Betreut von Uhanek
DrachenSabber
Zufluchtnahme und Initiation im tantrischen Buddhismus

Das Tor zum spirituellen Pfad und die unerlässliche Fundament aller Praktiken des Vajrayana-Buddhismus bilden die Zufluchtnahme und Initiation.
 

Wie wird man eigentlich Buddhist?

Durch die Zufluchtnahme. Es werden zwei Arten des Verständnisses von Zuflucht unterschieden: Vorübergehend und endgültig. „Vorübergehende Zuflucht“ bezeichnet die zeitweilige Zufluchtnahme zu einer Person, zu einer nichtmenschlichen Wesenheit, einem weltlichen Mantra und ähnlichem. Das Ziel dieser temporären Zufluchtnahme besteht darin, direkte oder indirekte Störungen des Körpers, der Energie oder des Geistes zu vermeiden oder zu überwinden. Die endgültige Zuflucht hingegen zielt nicht allein auf die Überwindung momentaner Probleme, sondern auf die Überwindung der Wurzeln aller Probleme, die im Bewusstsein selbst liegen.

Die allgemeine und exoterische Form ist die Zufluchtnahme zu den „Drei Juwelen“, d.h. zum Buddha, zum Dharma, der buddhistischen Lehre, und zum Sangha, der Gemeinschaft der Praktizierenden. Dem folgt im Tantrismus die esoterische Zuflucht zu den „Drei Wurzeln“, d.h. zum spirituellen Lehrer (skt.: Guru; tib.: Lama), zur Meditationsgottheit (skt.: Deva; tib.: Yidam) und zur kreativen, dynamischen Kraft (skt.: Dakini; tib.: Khandro). Unabdingbare Voraussetzungen, um Praktiken des Vajrayana -Buddhismus anzuwenden, sind die Zufluchtnahme und die Initiation durch einen authentischen Meister oder eine Meisterin.

Nachdem ein Schüler die Lehren gehört, gelesen, reflektiert und für richtig befunden hat, tritt er mit dem Akt der Zufluchtnahme in die Praxis ein. Buddhismus ist ein Weg der Praxis. Alle Theorie dient lediglich als Vorbereitung und Hilfsmittel auf der Ebene des diskursiven Denkens. Diese Ebene, also die Ebene der künstlichen Grenzziehungen, die auch den Geisteszustand der Illusion kennzeichnet, wird anfangs als hilfreiches Mittel genutzt, schließlich aber durch die aus der Praxis resultierenden Einsichten und Verwirklichungen überschritten. Bereits hierdurch wird Gift in Medizin verwandelt. Der tantrische Meister bzw. die Meisterin repräsentiert gleichermaßen die „Drei Juwelen“ und die „Drei Wurzeln“, d.h. die lebendige und authentische Lehrtradition und die Erfahrungen, die die Resultate der Praxis sind. So schafft sich der/die Schüler/in durch die Zufluchtnahme und den Kontakt zur authentischen Lehre einen Rahmen für die eigene Praxis, der es ermöglicht, den Bereich reiner Fantasien und Wunschvorstellungen zu verlassen und in den Prozess realer und erfahrungsbezogener spiritueller Entfaltung einzutreten. 

Durch die Initiation wird der oder die Praktizierende in das Mandala einer tantrischen Gottheit und ihres Gefolges eingeführt und erhält die Kraftübertragung der damit verbundenen Mantras und rituell-meditativen Praktiken. Die Schüler/innen versprechen ihrerseits, die Praxis auszuführen und zu verwirklichen. An solch einer Initiation teilzunehmen, bedeutet allerdings nicht automatisch, sie auch zu erhalten. Wem es an Verständnisgrundlagen mangelt oder wer nur anwesend ist, sich aber ansonsten einem gänzlich anderen weltanschaulichen System zugehörig fühlt, erhält lediglich einen Segen als hilfreichen Impuls.  
 
Tantrische Praxis besteht im Wesentlichen darin, dass durch die Zufluchtnahme ein Rahmen oder eine Basis formuliert wird, die der Fokussierung des Willens auf das spirituelle Ziel dient. Alle der Praxis und Verwirklichung entgegen gesetzten ich-haften Willensimpulse sollen so überwunden werden. Als nächstes wird unter Anleitung eines erfahrenen Lehrers oder einer Lehrerin der Gottheiten-Yoga ausgeübt. Dabei wird, der liturgischen Meditation folgend, der oder die Praktizierende zur zentralen Gottheit und die Welt zum Mandala, also zum vollkommen reinen, herrschaftlichen Palast der Gottheit. Mit dieser Praxis wird die Begrenzung durch das dualistische Selbst zunehmend gelockert und schließlich überwunden. Die Welt wird als ursprünglich rein erlebt und so von dualistischer Wertung befreit. Die fünf Leidenschaften verlieren ohne die Schablone des dualistischen Selbst ihre spezifische Färbung als Leidenschaften. Dadurch werden sie in fünf ursprüngliche Weisheiten transformiert: Die Weisheit der grundlegenden Dimension der Existenz, die spiegelgleiche Weisheit, die Weisheit der Gleichwertigkeit, die unterscheidende Weisheit und die alles vollendende Weisheit. Das Ergebnis ist schließlich ein Zustand nichtkonditionierter kreativer Präsenz in einem reinen, alle Ebenen unserer Existenz umfassenden Da-Sein, in dem  sich die im Individuum angelegten Potenziale ungehindert entfalten können.

Der verschiedenen Arten der Zuflucht entsprechend gibt es auch unterschiedliche Sanghas. Das bekannte Bild des tibetischen Mönches mit seinen roten Roben und dem geschorenen Kopf zeigt den Mönchssangha, der den Regeln der monastischen Disziplin unterstellt ist. Daneben gibt es außerdem jedoch den so genannten weißen Sangha von nichtmonastischen Praktizierenden, die allein den tantrischen Regeln und Gelübden folgen. Diese Ngagpas und Ngagmos, das sind diejenigen, die Mantras (tib. Ngag) anwenden, lassen sich die Haare lang wachsen, leben nicht zölibatär und führen oft einen Haushalt. Tatsächlich wurzelt der Vajrayana in dieser nichtmonastischen Tradition, der auch seine größten Heiligen angehörten, wie etwa Padmasambhava und Milarepa.


Uhanek


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