DrachenSabber
Die Gegenwart des Todes - persönliche Gedanken über Tod und Trauer   Teil I

Ist die Konstruktion einer ganzen Welt zusammengebrochen, dann kann man sehr darunter leiden oder man kann wertvolle Erkenntnisse gewinnen.
Spiralnebel

Schlußstück

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er es zu weinen,
mitten in uns.

(Rainer Maria Rilke)


Einleitung

Die Erfahrung der Trauer ist ein Teil unseres Menschseins. Verschiedene Kulturen, Religionen und psychologische Schulen haben unterschiedliche Theorien und Praktiken entwickelt, wie mit dem Sterben, dem Tod und der Trauer umzugehen sei. Was uns der Tod lehrt ist, dass wir Wesen in der Zeit und somit begrenzt sind. In einer fortwährenden Abfolge von Bewusstseinsmomenten werden wir geboren, reifen, sterben und werden wieder geboren, in jedem Augenblick, mit jedem Atemzug und jedem Herzschlag. So zumindest entspricht es der Sicht des Buddhismus, um die es in diesem Artikel geht. Der grundlegenden Wahrheit unseres endlichen Da-Seins hält die herrschende Spaß- und Konsum-Kultur der Postmoderne gern eine ihr eigene Illusion der Dauer mit Hilfe chirurgischer Eingriffe, revitalisierender Wellnessprogramme und Botoxspritzen entgegen. Tod und Sterben indes werden verdrängt. Dem gegenüber steht die buddhistische Sicht auf das dynamische und wandelbare Wesen der Welt und seine Betonung der Vergänglichkeit individueller Lebenswelten bei gleichzeitigem aktivem Mitgefühl für die Leiden, die dem Wunsch nach Dauer entspringen.

Die Mehrheit der Menschen stirbt heute in spezialisierten Einrichtungen wie Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, zunehmend auch in Hospizen, selten jedoch für Angehörige und Nachbarn sichtbar zu Hause. Wie in vielen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, lässt sich auch im Bereich der Trauerriten und –bräuche ein Traditionsschwund beobachten. Tod, das ist heute vorwiegend ein Medienereignis, etwas, das sich in den Nachrichten und Vorabendserien abspielt. Im wirklichen Leben hingegen führt er durch fehlende Vorbilder und fehlendes Brauchtum zu Irritationen und Unsicherheiten, was im Trauerfall zu tun oder zu sagen sei. Und die Zahl der kirchlichen Betreuungen und Bestattungen sinkt.

Dieses weltanschauliche Vakuum wird zunehmend gefüllt durch eine wachsende Hinwendung zu buddhistischen Anschauungen und Praktiken. Die buddhistische Philosophie mit ihrer Sicht auf unser Dasein, ihren Übungen zur Entwicklung von Mitgefühl, aber auch ihren meditativen Übungen zur Stabilisierung der achtsamen Präsenz oder des Verständnisses des auf intellektuellem Wege so schwer zu verstehenden Begriffes der Leerheit, kann für Trauernde und Sterbende von großem Nutzen sein, wie auch für Menschen, die Trauernden und Sterbenden beistehen.

Wie sich buddhistische Methoden und Sichtweisen in Bezug auf Trauerprozesse nutzen lassen, will ich im Folgenden auf der Grundlage eigener Erfahrungen umreißen. Buddhismus, das ist für mich gelebte und angewandte Spiritualität, das ist die Integration aller Umstände des Lebens in einen großen, umfassenden Sinnzusammenhang.

Ähre
Vorgeschichten

Ich selbst machte die erste richtige Trauererfahrung im Alter von neun Jahren, als mein Urgroßvater nach langer Krankheit starb. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir der Bedeutung dieses Ereignisses und damit des Todes im Allgemeinen zum ersten Mal voll bewusst. Opa Otto hatte zwei Jahre vor seinem Tod einen schweren Schlaganfall erlitten, was seinen rechten Arm und die rechte Gesichtshälfte lähmte. Er verfiel dann langsam, wurde bettlägerig und starb schließlich. Mit diesem Tod kam mir erstmals der Gedanke, der Tod sei so etwas Ähnliches wie die Geburt und unser Dasein hätte zwei Tore. Gewissermaßen einen Ein- und einen Ausgang.

Mit den Jahren folgen weitere Tode: Der Suizid eines ehemaligen Klassenkameraden durch einen Autounfall – Gas geben, Baum, Tod; oder der Suizid von Gabi, einer bildhübschen Tänzerin, im Alter von neunzehn; der langsame Tod meiner Großtante durch einen Hirntumor; der Krebstod meines Freundes Rainer drei Monate vor seinem fünfzigsten Geburtstag – im Mai die Krebsdiagnose im September tot. Sein Sterben hat mich tief berührt, denn der Tod dieses für mich sehr wichtigen Menschen fiel in eine Zeit tief greifender Veränderungen. Denke ich daran zurück, dann denke ich Musik von Sergej Rachmaninov: Das „Blagoslovi dushe moya Gospoda“ und das „Nine otpushtshaeshi“ aus Rachmaninovs Ostermesse. Schließlich der Suizid meines Freundes Matthias – er wollte im Mai 2000 heiraten und ich sollte bei seiner neuheidnischen Hochzeitszeremonie den Part des Bestman übernehmen, doch dann hängte er sich plötzlich im März auf.

Durch all diese Tode erlebte ich verschiedene Trauererfahrungen. Die Suizide brachten vor allem eine Trauer, die geprägt war von Aggression, Wut und Hilflosigkeit. Nach Gabis Suizid durch eine Überdosis Tabletten empfand ich eine tiefe Wut auf ihre Eltern und ihre ältere Schwester, die ich eigentlich nicht persönlich kannte. Und nachdem sich Matthias ohne Vorwarnung, ohne Abschiedsbrief und offensichtlich ganz spontan aus einem Impuls heraus erhängt hatte, richtete sich meine Wut gegen die Frau, die seine Frau hätte werden sollen und die ich bis zu einem gewissen Grade verantwortlich machte. Und für einige Zeit sah ich ihn immer wieder vor mir, vorzugsweise wenn ich Türen öffnete. Zweifellos ein wichtiges Symbol. Ich öffnete also z.B. abends meine Zimmertür und hatte plötzlich sehr klar und deutlich das Gesicht von Matthias vor Augen: blau, verquollen, verzerrt durch den Todeskampf, den er durchlitten hatte.

SonnenuntergangDie langsameren Krebstode dagegen waren vor allem geprägt durch Gefühle der Ohnmacht und des sich nähernden Verlustes, der Hilflosigkeit, einem Menschen, der mir nahe steht, nicht helfen und ihn vor Leiden bewahren zu können, aber auch des Abschiedes und letztlich des Friedens.

Meine intensivste Trauererfahrung jedoch durchlebte ich nicht durch einen Tod, sondern durch die Geburt meines Sohnes Avid, durch die Gegenwart des Todes und die Möglichkeit des Verlustes. Avid wurde in der fünfundzwanzigsten Schwangerschaftswoche aufgrund einer schweren Infektion durch einen Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Dies überstand er überraschend gut, doch ein knappes halbes Jahr nach seiner Geburt wurde – im Übrigen unabhängig von den Umständen seiner Geburt - eine Hämangiomatose der Leber diagnostiziert, d.h. im Gewebe seiner Leber befanden sich zehn jener an sich gutartigen Tumore, die als „Blutschwämmchen“ bekannt sind. Ob mein Sohn diese Erkrankung überleben würde, galt nach Expertenmeinung zunächst als ungewiss.


Ende Teil I



Uhanek


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