DrachenSabber
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer   Teil IV

Ist die Konstruktion einer ganzen Welt zusammengebrochen, dann kann man sehr darunter leiden oder man kann wertvolle Erkenntnisse gewinnen.

Wir müssen mit den Umständen arbeiten

Meine harte Zeit war Teil meiner Praxis. Es nützt nichts, in Jammern und Klagen darüber zu verharren, dass eine erlebte Wirklichkeit nicht den erträumten Wünschen, Hoffnungen und Idealen entspricht. Was sich ändern lässt, das soll man ändern. Wir können durch vielfältige Methoden verändernd in die Bedingungen der äußeren und inneren Wirklichkeiten eingreifen, denn ändern sich die Ursachen, so ändern sich auch die Resultate. Was aber unveränderlicher Bestandteil unseres menschlichen Daseins ist, darüber gibt es keinen Anlass zu klagen.

Meist wird Buddhismus im Westen als Religion bezeichnet. Insbesondere der tantrische Buddhismus mit seinen reichen Symbolsystemen, Ritualen, Mantras und yogischen Praktiken verführt natürlich von Außen betrachtet zu dieser Annahme. Auch sprechen solche Außenperspektiven bisweilen von Magie und Aberglauben. Im Grunde aber ist die Zuordnung zum Religionsbegriff falsch und die Schlüsse der Außenperspektiven vorwiegend ein Ausdruck von Un-Kenntnis. Das Konzept „Religion“ ist ein rein westliches, höchst problematisch dazu. Tatsächlich ringen damit befasste Wissenschaften, etwa die Religionswissenschaft und die Ethnologie, mit der Frage, wie genau „Religion“ nun überhaupt zu definieren sei, will man nicht einfach nur einen europäischen, christlich geprägten Religionsbegriff als idealtypisch voraussetzen.

Die ersten tibetischen Wörterbücher wurden von Missionaren verfasst, die sie zur Übersetzung der Bibel verwendeten. Darin wurde für den Begriff „Religion“ das tibetische Wort chö verwendet. Und damit begannen viele Missverständnisse. Chö ist die tibetische Übersetzung des Sanskritterminus dharma. Beide Begriffe haben andere Konnotationen als der Begriff „Religion“. Die Bedeutung von dharma lautet „was etwas an sich ist“, d.h. etwas, was die Natur der Wirklichkeit oder des Geistes und der Phänomene an sich ist. Je nach Kontext können noch weitere Bedeutungen hinzukommen. Die Bedeutungspallette ist breit. Die Bedeutungen lauten „Phänomen“, „Weltgesetz“ oder „tiefste Natur der Wirklichkeit“, auch bezeichnet dharma / chö die Lehren des Buddha und umfasst damit philosophische Lehren über Metaphysik und Logik, die Wissenschaft vom Bewusstsein, Meditationslehren, sowie yogische Lehren und Praktiken. Schlussendlich beziehen sich die Begriffe aufgrund späterer Entwicklungen auch auf eher religiöse Aspekte des Buddhismus und sogar auf die verschiedenen Religionen. So ist etwa die Rede vom „Buddha-Dharma“, der inhaltlich vom „Jesus-Dharma“ oder dem „Dharma des Muhammad“ unterschieden wird. Hierbei jedoch trägt dharma / chö die Bedeutung „Lehre“. „Buddha-Dharma“ umfasst in diesem Zusammenhang alle Aspekte des Buddhismus, denen jedoch im Westen vorwiegend die Geisteswissenschaften und einige Aspekte der Naturwissenschaften entsprechen. Das zentrale Thema des Buddhismus ist die Wissenschaft vom Bewusstsein und den Phänomenen. Die religiösen Praktiken gründen darauf, sind genau genommen daraus abgeleitete Methoden und sind auf die Verwirklichung der Natur des Geistes und der Phänomene hin ausgerichtet. Tatsächlich lässt sich sagen, dass eine Übersetzung von dharma / chö als „Religion“ in eine gänzlich falsche Richtung führen kann.

Die Basis des Buddhismus ist ihrem Ansatz nach streng wissenschaftlich. Hervorgegangen aus einer alten Tradition tiefgründigen Hinterfragens der Natur der Phänomene und der Natur des Geistes, etablierte sich im Buddhismus etwas, das auf Tibetisch als Nang-don rigpa, als Innere Wissenschaft bezeichnet wird, die Teil einer Wissenschaft vom Bewusstsein und den Phänomenen im Rahmen einer hoch respektierten akademischen Tradition ist. Neben der Inneren Wissenschaft werden traditionell noch weitere Wissenschaften gelehrt: Die Medizin (gSo-ba rigpa), die Sprachwissenschaft (sGra rigpa), die Logik (gTan-tshig rigpa) und die Kunstwissenschaft (bZor rigpa). Der Begriff Rigpa wird in diesem Kontext in der gleichen Weise benutzt, wie der Begriff „Wissenschaft“. Als Bezeichnung für westliche Wissenschaft führte im 20. Jahrhundert der tibetische Gelehrte Gendün Chöpel den Begriff Rig-gsar ein, das bedeutet eine neue (gSar) Art, „Wissenschaft“ (Rig-pa) zu betreiben.

Der grundlegende Unterschied zwischen der Inneren Wissenschaft und der westlichen Wissenschaft unserer Zeit liegt in dem Verhältnis zwischen dem beobachtenden Subjekt und den Objekten. Die Innere Wissenschaft wurzelt fest in der Lehre vom abhängigen Entstehen, Tendrel, der zufolge Subjekt-Objekt nur in streng aufeinander bezogener Form bestehen. Demgegenüber stützt sich der westliche Untersuchungsansatz auf die Annahme einer Getrenntheit von Subjekt und Objekt. Das Subjekt kann bei dieser Art der Untersuchung die Position eines „neutralen Beobachters“ einnehmen, der die Gesetze einer scheinbar aus sich selbst heraus existierenden Wirklichkeit findet. Erst in jüngster Zeit wird die Wechselbeziehung von untersuchendem Subjekt und untersuchtem Objekt zunehmend in das wissenschaftliche Verständnis mit einbezogen und es findet langsam eine Annäherung an die Philosophie und die Innere Wissenschaft des Buddhismus statt.

Die Innere Wissenschaft beinhaltet einen gründlich definierten Untersuchungsansatz, der sowohl empirisch, als auch experimentell ist, wobei die Sinnesrealität den Ausgangspunkt bildet. Über eine Unterscheidung verschiedener Arten von Wirklichkeitserfahrung gelangt die Innere Wissenschaft zu subtilen Ebenen der Sinnesrealität vor aller konzeptuellen Benennung und Interpretation, sowie zu solchen Ebenen der Wirklichkeit, die der Sinnesrealität zugrunde liegen. Hierbei findet eine innere Untersuchung statt, in der Regeln und Methoden Verwendung finden, die auf klar definierten Formen korrekter Argumentation und logischer Ableitung basieren, sowie auf der Notwendigkeit, die Untersuchung auf vorherige Ergebnisse zu gründen und sie zu diesen in Beziehung zu setzen.  

Aus dieser Inneren Wissenschaft gehen all die vielen Methoden hervor, die der Untersuchung dienen oder auch der Neuordnung oder der Verlaufskorrektur der Umstände. Auf ihr beruht eine reiche Bild- und Symbolsprache, die eigenen Regeln folgt und deren tatsächlicher Sinn sich nur dann erschließt, wenn man mit ihren Grundlagen vertraut ist.

Die Prognose des Onkologen klang nicht sehr hoffnungsvoll, eher so, als wollte er uns auf das Schlimmste vorbereiten. Ich bin bereit, alles für Avid zu tun. Wenn ich nur könnte, ich würde mit ihm tauschen. Mein Leben und meine Gesundheit für ihn. Ich bin alt genug und habe bereits ein Leben genossen, ihm aber wünsche ich, dass er eine glückliche Zukunft haben möge. Mit solchen Gedanken und solcher Intention schlage ich die große Trommel und rufe gemeinsam mit meinen Vajrageschwistern die Dakinis und Schützer: Mögen sie das Leiden abwenden; mögen sie die destruktiven Intentionen auf ihren Ursprung zurückwerfen; mögen sie die Krankheit auflösen; mögen sie Wachstum und Glück bringen, mögen sie alle Hindernisse beseitigen; mögen sie das Kind schützen. Ich praktiziere außerdem den großen, zornvollen Garuda, rezitiere seine Aktivitätsmantras und sende kleine Feuerfunken in die Tumore. Auch Sonja, meine Vajraschwester und langjährige Gefährtin auf dem Pfad, lässt den lodernden Garuda erscheinen und ihn die Krankheit aufzehren. Durch das Cortison wird mein Kind zu einer kleinen, dicken Kugel, die zunächst unentwegt schreit, unruhig, hungrig und unglücklich ist. Sonja weiß Hilfe: Sie fertigt ein Amulett. Das Mantra gegen Geschrei und Unruhe von Kindern wird darauf geschrieben, aktiviert und in der Nähe des Kleinen deponiert. Sobald das Amulett im Haus ist, beruhigt sich Avid und die Ärzte freuen sich über ein trotz der Umstände ausgeglichenes und zufriedenes Baby. Die Hämangiome entwickeln sich bemerkenswert schnell zurück.

Haben wir etwas anderes, weniger rationales getan, als die Ärzte? Nein. Glaube ich an Götter und Geister, die mich als unabhängige Persönlichkeiten umschwirren? Nein. Ich glaube nur, dass unser aller Bewusstsein, umnebelt von den Illusionen der Ignoranz, sich leider allzu oft vieler Dinge nicht gewahr wird. Und ich weiß, dass manche Dinge nur dann seltsam, magisch oder religiös wirken, wenn man ihre Bedeutung nicht kennt. 


Vom Zentrum des Universums und der Energie

Indem ich nicht länger bin, bin ich alles. Dieser Satz begleitet mich seit vielen Jahren und erscheint mir als eine Essenz des Buddhismus. Ich habe ihn immer als hilfreich und heilsam empfunden: Indem ich mich von all den Vorstellungen und Denkgebilde löse, die mich so sehr im Griff haben, kann mein Geist eine heilsame Offenheit und kreative Präsenz entfalten, die alles zu integrieren vermag. Unsere Selbstidentifikation mit flüchtigen und vergänglichen Dingen wie Namen, Zuschreibungen aller Art, Formen, Gedanken, Gefühlen, Worten, Besitz u.ä. bringt viel Leid hervor, für uns selbst und andere. Wird aber der Glaube an ein in sich abgeschlossenes Selbst beendet, so wird allmählich Anhaftung und Abneigung die Grundlage entzogen und echtes Mitgefühl kann entstehen. Dies sollte nicht verwechselt werden mit sentimentalen Gefühlswallungen, einer „Empathie“, die sich in süßen Worten ausdrückt und auf Sichtweisen psychotherapeutischer Praxis stützt, oder gar den kulturell definierten Schablonen „höflichen“ Handelns. Mitgefühl ist ein Synonym für Empfänglichkeit. Es ist eine Offenheit, Präsenz und Wahrnehmungsfähigkeit des Geistes auf der Grundlage einer Motivation, die auf das Wohl und den Nutzen aller Wesen ausgerichtet ist. Es ist nicht zu begrenzen auf ein „Mitleiden“ oder „Einfühlungsvermögen“, sondern bedeutet ein spontanes Reagieren auf die unentwegten Veränderungen der dynamischen Gegebenheiten bei konstanter Klarheit und Präsenz. Erst unter Hinzufügung christlicher Konnotationen bezieht sich der Begriff allein auf die Idee tugendhaften Handelns. Mitgefühl im Sinne von Empfänglichkeit hingegen kann jede Art von Reaktion einzuschließen.   

Bewusstsein ist im buddhistischen Verständnis gleichbedeutend mit dem Himmelsraum. Der diskursive Geist, die aus ihm hervorgehenden Gedanken und Emotionen, sowie alle Erscheinungen der von uns erlebten Welt werden mit Wolken verglichen, die am Himmel entstehen und vergehen: Die Welt ist ein Tanz energetischer Erscheinungen, die in stetem Wandel begriffen sind. Ein Stehenbleiben gibt es nicht, ein Festhalten ist Illusion. Wir werden geboren, um zu sterben. Wir begegnen einander, um uns zu verlassen. Ausatmend erschaffen  wir die von uns erlebte äußere Welt, einatmend erschaffen wir unser inneres Universum. Ein- und Ausatmend  sterben wir in jedem Moment und werden gleich darauf neu geboren. Die Winde des Karmas fügen die Daseinsfaktoren zu einzigartigen Individuen, die durch den grenzenlosen Raum wirbeln, sich verändern und wieder auflösen, um durch die Kräfte des Karmas erneut zusammengefügt zu werden. Unser Da-Sein gleich einer gewaltigen Symphonie, getragen von einer Vielzahl von Rhythmen. Wir gaukeln uns durch Projektionen und Selbstidentifikation eine Kontinuität und Beständigkeit vor, wo es keine gibt.  Das Individuum verlässt mit dieser Sichtweise die begrenzte Position eines getrennten und vereinzelten Selbst und erlangt einen sehr viel bedeutenderen Stellenwert: Es wird das selbstlose Zentrum des von ihm erlebten Universums. Dies verschafft eine grundlegende Stabilität, die es ermöglicht, lähmende, beengende Zustände, Depressionen und Trauer zu erkennen und in frische Energie umzuwandeln.

Weil ich nicht länger bin, bin ich alles. Ich bin die tanzende Energie und spielendes Bewusstsein in der großen Leerheit des anfangslosen Raumes. Die wichtigste Grundlage des Buddhismus bildet die Tendrel-Sichtweise des abhängigen Entstehens der Phänomene, jenes Wogen und Tanzen der Erscheinungen im Ozean der Welt. In dieser Sichtweise spielt der Sanskritterminus Shunyata eine herausragende Rolle. Er setzt sich zusammen aus dem Wort shunya, was "leer", "offen", "inhaltlos" und "nichts" bedeutet, mit dem Suffix -ta, was als "-heit" oder "-keit" übersetzt wird. Shunyata ist die Leerheit, die Offenheit, die Nicht-Dingheit der Phänomene. Dies meint nicht, wie es im Westen oft falsch interpretiert wurde und wird, dass hier von einem Vakuum oder einem Nichts die Rede ist. Vielmehr muss eine passende Gegenfrage lauten: Leerheit von was? Es ist die Leerheit von Begriffen, geistigen Konstruktionen und Projektionen. Leerheit ist das, was ist, nur frei von Begriffen, Kategorien, Wertungen etc.

Dem Begriff der Leerheit steht der Begriff der Dinghaftigkeit oder inhärenten Eigenexistenz gegenüber. Dieser Ausdruck bezeichnet die Tendenz, die Phänomene mit Worten, Eigenschaften u.ä. zu belegen und diese Zuschreibungen dann für etwas den Phänomenen Inhärentes zu halten: Alles, was A ist, kann nicht Nicht-A sein. Indem ein Ding als A benannt wird, wird eine Trennung vollzogen zwischen dem Ding A und den Dingen Nicht-A. Nach buddhistischem Verständnis liegt hierin aber der Fehler, weil den Dingen weder die Zuschreibung zu Eigen ist, noch existieren sie in einer solchen abgegrenzten Weise. Das Fehlen von inhärenter Eigenexistenz bedeutet, dass nichts aus eigener Kraft ins Dasein tritt und dass nichts in seinem Erscheinungsbild und seiner Substanz unwandelbar ist.

Ein gutes Beispiel ist der Baum. Er besteht aus einer gewaltigen Anzahl Zellen, von denen manche die Rinde, andere das Holz, wieder andere die Wurzel und Blätter bilden. Fällt ein Blatt vom Baum, so betrachten wir die Zellen, die wir bis dahin dem Baum zugerechnet haben, als gesondertes Blatt, das auf den Boden fällt, wo es zwischen anderen Blättern verrottet und zur Nahrung für den Baum und somit zur Grundlage für neue Blätter wird. Könnte unser Blick sehr subtile Zusammenhänge erfassen, dann würden wir einen ununterbrochenen Gas- und Stoffaustausch mit der Atmosphäre, der Erde und unzähligen Organismen erblicken. Wir betrachten eine Form, die sich unserem Sehsinn zeigt, und nennen sie "Baum", doch in Wahrheit haben wir es mit einem ungeheuer vielschichtigen Phänomen zu tun, das sich in steter Bewegung und stetem Austausch befindet. Wird aus dem gesamten Netz der Faktoren, die zum Erscheinen des Phänomens führen, ein Faktor entfernt, so verschwindet auch das Phänomen. Daher ist es ohne Selbst, d.h. ihm ist die begrifflich-konzeptuelle Zuschreibung nicht inhärent, es existiert nicht eigenständig, aus sich selbst heraus und es bildet kein geschlossenes System.

Jedes Phänomen oder Objekt kann auf diese Weise analysiert werden. Die konventionelle Sicht auf die Phänomene macht uns glauben, wir erblickten eine fassbare, eigenständig existierende Form, die aus fester Materie besteht. Tatsächlich jedoch erblicken wir temporäre, sich wandelnde Formen, wie Wellen im Wasser, die von Materie durchströmt werden. Und wir erblicken vermeintlich feste Materie, die in ihrem Inneren doch nichts anderes ist, als kreisende Energie ohne eine feste Grundlage und ohne einen greifbaren, festen Kern.


Der Ozean der Zwischenräume

Ich bin fünf Jahre alt. Der Kindergarten ist aus – Heimweg. Die Orangefarbene Brottasche aus Hartleder umgehängt. Omi hat gesagt, der Weg sei etwa hundertfünfzig Meter lang. Ich glaube, das ist lang, vor allem wenn ich alleine gehe. Und ich finde auch, dass das manchmal ganz schön weit ist. Heute zum Beispiel. Der Himmel ist grau, meine Füße sind platt und schwer. Im Kindergarten sind die anderen Kinder manchmal gemein. Alle sagen, dass Ottmar stinkt – Stinkottmar -, darum habe ich mal an ihm gerochen und ich finde gar nicht, dass er stinkt. Mir ist warm. Da ist der Laden von Frau Gebensleben. Wieso gibt sie mir manchmal ein Bonbon, wenn ich mit Omi da bin, um Essen einzukaufen, und manchmal nicht? Ich habe Durst. Ich habe Omi erzählt, dass es im Kindergarten manchmal leckere Quarkspeise gibt. Sie will auch mal so etwas für mich machen – aber sie kann das ja gar nicht probieren, weil sie Quark und Käse nicht mag. Ob es dann überhaupt schmeckt, wenn sie es macht? Endlich da. Ich komme schon an die Klingel ran. Türöffnersurren, Treppenhaus, Kellergeruch, Erdgeschoß, erster Stock, „Na mein Schatz!“ „Hallo Omi!“ Kuss.

Nach meinem Bericht des Tagesgeschehens im Kindergarten spiele ich still und blättere dann in Pixibüchern. Omi ist in der Küche beschäftigt, ich bin allein im Wohnzimmer. Ich gehe ans Fenster und schaue hinaus. Der Rasen hinter dem Haus, der große, quadratische und dicht begrünte Spielplatz inmitten der drei Mietshäuser und der Reihenhäuser. Ich sehe. Was ist ich? Kein Ich, nur Sehen und Tiefe.

Eine graue Wolkendecke, strömend, die Baumkronen, bewegt. Zwischenraum, zwischen den Häusern, in den Häusern und darüber hinaus. Spannt sich von Dach zu Dach und immer weiter. Zwischen den Möbeln, zwischen den Wänden, zwischen den Häusern, bis zu dem Großen, wo es kein dazwischen mehr gibt. Raum. Im Raum Bewegung und Licht, aus denen Formen gerinnen, die wieder nur aus Zwischenräumen bestehen. Die unendliche Fülle der Zwischenräume im großen Raum zu einer Einheit gefügt. Das eine, frei von Oben, Unten, Vorne, Hinten, durchwogt von Form, Fließen, Bewegung, Geschwindigkeit und Wärme. Die Wahrnehmung ist Raum, die wogenden Formen sind wie ein Traum, der Wahrnehmende das Zentrum aller Zwischenräume.

Als die Welt der Trennung zu mir zurückkehrt, gehe ich zu meiner Großmutter in die Küche: „Du, Omi, ich habe gerade den Lieben Gott gesehen.“

Die buddhistischen Begriffe "Leerheit von inhärenter Eigenexistenz", "Nichtdualität" und "Nichtgetrenntheit" sind Ausdrücke für die wechselseitige Verbundenheit aller Phänomene in einem allumfassenden, ungeteilten, unteilbaren kausalen oder besser konditionalen Netz. Und in diesem Netz befinden sich alle empfindenden Wesen, also auch der Mensch. Als Menschen befinden wir uns in ununterbrochenem Austausch und ununterbrochener Bewegung. Wir gehen aus Substanzen unserer Eltern hervor, werden geboren, atmen, nehmen Nahrung zu uns, brauchen Bewegung, Licht, eine bestimmtes Temperaturspektrum usw. Unentwegt sterben in unserem Körper Zellen ab und werden neue gebildet, so dass wir tatsächlich etwa alle sieben Jahre im Grunde ein komplett neuer Mensch sind. Jeder Bereich ist abhängig von vielen Faktoren und alles ist in Bewegung. Was ist also Leben inmitten dieser unaufhörlichen Dynamik? Leben ist ein Moment. Es ist der Moment, den wir in ewiger Gegenwart verbringen, während sich Vergangenheit und Zukunft in dem inneren Kino abspielen, das der diskursive Geist erschafft. Wir sind zeitlich begrenzte, einzigartige Ornamente inmitten eines Wogens und Wirbelns von kosmischen Ausmaßen.


Ende Teil IV


Uhanek


Ihr Kinderlein kommet! Oder warum gut sein allein nicht ausreicht - Teil II 16.09.2017
Ihr Kinderlein kommet! Oder warum gut sein allein nicht ausreicht - Teil I 02.09.2017
Lehrer - Meister - Gurus - Teil II 29.07.2017
Lehrer - Meister - Gurus - Teil I 22.07.2017
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil III 07.01.2017
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil II 17.12.2016
Relativ einfach und absolut schwierig - Karma verstehen oder missverstehen - Teil I 26.11.2016
Keine Psychotherapie, kein Wellness - Teil II 29.10.2016
Keine Psychotherapie, kein Wellness - Teil I 22.10.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil III 18.06.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil II 05.06.2016
Ich-Sucht und -anhaftung - Teil I 28.05.2016
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen - Teil III 06.02.2016
Geistestraining – Dharma im Alltag 19.09.2015
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen! - Teil II 22.08.2015
Lasst uns die Feste feiern wie sie fallen! - Teil I 21.04.2015
Die rechte Weise des Hörens und Studierens 20.12.2014
Zeichen für die Gegenwart und das Wirken der Nagas - Teil II 06.09.2014
Zeichen für die Gegenwart und das Wirken der Nagas - Teil I 16.08.2014
Über die Wichtigkeit der Motivation 03.05.2014
Der Tanz der Dakinis - Teil III 18.01.2014
Der Tanz der Dakinis - Teil II 09.11.2013
Der Tanz der Dakinis - Teil I 19.10.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil III 20.07.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil II 22.06.2013
Von Bommelkissen und Lackhosen – ein Dialog unter Freunden - Teil I 04.05.2013
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil IV 09.03.2013
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil III 01.12.2012
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil II 01.09.2012
Das Lächeln des Dalai Lama - Teil I 21.07.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil III 14.04.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil II 17.03.2012
Die Heiligkeit der Welt - Teil I 25.02.2012
Herrin der drei Welten 20.11.2011
Karma - Gedanken zu einem missverstandenen Begriff - Teil II 05.11.2011
Karma - Gedanken zu einem missverstandenen Begriff - Teil I 22.10.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl… - Teil V 02.07.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl… - Teil IV 19.02.2011
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil III 20.11.2010
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil II 28.08.2010
Die Sache mit dem Mitgefühl … - Teil I 15.05.2010
Der spirituelle Freund - Teil III 13.02.2010
Der spirituelle Freund - Teil II 14.11.2009
Der spirituelle Freund - Teil I 08.08.2009
Zufluchtnahme und Initiation im tantrischen Buddhismus 17.05.2009
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil V 25.10.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil IV 04.10.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil III 20.09.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil II 06.09.2008
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer - Teil I 23.08.2008





               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017