DrachenSabber
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer   Teil II

Ist die Konstruktion einer ganzen Welt zusammengebrochen, dann kann man sehr darunter leiden oder man kann wertvolle Erkenntnisse gewinnen.

Die Gegenwart des Todes

Indem wir leben, ist uns der Tod gewiss. Unser Leben ist ein Dasein hin zum Tod. Das wusste ich immer, seit ich wusste, was der Tod ist - intellektuell zumindest. Doch der Intellekt allein scheint nicht ausreichend, denn all unser Denken gleicht auch einem Schlangengewimmel, das uns in giftige Illusionen und romantische Traumwelten entführen kann. Wir glauben etwas zu wissen, doch in Wahrheit fantasieren wir nur und erklären uns die Dinge so, wie sie unseren Wünschen oder Befürchtungen am passendsten oder trostreichsten erscheinen. Wir sind gar sosehr in Fantasien darüber, wer wir sind und was die Welt sei, verstrickt, dass die Vielzahl unserer Ängste, Wünsche, positiven und negativen Emotionen aus all diesem Denken und Bewerten überhaupt hervorgeht und uns in einer Art Rückkoppelung dann wiederum in unseren Sichtweisen bestärkt. So sind wir Gefangene einer Vielzahl von Konzepten, die einzig in unserem Geist bestehen, und unser vermeintliches Wissen ist eine trennende Un-Kenntnis. Dies sind nach buddhistischer Auffassung die Grundzüge eines Prozesses, der als Samsara bezeichnet wird.

Samsara, das ist die illusionäre Welt des Leidens. Anders, als dies im Westen heutzutage üblich und weit verbreitet ist, gelten nach buddhistischer Auffassung Geist und Emotion oder Kopf und Bauch nicht als getrennte oder sogar gegensätzliche Bereiche, sondern als Aspekte des Geistes, die aufs Engste miteinander verknüpft sind und einander hervorbringen. Der Begriff „Geist“ wird in diesem Zusammenhang in zwei Aspekte unterteilt: Diskursiver Geist oder auch „Geist in Bewegung“ und „Geist an sich“. Andere Bezeichnungen für „Geist an sich“ sind „Natur des Geistes“ oder auch „klares Licht“. Der Geist, der als Ort der „Geistesgifte“ genannt wird, ist der „Geist in Bewegung“, d.h. der Bereich des diskursiven Denkens und der damit verbundenen ichbezogenen Wahrnehmung. Dies ist die gedankliche Tätigkeit, mit der die wahrgenommenen Erscheinungen gegenübergestellt, verglichen, gebilligt, verworfen und klassifiziert werden. Mit diesen Mitteln wird eine virtuelle Welt der Grenzziehungen errichtet. Unentwegt werden hierbei Grenzen zwischen Individuen, zwischen diesen und jenen Religionen oder sonstigen Weltanschauungen, diesem und jenem Volk etc. gezogen. Innerhalb dieser Begrenzungen wird dann von den Individuen die Festlegung eines Standpunktes eingefordert oder vom wahrnehmenden Individuum Zuordnungen vorgenommen.

Traditionell werden als Grundlage dieses Prozesses, aus dem die samsarischen Lebenswelten hervorgehen, die so genannten drei Wurzelgifte beschrieben: Gier/Anhaftung, Hass/ Ablehnung und Verblendung/Ignoranz. Die Gifte erzeugen sich innerhalb des diskursiven Geistes immerfort gegenseitig. Ignoranz bedeutet, dass unser Blick verschlossen ist für die offene, dynamische Natur der Existenz, in der alle Erscheinungen und Daseinsfaktoren ausschließlich in gegenseitiger Abhängigkeit existieren. Unabhängig und eigenständig existierende, also geschlossene Systeme im Sinne eines „Selbst“ gibt es nicht. Doch eben diese Annahme eines Selbst gilt als wichtigste Grundvoraussetzung der leidhaften Illusion, Samsara. Aus dem Glauben an ein eigenständig existierendes Selbst geht die Anhaftung hervor, d.h. der Wunsch, solche Dinge zu berühren und zu besitzen, die das dualistisch wertende Bewusstsein als begehrenswert betrachtet. Und aus dem Glauben an ein Selbst geht gleichermaßen auch die Abneigung gegen all das, was Unlust erzeugt und von Objekten der Anhaftung trennt, hervor. Anhaftung und Abneigung wiederum bestärken in ihrem Zusammenwirken die Ignoranz.

Hier nun gilt es noch einen weiteren, recht bekannten, doch oft falsch verstandenen Begriff zu erläutern, nämlich den Terminus Karma. Dieses aus dem Sanskrit stammende Wort bedeutet wörtlich „Tat“. Der Terminus bezeichnet im buddhistischen Kontext eine Art Impuls, der aus dem handelnden Zusammenspiel der drei Daseinsebenen Körper, Energie (Rede) und Geist eines in der dualistischen Illusion gefangenen Individuums hervorgeht. Im Bewusstseinskontinuum bleibt dieser Impuls wie ein Samenkorn bewahrt und gelangt schließlich zu einem ihm entsprechenden Zeitpunkt unter dem Einfluss passender sekundärer Ursachen als Ereignis zur Reife. Die Gesamtheit der individuellen Lebens- und Erlebenswelten ist das Resultat von Karma und alles Handeln, das auf der dualistischen Illusion fußt, ist die Ursache weiteren Karmas. Karma wird verglichen mit dem Wind. Es ist ein Wind, der die Daseinsfaktoren zu neuen Lebenswelten, Ereignissen, Wahrnehmungen und Individuen zusammenfügt. So ist der Mensch, der jetzt da ist, das Produkt aller vorangegangenen Taten. Er ist damit jedoch nicht in fatalistischer Weise einem Schicksal ausgeliefert, sondern kann in den Strom des Karmas ändernd eingreifen. Karma ließe sich auch definieren als die Summe der bewussten und unbewussten Denk- und Handlungsgewohntheiten, die spezifisch gefärbte Wirklichkeiten hervorbringen. Ein adäquates Bild hierfür wäre vielleicht ein Zug: Auf den Schienen seiner Denk- und Handlungsgewohnheiten gelangt der Zug des Bewusstseins in immer neue Erlebnislandschaften, während durch den Zustand der dualistischen Un-Kenntnis verborgen bleibt, dass Zug, Schienen und Landschaft eine untrennbare Einheit bilden. Ändert sich das Denken und Handeln, so ändert sich allmählich auch die erlebte Wirklichkeit.

Auf den ersten Blick ist das philosophische Konzept Karma sicherlich nicht ganz einfach zu verstehen, es lässt sich jedoch auch vereinfacht umreißen als ein Handeln, das aus dem Zusammenspiel der Geistesgifte, bzw. aus einem durch die Geistesgifte konditionierten Bewusstsein entspringt und seinerseits einen nachhaltigen Einfluss auf die durch dieses Bewusstsein erlebte Lebenswelt auswirkt. Innerhalb der buddhistischen Philosophie ist das Karma von so grundlegender Bedeutung, dass der Dalai Lama es als zentrale Erkenntniskategorie dessen sieht, was im Buddhismus als „Empfindungsvermögen“ bezeichnet wird, und er definiert es als „die Verbindung von Energie und Bewusstsein“.

Der dritte unabdingbare buddhistische Terminus ist Bodhicitta. Die wörtliche Bedeutung des Sanskritwortes Bodhicitta ist „Erleuchtungsgeist“. Im Wesentlichen bezeichnet dieser Begriff eine Form der Introspektion: Gezielt wird der Geist darin geschult, sich nach Innen zu wenden und sich über die eigenen Absichten und Motivationen klar zu werden. Werden schlechte Gedanken entdeckt, d.h. solche, die von selbstsüchtigen Motiven geprägt sind, so werden sie enthüllt, als Ursachen negativer Handlungen erkannt und aufgelöst. Man erkennt, dass derartige Gedanken die Ursache negativer Handlungen werden können, und man lässt zu, dass sie sich in ihre Dimension auflösen. An ihrer Stelle werden gute Gedanken hervorgebracht, die dem Grundsatz der Selbstlosigkeit entsprechen. Bodhicitta ist die Essenz von Mitgefühl, das ist der Wunsch, für alle Wesen von Nutzen zu sein. Bodhicitta zu kultivieren bedeutet, allen Handlungen und allem Denken diesen Wunsch zugrunde zu legen.

Es werden zwei Arten von Bodhicitta unterschieden, nämlich Bodhicitta der Absicht und Bodhicitta der Anwendung. Das Bodhicitta der Absicht ist mit der Meditation über die Vier Unermesslichen verknüpft: Unermessliche liebende Güte, unermessliches Mitgefühl, unermessliche mitfühlende Freude und unermessliche Unparteilichkeit. Das Bodhicitta der Anwendung besteht darin, das eigene Verhalten in der schrittweisen Übung der sechs Paramitas oder Vollkommenheiten zu schulen. Die Paramitas sind Großzügigkeit, Ethik, Geduld, freudige Anstrengung, meditative Stabilität und unterscheidende Weisheit.


Die libidinöse Besetzung im samsarischen Gaukelspiel

Meine tiefste Trauer betraf ein Ereignis, das einer der glücklichsten Momente meines Lebens hätte werden sollen. Avid ist ein wirkliches Wunschkind. Viele Paare wünschen sich jahrelang ein Kind und es klappt nicht. Viele Paare sind unfruchtbar. Viele Männer haben zu wenig gesunde Spermien. Solche und ähnliche Gedanken gingen uns durch den Kopf und wir sprachen von einem Gottesurteil. Das Urteil war schnell gefällt und es lautete, dass wir uns nicht lange vergeblich zu bemühen hätten.

Irgendwann im Frühsommer sitzen wir Apfelschorle trinkend in der Sonne, als Esther der Gedanke kommt, was wohl wäre, würde unser Kind behindert geboren. Mir scheint die Antwort so klar: Wir sind als Eltern das Tor, durch das ein empfindendes Wesen in die Welt tritt. Ob das Kind in eine schöne Welt tritt und ob es die Kraft besitzt, die Hindernisse auf seinem Lebensweg zu überwinden, liegt auch bis zu einem gewissen Grade in unserer Verantwortung. Alles ist Karma, auch eine mögliche Behinderung. Unsere Aufgabe ist es, unter allen Umständen aus ganzem Herzen das Beste für unser Kind zu tun, es auf seinen Weg zu führen und ihm möglichst viel positive Kraft mitzugeben. Dies stellt auch eine tiefgründige spirituelle Praxis dar. Gute Eltern werden wir dann, wenn wir aufrichtig und kompromisslos die Vier Unermesslichen und die sechs Paramitas üben. Im Übrigen vertrete ich die Ansicht, dass wir nicht zu sehr über so etwas ins Grübeln geraten sollten. Keine Hoffnung, keine Furcht, denn zur rechten Zeit gelangt alles in vollkommener Weise zur Reife und wir haben eine Möglichkeit, uns weiter zu entwickeln.

Wir verbringen einen schönen Sommer, reisen nach Kanada, bereiten vor, träumen von unseren bevorstehenden Aufgaben und all der Schönheit, die da auf uns zukommt. Wir ergehen uns auch nicht in übertriebenen Hoffnungen und Ängsten, sondern denken vor allem daran, wie wir dem Kind von Anfang an Geborgenheit und Wärme vermitteln können, beschäftigen uns mit Kindererziehung, informieren uns über die Entwicklungsschritte bis zum fünften Lebensjahr, die optimale Ernährung und denken über Hechelkurse nach. Wir haben es dabei auch nicht übertrieben eilig, denn der errechnete Termin ist der 22. Dezember und bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit. Da wir beide einige Wochen zu früh zur Welt gekommen sind, denke ich daran, dass Avid ja vielleicht Anfang oder Mitte Dezember kommen würde. Dann wäre er ein Schütze, so wie ich, und alles wäre perfekt.

Trauer gilt als eine Reaktion auf einen Verlust. Insbesondere betrifft dies den Verlust eines geliebten Menschen durch dessen Tod. In seiner Schrift „Trauer und Melancholie“ definiert Sigmund Freud 1916 :

„Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw.“

Freud zufolge werden die psychischen Energien des Trauernden vollkommen durch die Beschäftigung mit dem oder der Verstorbenen absorbiert. Er erklärt dieses als Präokkupation bezeichnete Phänomen durch sein Konzept der Libidinösen Besetzung. Dieses Konzept besagt, dass Menschen durch Liebe oder Bindung ihre Libido - bei Freud die reine Triebenergie, in der späteren Psychoanalyse allgemeiner als psychische Energie beschrieben - auf andere Menschen oder deren psychischen Repräsentanzen wie Bilder oder Vorstellungen richten. Die libidinöse Bindung endet nicht mit dem Tod, sondern muss in einem langwierigen und schmerzhaften Prozess, von Freud als Trauerarbeit bezeichnet, vom Objekt abgelöst werden.

Der tiefenpsychologische Ansatz erscheint mir als sinnvolle Ergänzung zum buddhistischen Konzept der Drei Gifte. Ignoranz ist ein mangelndes Gewahrsein für die Konditionierung durch allzu starre Vorstellungen über Ereignisverläufe, im Falle von Esther und mir etwa die sichere Grundannahme eines „normalen“ Schwangerschaftsverlaufes und Geburtsprozesses. Aus dieser Grundannahme resultierten weitere idealisierte und als angenehm empfundene, emotional aufgeladene Szenen und Bilder – die libidinöse Besetzung der inneren Repräsentanzen nach Freud, im Buddhismus die Anhaftung.


Ende Teil II


Uhanek


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