Betreut von Eibensang


Baldrs und Lokis Geschichte   Teil II

Myriad Hallaug Lokadís hat ihre Gedanken zum Verhältnis Loki-Baldur in Worte gefasst und mit uns geteilt. Herzlichen Dank dafür
!


Man sah sie nun oft zusammen — nicht selten gingen Baldr und Loki gemeinsam in den Wald, und blieben dort für eine längere Zeit. Einige versuchten, ihnen dorthin zu folgen. Die wenigen, die es schafften, bis auf zwanzig Schritte an sie heranzukommen, berichteten von eigenartigen Windstößen, die plötzlich in die Baumwipfel fuhren, und jeden, der das Spiel der Blätter mit der Luft beobachtete, befiel ein so starker Schwindel, dass er kehrt machen musste.

Über so manchem Bier wurde darüber geredet, und mehr als einem gefiel es schlecht. Nichts Gutes, so sagte man, konnte daraus erwachsen, wenn Baldr sich mit dem zwielichten Loki einließe. War nicht jedes Mal, wenn dies geschehen war, irgendein Unheil passiert? Konnte nicht jeder einzelne von ihnen immer noch das Alter in den Knochen spüren, wenn er an den Tag dachte, da Idunn aus Asgard entführt worden war?

Aber Baldr ließ sich durch keine Einrede, keine noch so düstre Prophezeiung, beirren. Er ließ einen Reif aus dem schwersten, dunkelsten Gold anfertigen, und Loki schwor darauf einen Eid.

Einen gab es noch, der sich jeder Einmischung enthielt, obwohl seinem wachsamen Auge nur wenig entging. Odin wusste sehr wohl, wie es um seinen Sohn und seinen nicht minder geliebten Bruder stand: er erkannte in der unwahrscheinlichen Freundschaft zwischen ihnen nur allzu klar dessen unverkennbare Handschrift. Weder ihn noch sich selbst schonte Loki, dessen Schicksal sich immer mehr mit dem Baldrs und Odins eigenem Schicksal verband.

“Er treibt ein gefährliches Spiel”, sagte Frigga.

“Ja, das tut er”, antwortete Odin; doch keiner von beiden wusste, ob sie damit den gleichen meinten, noch welchen der beiden sie eigentlich meinten.

Und Frigga, die alle Schicksale kennt, sah den großen Knoten, der begonnen hatte, sich in den Fäden ihrer Lieben zu bilden. Vielleicht sah sie ihn deutlicher als sogar Odin, der nur zu gern selbst die Fäden in der Hand hielt. Aber sie verschwieg ihm, dass sie mit jedem Tag, der verging, selber mehr und mehr Teil dieses Knotens wurde. Und in ganz Asgard war Frigga die einzige, die Odin etwas verschweigen konnte.

Was Loki betraf, so versuchte er zunächst, Baldr aus dem Wege zu gehen. Stets begrüßte er ihn mit beißendem Spott, wann immer er auftauchte. Doch Baldr ließ nicht davon ab, Loki immerfort aufzusuchen, und seinen Spott mit einem Lächeln, das er sehr gut verbarg, zu ertragen.

“Ich habe dich noch nie so vor etwas weglaufen sehen”, sprach Sigyn eines Tages zu Loki. “Wovor fürchtest du dich?”

Vor nichts, wollte Loki schon ärgerlich antworten, vor gar nichts, doch er besann sich eines Besseren. Ohnehin hatte Sigyn ihn durchschaut, ob er es zugab oder nicht. Es gab auf diese Frage keine einfache Antwort. Und so geschah etwas, das so selten geschah, dass nicht einmal Sigyn sagen konnte, wann sie es erlebt haben mochte: Loki fand keine Worte.

So sehr er sich bemühte, er konnte nicht sprechen. Sigyn nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und küsste seine Stirn.

Danach hörte Loki auf, Baldr aus dem Wege zu gehen, obwohl er ihn immer noch mit Spott begrüßte. Baldr versteckte sein Lächeln nun nicht mehr, und die Leichtigkeit, mit der er Lokis halbherzig aufgesetzte Maske beiseite schob, überraschte und bestürzte Loki. Als die Zeit verging, lernte Loki Baldr lieben, und es war eine schreckliche, eine verzweifelte und schonungslose Liebe, der er es nicht wagte, sich hinzugeben, und die ihn aber dennoch ereilte und sich ihn einverleibte, ohne Rücksicht auf seinen unausweichlichen Verlust.

Wie weit diese Liebe ging? Es kommt darauf an, wen man fragt. Zu weit, würden viele sagen; nicht weit genug, sagte einer. Und Loki sagte, sie sei genau so weit gegangen, wie es ihm irgend möglich war, und kein noch so winziges bisschen weniger.

Es war an einem kalten Morgen im Frühsommer.

Baldr kam zu Loki und setzte sich neben ihn, und nahm ihm wortlos das Messer aus der Hand, mit dem er sich gerade einen Apfel zerteilen wollte. Der Apfel war rot.

Baldr nahm das Messer, ohne Lokis Protest zu beachten, setzte die Klinge unter dessen zornigen Blicken am eigenen Arm an. Aber dort, wo eigentlich ein tiefer Schnitt hätte sein sollen, war nicht einmal ein Kratzer zu sehen. Stattdessen zersprang die Klinge, als wäre sie aus dem dünnsten Glas gemacht, in dutzende Stücke. Sie klirrte, und für einen Augenblick schienen die Splitter in der Luft hängen zu bleiben, als könnten sie sich nicht entscheiden, was sie in dieser Lage zu tun hätten, bevor sie auf den Boden fielen und dort vor den Füßen Lokis liegen blieben.

Langsam bückte sich Loki und hob einen Klingensplitter auf. So scharf war der, dass er sich dabei in den Finger schnitt.

Keiner sprach. Dann beugte sich Baldr herab und griff in die noch heiß glühende Asche des Nachtfeuers, neben dem Loki geschlafen hatte. Als er die Hand herauszog, war sie unversehrt, aber die Glut war erloschen und gab nicht einmal mehr ein Zischen von sich, als Loki hineinspuckte.

Als er sich zu Baldr umwandte waren Lokis Augen ausdruckslos, aber um seinen Mund lag ein harter Zug. Baldr wand sich unter seinem Blick, als Loki sich ihm bedrohlich näherte.

“Wie konntest du nur?” zischte Loki ihm ins Gesicht, “du verwöhntes, selbstsüchtiges, ignorantes Kind, wie konntest du nur?” Mit wutgeballten Fäusten hieb Loki nach Baldr, und brach sich die Finger dabei.

“Hast du denn gar nichts verstanden?” Lokis Stimme überschlug sich, und er hätte sich gewiss alle Knochen gebrochen, wenn Baldr, der größer und stärker war, ihn nicht festgehalten hätte.

“Weißt du nicht, was du damit getan hast?” flüsterte Loki tonlos. “Wie viel schwerer du alles gemacht hast? Weißt du denn nicht, dass die Tat umso schwerer wiegt, als das Opfer größer ist? Glaubst du, du kannst wegrennen?”

Baldr schüttelte den Kopf. “Nicht ich war es, der dies hier bewirkt hat, sondern meine Mutter, und um deinetwillen würde ich es hundertmal rückgängig machen, wenn ich es könnte”, sprach er: Auch er hatte gelernt, Loki zu lieben, und er wusste, dass man es Loki übel danken würde.

Doch Loki war nicht zu besänftigen. “Ein unmögliches Versprechen ist nicht einmal die Zeit wert, die es benötigt, solch leere Worte zu äußern”, entgegnete er kalt, und wand sich aus Baldrs Griff. “Wenn du mir zu gefallen suchst, dann sage niemandem etwas davon. Sorge dafür, dass dies hier allein zwischen uns bleibt, und vielleicht… vielleicht…”

Die Worte blieben ungesagt, denn sie wären unwahr gewesen, und Loki hatte Baldr seinen Eid geleistet.

“Geh mir aus den Augen.”

Und da endlich, als er merkte, dass alles Reden keinen Sinn hatte, gehorchte Baldr und ging schweren Herzens davon. Die Furcht hatte ihn wieder eingeholt.


Ende Teil II


Myriad Hallaug Lokadís


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