Geismar   Teil III

Sonnwend, Anno Domini 723, in einem Wald an der Eder die durch das Land des Stammes der Chatten fließt.

Diese Zurückgebliebenen mit ihrem magischen Weltbild, die einfach zu dumm waren, um über die Schrift der Herrlichkeit des einzige wahren Gottes einsichtig werden zu können, glaubten an Zauberei und an die Stärke ihrer Götter. Er konnte sie nur packen, indem er ihnen zeigte, dass er sehr wohl auch „Wunder“ tun konnte und dass sein Gott, der einzig wahre, eben schlussendlich stärker war, als all ihr erstunkenes Gegötzere zusammen. Wichtig würde in der Folge natürlich auch sein, dass die, des Abends an den Feuerstellen der alten Sippen erzählten Geschichten, über die großen Taten der Götter und die verschiedenen beseelten Welten von spitzfindigen christlichen Schreibern in neue Formen gegossen wurden. Solche, in denen die alten Götter nicht gut wegkamen. Ihre Heldentaten sollten zu feigem Betrug, sie selbst zu hinterhältigen, lasterbehafteten Dummköpfen umgemünzt werden. Doch klug an Maß und Verteilung, denn wäre es zuviel auf einmal, würde es den Effekt ins Gegenteil verkehren.

Den Fehler hatte Willibrord von Echterach gemacht, als er auf die Frage des Friesenkönigs Radbod, wo denn seine ungetauften Vorfahren wären, mit : „in der Hölle,“ geantwortet hatte. Radbod hat den Fuß aus dem Taufbecken gezogen und sich für die Familiäre Gemeinschaft in der Hölle, statt das einsame Dasein im Himmel entschieden.

Doch das war nun über zwanzig Jahre her, und die Mission hatte dazugelernt. Überhaupt fand Bonifatius nicht zu viel Freude an manchen Methoden Willibrords. Er selbst würde effizienter vorgehen. Bonifatius wusste, dass man den zu Bekehrenden ihre Jahreskreisfeste wie ihre heiligen Plätze lassen, doch umbenennen musste. Und nach und nach , und hier musste man in Generationenschritten denken, würden die neuen Bedeutungen ins Volk sickern und die alten vergessen werden. Und entsprechende Geschichten mussten die unausrottbaren Bräuche unter christliche Deutung zwingen. Der Zweck heiligte hier die Mittel. So wie die irischen Stämme das Zeichen des Kreuzes annahmen, weil sie es davor schon kannten, so würden auch die hiesigen Stämme ihre Ochsen zu Ehren Christi schlachten und nicht mehr zu Ehren Baldurs. Und so wie das Fest Johannes des Täufers an die Stelle ihrer Sonnwendfeiern treten würde, genauso würden an allen alten Wotansheiligtümern bald Kapellen des Erzengel Michael wachsen.

Nur in einem Punkt gab es nichts zu drehen: Ihre verquere Pflanzenverehrung mit Kräuterbuschen und Wurzelzauber, Blütenorakeln und Baumkulten musste ersatzlos ausradiert werden. Sonst würde eines Tages beispielsweise der Hollunder, das verfluchte Altweibergehölz, noch zu einem Symbol der Gottesmutter umgedeutet werden, indem irgendwer erzählte, Maria habe die Windeln des Heilands auf seinen Ästen getrocknet.

Ein Mann in fränkischer Kriegerrüstung betritt den Raum ehrfürchtig und ohne aufzublicken. Danach ein weiterer, in naturwollenem, einfachen Mönchshabit: „Ihr habt gerufen, ehrwürdiger Bischof?“ Bonifaz schreckt aus seinem Gedankenlabyrinth, dreht sich langsam um und rollt den Papstbrief wieder zusammen: „Ja, das habe ich, mein guter Witta.“ Er setzt das gütigste Lächeln nördlich der Alpen in sein Gesicht und breitet die Arme aus: „ Ich bin sehr zufrieden, wie wunderbar schnell und flächendeckend ihr die Neuigkeit verbreiten habt lassen.“ Dann, amüsiert: „Sogar ich habe es schon von mehreren Seiten erzählt bekommen.“ Die Männer lachen und nicken. Bonifaz fährt in etwas geschäftlicherem Ton fort: „ Wir brauchen jedes Publikum, das wir kriegen können für unser Vorhaben. Denn der Effekt soll Wellenkämmen gleich das Land überrollen. Und danach wird unsere Überzeugungsarbeit ungleich einfacher sein.“ Er winkt die beiden näher an seinen Tisch und weist auf die Sitzbank: „Doch nun wollen wir noch den genauen Hergang dieses, unseres Vorhabens erörtern. Denn es wird unsere Namen in das Antlitz der Geschichte meisseln, und ich will nicht, dass dann irgendwer wieder patzt. Und du, mein treuer Witta, wirst dafür sorgen, dass es für die Nachwelt in der rechten Form erhalten bleibt.“


Ebendann, vor Hrodgars Haus, just nachdem Oda die beiden Jungs zur Ordnung gerufen hat

Im Flüsterton: „Kannst du nicht! Wetten?“ Der blonde Schlaksige im grauen Hemd mit den drei Pickeln am Kinn, zieht die Augen zu provakativen Schlitzen zusammen. Sein brünettes Gegenüber, klein und breit, grinst und hebt die Stimme ein wenig : „Komm, Gerwulf, du weißt, dass ich ́s kann. Ich habe geübt. Ich pack es bis auf Höhe der dritten Astreihe.“ „Du bist ein Blödmann, Brun. Glaubst, nur weil du der Sohn deines Vaters bist, schaffst du es höher als ich. Aber ich sage dir, weil ich ́s mit dem viel leichteren Besen meiner Mutter probiert hab: Schon bis zur ersten Reihe ist zu hoch.“ Darauf Brun, zähneknirschend und deutlich kräftiger: „Bei Donar, ich werde es dir zeigen.“ Kurze Stille. Die beiden Halbstarken fixieren einander. Gerwulf nickt langsam: „Dann morgen. Aber am heiligen Platz. Wenn du dich überhaupt traust, du Großsprecher.“ Brun kontert: „Glaub was du willst, du Brettloch! Morgen, am Sonnwendtag, wirst du sehen, wer der Stärkere ist!!“ Nun wird Gerwulf lauter: „Wer ist hier ein Brettloch?“ Brun, mit Drohgebärde, noch lauter: „Na du, du Ei ohne Muskeln!“ Gerwulf röhrt stimmbrüchig: „Sag das nochmal, du Krautkopf!!“ Der andere beginnt vor seinem Freund wie ein balzender Auerhahn herumzuhüpfen und johlt: „Ei ohne Muskel, Ei ohne Muskel!“ Dann trifft ein eisigkalter Wasserschwall die beiden und setzt dem Spiel ein jähes Ende. Oda steht mit einem Eimer im Fenster und schnaubt verächtlich: „Wer nicht hören will, muss fühlen.“ Sie schmeckt kurz ihre eigenen Worte nach, dann, nach einer Pause, strafft sie ihren Leib und wendet sich dem Innenraum zu: „ Hey Hrodgar, ich glaub ich hab da grad ein Sprichwort erfunden.“

Ende Teil III


Michael


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