gesagt, dass die eigene Praxis von der Motivation abhängt, die man hat. Wenn man also Belehrungen hört, über sie nachdenkt oder sie praktiziert, dann sollte das auf einer guten Motivation gegründet sein. Liebe, Mitgefühl und Bodhicitta, also die Entwicklung des Erleuchtungsgeistes, der sich auf das Wohl aller Wesen richtet, sind eine gute Motivation. Fehlen diese Eigenschaften und denkt man nur an den eigenen Vorteil, so ist das eine negative Motivation. Stützt man sich hingegen auf Liebe, Mitgefühl und Bodhicitta, so wird alles, was man tut, eine gute Handlung, weil es gut motiviert ist. Die negative Motivation zeichnet sich dadurch aus, dass sie durch Anhaftung befleckt ist. Es ist daher zunächst notwendig, eine positive Motivation zu entwickeln. Auch die neutrale Motivation eines vernebelten, ignoranten Geistes gilt es zu vermeiden. Man sollte also von allen drei Geistesgiften befreit sein: frei von Ignoranz, Anhaftung und Ablehnung.

Hinsichtlich des spirituellen Freundes, des Meisters oder der Meisterin also, durch den oder die die Lehren und Erfahrungen der subtilen Ebenen des Bewusstseins und der Welt übermittelt werden, ist es zudem von besonderer Wichtigkeit, nicht durch die neutrale, ignorante Geisteshaltung verunreinigt zu sein, die uns einfach Leuten hinterher laufen lässt, die zu Belehrungen gehen. Man kann das mit Hunden vergleichen, die etwas verfolgen: Ein Hund nimmt irgendeine Spur auf und beginnt die Hatz und die anderen Hunde schließen sich einfach an. Dies gilt auch für die ignorante Haltung, die uns in hohlem Gerede etwas Spirituelles und Tiefgründiges vermuten lässt, nur weil geistig und mysteriös klingende Begriffe benutzt werden, die süß die romantische Ader umstreichen. So sollte man sich nicht verhalten. Es ist wichtig zu untersuchen, ob die Motivation korrekt ist oder nicht. Ist sie falsch, so versuchen wir die unreine Motivation in eine reine zu transformieren.

Allgemein gilt, dass  Lehrer und Schüler gleichermaßen auf ihre Eignung hin geprüft werden sollen, da das spirituelle Lehrer-Schüler Verhältnis für den Lehrer und den Schüler gleichermaßen schwere Risiken birgt. Dazu lehrt Padmasambhava:

Den Lehrer nicht zu prüfen ist so, als würde man Gift trinken.
Den Schüler nicht zu prüfen ist, als würde man sich in einen Abgrund stürzen.

Aus buddhistischer Perspektive befinden wir uns in einem degenerierten Zeitalter des Niederganges, in dem noch jede kostbare Lehre und tiefgründige Wahrheit verdreht und verfälscht werden kann. Skrupellose Geschäftemacher verkaufen sich großspurig als Meister und sind schwer von qualifizierten Lehrern zu unterscheiden. Es heißt, dass die besonderen Eigenschaften der großen Weisen manchmal verborgen sind, und so sehr wir gewöhnlichen Menschen sie auch prüfen mögen, sind wir doch nicht fähig, sie zu entdecken. Andererseits gibt es wiederum heuchlerische und betrügerische Personen, die sehr gut etwas vortäuschen können und die eine Aura der Heiligkeit um sich herum erzeugen. Die Wahl des falschen Lehrers beinhaltet jedoch ernsthafte Risiken, daher ist es für Praktizierende wichtig zu lernen, zuerst den Lehrer zu prüfen. Danach können sie ihm dann folgen, den Zustand des Wissens erlangen, das Verhalten verstehen und in sich selbst so integrieren, wie es ihnen vom Meister vermittelt wurde. 

Zunächst ist es wichtig zu lernen, die Eigenschaften eines Lehrers, dem zu folgen sich lohnt, genau zu erkennen. Damit ist nicht jemand gemeint, der berühmt ist, einen besonderen Titel  trägt o.ä. Damit ist auch niemand gemeint, der einen Dharma-Text erklären kann oder es versteht, tantrische Ermächtigungen in der korrekten Weise zu geben und gut die Mantras eines besonderen Textes zu rezitieren. Vielmehr werden die Eigenschaften eines spirituellen Lehrers, um die es tatsächlich geht, in den Sutras und Tantras sehr genau beschrieben. Diese Auflistungen können als Richtlinien dienen, wenn man lernen will, die Eigenschaften eines qualifizierten Lehrers von denen eines Lehrers zu unterscheiden, dem man besser nicht folgen sollte.

Ein authentischer Lehrer, der wert ist, dass man sich ihm anvertraut, muss die Gelübde aller drei Ebenen der Dharma-Praxis in reiner Weise halten, nämlich die äußeren Pratimoksha-Gelübde der persönlichen Befreiung, die inneren Bodhisattva-Gelübde und die geheimen Mantrayana-Gelübde. Darüber hinaus muss er eine umfassende Bildung besitzen, die auf der Kenntnis über die grundlegenden Texte und Lehren der Tantras, Sutras und Shastras beruht. Sein Geist muss von grenzenlosem Mitgefühl für alle Wesen erfüllt sein, er muss in den äußeren rituellen Praktiken des Tripitaka und den inneren der vier Tantraklassen bewandert sein; er muss den Sinn der Lehren integriert und dadurch alle außergewöhnlichen Qualitäten der Befreiung und Verwirklichung aktualisiert haben, er muss großzügig sein und seine Rede angenehm; und schließlich sollte er jedem einzelnen die dessen Bedürfnissen entsprechenden Lehren geben und sich mit seinem Verhalten nicht von dem unterscheiden, was er lehrt.

Über einen Meister, der das Geheime Mantra Vajrayana lehrt, heißt es ferner im Besonderen:

  1. Sein Zustand muss durch den ununterbrochenen Fluss der Ermächtigungen herangereift sein, wie er in der kostbaren Serie der Tantras beschrieben ist.

  2. Er darf seine Samayas und Gelübde, die er während der Ermächtigungen genommen hat, nicht gebrochen haben.

  3. Er darf kaum störende Emotionen und Gedanken haben und soll aufgrund dessen einen friedlichen und bescheidenen Charakter besitzen.

  4. Innerlich muss er den wahren Sinn der Tantras verstanden haben, insbesondere was Weg und Frucht des Geheimen Mantras Vajrayana betrifft.

  5. Er muss alle Zeichen der Annäherung und des Erlangens, etwa die Vision der Yidam- Gottheit und anderes, erlangt haben.

  6. Er muss aufgrund des Verstehens befreit sein und den wahren Sinn der grundlegenden Natur verwirklicht haben.

  7. Sein Geist muss voll Mitgefühl sein und er sollte sich deshalb ausschließlich dem Wohle der anderen widmen.

  8. Er muss die Anhaftung an das weltliche Leben abgelegt haben und soll in wenige weltliche Aktivitäten verstrickt sein.

  9. Sein Geist muss gewissenhaft auf den Dharma ausgerichtet sein, da er sich hauptsächlich für die zukünftige Existenz einsetzt.

  10. Er muss von großer Trauer über die Erkenntnis erfüllt sein, dass Samsara Leiden ist. Diese Trauer muss er auch anderen mitteilen können.

  11. Er muss fähig sein, seine Schüler auf alle Arten zu belehren. Seine Lehren müssen jeweils den verschiedenen Fähigkeiten und Umständen angepasst sein.

  12. Indem er den Anweisungen seines eigenen Meisters folgt, hält er den ermächtigenden Fluss der Übertragungslinie am Leben.

Ein Lehrer, der alle aufgezählten Eigenschaften besitzt, muss als Erscheinungsform der mitfühlenden Energie und der Weisheit aller Buddhas der zehn Himmelsrichtungen angesehen werden, die menschliche Form angenommen haben, um allen Wesen Wohlergehen zu bringen. Die mitfühlende Energie und der ermächtigende Fluss des Lehrers sind also denen des Buddhas gleichzusetzen.

Hat man zu einem solchen Lehrer ein gutes Verhältnis, so ist es möglich den Zustand der Erleuchtung in nur einem Leben zu verwirklichen. Doch auch wenn man zu ihm ein schlechtes Verhältnis aufbaut, so wird es eines Tages doch gelingen, Befreiung aus Samsara zu erlangen.

Grundsätzlich sollte man einen Lehrer auf intelligente Weise prüfen, bevor man Ermächtigungen und Belehrungen von ihm erhält. Besitzt er die Eigenschaften eines Lehrers vollständig, so folgt man ihm. Geht man dann aber ein Lehrer-Schüler Verhältnis ein, so pflegt man die reine Vision, indem man nurmehr das Gute in den Handlungen des Lehrers sieht und an seine Qualitäten denkt. Richtet man das eigene Denken hingegen vor allem auf seine Fehler, so ist dies die Quelle unermesslich vieler Hindernisse.

Die Prüfung des Lehrers besteht vor allem in der Beobachtung, ob er die Eigenschaften eines Lehrers besitzt, wie sie in den Sutras und Tantras detailliert dargestellt werden. Am wichtigsten jedoch ist die Frage, ob er Bodhicitta besitzt oder nicht, daher lässt sich die Prüfung auch auf diesen zentralen Punkt reduzieren. Besitzt der Lehrer Bodhicitta, so kann er seinen Schülern in dieser und in zukünftigen Existenzen von großem Nutzen sein und sie zur vollständigen Befreiung führen.

Einem Lehrer ohne Bodhicitta wird es hingegen nicht gelingen, seinen Schülern wirklich zu helfen, da er zu sehr mit seinen eigenen Interessen beschäftigt ist. Gleichgültig, wie tiefgründig und außergewöhnlich seine Lehren auch erscheinen mögen, letztlich werden sie sich doch als ausschließlich an weltliche Interessen gebunden herausstellen. Da sich also die Prüfung des Meisters auf diesen grundlegenden Punkt reduzieren lässt, folgt daraus, dass man einem Meister, der voller Bodhicitta ist, folgen soll, wie auch immer seine äußere Erscheinung sein mag. Nicht folgen sollte man hingegen einem Lehrer, der kein Bodhicitta besitzt, auch wenn er im Moment Eigenschaften zeigt wie etwa den Wunsch nach Befreiung oder Trauer und Überdruss gegenüber Samsara, verschiedene Fähigkeiten der Praxis und des Verhaltens und so weiter.

Dem authentischen spirituellen Meister stehen solche Meister gegenüber, die nicht wert sind, dass man ihnen folgt:

  1. Jene, die weder studiert, nachgedacht oder meditiert haben, aber trotzdem auf  ihre würdevolle Position sehr stolz sind.

  2. Jene, die das oben erwähnte gerade ein wenig besitzen, sich aber nur den acht weltlichen Dharmas widmen, heuchlerisch und ohne Auswahl zu treffen Schüler annehmen und Ermächtigungen und Anweisungen übertragen, ohne dafür die Erlaubnis ihres Lehrers erhalten zu haben.

  3. Jene, deren Sichtweise nur aus leeren Worten besteht, und die sich auf falsche Weise mit dem tiefen Sinn beschäftigen und auf diese Art auch lehren.

  4. Jene, die keine Qualitäten haben, sich von Ehrerbietungen des einfachen Volkes ernähren und sich dabei sehr wichtig vorkommen.

  5. Jene, die die Gefühle von Liebe und Mitgefühl von Bodhicitta nicht kennen.

Alle diese sollen nicht anerkannt werden.

Ende Teil II


Uhanek


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