Als die Sau noch Göttin war   Teil V

Noch immer haben die meisten Zeitgenossen, wenn von Germanen die Rede ist, Bilder im Kopf, die aus dem Kuriositätenmuseum der Nationalromantik stammen. Vom "blonden Recken" bis zum "Arier" der Nazis ist es anscheinend nur ein kleiner Schritt. Befasst man sich jedoch eingehender mit germanischer Kultur, Geschichte und Mythologie, gewinnt man eher den Eindruck: Einen Hitler hätten historische Germanen nicht bejubelt, sondern umgebracht.

Das Heil hing mit den Göttern zusammen, wurde von diesen jedoch nicht gespendet, sondern auf der Erde durch menschliches Geschick und Ehre erworben. "Mattr ok megin", Macht und Vermögen – das bezog sich auf die Fähigkeit des Einzelnen, in der rauen Wirklichkeit zurechtzukommen, als deren Angelpunkt man / frau sich begriff. Kein Glaube für Esoteriker.

Edda-Poet Snorri schwadroniert außer von der Menschenwelt noch von weiteren acht. Die "neun Welten" sind nirgendwoanders belegt als nur bei ihm – wir dürfen oder müssen daher annehmen, dass dieser christliche Skaldenlehrer sich alle Neune aus der Fantasie gesaugt hat. Auf der andern Seite darf man durchaus fragen: woher? Welche damals schon alten Mythen, wie viele unterschiedliche Erzählungen mag er gefleddert haben, um seinen Schülern das Verseschmieden beizubringen – und was hat er selbst noch mit dazugedichtet – viel oder wenig, alles oder nichts? Kurz (und dichterisch gefragt): Welche Germanen haben das Garn gesponnen, wann wurde es zu Tuch verwoben, aus welchen Stücken schrieb uns Sturluson den Stoff?

Poetisch bleibt, für alle Zeit (so hofft man ja), zumindest das Ergebnis. Alle neun Welten hängen am bereits erwähnten großen Baum, den ich mal, in meiner eigenen Ausdeutung, ganz frech "Welteibe" nenne: in der Mitte die Welt der Menschen, Midgard genannt – die einzige Welt von allen, die, wie es so schön heißt, "der Zeit unterworfen" ist... und außerdem so eine Art Bahnhof (oder sollte man es heute eher "Schnittstelle" nennen, "Interface"?) zu den anderen Welten darstellt. Acht weitere Welten aus Feuer und Eis, für Riesen, Elfen und  Zwerge, für Fruchtbarkeits- und für Bewusstseinsgötter, nebst einer Wiedergeburts-Wartestation male sich aus wer mag – oder lese die Edda, die ich hier nicht nacherzählen mag. Mir gefällt an diesen Mythen, dass sie – anstatt eine Aufteilung in "gute" und "böse" Mächte vornehmen – vielmehr ein Ausbalancieren von Spannungsverhältnissen beschreiben: ein Weltverständnis, das mir in seiner pittoresken Differenziertheit alles andere als "barbarisch", geschweige denn als "primitiv" erscheint.

Sehen wir uns das mal an: An der Wurzel des Großen Baumes nagt der eher unsympathische Drache Nidhöggr, auf der Krone hockt ein seltsamerweise namenloser Adler, und die beiden können sich nicht riechen. Ein unermüdlich am Weltenbaumstamm rauf- und runterrasendes Eichhörnchen namens Ratatösk ist so freundlich, den Kontrahenten die gegenseitigen Schmähworte auszurichten – vermutlich war das der erste Postbetrieb der Welt. An den Knospen des Baumes nagen vier gewaltige Hirsche... Ökokenner/innen unter uns wissen, was das heißt: Es kann nicht mehr lang dauern mit dem Baum, der auch Yggdrasill, Pferd des Schrecklichen, genannt wird, weil sich der schreckliche Odin mal zu Selbstfindungszwecken dran aufgehängt hat.

Und es dauert doch. Nichts klappt wie es soll: Odin hat nicht sich selbst, sondern die Runen gefunden, doch musste für höhere Erkenntnisse ein Auge lassen. Überhaupt ist sein Charakter eher zwie- bis vielspältig – aber was soll man schon halten von einem intellektuellen Workaholic, der gleichzeitig Gott der Dichter und der Krieger ist und obendrein schamanisch tätig sein muss, wenn er nicht gerade im Aufsichtsrat der Asen hockt... wobei er sein Gedächtnis und seine Gedanken in Form von zwei Raben auslagert, um die er regelmäßig bangt, dass sie mal nicht zurückkommen und vielleicht abstürzen wie uns heutzutage der Rechner. Kein Wunder, dass Odin niemals isst, sondern sich ausschließlich von Wein und Met ernährt. Und dafür hat er zu Tacitus' Zeiten den alten Himmelsgott Tyr, Teiwaz, Tiu oder Saxnot (je nach Stamm) abgelöst... Aber für einen, der als einfacher Sturmgott angefangen hat, doch keine schlechte Karriere, oder?

Und was ist aus Tyr geworden? Der Gott der Gerechtigkeit. Bevor er das wurde – und anders hätte er's nicht werden können – büßte er erstmal seine rechte Hand ein, weil er einen Schwur einhielt, der genau genommen ein handfester Betrug war... wenn auch nur an einem Untier wie dem Wolfsmonster Fenrir. Selbst der Kraftprotz Thor ist nicht ohne Tadel: nicht nur wird er ohne seinen Hammer so hilflos, dass er sich verkleiden muss, er hat auch von irgendeinem Abenteuer noch einen Splitter in der Stirn, der ihm immer wieder mal Kopfschmerzen bereitet. Wächtergott Heimdall hat von vornherein sehr seltsam angefangen: als Sohn von neun Müttern – die wiederum sind die Töchter der dunklen Meeresgöttin Ran. Auch heute kann man sie noch sehen, wie sie sich winden, heranwallen, im Wind tanzen und toben, und manchmal tragen sie weiße Krönchen auf den nassen Häuptern. Manche sind riesengroß, andere klein, zuweilen kommen sie in Scharen, dann wieder räkeln sie sich sanft entlang und lachen. Im Meer sieht man meist welche – sie bilden sozusagen dessen oberen Rand. Wir nennen sie Wellen.

Die einzige Gestalt im nordischen Mythos, die einer Idealfigur nahekommt, ist der Lichtgott Baldur. Seine Behinderung besteht darin,k dass er tot ist – versehentlich erschossen von einem Gott namens Hödur, der an Blindheit leidet. Angestiftet wurde die Tat vom listigen Loki, auf den dann alle anderen Götter auch entsprechend sauer waren. Bei Loki weiß man nie, ob man ihm die Füße küssen oder ihn hochkant rausschmeißen soll – er ist nämlich für die größten Katastrophen und Ungeheuer ebenso verantwortlich wie für das Entstehen der wichtigsten Waffen und Helfer der Götter. Verlassen kann man sich bei ihm darauf, dass man sich nicht auf ihn verlassen kann. Du hast ein Problem? Ruf ihn an – er löst es dir: rasant und auf höchst originelle Weise. Und wenn er wieder geht, hast du dann ein anderes – das mit einiger Wahrscheinlichkeit größer ist als das von ihm gelöste. Ein ziemlich modern anmutender Gott, könnte man sagen – und seltsamerweise gerade unter vielen Neuheiden beliebt (seltsam finde ich das deswegen, weil Neuheiden sonst eher allem Altbekannten zugeneigt – und für Änderungen, besonders rasante, sonst nicht so schnell zu begeistern sind. Vermutlich mögen sie Loki deswegen, weil seine Beschreibung die der andern Götter an widersprüchlichen Facetten um ein Vielfaches übertrifft. Er hat einfach den schillerndsten Charakter.)

Die binär (hie schwarz, da weiß) kolorierte Totengöttin Hel ist ebenso seine Tochter wie die erdumspannende Midgardschlange Jörmungandr; Loki ist der Vater Fenrirs, aber auch die Mutter des achtbeinigen Götterrosses Sleipnir. Loki hatte sich nämlich in eine Stute verwandelt, um den Arbeitshengst eines Riesen von der Arbeit abzuhalten – auf diese Art gewannen die Asen eine ziemlich hinterlistige Wette, die ihnen die Götterburg Asgard einbrachte. Und hätte Loki als Stute nicht den Hengst gevögelt, hätten die Götter ihre geliebte Vánadis, die Vanengöttin Freyja an die ungeschlachten Riesen ausliefern müssen. Alles klar?

Loki ließ den zauberkräftigen Thorshammer Mjöllnir schmieden – stach aber dem das Werk ausführenden Zwerg Brock als Fliege so lange in die Augen, bis der sich das Blut rauswischen musste: wodurch die Arbeit unterbrochen und der Stiel des Hammers ungewöhnlich kurz wurde. Es ist aber ein Gerücht, dass Loki auch Windows Vista mitprogrammiert habe – das hat nichtmal Snorri so behauptet. Zusammenfassend kann man sagen: Loki ist Murphy's Gesetz auf germanisch und der Ausweg daraus in einem – unberechenbar ist nur die jeweilige Reihenfolge. Und woher kommt diese/r Loki? Genetisch ist er "reinrassiger" Riese – durch Blutsbrüderschaft mit Odin wird er jedoch zum vollwertigen Asen.

Dies nur als weiterer Hinweis dafür, dass germanische Lebensart vor keiner machbaren Vermischung zurückschreckt. Nicht nur die Mythen – angefangen bei der Vermischung der Asen und Vanen – auch die historische Entstehung und Entwicklung der Germanen ist eine einzige Geschichte der Völkervermischung. Fazit: Angst vor Fremden ist dem Germanen fremd!

Der Lustgott Freyr ist nicht nur ein sinnenfroher Lover seiner leiblichen Schwester Freyja – sowie der schönen Riesin Gjerda, de er dann unter Androhung eher übler Zaubereien heiratet (er droht ihr, nicht umgekehrt) – sondern auch ein richtiger Kämpfer. Typisch germanisch, möchte man meinen. Nur: Zu Ragnarök, dem entscheidenden Schicksalskampf der Götter, ist Freyr leider waffenlos – sein magisches Schwert hat er nämlich gerade an einen Kumpel verliehen, weshalb der Kampf auch des Happy Ends entbehrt. Dafür war Freyr vorher ein ziemlicher Zampano: besaß er doch ein Hosentaschen-Faltboot, in das die ganze Götterwelt hineinpasste, oder ein Schwert, das ebenso einen Felsen zerhacken konnte wie stehend im Wasser eine herandümpelnde Flaumfeder spalten – haarscharf.

Der Traum vom perfekten Equipment war demnach auch ein germanischer. Kein Wunder – man braucht sich nur vorstellen, welche Mühe es macht, mit einem wackeligen Ochsenkarren zwischen Wald und Sumpf einherzuzuckeln, und nirgends eine Vertragswerkstatt. Ob es wenigstens Wege gab? Wie man's nimmt! Echte Völkerwanderer finden wohl immer welche. Inzwischen hat Freyr wahrscheinlich ein rasend schnelles yGod – besser als jedes iPad – das keinen Akku braucht und nie abstürzt... außer, wenn man mal ganz schnell im World Wide Wyrd was "mimirn" (altnordisch für googeln) muss.

Womit nur gesagt sein soll: Die Geschichten hören nicht auf. Fängt man erst einmal an, sie zu verfolgen, verästeln sie sich geradezu labyrinthisch: Hinter Gängen und Räumen warten weitere Türen; man findet auf Anhieb fast alles, nur keine Wegweiser. Annehmen darf man, dass die überbordende Vielfalt ihrer Götterwelt durchaus germanische Lebensauffassung wiederspiegelt. Die Götter entstammen den Riesen, und am Schluss unterliegen sie diesen. Das Bewusstsein (symbolisiert durch die Götter) entstammt dem Unbewussten (symbolisiert durch die Riesen) – und droht ständig wieder ins Unbewusste, Vorbewusste zurückzufallen: die Geschichte der Welt – nur eine platzende Seifenblase im All. In den dazwischen liegenden Abenteuern sind die Götter ebensowenig perfekt wie die Menschen, denen sie als Vorbilder dienen – das macht ihren praktischen Wert aus.


Ende Teil V


Eibensang


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