Der erste Merseburger Zauberspruch als Lösezauber zur Geburt?

Peter Hilterhaus hat uns seine Gedanken zum Merseburger Zauberspruch gespendet - herzlichen Dank dafür!!

Die Darstellung des ersten Merseburger Zauberspruchs als Lösezauber bei feindlicher Gefangenname ist die Hauptinterpretation des Spruches, das hat sich seit 1842 und mit dem Erscheinen der zweiten Ausgabe der Deutschen Mythologie von Jakob Grimm 1844 bis auf wenige Ausnahmen nicht geändert. Verglichen wird das auch gerne mit der Hávamál Strophe 149:

Þat kann ec it fjórða, ef mér fyrðar bera
bǫnd að boglimom;
svá ec gel, at ec ganga má,
sprettr mér af fótom fiǫturr,
enn af hǫndom hapt.
Einen vierten kenn ich, wenn mir Männer Fesseln an die Glieder legen;
Dann sing (gel – gala[1]) ich, dass ich gehen kann,
von den Füßen springt mir die Fessel,
von den Händen das Band.
(Krause)

Oder auch Grógaldr (Svipdagsmál) 10:

Den sing (gel) ich dir als fünften, wenn dir eine Fessel um die Glieder gelegt wird, Lösezauber wird ich dir über die
Schenkel sprechen, so springt das Band von den Gliedern. (Krause)

Gestützt auf den Beitrag Der Erste Merseburger Zauberspruch ein Mittel zur Geburtshilfe von Klaus Düwel[2] betrachten wir den ersten Merseburger Zauberspruch etwas genauer, er lautet:

Eiris sazun idisi, sazun hera duoder.
suma hapt heptidun, suma heri lezidun,
suma clubodun umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandun, invar vigandun.

Bei der näheren Betrachtung müssen wir im Sinn behalten, dass die meisten althochdeutschen Zaubersprüche Heilsprüche sind. Im Kontext zum zweiten Merseburger Zauberspruch, indem das lahmende Pferd Baldurs durch Wodan geheilt wird, lässt den ersten Zauberspruch in einem anderen, neueren Licht erscheinen. Es steht nirgends geschrieben, dass der erste Merseburger Zauberspruch zur Befreiung von Gefangenen erdacht war. Durch die ersten zwei Halbzeilen wird der Zauberspruch zu den sog. Drei-Frauen-Zauber gezählt, die hier als Idisen (altnordisch: dísir) auftreten, die Zahl drei ergibt sich dann durch die örtliche Bestimmung hera duoder (hier, da und dort). In der Vergangenheit wurde versucht den ersten Merseburger Zauberspruch als Heilspruch gegen Leibschmerzen, Beißen im Bauch oder Kollern im Leib zu deuten, oder wie es Wolfgang Beck (Die Merseburger Zaubersprüche 2003) zusammenfasste als Zauberspruch gegen Unterleibsschmerzen. Auch andere Krankheiten wurden von der Wissenschaft in Betracht gezogen, wie etwa Anfälle, Epilepsie und dergleichen. Auf alle Fälle ließe sich der Spruch als Schutzzauber deuten, der allgemein das Unheil abwehren soll, uns interessiert hier der Geburtenfördernde Aspekt des ersten Merseburger Zauberspruch.

Bei den Idisen oder Disen welche auf altnordisch Singular feminin dís genannt werden, ist primär ein übernatürliches weibliches Wesen, eine Göttin aber auch Schicksalsfrau (wie die Nornen) oder wie im ersten Merseburger Zauberspruch, sogar ein weiblicher Schutzgeist (Fylgja). Im ersten Gudrunlied der eddischen Heldenlieder werden die Walküren als Herjans dísir bezeichnet und das altsächsische Äquivalent zu den dísir sind die idisi des ersten Merseburger Zauberspruchs, welche hier aktiv in das Geschehen eingreifen, indem einige dieser Idisen fesseln, andere die Fessel lösen und wiederum einige die Heere aufstachelten. Während dís im altnordischen ein übernatürliches weibliches Wesen bezeichnet, ist die Idise im altsächsischen eine Frau von Stand, wie lateinisch matrona. Die vanadís – Wanendise Freyja ist in der nordischen Mythologie die Frau von Stand (vgl. Ynglinga saga 13).

Die obig zitierten Edda Strophen zeigen uns zwar Lösezauber bei Gefangennahme auf, in Verbindung mit den Disen liefert uns allerdings das Eddalied Sigdrífumál 11 einen Hinweis wofür die dísir stehen. Dort ist von Bergungsrunen die Rede, welche zur Lösung der Leibesfrucht von Frauen Verwendung fanden, dabei wurden die dísir um Hilfe gebeten. In den Fáfnismál 12 wird nach Nornen gefragt, die in der Not zu Hilfe kommen und die Mütter von den Söhnen lösen. Von Beginn an, wurde der erste Merseburger Zauberspruch als Binde und Lösezauber gedeutet.

Die Verbal formen heptidun und lezidun zeigen die Bindung auf, Zwei Gruppen von Idisen binden also, während die dritte den überlegenen Zauber des Lösens wirkt. Letztendlich ist zu prüfen, ob mit dem heri tatsächlich ein Heer im Sinne einer Kriegerschar gemeint ist oder eine Heerschar dämonischer Kräfte welche gebunden werden sollen. Hier spielen verschiedene Formen von Binden eine Rolle, geknoteter Faden, geflochtener Kranz, oder gar ein Gürtel? Die Geburt Olafs II. Haraldsson auch Olaf der Heilige genannt, verlief alles andere als einfach, erst unter der Verwendung eines magischen Gürtels verließ er den Mutterleib, haben die Hebammen einen ähnlichen Zauberspruch dazu gesungen?
In Anbetracht dessen, das Freyja als Dise bezeichnet wird, dürfte ihr Kleinod, das Brísingamen als Paradebeispiel für einen solchen Geburtsgürtel stehen. Interessant in diesem Bezug ist die Interpretation von clubodun, dieses Wort leitet sich aus dem germanischen *klûbon ab, was „spalten, trennen“ bedeutet und entspricht dem »oc leysa kind frá konom« in der Sigrdrífumál 9. Altnordisch leysa bedeutet so viel wie „aufbinden, lösen, losbinden, befreien“ bedeutet, das althochdeutsche klûbôn bedeutet ebenfalls „lösen“ oder „etwas langsam aufmachen„ einige der Idisen lösten oder machten etwas langsam auf, was der Bedeutung aufbinden, losbinden von leysa entspricht. Hierbei stellt sich die Frage, was diese Idisen langsam lösten oder aufgebunden hatten. Das althochdeutsche cuonio uuidi (kunawid*, gotisch: kunawida*) bedeutet in erster Linie Fessel oder Band, mit einer Verbindung zum lateinischen cunae für Wiege und einer vermuteten Herleitung aus dem germanischen *kuni für „Nachkomme“ bedeutet diese Passage eigentlich so viel wie „den Nachkommen ent-wickeln/ent-binden“ oder in einem übertragenen Sinne die „Wickelbänder lösen“.

In De anima von Tertullian lesen wir im Kapitel 39 von einem heidnischen Brauch:

»So werden ja alle unter Anwendung von Idololatrie zur Welt geboren, indem schon der Mutterleib selbst, umwunden mit Binden, die in der Nähe der Idole verfertigt wurden, bekennt, dass die Dämonen auf seine Frucht ein Anrecht haben, indem bei der Entbindung die Rufe: Lucina und Diana ausgestoßen werden, die ganze Woche hindurch der Juno ein Tisch gedeckt wird, am letzten Tage die Fata Scribunda angerufen werden und das erste Stellen des Kindes auf die Erde der Göttin Statina geheiligt ist«.

Das Umwinden des Mutterleibes mit Binden, evtl. sogar der ersten Windel für das Kind entspricht dem zauberischen Charakter der Sigdrífumál 9

Bjargrúnar scaltu kunna, ef þú biarga vilt
oc leysa kind frá konom;
á lófa þær skal rísta oc of liðo spenna
oc biðia þá dísir duga.

Berge-/Geburtsrunen musst du kennen, wenn du bergen willst
und lösen das Kind von Frauen;
auf die Handfläche soll man sie ritzen und um die Gelenke/Glieder sie spannen
und die Disen (übernatürliche Frauen) bitten zu helfen.
(Übersetzung: Peter Hilterhaus)

Runen oder Zauberzeichen werden der Gebärenden um die Glieder gelegt, evtl. der Geburtsgürtel, ähnlich dem Brísingamen Freyjas[3], damit hätte der Zaubergürtel zur Geburtshilfe nicht nur heilenden Charakter durch evtl. Kräuter, sondern auch Dämonenabwehrende Funktionalität. Der letzte Teil, invar vigandun wird gerne mit „entfliehe den Feinden“ oder „entkomme den Feinden“ übersetzt, was aber definitiv nicht richtig ist, wenn man invar oder richtiger inwar mit „in, hinein“ übersetzt und vigandum/wigandum als Pluralform von wiga für Wiege übersetzt

Einst saßen Idisen, saßen hier, da und dort
Einige hefteten Fesseln, einige reizten die (dämonischen) Heere auf.
Einige entbanden die Nachkommen
Entspringe den Haftbanden, hinein in die Wiegen.

Hieraus entsteht eine völlig andere Deutung des Zauberspruches. Die Idisen oder Disen, die übernatürlichen Frauen saßen hier, da und dort, einige oder eine von Ihnen band den Geburtsgürtel um den Leib der Gebärenden, einige oder eine bekämpfte die Dämonen als feindliche Kräfte mit Abwehrzauber und evtl. Räucherwerk, Zaubersprüche singend, einige oder eine entband das Kind von der Mutter und legt es in die Wiege. Dies wäre in der Tat eine heidnische Geburtszeremonie und würde dem Sigdrífumál 9 sogar entsprechen.

[1]gala = schreien, rufen.
[2] Düwel, Klaus in: Erzählkultur: Beiträge Zur Kulturwissenschaftlichen Erzählforschung [Hrsg. Rolf Wilhelm
Brednich]. Walter de Gruyter 2009.
[3] Vgl. Heidnisches Jahrbuch Band 6 2012 S. 146-154.


Peter Hilterhaus


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