Der Sonnenglanz   Teil IX

Angesichts einer inzwischen vornehmlich in kleinsten und zunehmend privaten Personenkreisen fleckdümpelnden Heidenszene, und angesichts einer über solche Zirkel kaum mehr hinausreichenden Diskursbereitschaft – erzähle ich diesmal eine Geschichte. Dem literarisch konservativen Heidengemüt Rechnung tragend, dem nichts heilig wird, was es nicht schon kennt, wähle ich den Edda-Mythos des Brisingamen: wie und auf welche Weise die Große Freyja ihr kostbarstes Geschmeide von den Zwergen erhält. Weil ich aber immer noch Meyer heiße und Eibensang bin, erzähle ich die alte Story neu. Alles, was nicht bekannt ist daran, ist von mir.

Gesänge der Wollust

Freyja schrie. Der Schrei löste sich als Quieken aus ihrer Sauenkehle, stieg rasch durch die Lüfte und nahm Form an, erst eine, dann mehr, immer mehr. Wurde Akkord und Kaskade, Eruption und Crescendo, schwoll an, kippte über, gebar melodische Schlangen, die sich umeinander schlangen, der Schall lernte tanzen, fuhr nieder und fiel, krallte sich fest an den Flügeln des Winds, wollte fliegen, kam hoch, halb hoch wenigstens, knapp unter die Wolken, streckte sich aus, lang und flatternd, knatternd, mäandernd, blähte sich auf, bis er fett war und rund, zuckte und ruckte und rollte und wälzte sich über die Himmel, zog sich dann lang und immer mehr in die Länge bis er dünn war und spitz, scharf und schnurgerade, drahtig, steif, pfeifend und schrill, wo er sich brach wie Licht im Regen, in tausendmal noch mehr Laute und noch mehr und noch mehr, und raste und röhrte, tobte und grunzte und matschte und mulmte, sich Finger gebärend, die sich vermehrten, lange Finger aus Tönen, kleine und große, jedes Ohr findend, jedes Ohr auf der Welt. Jede Form nahm er an, die die Muscheln ihm boten, kein Gang zu gewunden, keine Biegung zu eng, er erschlich sie alle, schien sich jeder Membran, jedem Trommelfell anpassen zu können, auf dass ein jedes und eine jede und ein jeder ihn, den Schrei, in der wirklich ureigensten Sprache und Lautgebung vernahm, welches Geschöpf auch immer ihn, diesen Schrei Freyjas, empfing.

Hätte Snorri Sturluson, jener mittelalterliche Christenlehrer, dem wir die Edda verdanken, diese Geschichte hier gelesen oder gehört (was er aber nicht konnte, da sie erst entstand, nachdem Snorri, der die Edda längst fertiggeschrieben hatte, schon seit Jahrhunderten verstorben war...), er hätte womöglich notiert, anständig stabend (denn das war's, was er lehrte: den Stabreim für Skalden – die damals längst keine "Heiden" mehr waren, den Stoff der Alten nur nahmen zum Üben, doch dies nur am Rande):

"Da ward Wollust in der Welt zuerst
Als die Sau mit den Zwergen sich suhlte
Von Vieren befingert, stöhnte sie freudig
Sah vor sich den Frühling in Farben.

Die Große erbebte, wand sich bald brüllend
Bäumte sich drängend, sang direkt zur Sonne
Verkrampfte sich, krallte sich fest an den Kerlen
Da ging ihr der Stern auf in gleißendem Gold."


Der neue Morgen

Sie trug es um den Hals, auf der Brust, mit sanftem Gewicht lag es ihr auf der Haut, aber nicht so kühl, wie sie gedacht hätte. Aus was bestand es? Sie spürte die Rundungen, den geschmeidig fließenden Lauf, die gewundenen und miteinander verbundenen Teile, die strenge Form... spielte daran mit den Fingern: erst oben, nur oben, nah an der Schließe. Die Augen geschlossen. Noch wagte sie nicht... Doch sie musste sie öffnen... Einen Moment nur noch, einen der Freude, der noch nicht erwachten: So wie die Welt noch nicht wach war – wie sie jetzt werden würde.

Ein Seufzen entrang sich ihr, der Atemzug hob das Geschmeide mit, sie wagte mit den Fingerkuppen auch über den größeren Teil zu streicheln, doch noch nicht die Augen zu öffnen, den Schmuck zu schauen. Die Nacht fiel ihr ein, die Nacht mit den Zwergen, sie musste lächeln: Wie wild sie geworden war unter den knotigen Händen der kleinen Männer! Der eine hatte ihr gefallen als Eber – er, der der Schüchternste gewesen war, aber auch der erste... Der hatte gewusst, wie man eine Wildsau behandelt, wie man sie neckt, wie man sie heiß macht – und wie man sie ehrt. Leicht harzig hatten seine Küsse geschmeckt, wie die von Bäumen – hatten sie sich in Bäume verwandelt, auch? Freyja konnte sich nicht daran erinnern. Alle möglichen Tiere hatten sie durchgespielt, in allen Gestalten hatten sie es getrieben, als ineinander verschlungene Schlangen, als Bären, als Wölfe und Katzen, als Stute mit Hengsten, als Ente und Erpel, als wilde Hasen und riesige Wale. Als Schwäne und Luchse, als Dachse – und dann lachte sie auf, denn sie erinnerte sich an ihren tänzelnden Gang als Reh – und wie Krock als Hirsch mit seinem Geweih zwischen den Ästen hängengeblieben war... Nein, sie brauchte sich nicht vorwerfen, irgendetwas ausgelassen zu haben. Tobende Auerochsen, die Erde zertrampelnd, nasse Otter mit aalglattem Fell und schlüpfrigen Zungen, kräftige Biber, erregt das Wasser klatschend, oder als Adlerschwarm mit stocksteif ausgebreiteten Schwingen hoch in den Lüften. Und dann wieder der kleine rote Hengst, schnaubend und stampfend, die Nüstern blähend, mit Schaumflocken auf den Lippen, und zwischen den Hinterbeinen wuchs sein riesiges, zitterndes Rohr hervor, feucht glänzend und schön... So ein lieber Zwerg. Ein entspanntes Hmmmmh kam der Großen über die geschlossenen Lippen, sie fühlte sich erschöpft und erfrischt zugleich. Das Haar fiel ihr über die Schultern, kitzelte sie auf dem Handrücken, während ihre Finger immer noch mit dem Glanz spielten... Der Glanz!

Sollte sie es nicht endlich wagen? Die Augen zu öffnen? Die Schönheit der Schöpfung abermals – und dann für immer – zu schauen? Sie wusste, dieser Blick würde die Welt verändern – diese eine zumindest, Midgard. Alle atmenden Wesen hatte sie mit ihrem höchsten und stärksten Schrei verbunden – die Wollust hatte sie in die Herzen der Geschöpfe gepflanzt. Und in dem Moment, da das ganz unversehens geschehen war, als Freyjas Seele sich geöffnet hatte im Glückskrampf, um aus ihrem Innersten jenen ungeheuren Feuerball zu gebären, der sich schneller ausbreitete als... ah, es gab überhaupt keinen Vergleich – als sie nur noch schreien konnte und diesen Wonneschrei in alle Richtungen, in alle Ohrmuscheln und Gehörgänge aller Geschöpfe entließ – da hatte sie mit einem Mal gewusst, was fortan ihre Aufgabe sein würde in dieser Welt. Die ekstatische Wonne hatte sie erfunden, und jetzt waren alle Kreaturen, groß und klein, beseelt davon, aber sicher völlig verunsichert damit, denn draußen war es noch dunkel oder trübgrau, die Gerüche waren noch so matt und stumpf wie die Farben, das Unfrohe herrschte noch vor – und niemand wusste jetzt, was das für ein verstörendes Glück gewesen war, das alle Gemüter so plötzlich ereilt hatte – wer hätte etwas damit anfangen sollen, und was? Die Sehnsucht hatte sie ihnen gegeben, aber keine Maus und kein Mensch, keine Sau und kein Schwein konnten sich einen Reim drauf machen, was das sollte – geschweige denn einen Weg finden, dieses unbekannte Sehnen zu befriedigen. Lust war ein Gefühl, das in diese graue, trostlose Umgebung nicht passte. Ein Klumpen Wonne – oder die Sehnsucht danach (was fast noch schlimmer ist) – inmitten der Tristesse und der Trübnis: ein Fremdkörper, ein unpassender Ton, ein absurdes Bild. Nur die Zwerge waren von dieser Irritation ausgenommen. Sie waren schon beschenkt, sie hatten schon erlebt und genossen, was aller Welt noch bevorstand, ja, was oben im Erdenrund noch niemand ahnen konnte – die Zwerge hatten es hinter sich. Freyja seufzte. Ihr kam der Gedanke, ob es nicht die Zwerge gewesen waren, die den größeren Preis gezahlt hatten. Sie würden sich jetzt ganz zurückziehen vom Erdboden und nur selten noch blicken lassen können vor anderen Geschöpfen. Es würde bald zu hell werden für sie, zu lärmend, zu bunt: zwischen den Bäumen, an den Bächen, auf den Lichtungen und Wiesen, in den Tälern und Auen. Deshalb hatte Freyja ihnen alles gegeben: in dieser einen Nacht. Jedes Tier, jede Wildheit und Schönheit hatten sie durchlebt, mit jeder erdenklichen Leibeslust und Sinnenfreude hatte sie sie beschenkt und gesegnet und beglückt, und sie würden Geschichten darüber erzählen und Lieder singen und beides wahrscheinlich in Stein und Metall gießen, hämmern, schleifen und formen und ein unglaubliches Kunstwerk nach dem anderen erschaffen – aber sie würden es unter der Erde tun, im Schatten der Berge, in den Bäuchen und Gedärmen der Großen Nerthus, der Erdmutter selbst: dort halt, wo kein Strahl des Glanzes hinfiel. Ihre Fackeln würden schimmern, ihre Feuerschalen flackern und ihre Hallen und Schmuckstücke beleuchten; in jedem von diesen würde wahrscheinlich ein Abbild des Glanzes funkeln, und wenn Menschen dies sahen, würden sie – gerade sie! Diese so leicht beeinflussbaren, so leicht verblendbaren Hitzköpfe! – wahrscheinlich verrückt werden und einander totschlagen schon um ein einziges Körnchen oder Gedenksteinchen dieses Glanzes willen, der aber nur ein bestenfalls kunstfertiger und spielerisch angedeuteter Abglanz sein konnte – von dem einen, dem echten, den die Große nun trug auf ihrer Brust und der Midgard für immer verändern würde.

Und was würden die anderen sagen, die Raterinnen und Rater, die Söhne Vanaheims, die Töchter Asgards? Unwirsch stöhnte die Große auf, es war ihr völlig egal, dass es diese Begriffe in der Form noch gar nicht gab, und nicht minder egal, was ein Thor oder ein Loki, eine Sif oder eine Gefjon, eine Baduhenna oder ein Odin, Njörd, Heimdall, Syn, Skadi, Lofn, Fulla, Tyr, Tamfana und weißnornir wer noch – oder gar Frigg selbst – dazu sagen würde. Die Folgen ihrer Tat würden, da war sich Freyja sicher, für sich sprechen. Sie trug jetzt den Glanz, und basta. Es würde wunderschön werden. Trotzig reckte sie die Arme, spannte die Muskeln an, dehnte den vom all dem Toben, Kratzen, Beißen, Küssen, Schmiegen, Glitschen und Stoßen noch etwas malträtierten Leib. Die Lust durfte nicht Fremdkörper bleiben. Die Geschöpfe mussten Wege zu ihr finden, oder sich welche bahnen können, und dazu brauchten sie Licht. Das Licht einer goldenen Sonne – keiner blassen Funzel, sondern eines strahlenden Tagessterns. Die Lust sollte sich spiegeln in den Farben des Wegs und der Gegend. Nicht nur grün sollten die Pflanzen werden, sondern kunterbunt! Blumen sollten blühen und mit verschwenderischen, knallbunten Blüten in verwegensten und gewagtesten Formen und Farben jederzeit allen Zwei-, Vier- oder Sonstwie-Beinern vor Augen führen, dass es nichts Schöneres und Heiligeres gab, als die eigenen Geschlechtsteile an die Luft zu recken und sich beschmiegen, bekosen, befruchten oder einfach nur herzen zu lassen! Schwärme von Bienenvölkern würden diese Botschaft übers Land tragen, von Blüte zu Blüte, von Blume zu Blume, von Frucht zu Frucht. Hell sollte die Sonne drauf scheinen, jeden Tag aufs Neue. Und nur die Dämmerung sollte daran erinnern, wie es einst im Anfang war – den man, wenn es nach Freyja ging, aber auch getrost vergessen konnte. Und von all dem war die Welt – Midgard – nur einen einzigen Lidschlag entfernt. Sobald sie, Freyja, Göttin der Wonne, die Augen aufschlüge, würde der neue Tag anbrechen und nichts wieder sein wie vorher.


Ende Teil IX


Eibensang


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