Betreut von Eibensang


Alter Sagen neue Sicht   Teil I

Auf Missstände hinzuweisen, sie aufzudecken, wo man sie findet, ist wichtig – schafft sie aber nicht ab, sondern lediglich Voraussetzungen dafür. Das gilt auch für Entzerrungen germanischer Geschichte und den Sonderfall der ja besonders arg besudelten germanischen Mythologie.

Es reicht nicht, da nur den Dreck abzuwischen – mal abgesehen davon, dass das gar nicht so einfach ist: Das Thema ist ein verdammt komplexes. Nimmt man die Fälschungen auseinander, hat man erst mal einen Scherbenhaufen, der keinen Altar ergibt und schon gar keinen Kraftort: gerade fürs heidnische Gemüt ein ganz unerquicklicher Zustand.
Umso wichtiger daher, wenn sich Beherzte aufmachen, das Feld nicht nur neu zu erkunden, sondern auch mit eigenen Interpretationen füllen, die sich von altem Schmodder (der ja zudem noch falsch ist und auch bei ständiger Wiederkäuung falsch bleibt) wohltuend abheben.
Zu denen, die zum heiklen Thema neue Perspektiven wagen, gehört sicherlich die Autorin Vera Zingsem mit ihrer Neuerzählung – und Neuverknüpfung – alter Sagen, Märchen und Edda-Mythen. Sie findet "Charme" darin – tatsächlich tut sie viel dafür, gerade den ollen Germanengöttern einen solchen zu verleihen. Dabei erweist sie sich eher als charmante Erzählerin, die begeistert auch über manche Ungereimtheit fröhlich drüberkleistert. Es scheint ihr aufs Ergebnis anzukommen. Das ist hübsch und in dem Fall sogar mutig. Aber ein Sachbuch? Will es gar nicht sein...

Iduna"Freya, Iduna und Thor – vom Charme der germanischen Göttermythen"

"Freya bringt Strickwaren. Iduna versichert. Weleda und Wala machen schön.
Walküren gibt's bei Wagner. Nornen bei Droste-Hülshoff. Und Thors Hammer schmückt Frauen und Männer. Aber warum?"

Wenn man zuvorderst einmal Titel und die erste Hälfte der Rückseite des Buches gelesen hat, wird man zugegebenermaßen neugierig.

Liest man zweit Genanntes allerdings weiter, taucht das erste Fragezeichen auf: "Ein wichtiges Stück Kultur-, Religions- und Seelengeschichte. Ein unbefangener und unverstellter Blick auf unsere Märchen und germanischen Mythen […]"


Unverstellter Blick?

Bevor sich der eigene Blick auf das Buch verstellt, ist es zunächst einmal wichtig, das Vorwort mit größter Aufmerksamkeit zu lesen, denn dort legt Zingsem klar, was das Buch ist und was es nicht ist. An diesen Kommentaren stellt sich vielleicht mitunter heraus, was man selbst von dem Buch hält.
Zingsem hat in ihrem Buch konkret versucht, die germanischen Götter von ihrer nationalistischen, rechtslastigen und treu-doofen Konnotation zu lösen. So weit, so löblich die Intention. Zingsem dazu in ihrem Vorwort:

"Das Buch ist ein Versuch, die nordisch-germanische Mythologie gegen den Strich zu lesen. Nicht das Heldische, nicht die angebliche Blut -und Bodenmystik stehen im Mittelpunkt, sondern Liebe, Weisheit, Humor und Poesie." (S. 159)

Und:

"Lange Zeit bin ich um die Themen der nordisch-germanischen Mythologie herumgeschlichen wie die berühmte Katze um den heißen Brei. Ich wollte mir die Finger nicht verbrennen an dem, was uns die jüngere deutsche Vergangenheit als allzu heißes Eisen hinterlassen hatte. So kannte ich mich irgendwann mit den Mythen der ganzen Welt besser aus als mit den heimischen. Hier war sozusagen vermintes Gebiet, befanden sich weiße Flecken auf der Landkarte, das quasi politisch verordnete Niemandsland für unsere Gedanken." (S. 11)

Und:

"Es wird Zeit, die nordische Mythologie vom Ritterrüstungswahn falschen Heldentums zu befreien. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, eine (sprach)wissenschaftliche oder eine historische Analyse vorzulegen. Vielmehr soll ein Lesebuch entstehen, dessen Geschichten zum Staunen und Schmökern einladen. So wie hier sind die Geschichten vielleicht schon lange nicht mehr (oder sogar noch nie) erzählt worden." (S. 17)

"[…) ein Versuch der Neu-Deutung durch Wiedergewinnung eines unbefangenen Blicks auf Mythen […]" (S. 17)


Der Seherin Gesicht

Doch zuerst ein sehr kurzer Abriss über den Inhalt des Buches, dessen Titelblatt Freya, Iduna und Thor in bunten und sympathischen Bildern zieren.
In 13 Kapiteln inszeniert die Autorin die göttliche germanische Komödie, erzählt ihre Sicht von Frau Holle, Yggdrasil, Gefjon, den Wanen, Walküren, Disen, Odin, Frigg und Freya, Thor, Loki und Anhang, Nott, Sol, Dag, Mani und noch vielen anderen Gestalten der germanischen Mythologie. Auch vom Schöpfungsmythos und dem Ragnarök weiß sie in amüsanter Form zu erzählen. Weiter ist der Inhalt in dem Sinne nicht auszuführen, weil er schlichtweg die üblichen Geschichten zu Begebenheiten und Figuren bietet, wenngleich ein paar schöne Interpretationen doch neu sind, bzw. bis jetzt so noch nicht aufgeschrieben waren. So werden Begebenheiten der germanischen Mythologie als Naturmythen interpretiert. Hier einige Beispiele:

Sif steht im Hochsommer kahl vor ihrem Gemahl Thor, da Loki ihr die Haare abgeschnitten hat.

"Die Ähren, die reif und glänzend in der Furche stehen, werden als Haar der Erde gedeutet. Ganz wie die 'blonde Demeter', die sich im Herbst in die schwarze Persephone verwandelt, so erscheint auch Sif, die 'Erfreuliche', hier als Erdgöttin, deren Gesicht und Aussehen sich mit den Jahreszeiten wandelt. Und es sind die Zwerge, die aus dem Inneren der Erde das neue Wachstum vorbereiten. So wie auch Thor seiner Gemahlin hilft, indem er sie im Frühling von Schnee und Eis befreit." (S. 209)

Ähnlich erzählt sie auch von Freya und Odur, deren Beziehung sie als die "allgemeine Mythologie vom Suchen und Finden", vom "Verschwinden und Wiederauferstehen des Vegetations-Gottes im Frühling und im Herbst" interpretiert (S. 110).

Auch wenn diese Interpretationen nicht jedermanns und jederfraus Sache sind – dies alleine sollte keineswegs ein Grund sein, das Buch sofort wieder aus der Hand zu legen. Ganz im Gegenteil, es wird eine ganz interessante Perspektive auf die ganze Sache. Zingsem nimmt ihre Interpretationen so vor, wie sie es auch in ihren anderen Büchern gerne tut, nämlich mit Schwerpunkt und Hervorhebung starker und selbstbewusster Frauen und Göttinnen.

Nur halb so ernst nehmen darf man Zingsems Blick auf historische Fakten und die Sprachgeschichte, denn das ist nicht ihr Gebiet. So ist – um nur ein Beispiel zu nennen – ihre etymologische Herleitung des Namens Freya nicht korrekt, so wie sie es auf S. 108 darstellt:

"Der Name Freya bedeutet einerseits 'Frau Herrin' (entsprechend dem lat. Domina) und hängt andererseits mit der indogermanischen Wortwurzel priio für lieb, froh und gut, bzw. gothisch frijón für lieben zusammen."

Richtig ist, dass Freya  zu indogermanisch *pro-, 'vorne', gehört, also 'Herrin' meint. Nur auf Frigg trifft 'lieben' zu. Ihr Name stammt vom indogermanischen *prii- altgermanisch *fri. Durch die erste Lautverschiebung wurde 'p' zu 'f', das 'ii' wurde in der goto-nordischen Verschärfung der Halbvokale zu 'gg'.
Auch die daraus abgeleitete Interpretation, dass Freyas Bruder Frey hierzulande oft einfach nur 'Froh' heiße, ist daher falsch, da Frey und Freya dieselbe Wortwurzel miteinander teilen und ihre Namen schlichtweg nur 'Herr' und 'Herrin' bedeuten. Dies zeigt auch deutlich, dass es nicht stimmen kann, wenn Zingsem sagt, dass vom Wesen und Namen her die beiden Göttinnen Freya und Frigg ursprünglich so gut wie gleich gewesen wären (vgl. S. 180).
Hinterfragen ist eben leider nicht die Stärke der Autorin.

Als Beispiel dafür sei die auf für meinen Geschmack ganz zauberhafte und eindrucksvolle literarische Schilderung vom Auftritt der Spákona – Seherin –  Thorbjörg in der "Eriks-Saga" genannt. Steht dort doch tatsächlich: "Wie sich so ein Ritual vollzogen hat, erfahren wir aus der Saga Eriks des Roten" (S. 119).
Auch wenn es archäologische Funde von Beuteln (z.B. Grabfund von Lyngby) gibt, deren Inhalt als von magischer Natur gedeutet werden könne, so ist die Feststellung "wie es sich vollzogen hat" doch etwas gewagt, wenn man dem Umstand Rechnung trägt, dass die Niederschrift bereits aus erzchristlicher Zeit stammt.

Dennoch muss man aber auch anmerken, dass die Textstelle sich ob ihres nüchternen Detailreichtums tatsächlich wie eine Schilderung einer Tatsache liest. Insgesamt also eine hakelige Sache, das mit dem Fakten. Diese Stelle wäre jedenfalls einmal mehr eine Möglichkeit gewesen, der Quellenlage etwas mehr an Bedeutung beizumessen und diese kritisch darzustellen.

Auch die unhinterfragte Existenz einer Göttin Ostara hätte sich dafür ganz wunderbar angeboten (vgl. S. 124).


Ende Teil I


Brighid


"Nazi-Druide" "Burgos" alias "Hasspredix" und die "Heidenszene"     MartinM, 04.02.2017
"Irminsul" auf den Externsteinen - kein harmloser Streich!     MartinM, 14.01.2017
Wo gehörst Du hin? - Teil II     Eibensang, 16.07.2016
Wo gehörst Du hin? - Teil I     Eibensang, 05.06.2016
Der Sonnenglanz - Teil XII     Eibensang, 23.01.2016
Hass, Solidarität und Strukturen     MartinM, 01.08.2015
Gedanken zur APA-Meldung: Inspirierte heidnischer Götterglaube die NSU-Morde?     MartinM, 20.06.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil IV     Myriad Hallaug Lokadís, 14.03.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil III     Myriad Hallaug Lokadís, 14.02.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil II     Myriad Hallaug Lokadís, 24.01.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil I     Myriad Hallaug Lokadís, 17.01.2015
Der Sonnenglanz - Teil XI     Eibensang, 22.11.2014
Der erste Merseburger Zauberspruch als Lösezauber zur Geburt?     Peter Hilterhaus, 04.10.2014
Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung - Teil III     Myriad & Sat Ma´at, 24.05.2014
Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung - Teil II     Myriad & Sat Ma´at, 17.05.2014
Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung - Teil I     Myriad & Sat Ma´at, 10.05.2014
Der Sonnenglanz - Teil X     Eibensang, 07.12.2013
Der Sonnenglanz - Teil IX     Eibensang, 03.08.2013
Der Sonnenglanz - Teil VIII     Eibensang, 28.04.2013
Der Sonnenglanz - Teil VII     Eibensang, 02.02.2013
Der Sonnenglanz - Teil VI     Eibensang, 27.10.2012
Der Sonnenglanz - Teil V     Eibensang, 21.07.2012
Der Sonnenglanz - Teil IV     Eibensang, 21.04.2012
Der Sonnenglanz - Teil III     Eibensang, 21.01.2012
Der Sonnenglanz - Teil II     Eibensang, 15.10.2011
Der Sonnenglanz - Teil I     Eibensang, 25.06.2011
Als die Sau noch Göttin war - Teil VI     Eibensang, 19.03.2011
Als die Sau noch Göttin war - Teil IV     Eibensang, 25.12.2010
Alter Sagen neue Sicht - Teil II     Brighid, 18.09.2010
Alter Sagen neue Sicht - Teil I     Brighid, 21.08.2010
Als die Sau noch Göttin war - Teil IV     Eibensang, 05.06.2010
Als die Sau noch Göttin war - Teil III     Eibensang, 06.02.2010
Als die Sau noch Göttin war - Teil II     Eibensang, 08.11.2009
Als die Sau noch Göttin war - Teil I     Eibensang, 22.08.2009
Germanische Schöpfungsgeschichte - Teil II     Swanhildja, 10.05.2009
Germanische Schöpfungsgeschichte - Teil I     Swanhildja, 03.05.2009
Gods of War     Freyjatru, 07.02.2009
Der kleine Unterschied - Teil IV     Eibensang, 15.11.2008
Der kleine Unterschied - Teil III     Eibensang, 08.11.2008
Der kleine Unterschied - Teil II     Eibensang, 25.10.2008
Der kleine Unterschied - Teil I     Eibensang, 18.10.2008
Goden ohne Boden - Teil III     Eibensang, 21.06.2008
Goden ohne Boden - Teil II     Eibensang, 14.06.2008
Goden ohne Boden - Teil I     Eibensang, 07.06.2008
Die "alten Germanen" hatten keine Religion - Teil II     Martin Marheinecke, 01.03.2008
Die "alten Germanen" hatten keine Religion - Teil I     Martin Marheinecke, 23.02.2008
Schuld – die Rückkehr ins Paradies - Teil II     Sven Scholz, 17.11.2007
Schuld – die Rückkehr ins Paradies - Teil I     Sven Scholz, 10.11.2007
Entmystifizierung     Freyjatru, 11.08.2007
Loki – der umstrittene Gott     Freyjatru, 21.04.2007
Weihnachten - Spot an - Teil IV     Martin Marheinecke, 03.02.2007
Weihnachten - Spot an - Teil III     Martin Marheinecke, 20.01.2007
Weihnachten - Spot an - Teil II     Martin Marheinecke, 13.01.2007
Weihnachten - Spot an - Teil I     Martin Marheinecke, 30.12.2006
Heil - Teil III     Eibensang, 14.10.2006
Heil - Teil II     Eibensang, 07.10.2006
Heil - Teil I     Eibensang, 30.09.2006
Achten oder ächten – vom Umgang mit Ahnen - Teil II     Eibensang, 08.07.2006
Achten oder ächten – vom Umgang mit Ahnen - Teil I     Eibensang, 01.07.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil V     Eibensang, 25.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil IV     Eibensang, 18.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil III     Eibensang, 11.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil II     Eibensang, 04.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil I     Eibensang, 25.02.2006
Weihnachtsmärchen - Teil II     Eibensang, 26.11.2005
Weihnachtsmärchen - Teil I     Eibensang, 19.11.2005
No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat - Teil III     Eibensang, 20.08.2005
No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat - Teil II     Eibensang, 06.08.2005
No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat - Teil I     Eibensang, 30.07.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil III     Eibensang, 30.04.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil II     Eibensang, 23.04.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil I     Eibensang, 09.04.2005
Runen – wirklich das „Uralphabet“?     Dagaz, 05.03.2005
Tolkien und die nordische Mythologie     Freyjatru, 18.12.2004
Die Frau bei den Germanen     Freyjatru, 09.10.2004
Freyja     Freyjatru, 12.06.2004
Das Runenrad     Dagaz, 20.12.2003
Das Raunen der Runen     Landogar, 01.11.2003
Erste Schritte zum Verständnis der Edda     Freyjatru, 13.09.2003
Gastfreundschaft bei den alten Germanen     Freyjatru, 26.07.2003
Germanenbilder     Freyjatru, 28.06.2003




               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017