Betreut von Uhanek
DrachenSabber
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer   Teil V

Ist die Konstruktion einer ganzen Welt zusammengebrochen, dann kann man sehr darunter leiden oder man kann wertvolle Erkenntnisse gewinnen.

Das Zentrum inmitten der Bedingungen

Aus den Tiefen des Raumes treten wir in unser Da-Sein hervor, tanzen durch unser Leben, kehren dann schließlich in den Mutterschoß des ursprünglichen Raumes zurück, um erneut daraus hervorzugehen. Wieder und immer wieder. Aus dem Formlosen gehen wir hervor, werden Form, die sich alle paar Jahre in all ihren Strukturen rundum erneuert hat, und lösen wieder ins Formlose auf, gleich einer Wolke am Himmel. Der Tod ist den Geborenen gewiss, sein Zeitpunkt ist ungewiss und all unser zusammengeraffter Besitz, alle Titel, Ämter und Würden, all das, womit sich das gegenwärtige Ich mit so großer Lust schmückt, ist vollkommen nutzlos und verloren. Einmal in die Zeit eingetreten verkürzt sich die Spanne unseres zeitlichen Lebens mit jedem Atemzug und wir folgen dem Lauf aller Dinge: Alles Angesammelte verbraucht und erschöpft sich; alles Geborene stirbt schließlich; alles Zusammengesetzte wird wieder getrennt; alles Errichtete stürzt wieder ein. Daher heißt es u.a. in den buddhistischen Schriften der Ordensregeln, dem Vinaya:

Einige sieht man im Mutterschoß sterben
oder während der Geburt,
andere krabbeln gerade erst.
Einige sterben alt und einige jung,
andere in der Blüte ihres Lebens.
Wenn man, da die Altersstufen aufeinander folgen,
sagt: „Dieser Mensch ist jung!“,
wird jemand wissen, wie lang dieser noch zu leben hat?

Was bleibt, ist subtiles Bewusstsein im Zentrum bedingter Individualexistenzen. Unser individuelles Leben geht hervor aus einer unermesslich langen Abfolge vorangegangener Taten und dem Zusammenspiel unermesslich vieler Bedingungen.

Die wichtigsten Grundzüge der buddhistischen Weltsicht sind in einem berühmten Bild zusammengefasst. Das Bhavachakra oder Rad des Werdens zeigt in seiner Nabe drei Symboltiere, welche die so genannten Geistesgifte Gier, Hass und Unwissenheit repräsentieren: Ein Schwein (Unwissenheit), ein Hahn (Gier) und eine Schlange (Hass). Umgeben ist die Nabe von einem Ring, der in eine schwarze und eine weiße Hälfte unterteilt ist. Er stellt das Karma dar, das aus den Geistesgiften hervorgeht und zu Existenzen in verschiedenen Erlebniswelten und Daseinsbereichen führt. Es werden sechs Daseinsbereiche unterschieden, aus denen der nächste Ring zusammengesetzt ist. Den äußeren Kreis bildet dann die Kette des abhängigen Entstehens, der so genannte Konditionalnexus:

„Und der Erhabene überdachte während der ersten Nachtwache in seinem
Geiste vorwärts und rückwärts die Kette der bedingten Entstehung (Pratityasamutpada):
bedingt durch Nichtwissen (Avidya) entstehen Tatabsichten (Samskara),
bedingt durch Tatabsichten entsteht Bewusstsein (Vijnyana),
bedingt durch Bewusstsein entsteht Name und Gestalt (Nama-rupa),
bedingt durch Name und Form entsteht der sechsfache Sinnen-(bereich) (Sadayatana),
bedingt durch den sechsfachen Sinnen-(bereich) entsteht Berührung (Sparsha),
bedingt durch Berührung entsteht Empfindung (Vedana),
bedingt durch Empfindung entsteht Begehren, (Trshna),
bedingt durch Begehren entsteht Anhaften (Upadana),
bedingt durch Anhaften entsteht Werden (Bhava),
bedingt durch Werden entsteht Geburt (Jati),
bedingt durch Geburt entstehen Alter und Tod (Jaramarana).
So verhält es sich mit dem Ursprung dieser ganzen Masse von Leid.“
(Vinaya, Mahavagga I,1)

 Jedes seiner Glieder ist nicht alleinige Ursache (causa), sondern nur eine Bedingung (conditio) neben anderen dafür, dass das nächste Glied entsteht. Gehalten wird das Rad von einer dämonisch anmutenden Gestalt, die exoterisch und esoterisch interpretiert wird. In der exoterischen Deutung gilt die Gestalt als der Herr des Todes. Andererseits trägt sie die fünffache Schädelkrone, was die Überwindung der Ursachen Samsaras zum Ausdruck bringt, und ist auf der Stirn mit einem dritten Weisheitsauge gekennzeichnet. Beides gemeinsam bezeichnet ein überweltliches Wesen. So sehen esoterische Interpretationen in dieser Figur eine Manifestation der Tara, des erleuchteten Bewusstseins, des Heiligen, das allen Erscheinungen zugrunde liegt. Dies bedeutet, dass sich das Heilige aus allen Erscheinungen heraus offenbaren kann. Ein Unterschied zwischen heilig und profan, rein und unrein ist dann aufgehoben.

Die sechs Daseinsbereiche des Buddhismus, wie sie im Bhavachakra dargestellt sind, werden gleichermaßen psychologisch und wörtlich verstanden. So kann sich ein gewöhnliches Bewusstsein durch mentale und emotionale Zustände bewegen, die sich den sechs Daseinsbereichen zuordnen lassen. Ein menschliches Bewusstsein, das etwa der Sphäre der Halbgötter entspricht, ist gekennzeichnet durch eine Neigung zu Wettkampf und Neid, während die Sphäre der Hungergeister Geiz und Zustände eines unstillbaren und quälenden Hungers nach Erfahrungen repräsentiert; die Sphäre der Tiere steht für leidhafte Dumpfheit und die Höllen für maßlose Aggression und immer wiederkehrende, unermessliche Qualen aller Art. Die Götterwelt dagegen repräsentiert selbstgefälligen und egozentrischen Zustand tiefer glückseliger Entrücktheit. Die menschliche Sphäre versinnbildlicht einen Zustand der Begierde, aber auch des Ausgleiches von Extremen. 

Neben ihrer psychologischen Bedeutung gelten die Daseinsbereiche jedoch auch als Welten, die parallel zu unserer menschlichen existieren. Und die Bereiche können positiv wie negativ aufeinander einwirken. Je unachtsamer und verblendeter ein Mensch in seinem Handeln ist, desto stärker mögen sich seine Aktivitäten negativ auf andere Daseinsbereiche auswirken. Die dort beheimateten Wesen können dadurch gestört und geschädigt werden, weshalb sie sich wiederum an den Menschen rächen, indem sie Krankheiten, Katastrophen, Kriege und ähnliches verursachen.


Zwei Denkweisen

Die Welt ist alles, was der Fall ist, sagt Ludwig Wittgenstein. Das, was mir die Schule als die Sachverhalte der Welt und als Methode des Denkens präsentierte, weiß ich wohl zu schätzen, denn es hilft mir dabei, mich in Zeit und Raum zu orientieren, Ordnung in meine Welt zu bringen und, besonders wichtig, mit meinen Zeitgenossen zu kommunizieren. Allein, das von Schule und Gesellschaft präsentierte Fenster zur Welt erschien mir stets etwas eng. Der Ozean der Zwischenräume zeigte so sehr viel mehr. Was mich die Schule lehrte, das war zunächst eine mechanische Welt der Kausalketten und eine damit verbundene Denk- und Handlungsweise, die die mich umgebende Kultur von mir und allen anderen gesunden Individuen erwartet. Ich lernte so das Zählen und Messen, das Ordnen, das Auflisten und das Ziehen von Schlüssen. Nicht, dass ich etwa ein ordentlicher Mensch wäre, doch das Konzept der Ordnung ist mir geläufig. Und natürlich hatte ich in der Schulzeit regelmäßig allerlei bereits gezogene Schlüsse und Deutungen - so genanntes Faktenwissen über historische, biologische, physikalische u.ä. Zusammenhänge -  auswendig zu lernen, um sie dann in den Klassenarbeiten korrekt wiedergeben zu können. Auf diese Weise wurde mir mitgeteilt, was für wahr zu halten sei, wobei die wenigsten dieser Wahrheiten meinen Sinnen und der unmittelbaren Erfahrung zugänglich waren. Und schließlich funktioniert sie doch scheinbar so, „die Welt“: Ich mache eine Berufsausbildung, weil ich es zu etwas bringen will; ich lege ein Sparbuch an, weil ich später eine Familie gründen und ein Häuschen im Grünen haben will, um es so gleich noch zu etwas mehr zu bringen; ich spare Geld für die Ausbildung meiner Kinder, weil ich möchte, dass auch sie es zu etwas bringen und mir zur Zierde gereichen; ich sammele immer mehr Besitz, um meinen Status zu demonstrieren und meine Bequemlichkeit zu gewährleisten – etwas Luxus muss schon sein, denn schließlich ist das Leben kurz, da will man es auch so gut es geht und um jeden Preis genießen.  

Kausalität bezeichnet allgemein den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, sowie in der Philosophie die Annahme, dass jede Veränderung eine Ursache hat, d.h., dass jedes Ding oder Ereignis notwendig von einem anderen Ding oder Ereignis abhängt. Eine Kausalkette ergibt sich also, wenn jede Wirkung selbst wieder zur Ursache für eine neue Kausalität und somit zu einem neuen Kausal-Ereignis wird. Daher ist die Kausalkette eine streng zeitliche Aneinanderreihung von hintereinander ablaufenden Kausalitäten. Da Ereignisse aus dem Zusammenwirken vieler Ursachen und Ereignisverläufe hervorgehen, sprechen wir heute vom Prinzip der Multikausalität. Die kausale Logik beschreibt einen Ursache-Wirkung Zusammenhang. Kausalität ist gekoppelt an Zeit. Die Ursache geht der Wirkung nicht nur logisch immer voraus, bei einer genaueren Untersuchung zeigt sich, dass die Ursache ihrer Wirkung auch zeitlich immer zuvorkommt. Die Zeit ist somit allen Kausalverhältnissen immanent, d. h. Kausalverhältnisse enthalten immer eine zeitliche Abfolge, sie können ohne die Vorstellung der Zeit gar nicht gedacht werden.

Doch es geht auch anders. Ein wesentliches Merkmal des Ozeans der Zwischenräume ist seine Nichtzeitlichkeit. Die Erscheinungen bedingen einander dort. Sie sind Ausdruck von Energie und Bewegung, in der ein jedes Ornament über eine ganz eigene Zeitlichkeit verfügt, während das Wogen und Fließen des Seienden durch die Kategorien der Zeitlichkeit, der einfachen und komplexen Kausalitäten sprengt. Man spricht in diesem Fall von einer konditionalen Betrachtungsweise. Grundsätzlich benutzen wir im alltäglichen Leben neben der kausalen Logik ohne es zu merken auch die ganz andere Logik der Konditionalität. Wir wissen: Ist der Lichtschalter gekippt, brennt die Lampe. Dies ist ein einfacher konditionaler Zusammenhang. Unter der Bedingung, dass der Lichtschalter gekippt ist, brennt die Lampe und es ist hell. In diesem Fall geht die Bedingung „Lichtschalter gekippt“ der Folge „Lampe brennt“ logisch nicht voraus, sondern begleitet sie, d. h. wenn der Lichtschalter gekippt ist, ist es hell. In reinen Konditionalverhältnissen ist die Vorstellung der Zeit gewissermaßen „ausgeblendet“. Natürlich lässt sich der Vorgang auch kausal betrachten: Es ist hell, weil ich den Lichtschalter gekippt habe. Hier geht dann die Ursache (Lichtschalter kippen) der Folge voraus.

Eine Kausalkette sieht also z. B. so aus: Durch die Verdunstung von Oberflächenwasser entsteht Wasserdampf, der in höheren Atmosphärenschichten kondensiert und so Wolken bildet. Die einzelnen kleinen Wassertröpfchen vereinigen sich zu großen Tropfen und es regnet. Hierzu ist Folgendes zu bemerken:
1. Die einzelnen Elemente der Kausalkette sind nicht austauschbar und nicht rückwärts anwendbar, man kann nicht sagen: „weil es regnet, entstehen Wolken“. Die Ursache (kondensierender Wasserdampf in höheren Atmosphärenschichten) geht der Folge (Wolken) immer voraus.
2. Eine Kausalkette hat die Tendenz eine notwendige Reihenfolge hinsichtlich der Auswahl ihrer Elemente zu setzen, man ist weniger frei in der Auswahl der Elemente und ist wie in dem Beispiel an die naturgesetzlichen Gegebenheiten gebunden.
3. Eine Kausalkette hat die Tendenz zu einer detaillierten, schrittweisen Darstellung der Sache. Kausale Zusammenhänge konstruieren wir dann, wenn wir Ursachen angeben wollen, z. B. „weil ich einen Unfall hatte, bin ich verletzt“. Konditionalsätze sind dafür nicht geeignet. Konditionalsätze verwenden wir meist dann, wenn es weniger auf die Ursachen ankommt, sondern eher auf das Ergebnis.

Nun ein Beispiel für ein reines Konditionalverhältnis: Unter der Bedingung, dass die Stromrechnung bezahlt ist, haben wir Strom auf der Steckdose. Unter der Bedingung, dass Strom auf der Steckdose ist und der Stecker der Lampe in der Steckdose ist, haben wir Strom bis zum Lichtschalter. Unter der Bedingung, dass Strom am Lichtschalter ist und der Lichtschalter gekippt ist, haben wir Strom an der Glühbirne. Unter der Bedingung, dass Strom an der Glühbirne ist und die Glühbirne nicht kaputt ist, haben wir Licht. An dieser Konditionalkette ist Folgendes auffällig:
1. Die einzelnen Elemente sind in ihrer Reihenfolge austauschbar. Die Konditionalkette kann auch rückwärts durchlaufen werden bzw. die Reihenfolge spielt höchstens für das Verständnis eine Rolle, nicht jedoch für die Logik der Sache. Wir können beispielsweise problemlos behaupten, dass wir Licht haben, wenn wir die Stromrechnung bezahlt haben oder dass die Glühbirne nicht kaputt ist, wenn wir Licht haben.
2. Eine Konditionalkette hat eine Tendenz zur Beliebigkeit hinsichtlich der Auswahl ihrer Elemente. Das bedeutet, dass wir in dem Beispiel Elemente weglassen können oder neue Elemente (z. B. eine intakte Sicherung) hinzufügen können, ohne die Logik der Sache zu brechen. Es ändert sich jeweils nur der Verständniskontext.
3. Eine Konditionalkette hat die Tendenz zur verkürzten, vereinfachten Darstellung einer Sache. Deshalb verwenden wir im täglichen Leben oft einfache Konditionalverhältnisse.
4. Konditionalverhältnissen ist die Vorstellung der Zeit nicht immanent. Die Vorstellung der Zeit ist in Konditionalverhältnissen nicht implizit enthalten, deswegen kann man Konditionalverhältnisse nicht in Zeitabschnitte unterteilen.

Versteht man nun den Konditionalnexus als zeitliche Abfolge, sei es in einer Existenz oder in vielen, dann fällt man ein so genanntes analytisches Urteil. Analytische Urteile fügen dem Begriff nichts Neues hinzu, sie entfalten erklärend nur das, was zuvor schon in ihm enthalten ist. Ein Beispiel für ein analytisches Urteil wäre z. B.: „Gott ist ein ewiges und unendliches Wesen“. Hier wird dem Begriff „Gott“ nichts hinzugefügt, was nicht zuvor schon in ihm enthalten ist. Die Prädikate „unendlich“ und „ewig“ entfalten den Begriff von Gott nur, d.h. sie wirken erklärend. Da der Begriff des Konditionalnexus gar nicht die Vorstellung der Zeit enthält, fällt man ein falsches bzw. sinnloses analytisches Urteil, wenn man ihn zeitlich denkt. Bei anderen Sätzen, die auch keine Zeitlichkeit beinhalten, fällt dies sofort auf. Niemand würde z. B. behaupten: Morgens gilt der erste, mittags der zweite und abends der dritte Hauptsatz der Thermodynamik. Das wäre einfach absurd.

Wollte man nun bezweifeln, dass reine Konditionalverhältnisse niemals die Vorstellung der Zeit beinhalten, dann könnte man zu diesem Zweck Sätze wie diesen vortragen: „Wenn ich heute Nacht nicht ausreichend schlafe, bin ich morgen den ganzen Tag müde und kann nicht philosophieren.“ Dieser Satz schildert ein Konditionalverhältnis, das die Vorstellung der Zeit beinhaltet. Allerdings entstehen solche Sätze dadurch, dass man die Kondition mit einem absoluten Datum oder einer relativen Zeitangabe verknüpft. Der Satz vom müden Philosophen stellt daher kein reines Konditionalverhältnis dar, sondern eine Synthese von Kondition und Zeit (Zeitangabe). Der Konditionalnexus verknüpft jedoch nirgends die Kondition mit einer Zeitangabe. Zwar scheinen die einzelnen Glieder des Konditionalnexus in der Zeit zu sein, in Wahrheit sind diese jedoch zeitlos als Vorstellungen in meinem Bewusstsein. Wenn z. B. die Elemente Geburt oder Tod reale Ereignisse werden, erfolgt die Verknüpfung mit einem Zeitpunkt und erst dann werden diese zeitlich. Reine Konditionalverhältnisse beschreiben also nur die Möglichkeit des Beschriebenen, nicht dessen Wirklichkeit.

Durch die Beifügung der Vorstellung der Zeit wird die Reinheit des Konditionalverhältnisses gebrochen und das Bedingte gelangt in einen Bereich zwischen reiner Konditionalität und Kausalität. Während die reine Konditionalität nur die allgemeine Möglichkeit des Bedingten beschreibt, stellt die mit der Zeit verknüpfte Bedingung die reale Möglichkeit des Bedingten dar. Die zeitliche Konditionalität bereitet den Umschlag vom rein Möglichen zum real Existierenden vor oder, anders ausgedrückt, hier erfolgt ein Übergang von der reinen Konditionalität zur Kausalität. Jede Realität ist in der Zeit; immer wenn etwas Mögliches zu etwas Realem wird, muss die reine Möglichkeit mit der Zeit verknüpft werden. Die Sprache suggeriert nun eine Gleichzeitigkeit der Bedingungen von Konditionalverhältnissen, diese ist jedoch nur scheinbar. Tatsächlich kennen Konditionalverhältnisse weder ein „Davor“ noch ein „Danach“ und damit auch keine Gleichzeitigkeit, denn die Gleichzeitigkeit setzt die Möglichkeit eines „Davor“ oder „Danach“ voraus. Die Sache wird klarer, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Kausalverhältnisse im Gegensatz zu Konditionalverhältnissen versuchen, den Grund einer Sache, also die Ursache, beleuchten.

Die Vorstellung der Zeit ist eine Bedingung, um überhaupt einen Zusammenhang zwischen der Ursache und ihrer Wirkung herstellen zu können. Man kann auch sagen, dass unserem Erkenntnisvermögen ein Gesetz innewohnt, sozusagen eine „transzendentale Regel“, welches uns vorschreibt, dass die Ursache ihrer Wirkung zeitlich vorauszugehen hat. Die Zeit ist demnach Bedingung für jedwede Kausalität. Bei Konditionalverhältnissen wird aber nicht nach Ursachen gefragt, sondern nur nach Bedingungen. Deswegen ist die Vorstellung der Zeit in Konditionalverhältnissen nicht von vornherein enthalten. Den Konditionalnexus zeitlich denken heißt, die immanente Zeitlichkeit der Kausalität in die Konditionalität hinein zu projizieren, also den Konditionalnexus nicht als reines Konditionalverhältnis zu begreifen. Dass der Konditionalnexus aber eindeutig ein reines Konditionalverhältnis darstellt, ergibt sich zum einen daraus, dass er in den Texten als eine Folge von Bedingungen beschrieben wird, zum anderen weil der Buddha wiederholt davon spricht, den Konditionalnexus auch „rückwärts“ durchdacht zu haben und dies auch demonstriert.


Ende Teil V


Uhanek





              
                    
              



    

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