Als die Sau noch Göttin war   Teil VI

Noch immer haben die meisten Zeitgenossen, wenn von Germanen die Rede ist, Bilder im Kopf, die aus dem Kuriositätenmuseum der Nationalromantik stammen. Vom "blonden Recken" bis zum "Arier" der Nazis ist es anscheinend nur ein kleiner Schritt. Befasst man sich jedoch eingehender mit germanischer Kultur, Geschichte und Mythologie, gewinnt man eher den Eindruck: Einen Hitler hätten historische Germanen nicht bejubelt, sondern umgebracht.

Nicht unerreichbare Ideale oder ewige Paradiese werden angestrebt, sondern die Fähigkeit, mit den vorhandenen eigenen Macken zurechtzukommen. Immer wieder gefeiert und besungen: die Möglichkeit, trotz eklatanter Schwächen und mancher Chancenlosigkeit durchzukommen, bisweilen zu siegen. Die Altvorderen gaben sich Mühe, diese Mythen spannend und farbig zu gestalten. Spannende Geschichten erzählen – für schriftlose Kulturen das einzige Mittel, praktisches Wissen, Lebensweisheit und (in gewissem Sinne) geschichtliche Entwicklungen und aktuelle Gegebenheiten zu vermitteln.

Sieht man sich die Kultur dieser Geschichtenerzähler an und verfolgt ihre Werdegänge in heutigem historischem Kontext, findet sich eine Erklärung für die Vielfalt: Sie ist ein Ergebnis von nicht nur äußerer, sondern auch und gerade innerer Beweglichkeit: Flexibilität. Germanische Stämme kannten kein “Volks-” oder Nationalgefühl – aber sie schotteten sich nie ab, sondern nahmen alle Einflüsse von außen auf, die ihnen buchstäblich “in den Kram passten” – unter Wahrung ihrer kulturellen Integrität. Die verloren sie erst allmählich unter dem Zeichen des Kreuzes, seines hierarchisch und zentralistisch gesteuerten Kultes und seiner fixen Feindbilder. Den schließlichen Untergang germanischen Stammestums jedoch hat das Christentum als solches viel weniger zu verantworten, als dies (zumindest in weiten Kreisen der Neuheidenszene) angenommen wird. Viele ostgermanische Stämme christianisierten sich auffallend früh und rasch, und mit dem Arianismus kamen auch spätere germanische Stämme jahrhundertelang wunderbar zurecht. Was die Stammeskulturen viel tiefgreifender und nachhaltiger umformte, bis sie schließlich Bestandteile staatsähnlicher Gebilde wurden (was man als definitives Ende historischer Germanenkultur betrachten darf), war vielmehr die Übernahme römischen Rechtssystems und der damit einhergehenden Verfassungskonsequenzen inklusiv deutlich steiler angelegter Hierarchien. Der katholischen Kirche nützte diese Regierbarkeit zunehmend zentral verwalteter definierter Territorialreiche enorm, alleinige Impulsgeberin dieser Entwicklung war sie nicht.

Apropos Hierarchien. In der Edda findet sich ein umstrittenes Gedicht – umstritten deswegen, weil die Forscher sich uneins sind über dessen Entstehungszeit (die wiederum entscheidend dafür sein könnte, ob das Stück überhaupt zum Kanon gezählt werden darf). Vieles deutet auf “späten” bis “spätesten” Einschub (14. Jh.!) hin. Es heißt “Rigsthula” und kommt scheinbar harmlos – und ohne die sonst üblichen Rätselverse – daher. Aber gerade diese Harmlosigkeit macht es in meinen (etwas misstrauischen) Augen geradezu selbstverräterisch. Worum geht’s? Beschrieben wird, wie der Gott Heimdall über die Erde wandert und nacheinander in mehreren Menschenhäusern einkehrt und nächtigt, um den dortigen Männern die Frauen auszuspannen, und das auch noch ohne Gummi. Er schwängert sie alle absichtlich. Ich schildere das so flapsig aus moderner Sicht, um klarzumachen, wie uns Heutigen ein- und derselbe Umstand vorkäme und anmutete. Pathetische Ergriffenheit ist hier nämlich ganz und gar unangebracht: vernebelt nur die Sicht auf tatsächliche Inhalte – und deren mögliche Intentionen. Was die Rigsthula erzählen will, ist die sakrale (Be-)Gründung dreier Gesellschaftsschichten: “Heimdall” zeugt nämlich den Stand der Knechte, den der freien Bauern und den der “Edlinge”. Was diese Geschichte so verdächtig macht, ist nicht nur der Umstand, wie sie erzählt wird, sondern dass. Wenn eine Klassengesellschaft bereits selbstverständlich war seit Generationen (im Sinne eines stammestypischen “schon immer…”-Verständnisses)– warum musste es dem Volk dann nochmal so klar und entschieden eingehämmert werden? Nirgends sonst in der Edda findet Vergleichbares statt. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier versucht wurde, eine soziale Umwälzung nachträglich zu mystifizieren (und damit auch zu rechtfertigen). Stil und Duktus der Rigsthula unterscheiden sich von allen anderen Eddagedichten und -erzählungen erkennbar. Könnte es sein, dass diese gesellschaftliche Standesdünkelei dem Volk ursprünglich fremd war – dass sie ihm sozusagen erst beigebracht, in heutigen Worten: “verkauft” werden musste? Wie rechtfertigt man das Einrichten hierarchisch steilerer Verhältnisse – besonders jenen gegenüber, die davon eher weniger profitieren? Und was lag dann näher, als einen Gott dafür zu missbrauchen? Eine sakrale Begründung sozialer Zustände findet sich an keiner anderen Stelle der Edda. Viele der sonstigen Verse sind krude, lückenhaft und verrätselt bis zur Schwerstverständlichkeit, zuweilen verlieren sie den Faden oder sich selbst halb im Nichts – selbst bei der (relativ jungen) Völuspa noch ist zumindest die Reihenfolge der Strophen strittig. Aus all dem schimmert die Rigsthula hervor wie ein Paar Lackschuhe zwischen Bundlatschen und abgerissenen Sandalen. Sie ist viel zu rund, um wirklich dazu zu passen. Vielleicht ist sie so klar und deutlich, weil sie nicht zu “altem Überlieferungsgut” gehörte, sondern dem nachträglich angehängt wurde. Vielleicht diente sie den sich ins Staatlichere wandelnden Verhältnissen zur Rechtfertigung: sozusagen als Propagandapoesie.

Spekulation? Vielleicht. Als erklärter Gegner jeglicher Verschwörungstheorien will ich aber hier nicht selber eine lostreten. Nur zum kritischen Nachdenken anregen: Germanische Mythen von der Entstehung dreier Stämme (z.B.) hatte ja schon weiland Tacitus aufgeschnappt und verewigt. Bloß hatten jene nix mit “Ständen”, mit Einteilungen in  Gesellschaftsschichten zu tun. So halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass auf Grundlage solcher vertrauter Mythen am Ende Um- und Ausdeutungen vorgenommen wurden. Aber wie auch immer! So oder so ging mit und bei der Herausbildung der frühmittelalterlichen europäischen Reiche die Ära der Stammesgesellschaften zu Ende.

Und trotzdem. Germanische Geschichte und Moral ist immer ein einziges, hintersinnig-trotziges “trotzdem”. Die germanischen Götter haben ihren eigenen Untergang, die Römer, die Christen, und die Nazis überlebt, und sie funktionieren noch immer – heute vielleicht besser denn je.


Schlusswort

In Zeiten des Wertewandels findet auch Werteverfall statt, und zur schon länger empfundenen Entfremdung von Instinkt und Natur gesellt sich heutzutage spirituelle Orientierungslosigkeit. Wer heute (z.B. im Internet, aber auch im richtigen Leben) auf Anhänger Wotans stößt, bekommt es sehr häufig immer noch mit (mehr oder weniger verkappten, zuweilen auch nur unbewussten) Rassisten zu tun, die ihre verzerrten Germanenbilder aus denselben Quellen beziehen wie die alten Nazis, und diese braune Soße eifrig weiterreichen. Das ist kein spezifisch deutsches Phänomen, aber in Deutschland ist es am gefährlichsten: denn die Deutschen haben (nach Hitler und wegen ihm) ihre eigene Geschichte verdrängt wie kein anderes Volk.

Wenn die alten Sagen und Mythen, die in vielfältiger Form bis in unsere Märchen hineinreichen, den neuen Nazis überlassen bleiben, ist die Gefahr eine doppelte. Zum einen verliert ein Volk, das sich den eigenen Mythen verweigert, seine Identität. Wer keine Identität spürt, vermisst eine – und lässt sich womöglich eine diktieren. Das war eine der Grundvoraussetzungen für Hitlers Popularität. Zum anderen wird den neuen Rassisten mit den alten Mythen ein Werkzeug in die Hand gegeben, das sie nicht gebrauchen können, ohne es von oben bis unten zu besudeln. Ich hoffe, dazu beitragen zu können, dass es ihnen die Finger verbrennt.

Zum Abschluss möchte ich hier die evangelische Journalistin und Politologin Antje Schrupp zitieren, die (bereits Ende des 20. Jh.) einen vorbildlichen 5-Punkte-Katalog aufstellte, anhand dessen sich sehr gut die Spreu vom Weizen trennen lässt:

Nicht alle Gruppen, die sich auf keltische oder germanische Kultur berufen, sind rechtsradikal. Wenn man hier pauschale Urteile ausspricht, befördert man letztlich den Versuch rechtsradikaler Gruppen, sich als Märtyrer zu stilisieren. Wie aber kann man feststellen, ob eine Gruppe rassistische Ideologie vertritt? Denn wichtig ist diese Beurteilung ja nicht bei denen, die offen ausländerfeindlich, auftreten, sondern gerade bei solchen, die ihren Rassismus in ein spirituelles Gewand kleiden. Dazu hier einige Kriterien:

1.: Vorsicht, wenn Gruppen, die man nach ihrer Verbindung zu Neonazis fragt, mit einer Kritik an Hitler und der NSDAP antworten. In einem solchen Fall nach Himmler und der SS fragen.

(Nach dem Ende des Nationalsozialismus entstand im rechtsradikalen Milieu die Auffassung, die Hitler-Göring Gruppe und insbesondere die SA sei an dieser Niederlage schuld. Bis heute wird in entsprechenden rechtsradikalen Publikationen die SS als ordensähnlich organisierte Eliteeinheit als Gegenpol zur bürokratisierten NSDAP dargestellt. Nur die NSDAP sei untergegangen, die SS aber bestehe immer noch im Geheimen weiter, etwa indem sie durch Ufos ins Weltall geflogen sei oder in geheimer Mission in die Antarktis ausgewandert, wo sie bis heute den “arischen Genpool reinhalten und pflegen”. Dies zu wissen ist wichtig, wenn sich rechtsextreme Gruppen von Hitler und von der NSDAP distanzieren – sie distanzieren sich nicht vom Nationalsozialismus, sondern beziehen Position in einer nazi-internen Auseinandersetzung.)

2.: Vorsicht, wenn sie viel von Europa reden. Fragen, ob auch Griechenland, Sizilien und Rumänien zu ihrem Europa gehören.

3.: Fragen, was sie von “gemischtrassigen” Ehen halten und in welcher spirituellen Tradition Kinder aus solchen Ehen stehen. Wenn die Antwort darauf schwammig bleibt, fragen, ob euer senegalesischer Verlobter auch Mitglied in der Gruppe werden kann.

4.: Vorsicht, wenn die Gruppe sich zwar als nichtrassistisch verstehen will, aber immer betont, dass sie unpolitisch sei. Wirklich nichtrassistische Heiden und Heidinnen haben ihr Verhältnis zum rechtsextremen Heidentum reflektiert und verstehen sich insofern durchaus als politisch.

5.: Vorsicht, wenn auf geheime Traditionen Bezug genommen wird, wenn behauptet wird, die “Wahrheit” über keltische oder germanische Religiosität zu kennen. Heiden, die wirklich an dieser Tradition interessiert sind, wissen, dass man darüber nichts weiß, und geben zu, dass sie ihre Rituale zu einem großen Teil neu erfunden haben.
(Antje Schrupp)

Dem möchte ich nur noch meine persönliche Abwandlung jenes Met-Blödelverses hinzufügen, mit dem mein Artikel begann:

Die neuen Nazis krakeelen
Diesseits und jenseits des Rheins
Sie bauen auf Trümmern
Ihr Reich aus Irrtümern
Von Odin kriegen sie keins.

© Duke Meyer 2000, überarbeitet 2009-2011


Eibensang


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