Der Sonnenglanz   Teil VIII

Angesichts einer inzwischen vornehmlich in kleinsten und zunehmend privaten Personenkreisen fleckdümpelnden Heidenszene, und angesichts einer über solche Zirkel kaum mehr hinausreichenden Diskursbereitschaft – erzähle ich diesmal eine Geschichte. Dem literarisch konservativen Heidengemüt Rechnung tragend, dem nichts heilig wird, was es nicht schon kennt, wähle ich den Edda-Mythos des Brisingamen: wie und auf welche Weise die Große Freyja ihr kostbarstes Geschmeide von den Zwergen erhält. Weil ich aber immer noch Meyer heiße und Eibensang bin, erzähle ich die alte Story neu. Alles, was nicht bekannt ist daran, ist von mir.

Vereinigung, die erste

Ich sah sie. Ich meine: mit allen Sinnen. Außer dem Tast-. Mit dem noch nicht. Aber das würde gleich kommen. Das wird das nächste sein, was kommt. Was ja auch der Grund für die ganze Aufregung war, vorher und bis jetzt. Und natürlich nahm ich nichts mehr wahr außer der Göttin. Ich war ganz Begierde. Streckte meine Finger aus. Das waren nicht mehr knotige Zwergenfinger auf einmal, an harte, aber auch feine Arbeit gewöhnt, voller Schwielen, vieler Falten, kleiner Risse, etwas Schmutz unter den dunklen Nägeln und mit einer guten Hornhaut auf den Kuppen. Die Schönheit der Göttin selbst, denke ich, wird auf meine Zwergenfinger abgefärbt, sich auf sie übertragen haben. Da merke ich, dass es gar nicht mehr meine Finger sind, die ich sehe, sondern ihre. Sie hat meine Hand ergriffen, und führt sie plötzlich dicht an sich heran, an ihre Haut, bis ich die berühre...

Wo? Überall! Ab dem Moment, wo ich, geführt von Freyja selbst, ihre herrliche Haut berühre, passiert es. Ich greife plötzlich in Fell, haarige Borsten. Und ein Sog reißt mich – wohin? Da spüre ich ihre Schnauze auf meiner. Und nur ein Teil meines jetzt auch viel haariger gewordenen Körpers registriert wie nebenbei, dass wir uns im Schlamm wälzen – welchem Schlamm? Nicht wichtig, nichts ist mehr wichtig – ich gewahre das nur am Rande. Wichtig ist der Kuss. Ihre Schnauze an meinen Lippen. Lange, leckende Zungen. Tiefschwarze Äuglein glänzen, umgeben von Borsten, und nennen mich Mann. Obwohl meine Beine plötzlich ganz kurz sind – nicht mal mehr Zwergenbeine sind es, dafür habe ich auf einmal vier davon. Wenn ich mich nicht verzählt habe. Aber darauf kann und brauch' ich mich jetzt nicht zu konzentrieren. Mit der Zunge der Großen Sau in der Schnauze schert kein Schwein sich um die Anzahl seiner Haxen – dessen seid versichert, liebe Lesekundige. Ich grunze. Sie auch. Wir wälzen uns über den feuchten Boden, dass es spritzt. Mein Rüssel ist überall, wo es was zu schnuppern, fühlen und zu lecken gibt. Und dann ist da noch was anderes... Ich trinke ihren Geruch. Der sticht mir in die Nüstern, heiß und würzig. Ich verbeiße mich in ihr Fell, meine Hauer rubbeln durch ihre Nackenborsten bis ans Fleisch, sie quiekt auf, rollt sich nochmal weg, doch ich gleich nach, lasse nicht mehr ab von ihr, wir sind zusammen und bleiben verkeilt, sie beißt mir ins Ohr, ich spüre ihre Pfoten an meinem Bauch und...

Soll ich euch wirklich die ganze Schweinerei erzählen? Wollt ihr das wissen? En detail? Ah! Ich wüsstet ja dann doch nicht, wie es war. Das ist, glaubt mir, nicht vermittelbar. Nicht mit Wortewörtern, wie ihr sie verwendet – und wie ich sie hier verwenden muss, damit ihr mich versteht. Und es hätte auch gar nichts genutzt, wenn es jemand verfilmt hätte, und ihr den Vorgang, den ungeheuren, jetzt als Lichtspiel auf euren Bildschirmen oder einer Leinwand verfolgen könntet. Ihr würdet nicht verstehen. Wahrscheinlich würdet ihr lachen – oder euch abwenden, gelangweilt oder sogar angeekelt. Schweine im Schlamm! Wildsau und Eber, die sich wälzen in einer Kuhle! Was anderes sähet ihr ja nicht. Das Wesentliche bliebe euch verborgen. Die Holzkohle zum Beispiel. Habe ich die erwähnt? Ihr wisst doch – mein Herz. Der kleine schwarzverbrannte Klumpen. Er torkelt durchs All. Wird ein Loch, ein riesiges Schwarzes Loch, das einen ganzen Strudel leuchtender Sterne anzieht, die es umkreisen – Myriarden und Aberbrilliarden: die Schweißperlen der Göttin. Und so suhlen wir uns in der Dunklen Materie der Saukuhle, sehen, spüren, riechen und schmecken nichts außer uns, doch selbst diese Grenzen sind längst aufgelöst, ineinander verwickelt und verstrubbelt und verkeilt und verschlungen und verschmiegt und besiegt und verloren und wieder errungen, ersehnt und verströmt und beseufzt und schließlich am Himmel verklungen. Gelungen. Dem Herz eines Zwergen hat die Liebe gesungen.


Kommandobrücke

Fern von diesem Geschehen, weit oben auf jenem noch halbtrüben, noch nicht lichten Feld, das später einmal Asgard genannt werden würde und eine herrliche Burg beherbergen – aber noch war es nicht soweit, noch lange nicht: Es gab ja nicht einmal Menschen – dort ging ein seltsamer Ruck durchs Gebälk. Oder Geäst. Oder Gefüge. Es ist nicht überliefert, aus was dieses Vorläuferrefugium der Götterwelt bestand, in jenen Tagen, als noch nichts Bestand hatte, als all das erst geformt und vorbereitet wurde. Da ging aber ein Ruck durch. Den spürten alle, die sich dort aufhielten.

"Holla!" entfuhr es dem Gott, der schon über den Donner gebot, weil er selber wie ein solcher war. Und sein Wolkenkopf verfärbte sich vom Blasswolkigweißen in wildes Dunkelrot, denn dieser Gott war, zumindest wenn ihn etwas in seiner Gemütlichkeit störte, von aufbrausender Natur.

"Habt ihr das gemerkt?" fragte der Donnergott.

"Was gemerkt?" fragte Körnchen. Körnchen war seine Geliebte. Sie kannten sich noch nicht so lange damals, aber liebten sich schon innig. Ihre Haut war braun und erdig wie fette Ackerkrume, die es natürlich auch noch nicht gab, sowenig wie Getreide, das einst daraus sprießen sollte. Viel spätere (obzwar nicht allzu späte) Bauersleute würden sie einmal Sif nennen und die Ähren als ihr goldenes Haar erkennen – bis sie es viele Generationen später wieder vergäßen, was Auswirkungen auf die Qualität des Brotes, der Semmeln und sogar der Baguettes haben sollte – aber das ist eine andere Geschichte, die in Bibeln steht und nicht immer ganz richtig erzählt wird – egal.

"Es tut sich was." bemerkte Heimdall leichthin – worauf aber niemand so recht achten wollte, da er ja noch nicht geboren war. Das gehörte ja zu den vielen Problemen, an die sich jene erinnern mögen, die ein gutes Gedächtnis haben und den Anfang dieser kleinen Erzählung noch nicht ganz verloren.

"Es hat geruckelt." lächelte eine ganz Große. "Au!" machte sie dann, als es gleich wieder ruckelte, und steckte sich einen Finger in den Mund, um das Blut abzulecken. Sie hatte sich gestochen. Für einen Moment ließ sie ihr Spinnzeug sinken."Man sieht aber auch nichts bei dieser beschissenen Beleuchtung!" ärgerte sie sich.

Es ruckelte abermals.

"Das kommt von unten." meinte Odin. Er hatte die Gestalt einer Windsäule, einer Windhose angenommen, die sich nur leicht hin und her bewegte und kaum etwas ahnen ließ von den tosenden Kräften, aus denen sie bestand. Um ihn herum war es ganz ruhig.

Sein Blutsbruder, ein androgyn wirkender schöner Riese, zog eine Braue hoch.

"Warst du das, Loki?" wollte der Donnerrote wissen.

Der, das oder die Angesprochene hob nur beschwichtigend die Hände und zeigte eine Miene vollendeter Unschuld. Der Donnerrote sah ihn misstrauisch an, sagte aber nichts mehr.

"Aller guten Dinge sind drei", orakelte Odin selbstzufrieden und sah zu der ganz Großen hinüber, die schon wieder weiterspann. Sie erwiderte den Blick ihres Göttergatten mit großen, wissenden Augen.

Manchmal bist du richtig helle, sagten die. Ich bin ja auch nicht auf den Kopf gefallen, antwortete sein Blick.

Noch nicht, dachte die ganz Große süffisant, worauf sich Odins Sturmbrauen verengten. Worauf spielte die allwissende, alles voraussehende Frigg da schon wieder an?

"Sagt mir Bescheid, wenn noch was kommt." brummelte er und verzog sich nach hinten. Er wusste, dass ihm Frigg nicht verraten würde, was sich abgespielt hatte. Er selber hatte nur so eine Ahnung. Kaum eine Vermutung. Und er ärgerte sich, dass er keine Möglichkeit hatte, es herauszufinden. Nicht zum ersten Mal ertappte er sich bei dem Gedanken, dass es gut wäre, irgendwen zu haben, der ihm Nachrichten überbrächte. Der für ihn in der Welt unterwegs sein könnte und alles beobachten, alles berichten. Denn er selber konnte nicht überall sein – das hatte er schon versucht, aber das brachte nichts. Wenn er zuviel Informationen auf einmal sammelte, hatte er nämlich sogleich das Problem, dass er sie nicht alle behalten konnte. Zuviele verlor er dann wieder, und die zusätzliche Wissensaufnahme war halb umsonst. Auf Dauer würde es so nicht weitergehen können – aber noch hatte er keine Lösung für dieses Problem. Es würde sich schon irgendwann etwas finden.

"Soll ich nachsehen?" entbot sich Loki den anderen und sah sich um. "Wo ist denn Freyja?"

"Du wirst sie nicht finden," beschied ihm Frigg, "sie ist nicht hier."

"Ah!" Mit einer resignierenden Geste hieb Loki leicht auf die noch nicht vorhandene Brüstung der nur für diesen Nano-Moment weniger Jahrhunderte visualisierten Burgzinne und schüttelte seinen schönen Kopf, um wieder in die Ferne zu starren – dorthin, woher das dreifache Ruckeln mutmaßlich gekommen war. Aber es war nichts zu erkennen in der nebligen Tiefe. Lag da nicht Schwarzalbenheim, das Reich der Zwerge? Alles verschwamm grau in grau. So war es immer. Frigg hatte recht: Die Beleuchtung war wirklich unter aller Sau. Loki hatte nach Freyja gefragt, um sich ihr Federhemd zu leihen für einen Erkundungsflug – aber wenn sie nicht da war... Wenn Frigg das sagte, musste sie es wissen. Wer, wenn nicht sie?

Und so verfielen sie wieder in Schweigen, die Großen dort oben auf ihrer noch nicht vorhandenen Burg. Thor beruhigte sich wieder, lugte aber dann und wann zu Loki hinüber – noch nicht davon überzeugt, dass jener nichts mit dem mysteriösen "Ruckeln von unten" zu tun habe, aber was sollte er machen? Es ruckelte nicht wieder. Körnchen schmiegte sich an ihren Liebsten und träumte von goldenen Haaren, auch wenn sie einstweilen nur ein vages Bild davon hatte. Sie sollten glänzen, meine künftigen Haare, dachte sie seufzend – aber wer oder was sollte dies ermöglichen? Grau in Grau war die Welt – die eine wie die andere. Da konnte man nichts machen. Blässlich und unbeachtet wie immer hing Sunna am Firmament. Sie war schon am Sinken. Hinterm Rücken der sich räkelnden, auf dieser Seite gerade schlafenden Erdgöttin neckte – ebenfalls unbeachtet – Mani die Töchter Njörds. Oben auf Asgard hatte Odin sich zurückgezogen zum Grübeln. Loki schürzte den Mund, zog die Stirn in Falten, als ringe er um einen Einfall, und ging leicht nervös auf und ab. Frigg saß an ihren Fäden und sponn. Vornübergebeugt, mit angestrengten Augen. Niemand sah das stille Lächeln, das ihre Lippen umspielte.


Ende Teil VIII


Eibensang


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