Betreut von Uhanek
DrachenSabber
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer   Teil III

Ist die Konstruktion einer ganzen Welt zusammengebrochen, dann kann man sehr darunter leiden oder man kann wertvolle Erkenntnisse gewinnen.

Die Welt ist Wandlung

Eine der finstersten, doch auch lehrreichsten Zeiten meines Lebens beginnt an einem strahlenden, warmen Septemberwochenende im Jahre 2003. An diesem Sonntag, dem 14., ist der Himmel sehr klar und völlig wolkenlos, in Bodennähe ist es leicht diesig. Etwa um zehn Uhr erhalte ich einen Anruf aus dem Krankenhaus: Ich soll sofort kommen, mein Kind muss jetzt geholt werden. Ich gehe mit einem starrenden Blick durch die Wohnung. Die ganze Welt ist mir plötzlich wie ein Kino und ich stehe mittendrin und glotzte auf meinen Lebensfilm, inwendig völlig hohl und dumpf, ohne den Hauch einer Emotion. Ein irgendwie ungläubiges Empfinden bestenfalls, ganz unterschwellig. Dieses Gefühl, das sich dann einstellt, wenn man im Traum anfängt zu merken, dass man träumt.
Ich soll an diesem Mittag arbeiten. So greife ich also zum Telefon und rufe eine Kollegin an, um meine Schicht zu tauschen. Als ich ihre Stimme höre, kehre ich mit einem Mal in die Wirklichkeit zurück. Zu dieser Wirklichkeit mit ihren Notwendigkeiten gehört auch die Gegenwart einiger Möglichkeiten, die meine Welt erschüttern: Meine Frau oder unser Kind oder beide könnten jetzt sterben. Oder unser Sohn könnte durch seine frühe Geburt schwerste Schädigungen erleiden.
Ich entschuldige mich für die Störung und bitte Patricia, kurzfristig meine Schicht zu übernehmen, da ich ins Krankenhaus muss. In diesem Moment bricht mir die Stimme und als mich Patty mit ihrem warmen spanischen Akzent in einem mitfühlenden und besorgten Ton fragt, was passiert sei, werde ich von einem emotionalen Tsunami überrollt. Nicht länger fähig zu reden flüstere ich nach einer Pause nur, dass ich mich später melden werde. Als ich mich wieder gefasst habe rufe ich Insa an, eine andere gute Freundin, und bitte sie, mich ins Krankenhaus zu fahren. Auf dem Weg dorthin redet sie in ihrer eigenen Hilflosigkeit hohle Phrasen des Trostes, die mich allerdings nicht erreichen.

Alles ist so surreal. Nach einem Blasensprung in der fünfundzwanzigsten Schwangerschaftswoche, durch den in kleinen Mengen das Fruchtwasser verschwand, liegt Esther nun seit einigen Tagen mit einer schweren Infektion in der Frauenklinik. Tags zuvor hatte ich bei ihr gesessen, als sie gegen Abend beinahe gestorben wäre, denn der junge Arzt erkannte spät, fast zu spät, dass die Beschwerden, über die seine Patientin im Laufe des Nachmittags klagte, nicht etwa Hypochondrie einer wehleidigen Ausländerin, sondern das Resultat einer Lungenembolie waren. Als sich dann kurze Zeit später ein aufgeregtes Ärzteteam in einem anderen Raum um sie bemühte, wurde ganz beiläufig schließlich sogar noch ein kleiner Herzfehler entdeckt, eher unbedenklich in guten Zeiten, in dieser Situation jedoch bedrohlich. Inmitten der Maschinen, Schläuche und Ärzte und des Tumultes aus Stimmen, elektronischem Piepen und Herztönen des Kindes lag Esther, ganz ruhig und gefasst, bereit zu sterben, wenn es denn soweit sein sollte. Ihr wunderschönes Gesicht war wie gemalt, vollkommen entspannt schien sie vorwärts zu blicken, als stünde sie am Beginn einer Reise. Sie sah aus, als sei sie bereit, das Unvermeidliche zu akzeptieren und alles hinter sich zu lassen. Ich wurde schließlich von Esther fortgedrängt, von den Ärzten und Krankenschwestern aus dem kleinen Raum geschoben und in einem Krankenhausflur zurückgelassen, der sich, kaum beleuchtet, in Dunkelheit verlor.

Irgendwann am späten Abend, so gegen zehn vielleicht, kam ein Arzt zu mir und forderte mich auf, zu gehen. Ich solle etwas essen und schlafen. Man würde mich dann anrufen. Dann.
Im Kreißsaal dann halte ich Esthers Gesicht, während sich vor meinen Füßen eine Lache aus ihrem Blut bildet. Dann ein erstaunlich lautes Stimmchen. Der Chefarzt beglückwünscht mich und führt mich zu einem Frotteetuch, aus dem ein winziges Gesichtchen herausschreit, vielleicht so groß wie eine Nektarine. Die Schreie werden immer kurz unterbrochen, wenn dem kleinen Wesen neue Luft in die noch kaum gereiften Lungen gepumpt wird. Für Momente öffnen sich die vollkommen dunklen Augen. Dann wird das Bündel fort getragen.

Esther und Avid werden mit Antibiotika behandelt und die so bedrohliche Infektion ist bemerkenswert schnell besiegt. Drei Tage nach seiner Geburt sitzen wir auf der Kinderintensivstation am Inkubator und betrachten dieses winzige Kind, dass durch das anstrengende Atmen auch noch Gewicht verloren hat und nur zarte 700 Gramm wiegt – mal gerade etwas mehr als ein Päckchen Zucker -, als uns eine Schwester mitteilt, dass sie Esther unser Kind jetzt einmal auf die Brust legen könne. Dort liegt es dann und wimmert mit einem sehr feinen und klaren Stimmchen, während uns diese Begegnung mit unserem Kind zutiefst erschüttert und wir um Avid und die Umstände seiner Geburt weinen.

Meine persönliche Trauer resultierte aus einer sehr plötzlichen Zerstörung der besten Wünsche, die ich für mein Kind hatte. Über Monate hinweg war ich ganz einfach von einer „normalen“ Geburt ausgegangen. Meine Tagträume hatten das Bild eines drallen Babys gezeichnet, das kurz nach seiner Geburt an Esthers Brust gelegt wird und glücklich trinkt. Ich hatte über Monate die psychischen Repräsentanzen des Kindes mit psychischer Energie gefüllt. Stattdessen war mein Kind kaum größer als meine Hand, musste über eine Magensonde ernährt werden, da es noch nicht fähig war zu trinken: Zu Beginn alle zwei Stunden zwei Milliliter. Sobald Esthers Behandlung mit dem Antibiotikum beendet war, kämpfte sie viermal täglich über den Tag und die Nacht verteilt darum, mittels einer Pumpe so viel Milch wie möglich aus ihrer Brust zu holen und war verzweifelt dabei, denn es schien immer zu wenig zu sein, obwohl es doch reichte. Und immer wieder setzte die Atmung des Kleinen einfach aus, er wurde dadurch erst grau, dann blau und musste schnell geweckt und an das Atmen erinnert werden, weil es im Grunde noch viel zu früh dafür war. Und er hatte Herzrhythmusstörungen. Seine Gesundheit und sein Leben hingen an einem seidenen Faden.

Für all die glücklichen Bilder gibt es keine Garantie, sie sind nur Teil unserer Fantasien. Die Welt ist ein dynamischer Prozess und die Ereignisse können jederzeit gänzlich unerwartete Wendungen nehmen. Und bei allem ist der Tod unser Begleiter. Wir wissen nicht, wann er uns ereilt. Was also lässt uns mit solcher Sicherheit glauben, wir würden den nächsten Morgen sehen? Ignoranz, sagt der Buddhismus. Treffen wir aber auf die wirkliche Welt, dann werden unsere Konstruktionen erschüttert und brechen zusammen. Unser Leben ist eben so: Nichts, gar nichts hat Dauer. Vom Buddha ist folgender Ausspruch überliefert:

„Unser ganzes Dasein ist flüchtig
wie Wolken im Herbst;
Geburt und Tod der Wesen
erscheinen wie Bewegungen im Tanz.
Ein Leben gleicht dem Blitz am Himmel,
es rauscht vorbei
wie ein Sturzbach den Berg hinab.“

Den buddhistischen Lehren zufolge lassen sich über den Tod zwei sichere Aussagen machen: 1. Es ist sicher, dass wir sterben werden und 2. es ist unsicher, wann oder wie wir sterben werden. Aus diesem Grund gilt die Meditation über den Tod als eine der höchsten. Die Achtsamkeit auf die Vergänglichkeit und den Tod hilft dabei, dem Dasein Sinn und Nutzen zu verleihen. Es hilft außerdem bei der Entwicklung wichtiger Qualitäten, wie etwa der Fähigkeit zu liebevoller Zuwendung, dem Mitgefühl oder der Mitfreude. Mehr noch aber hilft es bei einer wichtigen Einsicht: Unser menschliches Dasein ist unendlich kostbar und wir müssen unsere knapp bemessene Zeit gut nutzen.  

In meinem Fall war meine Lebenswelt erschüttert worden. Mein winziges Kind und die Gegenwart des Todes wurden mir zu machtvollen spirituellen Lehrern. Dies führte dazu, dass allzu starre Vorstellungen zerbrachen. An ihre Stelle traten nun neue Erfahrungsqualitäten, die sehr viel unmittelbarer waren. Ungefähr eine Woche nach Avids Geburt, etwa zwei Tage, nachdem er zum ersten Mal auf Esthers Brust gelegen hatte, stellte ich eine wichtige Veränderung an mir fest. Ich fuhr für zwei Tage zu einer buddhistischen Veranstaltung in der Nähe von Duisburg. Angesichts der großen Aufgabe, vor der ich als Vater in dieser Situation stand, war ich mir meiner eigenen Kraft und Fähigkeit nicht mehr vollkommen sicher. So wollte ich von meiner Lehrerin Jetzunma Sakya Kushog, der Prinzessin aus dem uralten tibetischen Adelshaus der Khön und Manifestation der Tara und der Vajrayogini, einen Segen für mein Kind erbitten. Unterwegs musste ich auf irgendeinem Bahnhof in einen anderen Zug umsteigen. Auf dem Weg zum anderen Gleis standen verschiedene Menschen an ungünstigen Stellen des Bahnhofes unachtsam im Weg herum und versperrten den Durchgang. Üblicherweise war dies stets etwas, worüber ich mich sehr ärgern konnte. Ich bin im Grunde ein ungeduldiger Mensch und solche Situationen brachten kübelweise Negativität gegenüber diesen fremden Menschen in mein Bewusstsein. Jetzt aber hatte sich das geändert. In einem Augenblick sah ich all diese Menschen als mein Kind. Ich hatte ein Verständnis für ihre Verletzlichkeit, ihre Vergänglichkeit, für ihre Ängste und Schwächen. Und ich hatte Geduld. Ungeachtet unserer wahnhaften Egos und der daraus entspringenden verrückten, manchmal auch bösen Denk- und Handlungsweisen, sind wir alle Kinder, deren Gesundheit und Leben an einem seidenen Faden hängt. Geringfügige Verschiebungen der Temperatur lassen uns verbrennen oder erfrieren, Lebensläufe verursachen emotionale Verwirrungen und Leiden aller Art, wir erleiden Krankheiten und Schmerz. Bei allen vermeintlichen Unterschieden gibt es jedoch eins, was uns alle vereint: Der Wunsch, glücklich zu sein. Doch wie oft führen uns unsere Illusionen in die Irre und lassen uns Glück in falschen Werten und vergänglichen Dingen suchen? Und wie sehr zehren wir unsere Kraft auf mit dem Kampf um Dinge, die uns auch nicht glücklicher machen?    

Die Jetzunma erteilt ihren Segen. Lange betrachtet sie das Foto der Sofortbildkamera, das dieses winzige Baby wenige Minuten nach seiner Geburt im Inkubator zeigt, Beatmungsschläuche an der Nase. Seine tiefdunklen Augen, weit geöffnet, scheinen etwas überrascht und verängstigt zu schauen, so früh in diese gewaltvolle Welt geworfen worden zu sein. Sie lächelt dieses ihr eigene, warme Lächeln und während sie unhörbar unter dem Atem Mantras rezitiert, strömt auch mir neue Kraft und Zuversicht zu und ich weiß, was zu tun ist.  

Esther und ich teilen uns die Tage im Krankenhaus. Von morgens um halb Neun bis abends um Acht ist immer einer von uns am Inkubator. Wir singen, erzählen und schmusen, pflegen unseren puppengroßen Sohn, schmiegen ihn an die Brust und geben ihm all unsere Kraft. Ich bedecke mit meiner Hand seinen Rücken, erzähle ihm, dass ich sein Papa und immer für ihn da bin. Stunden um Stunden singe und rezitiere ich Mantras. Tara hilft. Ihre Mantras verursachen eine große Hitze in mir, die dem Kleinen zufließt, manchmal so sehr, dass er mir von der Brust genommen werden muss, weil er überhitzt. Er entwickelt sich erstaunlich gut. Eines Tages, Avid ist etwa drei Wochen alt, beginne ich wieder meinen Gesang. Da lächelt er plötzlich, öffnet seine Augen und ruft mit klarem Stimmchen: „Ahh!“. Tara hilft, den Ozean Samsaras zu überqueren. Ende November, noch vor dem errechneten Geburtstermin, wird mein Kind nach Hause entlassen. 

Ist die Konstruktion einer ganzen Welt zusammengebrochen, dann kann man sehr darunter leiden oder man kann wertvolle Erkenntnisse gewinnen. In unserem Falle bahnt sich nach der ersten Erschütterung eine zweite in Form mehrerer kleiner und eines großen Hämangioms – so genannte Blutschwämmchen - an, die auf unserem Baby wachsen. Vollkommen unbedenklich, wird uns erklärt, die verschwinden innerhalb der ersten zwei Lebensjahre von ganz allein.

Mitte Januar träume ich dann, dass der Kleine stirbt. Zwei Alpträume in der gleichen Nacht, jedes Mal erwache ich schweißnass. Im Traum rezitiere ich Mantras, um meinen Sohn zu schützen und zu retten. Die Traumsymbole und die Tatsache, dass ich Mantras des mächtigen Feuervogels Garuda zur Anwendung bringe, deuten auf eine große Gefahr, die von den vermeintlich so harmlosen Blutschwämmchen ausgeht. Derart beunruhigt bestehe ich darauf, dass Avid noch einmal untersucht wird. Bei der Ultraschalluntersuchung werden zehn Hämangiome in seiner Leber entdeckt. Der Experte des Uniklinikums teilt uns auf der onkologischen Station mit, wie er die Erkrankung mit ungeheuer hoch dosiertem Cortison behandeln will. Ob es Avid retten wird, kann er uns nicht sagen. Zwar sind diese Tumore an sich gutartig, aber in so großer Zahl und durch ihr sehr schnelles Wachstum können sie das betroffene Organ zerquetschen und auch die benachbarten Organe so weit belasten, dass schließlich ein Tod durch Herzversagen droht. Vielleicht haben wir Glück und die Erkrankung wurde noch rechtzeitig entdeckt. In fünfzehn Jahren am Uniklinikum hätte er fünf derartige Fälle gehabt. Drei der Kinder seien gestorben.

Nach dieser Untersuchung muss ich zur Arbeit zurück. Esther fährt mich hin. Wir schweigen. Als ich aussteige, sehe ich sie an. Ihr Gesicht ist blass und wie versteinert, die Augen glasig. Der Kleine schläft. Ich habe ein Gefühl, als würde ich in der Mitte meiner Brust auseinander gerissen: Zu sehen, wie sehr Esther leidet, und zu wissen, was diesem zarten, hübschen Baby noch bevor steht, nachdem es doch bereits so viel hinter sich hat. Ich möchte mir den Brustkorb öffnen, um meine Frau und mein Kind auf mein Herz zu legen.

Emotionen waren früher eine Gefahr für mich. Ich fühlte mich ihnen ausgeliefert. Immer drohten sie mich zu zerreißen oder wie ein Sturm fort zu tragen. Unter buddhistischem Einfluss hat sich das durch eine Änderung der Sichtweise darauf, was Emotionen sind, geändert. Zunächst einmal erscheinen Emotionen dort als etwas Negatives – negativ in dem von mir gefürchteten Sinne. Sie gelten als Teil des diskursiven Geistes: Indem wir der Welt und uns selbst unsere Konzepte überstülpen, bringen wir die Emotionen hervor, die sich ihrerseits an den Konzepten orientieren, sie bestärken und neue Emotionen erzeugen. So geben unsere Konzepte nach Art von Sandförmchen unserer Energie eine spezifische Form und Färbung als positive, neutrale oder negative Emotion.

Ein Beispiel für die Konditionierung durch Konzepte und Gedanken aus dem täglichen Leben: Die Made. Als kleines Kind liebte ich im Sommer die Himbeeren im Garten meiner Großtante. Ich pflückte sie vom Strauch, öffnete sie, nahm in vielen Fällen vorsichtig eine kleine weiße Made heraus und aß dann die Frucht. Mit der Made verband ich kein spezifisches Gefühl, außer, dass sie mir zart und hilflos erschien, weshalb ich ihr nicht wehtun wollte. Im Lauf der Jahre erlernte ich, dass Maden nicht gesellschaftsfähig sind. Ihnen haftet ein Makel an und sie gelten bisweilen als so ekelhaft, dass sie in vielen Menschen eine tiefe Abneigung verursachen. Irgendwann stellte ich dann fest, dass Maden auch in mir Ekel hervorriefen und ich Himbeeren nicht mehr essen mochte, wenn sie einem solchen Würmchen einmal als Wohnsitz gedient hatten. Es waren die gleichen Maden und die gleichen Himbeeren, wie in meiner Kindheit, aber ich war durch erlernte Wertungen verändert, durch angeeignete Konzepte konditioniert, dafür im Besitz neuer Emotionen, die sich auf mein Handeln auswirkten. Was aber sind Emotionen ohne die Konzepte, die ihnen ihre spezifische Färbung verleihen? Energie, die wir nutzen können. Mir gelang es so, meine Trauer zu überwinden, für mein Kind da zu sein und diverse Probleme zu meistern. An die Stelle einer erschreckten Lähmung tritt die Fähigkeit, nutzbringend zu handeln.


Ende Teil III


Uhanek





              
                    
              



    

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