Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung   Teil II

Myriad und Sati, eine Nordische Polytheistin und eine Kemetin. Wir haben uns im Internet kennengelernt und uns entschlossen einige Tage miteinander zu verbringen und nun diese Erfahrung zu teilen.

Hier geht's zu Teil I

[Vorwort von Myriad in eigener Sache: ich bin nach der Veröffentlichung des ersten Teils in der Rubrik Landgodhtru gefragt worden, inwiefern ich mich und meine Praxis als Ásatrú sehe, und ob das denn die richtige Rubrik ist. Ich möchte mich dazu nur sehr kurz äußern: Ich lebe mit meinen Göttern im Alltag, und die hier veröffentlichten Artikel zeigen einen Ausschnitt daraus. Für mich hört Ásatrú nicht mit jahreszeitlichen Blótritualen auf, sondern ist eine lebendige, polytheistische Religion. Und glücklicher Weise liege ich damit auf einer Linie mit den Editoren und Rubrikverantwortlichen, sodass zu meiner großen Freude einer Veröffentlichung des "Sequels" in dieser Rubrik nichts entgegensteht.]


Wie habt Ihr Euch in Anwesenheit Eurer Götter gefühlt? Haben sie voneinander Notiz genommen?

Sati: Auf jeden Fall haben sie voneinander Notiz genommen. Ich hatte sogar das seltsame Gefühl, dass sie einander schon kennen. Ich hatte ja den Loki Schrein errichtet bevor Myriad mich besuchte, weil ich wollte, dass sie sich zu Hause fühlt und Loki hat das sofort bemerkt und ich fühlte seine Anwesenheit noch bevor sie da war. Und es fühlte sich erstaunlich normal an. Ich empfinde mich eigentlich als 100% Kemetic aber ich habe definitiv auch eine Verbindung zu Loki. Es gab auch einen ziemlich eindrucksvollen Moment als Loki plötzlich auftauchte und mit mir kommunizierte. Er ließ mich seine Rolle unter den Göttern verstehen, was mich tief beeindruckt und berührt hat. Ich war echt froh, dass Myriad zu diesem Zeitpunkt da war und mich halten konnte wie auch meine Erfahrung bestätigen konnte, denn das war ein sehr emotionaler Moment für mich. Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich als nicht dem nordischen Heidentum Angehörende sowas erfahren durfte.

Myriad: Das war wirklich… sehr emotional. Loki hatte Sati ein paar Dinge über sich selbst gezeigt, über die nicht so häufig geredet wird. Weder im Kreis Seiner Anhänger, und noch viel weniger in der weiter gefassten heidnischen bzw. Ásatrú-Szene. Loki hat… eine Tendenz, sich schnell zu öffnen, aber diese Offenheit ist niemals bedeutungsloses Geplänkel. Ganz im Gegenteil: was Er teilt, das teilt Er. Und es machte mich so glücklich (für Ihn), zu sehen, dass Sati diesen Austausch als genau das verstand, was er war.

Sati: Ich muss aber auch zugeben, dass ich auch einige Problem mit Loki hatte, was auch zu einer komplizierten Situation zwischen Myriad und mir geführt hat. Ich denke nicht, dass es notwendig ist hier näher ins Detail zu gehen, aber sagen wir mal so, ich fühlte mich für etwas "benutzt" von Loki was eigentlich nicht meiner Natur entspricht. Loki ist viel zu "lustig" und frech für mich. Ich bin eher eine ernsthafte Person und ziemlich an Seths Rauhigkeit gewöhnt. Und Seth ist auch immer sehr auf ein gewisses Maß an Würde und Toughness bei mir bedacht. Er war auch nicht gerade erfreut über das wohin Loki mich hineinmanövriert hatte und drängte mich klare Grenzen zu setzen. So fühlte ich mich hin und her gerissen zwischen Myriad und Loki, denen gegenüber ich nachgiebig und tolerant bleiben wollte, und Seths Anforderungen gerecht zu werden. Aber zum Glück konnten wir die Situation lösen und ich hatte deutlich das Gefühl, dass das ein Werk von Vieren war und nicht nur von Zweien. Die wirklich einschneidende Erfahrung dabei war, dass Myriad und mir bewusst wurde, dass wir nie eine eins-zu-eins Beziehung haben werden. Es wird immer eine Vierer-Beziehung sein und wenn es Dinge gibt über die wir reden müssen, dann können wir Loki und Seth nicht ausklammern.


Bild: Seth

Myriad: *lacht* Loki und Würde… nur ganz kurz, das ist so ne Sache: Würde kann sehr unterschiedliche Bedeutungen haben für eine Verehrerin von Seth und für eine Verehrerin von Loki. Ich mein‘, also wenn man berühmt dafür ist, eine bärtige Ziege an seinen Testikeln befestigt zu haben, und anschließend von ihr… naja sagen wir, spazieren geführt worden zu sein, dann kann es schon sein, dass sowas darin zum Ausdruck kommt, was man von einer Verehrerin verlangt. Ähm, das klang jetzt komisch (und ich habe auch keinen Bart). Aber hier habt ihr ein Beispiel, was Würde für eine Loki-Verehrerin konkret bedeuten kann: Sich nicht dauernd immer so ernst zu nehmen. Da ist natürlich noch mehr, aber was ich sagen will, ist, dass Würde und Würde zwei sehr verschiedene paar Stiefel sein können. Und sowas hat natürlich Konfliktpotenzial.

Was mich betrifft, habe ich nicht unbedingt sofort feststellen können, dass Loki und Seth voneinander Notiz nahmen… bis zu meinem zweiten Besuch bei Sati. Und als das passierte, war es nicht eben angenehm. Meine Kurzfassung der Geschichte: Loki mochte eine Situation nicht, in der ich steckte, aus Gründen, die ich nachvollziehen kann. Er wollte, dass Sati eine bestimmte Rolle spielen sollte, was aber nicht so gut ankam. Die Situation eskalierte, als ich bei Sati war, und die Eskalation war ziemlich… Seth-Style. Nicht unbedingt gemäß Lokis Plan (was wiederum auch keine Seltenheit ist, und eigentlich ist niemand konkret dafür verantwortlich zu machen). Aber der Schaden war schon angerichtet. Die Situation wurde kritisch, als ich spürte, das zwischen Loki und Sati etwas aus dem Ruder lief, bezüglich der Art, wie das alles in die Luft gegangen war. Als sie das später mir gegenüber zum Ausdruck brachte und meine Befürchtung bestätigte, brachte mich das total aus dem Konzept und machte mich sehr, sehr traurig… weil ich mich plötzlich mit einer Wahl konfrontiert sah, die ich nie treffen will. Und letztlich musste ich ja auch nicht, weil wir es mit vereinten Kräften doch noch schafften, die ganze Angelegenheit zu klären. Auf Sein Betreiben hin zerrte ich Sati vor Lokis Altar, und sie schubste mich zu Seth – es gab nämlich auch von meiner Seite Klärungsbedarf. Es war im Wesentlichen ein vierfaches „Wir müssen reden“.

Sati: Du meine Güte, ja, Seth-Interventionen kommen normalerweise wie ein Sturm und hinterlassen ein Riesendurcheinander um das er sich nicht weiter kümmert. Er stürmt hinein und setzt einfach alles lichterloh in Flammen - natürlich niemals ohne guten Grund. Aber so ungefähr sieht das auch aus, wenn ich, sagen wir mal, zwei drei Hühnchen mit jemandem zu rupfen habe. Ich bin sehr tolerant, ich hab in meinem Leben eine Menge erlebt, aber es gibt einfach ein paar Dinge, die ich nicht akzeptieren kann und die gegen meine Ethik gehen und dann sage ich auch was dazu. Und ich sage es laut und unmissverständlich und ich bin ganz schlecht darin Süßholz zu raspeln. Die Leute sind dann meistens ziemlich erschrocken über meine plötzliche Direktheit. Es tat mir ein bisschen leid, dass Myriad dieses "Gewitter" mitbekommen hat und ich habe mir ehrlich Sorgen gemacht, dass ich sie erschreckt haben könnte. Und erstaunlicherweise stellte ich fest, dass auch Seth davon nicht unberührt blieb. Ich denke, deshalb konnten wir die Situation auch so schnell klären.

Myriad: Was Sati und ich beide aus der Gelegenheit lernten, war, wie wichtig uns beiden unsere Götter sind, und wie sehr Sie uns auch als Ihre Verehrerinnen schätzen, und dass das hier nur als Vierer-Beziehung läuft, oder gar nicht.

Aber um nochmal auf Präsenz zurück zu kommen… Sie waren sehr präsent. Stark, unglaublich schön, alle beide. Sie waren sehr oft anwesend. Ich kann mich insbesondere an einen Abend erinnern, als ich mit einem Paar Stiefeln herumalberte, das Loki sehr an mir mochte. Hauptsächlich, weil ich damit buchstäblich ein tänzelndes Pony war. Es gab sehr viel Ausgelassenheit, aber… irgendwann musste ich dann doch die Spielverderberin sein, weil Loki nicht besonders schüchtern ist Seine Begeisterung kundzutun, wenn Ihm was gefällt.

Apropos Schüchternheit: Ich fühlte mich in Anwesenheit von Seth schüchtern; Er ist in vielerlei Hinsicht sehr anders als Loki, nicht nur im Zusammenhang mit Würde. Zum Beispiel mag Seth eigentlich keine Menschen, während Loki… einfach Loki ist. Ich fand Seth einschüchternd, aber nicht unfreundlich; tatsächlich war ich überrascht, dass Er meine Anwesenheit zu schätzen schien. Entsprechend konnte ich mich nach einer Weile ausreichend entspannen, um Dinge um Seinen Schrein herum zu tun – etwa, mich um Opfergaben und/oder Kerzen zu kümmern.

Darüber hinaus haben Sich die Götter öfters zu erkennen gegeben. Ich war von Satis gesamten Hauptschrein ehrfürchtig erstaunt; insbesondere von Amun. Er war sehr golden, auf eine attraktive Art. Nicht wie Baldr, der übrigens selbst sowohl golden als auch attraktiv ist. Als wir im ägyptologischen Museum in München waren, sahen wir zwei Statuen, die „zusätzlichen Wumms“ hatten. Eine war eine Sekhmet-Statue, und die andere war… schwarz, mit überaus bewundernswert geformten Schenkeln und ohne Kopf. Sati und ich dachten beide spontan an Seth, obwohl das natürlich nicht wirklich eine Seth-Statue war. Aber egal, interessierte in dem Moment eher niemanden.

Ansonsten hatten Loki und Seth so eine Art Alpha-Männchen-Ding laufen. Opfergaben… jep, Opfergaben waren in. Ich glaube nicht, dass Seth sich für Kaffee erwärmen konnte, bevor Loki welchen von mir bekam.

Sati: *lach* Nein, ich habe Kaffee als Opferung schon zuvor versucht und es kam gar nicht gut an. Aber als Myriad ihre Opferungen machte, bemerkte ich plötzlich dieses "Ich will auch das was er kriegt." So fand ich mich plötzlich Dinge opfernd, die ich nie vorher geopfert hätte. Kaffee mit Kardamom und Zimt war's dann.


Ende Teil II


Myriad & Sat Ma´at


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