Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung   Teil III

Myriad
und Sati, eine Nordische Polytheistin und eine Kemetin. Wir haben uns im Internet kennengelernt und uns entschlossen einige Tage miteinander zu verbringen und nun diese Erfahrung zu teilen.
Bild: Myriad

Hier geht's zu Teil I und Teil II.

Habt Ihr das Gefühl, dass ihr einander beeinflusst habt? Wenn ja, wie?

Sati: Also der größte Einfluss den ich gefühlt habe war Stärke. Es bestärkt mich in meiner eigenen Praxis eine andere Person ebenso liebend, respektvoll ihren Göttern  gewidmet zu sehen wie ich den meinen. Ich meine, mal ehrlich, religiöse Hingabe wird doch heute eher belächelt. Leute die religiös sind werden entweder als "extrem(istisch)" oder irgendwie als naiv, unreif und der Eigenverantwortung unfähig angesehen und was es sonst noch für öde Vorurteile über Religiosität gibt.

Myriad: Ich glaub’ schon , dass wir einander beeinflusst haben. Für mich war es besonders überraschend, dass ich mit jemandem über meine Erfahrungen und das, was gerade in meinem Leben passiert, reden konnte. Eines der besten Gespräche überhaupt war eine Diskussion über Zweifel, Ängste, und darüber, was eigentlich die Wirklichkeit wirklich macht. Dieses Gespräch hat mir die Augen geöffnet, weil es vorgekommen war (und zum Teil immer noch vorkommt, aber seltener und seltener), dass ich aber auch wirklich jedes noch so kleine Detail meines religiösen Lebens in Zweifel zog. Sati war da außerordentlich hilfreich und konnte mit ihrer weit größeren Erfahrung als Polytheistin sehr gute Denkanstöße geben.

Sati: Ein weiterer Aspekt ist, dass es oft zu tieferen Einsichten in der eigenen Tradition führt sich mit anderen paganen Religionen zu befassen, wenn die Kommunikation offen und respektvoll ist, was definitiv der Fall war. Die Tatsache, dass wir beide streng polytheistisch sind vermied jeden Zweifel darüber, dass Loki und Seth beides verehrbare Gottheiten sind und nicht irgendein seltsames philosophisches Konzept oder gar Archetypen. Und es bestätigte mich wiederholt in der Erkenntnis Vielheit als grundlegende Sichtweise zu adaptieren so tröstlich one-source-theories oder universalistische Konzepte manchmal scheinen mögen.

Myriad: Wir ermuntern einander, zu studieren, und das bezieht auch vergleichendes Studieren mit ein. Das darf man jetzt nicht falsch verstehen: es handelt sich um getrennte, verschiedene Traditionen. Keine von uns ist synkretistisch. Aber wir erkennen beide an, dass nichts im Vakuum passiert, und dass sich religiöse Traditionen entsprechend der kulturellen Situation entwickeln. Und wenn die kulturelle Situation vorgibt, dass wir auf engem Raum mit Anhängern einer anderen Tradition zusammenleben, dann wäre es nur lachhaft, nicht auch mal auf den metaphorischen Teller der anderen zu gucken.


Bild: Sati

Sati: Eine wichtige Erfahrung für mich ganz persönlich war in meiner religiösen Identität gemocht zu werden. Ich meine, sicher, ich habe meine Kemetics im Internet, doch als Kemetic UND als Seth Verehrerin hat man nicht gerade viele Fans in der deutschsprachigen Heidenszene. Seth ist meist nur im ritualmagischen oder sonst wie okkulten Kontext bekannt, was so gar nicht mein Ding ist. Ich bin im Prinzip daran gewöhnt allein zu sein zumal ich ohnehin nicht außerordentlich gesellig bin. Und natürlich macht mich Seths Einfluss auch zuweilen ein bisschen impulsiv und schwer einschätzbar. Daher war ich sehr positiv überrascht über Myriads Vertrauen mit mir UND Seth in meinem Zuhause Zeit zu verbringen und sowohl ihre Zugewandtheit zu mir sowie ihren Respekt für Seth zu erleben.

Myriad: Wir schätzen beide aneinander unsere religiöse Hingabe. Unser Alltag ist unseren Göttern gewidmet, und wir haben beide erfahren, wie selten das in einem Menschen ist.

Sati: Und anscheinend haben Myriad und ich einen ziemlich Eindruck bei Leuten hinterlassen. Ich bin mehrfach gefragt worden, ob wir Schwestern sind, dabei sind wir so grundverschieden. Myriad ist extrovertiert, witzig, klug, eloquent und unglaublich hübsch. Sie trägt immer bunte Kleidung und ihre leuchtend roten Haare sind ein echter Hingucker. Sie lacht und lächelt viel und fängt auch mal an spontan mit Leuten zu tanzen oder zu singen (da sie Opernsängerin ist, kann sie auch unglaublich schön singen). Ich fühle mich eher wie das glatte Gegenteil. Ich trage meistens schwarz und bin eher die dunkle, stille, mysteriöse Gestalt in der Ecke, die die Leute beobachtet, aber dennoch aus unerfindlichen Gründen Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich bin ja auch Aspie, daher habe ich in Gesellschaft manchmal meine Probleme, aber mit Myriad zusammen habe ich mich sehr sicher und ruhig gefühlt und vieles fiel mir deutlich leichter, so dass es mir sogar gefiel unter Leuten zu sein.


Bild: Myriad im Bliaut made by Sati :)

Myriad: Wir bringen gegenseitig unsere Schokoladenseite zum Vorschein, wenn man will. Wir sind zweimal ausgegangen (dreimal wenn man die Feierlichkeiten zum Abschluss meiner Promotion mit einbezieht). Jedes Mal waren wir ungeschlagen die beiden schönsten Menschen im Raum – und nicht etwa, weil der Raum leer oder mit besonders hässlichen Menschen gefüllt gewesen wäre. Ich glaube wir bringen an einander zum Vorschein, wie unsere Götter uns beeinflussen [LOL klingt das albern, aber so sieht es aus, Leute].


Hat Euch irgendetwas gefehlt oder habt Ihr Euch in Euer Praxis irgendwie eingeschränkt gefühlt?

Sati: Ehrlich gesagt kaum. Als ich Myriad besucht habe, hat mir natürlich meine Wohnung gefehlt, da sie sozusagen mein Tempel ist. Alle meine Schreine sind dort, mein großer Schrein für mehrere Gottheiten, mein Seth Schrein, mein Akhu (=Ahnen) und Heka (=Ägyptische Magie) Schrein. Aber wenn ich verreise habe ich immer meinen kleinen Reiseschrein dabei, den ich bei Myriad auf Lokis Altar stellen durfte, also war da gar nicht mal viel, was mir fehlte. Meine Katze habe ich aber arg vermisst. Und was mir auch ein bisschen abging war der Kontakt zu den anderen Kemetics und unsere Gespräch über Geschichte, unsere Tradition oder auch einfach nur das Gescherze auf Facebook. Das mag sich seltsam anhören, aber ich empfinde die Zeit die ich mit meinen Mit-Kemetics verbringe auch ein bisschen als Teil meiner Religiosität und ich versuche ihnen so viel meiner Aufmerksamkeit wie möglich zu widmen auch wenn's nur ums Spaß haben geht.

Myriad: Ich habe meine Meditation vermisst, und die längeren Gebete, als ich zum ersten Mal zu Besuch war, aber die ganzen tollen anderen Sachen, die passierten, haben das mehr als wettgemacht. Während meines zweiten Besuchs und während Satis Besuch bei mir kam ich viel besser zu Allem.


Welche Ideen und Inspirationen habt Ihr aus der gemeinsamen Zeit gewonnen?

Sati: Viele kreative Dinge. Wir sind beide handwerklich begabt und Myriad hat mich auf einige tolle neue Ideen für Opferungen sowie Handgearbeitetes zu Ehren Seths gebracht. Wie z.B. eine Devotionalien-Halskette, die mit sieben handgemalten Perlen für sieben von Seths überlieferten Beinamen bestückt ist. Ich bin ja auch Schneiderin und habe schon lange nicht mehr geschneidert, doch nun habe ich eine lange Liste von Kleidungsstücken, die ich für Myriad machen möchte.


Bild: Brettchenborten-Lesezeichen (von Myriad)

Myriad: Sati ist diejenige, die mich dazu inspiriert hat, Brettchenweben zu lernen – etwas, das bei meinen Göttern ziemlich gut ankam und wofür ich auch möglicher Weise eine Art Talent habe.

Ich war natürlich auch von Satis kultischer Praxis beeindruckt. Als ich heimkam, wollte ich unbedingt mehr Schreine, und Statuen, jede Menge Statuen. Das Problem ist, dass ich die Ästhetik der meisten kommerziell verfügbaren Statuen der nordischen Götter wirklich nicht ausstehen kann. Daher habe ich bisher immer meine eigenen Darstellungen verwendet: Acrylgemälde auf Leinwand. Das funktioniert gut, und meine Götter finden sie schon an sich ganz schick (obwohl ich immer wieder gefühlt eine Million Perspektivenfehler ausmache). Jedenfalls wollte ich Statuen, und Skulpturen, und geschlossene Schreine, als ich heimkam. Tatsächlich will ich auch immer noch manches davon, obwohl ich mir nicht mehr sicher bin, wie gut geschlossene Schreine mit den nordischen Göttern funktionieren. Aber Skulpturen möchte ich nach wie vor, und werde wohl meine eigenen anfertigen. Und neulich fanden auch zwei kleine Portraits von Seth und Ma’at ihren Weg in mein Wohnzimmer.

Sati: Und wir hatten außerdem das Gefühl, dass wir unsere Erfahrung teilen sollten und haben begonnen an einem Seminarkonzept zu arbeiten um über polytheistische Religion und Praxis zu berichten. Da es uns beiden wichtig ist historisch gut informiert und gebildet zu sein bin ich guter Dinge, dass wir einen vernünftigen Einblick vermitteln können, was es bedeutet inmitten der Gesellschaft Polytheist zu sein. Sowohl Myriad als auch ich sind ja keine seltsamen Freaks oder gesellschaftlichen Randfiguren (mal abgesehen von meinen Asperger-bedingten Einschränkungen). Myriad hat einen Doktortitel in Informatik und ich bin gerade mitten in meiner Ausbildung zur Osteopathin, die ich hoffentlich mit einem M.Sc. abschließen können werde; und ich kümmere mich um Patienten und gehe osteopathischer und medizinischer Forschungsarbeit nach.


Bild: Loki und Seth

Myriad: Aufgrund unserer Interfaith-Tempel-Situation, und unserer geteilten Leidenschaft für unsere Götter kamen wir auf die Idee, Seminare über polytheistische Religionen in unserer Region anzubieten. Im Moment haben wir beide ziemlich viel um die Ohren, aber wir denken es ist wichtig, dass wir das machen. Ich denke, es ist wichtig, zu zeigen – und zwar am gelebten Beispiel – was Polytheismus beinhaltet, wie eine religiöse Praxis aussehen kann, und dass es Menschen gibt, die die Götter als Gott-Personen verehren.


Was war für Euch anders als erwartet?

Sati: Also grundsätzlich hatte ich mir alles viel befremdlicher vorgestellt und uns eher schüchtern hinsichtlich unserer Praxis. Aber letztendlich war alles unerwartet einfach und toll. Es war einfach wunderschön gemeinsam bei unseren Schreinen zu sitzen, Wein und Speisen mit unseren geliebten Göttern zu teilen und die morgendlichen Opferungen gemeinsam zu begehen. Und ich bin mir sehr sicher Seth und Loki hat das auch gefallen.

Myriad: Ja, absolut. Komisch, wie man sowas manchmal einfach weiß.


Myriad & Sat Ma´at


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