Betreut von Eibensang


"Irminsul" auf den Externsteinen - kein harmloser Streich!

MartinM hat diesmal einen Artikel zu einem aktuellen Ereignis für die "Landgodhtru" gespendet - vielen lieben Dank dafür!

Am Neujahrstag 2017 thronte eine Holzsäule, die offenkundig eine Nachbildung der Irminsul sein sollte, auf dem höchsten Felsen der Externsteine. Die Feuerwehr Horn-Bad Meinberg baute sie am Sonntagabend mit großem Aufwand wieder ab. Die Denkmalstiftung des Landesverbandes Lippe hat Anzeige erstattet.

Unbekannte installieren in Silvesternacht "Irminsul"-Symbol auf den Externsteinen

Staatsschutz ermittelt wegen "Irminsul"-Symbol auf den Externsteinen

Eine Überreaktion auf einen gelungenen Streich? Keineswegs!
Es ist auch kein Anlass zur klammheimlichen Freude.

Die Säule, die die unbekannten Täter auf Fels II der Externsteine installierten, war wahrscheinlich nicht zufällig in den "Reichsfarben" schwarz, weiß und rot bemalt. Wenn der Landesverband Lippe einen "eindeutig rechtsradikalen Hintergrund" sieht, dann dürfte er recht haben. Die Irminsul in der dargestellten Form ist in der Tat ein charakteristisches Symbol völkischer Heiden und ein beliebtes "legales Ersatzsymbol" für Nazis. Sie war zudem ein Emblem der "Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe" der SS.
Frederic Clasmeier von der "Mobilen Beratung gegen Rechts" kamen nicht von ungefähr unsere "besonderen Freunde", die "Nazitrus" der ultra-rassistischen und antisemitischen "Artgemeinschaft – germanistische Glaubensgemeinschaft", in den Sinn, deren Symbol die Irminsul in der von den "Scherzbolden" verwendeten Form ist.
(Dass die "Irminsul" auch von nicht-rechten Heiden und unter Esoterikern verwendet wird, dürfte der Unkenntnis oder bewusster Ignoranz "schulwissenschaftlichen Wissens" geschuldet sein - mehr dazu weiter unten.)

Selbst wenn es keinen "rechten Hintergrund" geben sollte, ist der "Streich" als Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz strafrechtlich relevant. Und, wenn man an die erheblichen Kosten des aufwendigen Feuerwehreinsatzes denkt, ein teurer "Streich". (Hoffentlich für die Täter!)

Für demokratisch gesonnenen Heiden - und auch für "harmlose Esoteriker" - ist der "Streich" ein echtes Ärgernis.
Der Landesverband Lippe zeigt schon seit Jahren eine klare Haltung den Misssbrauch der Externsteine für rechte, reaktionäre Positionen, und zwar erfreulicherweise über eindeutig erkennbare Nazi-Ideologie hinaus. Zum anderen wendet er sich auch gegen wissenschaftlich nicht belegbare Deutungen der Externsteine, etwa als heidnische bzw. germanische Kultstätte. Und genau hier droht unter Umständen Ärger: Jene, die schon seit eh und je fordern, heidnische Kulthandlungen und Sonnenwendfeiern an den "Steinen" müssten endlich verboten werden, dürften mit dieser strunzdämlichen Aktion Auftrieb erhalten.


Die Irminsul

Einigermaßen sicher ist nur bekannt, dass die Irminsul ein Stammesheiligtum der Sachsen war. Unbekannt ist, ob es nur diese eine Säule gab oder doch mehrere "Irminsulen".

Die in den fränkischen Reichsanalen als "Ermensul" bezeichnete Säule wurde auf Veranlassung Karls "des Großen" 772 zerstört.
Es gibt nur wage Hinweise darauf, wo diese Säule stand. Nach den "Reichsannalen" stand sie in einiger Entfernung von der Eresburg beim heutigen Obermarsberg. Das liegt bekanntlich im Hochsauerland, und damit wäre es ausgeschlossen, dass die von den Soldaten Karls zerstörte Säule auf den Externsteinen stand.
Die Befürworter der "Externsteinhypothese" berufen sich deshalb auf (unsichere) Überlieferungen, nach denen das Heer Karls am Bullerborn, einer intermittierenden Quelle bei Altenbeken, lagerte, bevor es an den darauffolgenden Tagen das Irminsul-Heiligtum eroberte und zerstörte. Das wäre immerhin von der Marschleistung her möglich gewesen, ist aber mit den als einigermaßen zuverlässige Quelle bekannten Reichsannalen nur dann vereinbar, wenn es, entgegen dem Wortlaut der Annalen, mehrere Irminsul-Heiligtümer gegeben hätte.

Über die kultische Funktion und das Aussehen der Irminsul ist sehr wenig bekannt. Die "ausführlichsten" Angaben hierzu finden sich in Rudolf von Fuldas "De miraculis sancti Alexandri" aus dem Jahre 863, also einer nicht mehr zeitgenössen Quelle. Demnach war sie ein unter freiem Himmel senkrecht aufgerichteter großer Baumstamm. "Irminsul" bedeutet nach Rudolf columna universalis, also "Säule des Universums" und trägt gewissermaßen das All. "All-Säule" ist daher eine mögliche Deutung von "Irminsul"; von der Entymologie wahrscheinlicher ist "Große Säule". Ein Bezug zum aus der altnordischen Mythologie bekannten "Weltenbaum" Yggdrasil liegt nahe, ist aber mangels weiterer Quellen nicht beweisbar.

Alles, was über diese mageren Fakten wesendlich hinaus geht, ist pure Spekulation!
Und damit sind wir bei den "völkischen Esoterikern" des 19. und 20. Jahrhunderts. Das u. A. bei der neonazistische "Artgemeinschaft" und dem ariosophischen "Armanenorden" verwendete "Design" der am Neujahrstag auf den Externsteinen" aufgestellten Säule geht auf den völkischer Laienforscher Wilhelm Teudt zurück. In seinem 1929 erschienenen Buch „Germanische Heiligtümer" behauptete er, das Kreuzabnahmerelief an den Externsteinen zeige mit dem gebogenen Gegenstand am Fuß des Kreuzes die Kultsäule der Sachsen. Als Symbol für den Sieg des Christentums über das Heidentum sei sie dort allerdings gebeugt dargestellt worden. Einen Beleg für diese kühne Vermutung hatte Teudt nicht, trotzdem wurde die "wiederaufgerichtete Irminsul" schnell populär, vielleicht auch wegen ihrer "gefälligen" Formgebung.
Die Form dieser vermeindlichen "Irminsul" findet sich auch bei Säulenkapitellen in einigen romanischen Kirchen, ist also keineswegs einmalig. Diese Kapitellform geht wahrscheinlich auf silisierte Dattelpalmen zurück, die die Kunsthandwerker der deutschen Romanik wohl nur von vereinfachten Abbildungen her gekannt haben dürften. Wieso es eine geknickte Dattelpalme als Leiterersatz in ein Kreuzabnahmerelief schaffte, ist mangels weiterer Indizien das Geheimnis des unbekannten mittelalterlichen Bildhauers.

Wenn man so will, haben die mutmaßlich völkischen und sicherlich germanentümelnden "Scherzbolde" am Neujahrsmorgen eine Dattelpalme auf den Felsen II der Externsteine gepflanzt!

Ja, und noch etwas: Dafür, dass die Externsteine in "germanischer Zeit" *), also zwischen dem Beginn der Eisenzeit und den "Sachsenkriegen" als Kultstätte genutzt wurden, gibt es in der Tat keine tragfähigen Hinweise.
Wenn man bedenkt, wie umfangreich die Fundlage bei den bekannten eisenzeitlichen Kultstätten ist, und dass das "Ahnenerbe" trotz gezielter Suche keine germanischen Artefakte fand, dürfte das mit aller gebotener Vorsicht bedeuten, dass die "Steine" keine bedeutende Kultstätte der alten Sachsen gewesen sein können.

Und ohne viel benutzten Kultplatz würde eine Irminsul auf den Externsteinen irgendwie keinen Sinn ergeben.

*) Ergänzung: "Germanische Zeit" in "völkischer" Lesart. Tatächlich gab es im "Teuteburger Wald" Höhenfestungen, die der Latènekultur zugeordnet werden können, mithin also "keltisch" waren.


MartinM


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