Betreut von Uhanek
DrachenSabber
Der spirituelle Freund   Teil I

Auf allen Ebenen des Buddhismus ist der spirituelle Lehrer von zentraler Bedeutung. Er wird als spiritueller Freund bezeichnet und nimmt eine herausragende Stellung ein. Doch warum benötigt man einen spirituellen Freund?

In keinem Sutra, Tantra oder Shastra (Kommentarwerk) ist die Rede davon, dass jemals irgendwer die vollkommene Buddhaschaft, also den Zustand des vollkommenen Erwachens erlangt hätte, ohne einem spirituellen Lehrer gefolgt zu sein. Niemand hat je die verschiedenen Stufen und Pfade der Einsicht in die subtilen Ebenen der Wirklichkeit aus eigener Findigkeit und Begabung entwickelt, denn die Wesen sind äußerst geschickt darin, Wege zu entdecken, die nicht eingeschlagen werden sollten. Daher heißt es: „Die Bedingung (um Erleuchtung zu erlangen) ist der spirituelle Freund.“ Er wird verglichen mit einem erfahrenen Kapitän, durch den allein es erst gelingen kann, von einer Schatzinsel mit Juwelen zurückzukehren.

 
Der Schüler mit seinem spirituellen Freund
bei der Ausführung der Praxis

Ein Übender, der einem authentischen Lehrer (resp. Lehrerin) und guten spirituellen Freund folgt, reinigt den eigenen Geist und wird erleben, wie sich alles Gute multipliziert. Im Gegensatz dazu wird jemand, der einem nicht qualifizierten Lehrer und schlechter Gesellschaft folgt, seinem eigenen Geist Hindernisse bereiten und er wird zusehen müssen, wie sich die negativen Umstände vervielfältigen. Daher ist es von größter Bedeutung, nach eingehender Prüfung dem Lehrer und den vorbildlichen Gefährten zu folgen. 

Dem Meister Jigme Lingpa zufolge liegt der Vorteil, einem vorbildlichen Lehrer zu folgen, darin, dass man lernt, präzise zwischen Handlungen, die Gutes bringen, und solchen, die Hindernisse bewirken, zu unterscheiden. So können wir lernen, die authentische Lehre von dem zu unterscheiden, was eine Verfälschung der Lehre ist. Wir verstehen auf korrekte Art die Bedeutung all dessen, was wir studieren und üben, angefangen bei der Zuflucht bis hin zum Zustand der vollständigen Erleuchtung. Der richtige Umgang während dieser Entwicklung hilft, positive Qualitäten hervorzubringen. Jigme Lingpa verdeutlicht dies am Beispiel eines Stückchens gewöhnlichen Holzes: Wirft man es in die mit Sandelholz-bäumen bewaldeten Malayaberge, so wird es nach einiger Zeit selbst ganz tief vom Sandelholzduft durchzogen sein.

Der Lehrer wird mit einem wegkundigen Führer verglichen. Hat man auf unbekannten Wegstrecken keinen erfahrenen Führer, so besteht die Gefahr, dass man sich verirrt, einen Umweg macht oder an einem falschen Ort landet. Vertraut man sich jedoch einem kundigen Führer an, so gelangt man ohne einen überflüssigen Schritt direkt ans Ziel.

Der authentische Lehrer wird auch mit einer starken Eskorte verglichen. Es gibt gefürchtete Gegenden, in denen Gefahr durch Wegelagerer, Raubtiere und ähnliches droht. Wagen wir uns ungeschützt auf solche Wege, so droht uns Gefahr für Leib, Leben und Besitz. Begleitet uns hingegen eine starke Eskorte, so kann uns kein Unglück passieren. Genauso ist es, wenn wir uns auf den Weg zur Erleuchtung machen. Sammeln wir positive Kraft und Gewahrsein an und machen uns aber ohne die schützende Begleitung eines Lehrers auf den Weg zur „Stadt der Allwissenheit“, so sind wir bedroht durch die inneren Wegelagerer unserer Vorstellungen und Emotionen, sowie durch die äußeren Wegelagerer der Ablenkungen und irreführenden Kräfte, die uns um den Schatz unserer Verdienste bringen.

Schließlich folgt auch noch ein Vergleich mit einem Fährmann. Sind wir beim Überqueren eines großen, unbekannten Flusses zwar an Bord eines Bootes, haben jedoch keinen kundigen Fährmann, so werden wir das andere Ufer nicht erreichen, sondern kentern oder werden von der Strömung mitgerissen. Genauso ist es, wenn wir den Ozean Samsaras überqueren wollen. Haben wir keinen spirituellen Freund als Fährmann, werden wir, selbst wenn wir uns an Bord des Bootes der edlen Lehre befinden, in Samsara versinken und von seinen Fluten mitgerissen.

Man muss daher erkennen, wie grundlegend wichtig es für einen Übenden ist, einem tugendhaften, authentischen Lehrer zu folgen, denn dies ist die Quelle der guten Eigenschaften. Warum ist sie das? Weil der authentische Lehrer der Träger eines lebendigen, authentischen, durch die Zeiten getragenen Erfahrungswissens ist. Dharma, die buddhistische Lehre, ist nicht etwa irgendein religiöser Glaube oder irgendeine Theorie. Dharma ist vor allem anderen eine erfahrungsorientierte Methode zur Untersuchung der inneren und äußeren Wirklichkeiten.   

Es werden verschiedene Arten spiritueller Freunde unterschieden. Eine allgemeine Klassifizierung unterscheidet vier Klassen von Lehrern:

  • Gewöhnliche (d.h. noch nicht verwirklichte) Lehrer,
  • Bodhisattvas auf einer Stufe des Erwachens,
  • Buddhas in Form von Ausstrahlungskörpern und
  • Buddhas in Form von Freudenkörpern, d.h. Buddha-Wesen, die sich auf der Ebene der Energie manifestieren und sich durch Visionen offenbaren.


Diese vier Kategorien entsprechen unseren Entwicklungsstufen. Wir sind Bewusstsein, das sich innerhalb eines unablässig dynamischen, komplexen Universums lernend und Erfahrungen sammelnd immer weiter entfaltet. Da es uns als Anfängern nicht möglich ist, einem Buddha oder verwirklichten Bodhisattva zu folgen, stützen wir uns zunächst auf einen gewöhnlichen Lehrer, um so allmählich die notwendigen Grundlagen zu erlernen und damit zu beginnen, unsere karmischen Schleier zu entfernen. Unter „karmischen Schleiern“ können wir die Summe der temporären Überzeugungen, Glaubenssätze und Theorien verstehen, die uns ein bestimmtes Bild von uns selbst und der uns umgebenden Welt vorgaukeln. Samsara, die illusionäre Welt, ist dementsprechend ein wahnhafter Zustand, etwa einer Psychose vergleichbar, dessen Beendigung das Ziel der Dharmapraxis ist. Buddhaschaft, das Erwachen, ist die intuitive, gnostische Einsicht in die wahre Wirklichkeit, die jenseits aller Begriffe und Verschleierungen liegt. In ausnahmslos allen empfindenden Wesen liegt der Keim des Erwachens, einer Blütenknospe vergleichbar. Der Prozess des Erblühens ist der Pfad des Bodhisattvas, jene stetig voranschreitende Entfaltung der wahren Natur, hin zur Blüte des vollständigen Erwachens.

Die innere Buddhanatur oder Essenz ist bei allen Wesen gleich, aber die Wesen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Umstände, ihres Charakters, ihrer Verständnismöglichkeiten etc. Daher finden sich im Vajrayana-Buddhismus verschiedene Sichtweisen und Methoden, die die unterschiedlichen Menschentypen zur Erfahrung und Verwirklichung des höchsten Zustandes führen sollen. Die Unterschiede dieser Sichtweisen und  Methoden werden durch ein Gleichnis verdeutlicht:

 
Im Tantra überträgt der Meister die Essenz der Lehren:
Subtile Gewahrseins-Energie, repräsentiert durch die Pfauenfeder.

Ein Anhänger des Hinayana geht eine Straße entlang. Als er die giftige Pflanze der Leidenschaften vor sich entdeckt, erschrickt er und weicht ihr aus, weil er die Folgen ihres Giftes kennt. Ihm folgt ein Praktizierender des Mahayana. Als er die Giftpflanze sieht und berührt, ist er nicht erschrocken, denn er kennt das Gegenmittel zu ihrem Gift. Er weiß, wie er sich von dem Gift reinigt, indem er es in seiner Meditation in Leerheit auflöst, so dass seine Wirkung neutralisiert wird. Schließlich kommt ein tantrischer Praktizierender des Vajrayana auf der Straße daher. Als er die Pflanze sieht, fürchtet er sich nicht vor ihr und zögert nicht, von ihren Früchten zu kosten, denn er kennt die alchimistische Methode, mit der er das tödliche Gift im Gefäß seines Körpers in den reinen Nektar erleuchteter Erkenntnis transformieren kann.

All diese buddhistischen Pfade verfügen über spezifische Sichtweisen und damit verbundene Methoden, die als lebendige Erfahrungslinie vom Lehrer auf den Schüler weitergereicht werden. Daher ist der authentische Lehrer das kostbarste Objekt der Zuflucht, denn in ihm bündelt sich all das Wissen und die Erfahrung unzähliger Generationen.     


Ende Teil I


Uhanek


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