Wo gehörst Du hin?   Teil II

Wer Heidentum für "unpolitisch" hält, braucht sich mit (zum Beispiel) Astrologie, Orakeln gleich welcher Art und erst recht so Sachen wie sympathetischer Magie oder ähnlichem gar nicht erst abzugeben.

Wo gehörst du hin?

Ich gehöre zu denjenigen, die in Sonne und Mond mehr sehen als lediglich astronomisch Messbares und die Göttinnen und Götter nicht nur aus mythologischen Erzählungen kennen, sondern aus eigener Erfahrung – und solchen (selbstverständlich nur subjektiv gefühlten) Erfahrungen Bedeutung beimessen. Das allein mag zunächst Privatsache sein und bleiben: als Recht jeglichen Glaubens, den – ebenso zu Recht – jede und jeder andere als Spleen und Spinnerei belächeln, verspotten oder schlichtweg als irrelevant geringschätzen darf. Was die Anschauung im Grunde transzendenter oder zunächst nicht (zumindest nicht allgemein) alltagsrelevanter Welterklärungsfragen aber dann doch – und das womöglich sehr schnell und weitreichend – in gesellschaftlich sehr wohl relevante Bereiche rückt, sind die Folgen einer solchen Haltung: denn die bestimmt das Tun und Lassen, ob du willst oder nicht. Behaupten lässt sich ja viel. Ein Denken, das sich nicht in konkreten Entscheidungen niederschlägt, ist tatsächlich ziemlich wurscht. Solange ich in der trockenen Stube hocken bleibe, ist es egal, ob oder wie ich von Wind und Wetter schwärme. Ich kann auch oberschlau vom Schwimmen, Tauchen, Segeln oder Paddeln daherschwadronieren, ohne je mit mehr Wasser in Berührung zu kommen, als der Wasserhahn oder die Augen meiner möglichen Fangemeinde hergeben... Aber sobald ich mich all dem aussetze, wovon ich rede, werde ich zugeben müssen, damit zu tun zu haben – und mich auch daran messen lassen, wie ich mich dabei anstelle. Ich kann natürlich auch beteuern, mich weder für Wasser, Wind noch Wetter irgend zu interessieren – vielleicht hocke ich ja nur im Boot, weil mir seine Farbe oder die Planken so gut gefallen, oder weil ich auf authentisches Ölzeug oder Froschanzüge stehe... oder weil es irgendwie super ist, Seemannsgarn zu spinnen... Am Ende mach ich den Törn ja eh nur mit, weil mich der nächste Landausflug so reizt, die Geselligkeit und das Miteinander dabei und danach? Hand aufs Tauchgerät: Tatsächlich kommen mir Teile der Heidenszene ziemlich genau so vor. Was ist wohl das verbreitetste "Krafttier" im so genannten Neuheidentum? Wolf oder Krähe? Weder noch. Dem Verhalten nach zu urteilen, ist es der Vogel Strauß. Das Problem ist nur: Es gibt zuwenig Sand hier für die vielen Köpfe – die sich stattdessen in der Wüstenei gleichförmiger Ausreden verstecken. Aber immer schön lästern über die angebliche "Wüstenreligion", wa? Deren sattsame Sündenbock-Rezeptur wenden hex und heid weiter an (oder sitzen ihr auf), auch wenn ihnen das Wasser der Wirklichkeit bald bis zum Hals steht. Oder gerade deswegen?

Der Rechtsruck in weiten Teilen Europas mag wütend, verzweifelt oder ratlos (oder all das zugleich) machen – wer es fertigbringt, darüber die Schultern zu zucken und gänzlich unbeeindruckt zu bleiben davon, ist entweder Teil dieses Phänomens, begrüßt also (mehr oder minder zustimmend) diese Entwicklung, oder will sie nicht wahrhaben: in der womöglichen Hoffnung, es möge nicht schlimmer werden oder wenigstens nicht weiter spürbar für eine/n persönlich (zumal es ja einstweilen andere, weniger privilegierte Bevölkerungsteile treffen mag, die unter zunehmender Ausgrenzung, Ethno-Infiltrationsverdacht und Schikanierung leiden: oft bereits wegen "passenden" äußerlichen Anscheins). Vielleicht – oder muss ich sagen: wahrscheinlich sogar? – gehen manche Heiden mit dem bequem propagierbaren Feindbild Islam d'accord und halten das Kopftuch der Nachbarin für eine Bedrohung für Pentagramm oder Thorshammer auf der eigenen Brust. Mehr denn je sind altgermanische Zeichen, Symbole und Begriffe jedoch von ganz anderer Überfremdung und Okkupation bedroht und geplagt: dem Zugriff und der Aneignung durch Nationalisten, deren Germanengetümel nicht weiter reicht als die Nächstenliebe des christlichen Massenmörders Breivik. In Finnland marodiert eine durchgeknallte Bürgerwehr als "Soldiers of Odin". Wo bleibt der neuheidnische Aufschrei über dreiste Anmaßungen wie diese? Aber die muslimische Familie nebenan soll sich gefällist von den Pariser Killern distanzieren, die "Allahu Akbar" schrien beim Niedermähen von Theaterpublikum? Die Mörder kamen aus Frankreich und Belgien. Bombardiert wurden daraufhin Ziele (also Menschen) in Syrien. Auf Facebook verwandelten sich zahlreiche Icons in bunte Peace-Eiffelturm-Symbole, die Anteilnahme war bewegend und unübersehbar. Ich muss zugeben, dass auch ich nicht die leiseste Ahnung habe, welche Farben die syrische Flagge überhaupt trägt. Aber ich erspähte auch kein einziges solidarisches Icon, das mich genötigt hätte, diese Bildungslücke zu schließen.

Über tausend Asylbewerberheime wurden 2015 in Deutschland angezündet, aber gefürchtet wird sich in deutschen Fernsehzimmern vorwiegend vor muslimischen Milizen, die in Nordafrika und Nahost viele Christen und noch mehr Muslime umbringen mit deutscher Munition aus deutschen Waffen. Wo waren die Dresdener Montagsmarschierer – diese Verteidiger eines Abendlandes, dessen Werte sie (von Religions- bis Pressefreiheit) abschaffen wollen, als ihre Steuergelder rausgeschmissen wurden zur Rettung hemmungsloser Räuberbanken (was übrigens zifgach mehr kostete als alle bisherigen Flüchtlinge zusammen)?

Klar, das alles ist weder lustig noch einfach zu lösen, Aufmunterung tut not (mein' ich echt ernst). Sprechen wir von was Schönerem. Erzählt mir, wer die authentischste Gewandung trug am Mittelaltermarkt. Aber hört auf, zu beteuern, dass alles mit allem zusammenhinge, außer natürlich ihr selber mit dem Rest der Welt. Und dass euch die Verehrung eurer Ur-Ahnen wichtig sei, während ihr von den Symbolen und Konflikten eurer unmittelbaren Ahnen keine Ahnung haben wollt – oder zeigt. Sonst müsste ich fragen: Seid ihr blöd? Das will, nein: kann ich nicht glauben. Oder sollte ich so blöd sein, zu tun als ob?


Wo gehörst du hin?

Vor 20 Jahren, zu meinen (heidnischen) Anfangszeiten, waren es nur ein paar randständige heidnische Grüppchen, die im Trüben rechtslastiger Quellen fischten und einander auf Linie hielten – und es waren nur ein paar fast ähnlich Aussehende, aber ganz anders Gesinnte, die sich solchen altgedienten Vor- und Nachplapperern autoritärer Denkweisen in den Weg stellten – und ihn freikämpften für ein aufgeklärtes Heidentum, das sich seither in vielen bunten und respektablen Spielarten und Gruppierungen ausgebreitet hat.
Heute hat der einstige Nischenkonflikt (wie hex und heid – nein: leut – zu den Menschenrechten stehen) ganz Europa am Wickel, die Zusammenhänge reichen rund um Mama Globus und sie betreffen keineswegs nur spirituelle Kleingrüppchen wie unsereiner, sondern ganze Bevölkerungen überall: Wer steht – nicht nur hex und heid, sondern alle Welt, jede und jeder Einzelne – zu den Menschenrechten? Zeigen wir Haltung, unabhängig von Herkunft, kultureller Prägung, sexueller Neigung, Aussehen, Form und Geschlecht – und halten diese Werte auch anderen und allem anderen gegenüber hoch, als Angebot, Garantie und Forderung gleichermaßen – oder erwidern wir Hass mit Wut, Verachtung mit Verächtlichmachung und lassen uns aus lauter Angst zu Ebenbildern unserer Feinde machen? Nicht Bomben, Mauern und Stacheldraht verändern die Welt zum Besseren, sondern Ideen und diejenigen Menschen, die sie leben. Das lehrt die Geschichte. Es gibt keine Randgruppen. Wir sind alle mittendrin.

Ich stelle die Eingangsfrage, weil es nicht mehr möglich ist, ihr ehrenhaft auszuweichen. Sie unbeantwortet zu lassen, beantwortet sie auch.


Eibensang


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