Germanische Schöpfungsgeschichte   Teil II

Anufa ist auf ihrer Reise durch´s Netz, diesmal im panpagan-Forum, wieder einmal auf ein paar interessante Gedanken gestoßen - diesmal zum Thema "Schöpfungsgeschichte" aus der germanischen Mythologie heraus betrachtet.

Meine Gedanken dazu

In allen Kulturen gibt und gab es solche Schöpfungsszenarien. Sie sind in etwa gleich aufgebaut und doch nur verwandt. Jede Kultur bringt ihre Variante hervor. Aus der indischen Religion kennt man den Shivapunkt. Um diesen Punkt ringelt sich eine Schlange, die Shakti. Wenn sich beide verbinden entsteht alles was die Welt ausmacht. Ein anderes Bild ist das mythische Welten–Ei. Wenn es zerbricht fallen alle Dinge der Welt heraus und manifestieren sich.
Ob das nun ein Schöpfergott ist oder sich die Welt aus der Urmaterie, der Leere/das Chaos, entwickelt – einerlei. Die Welt entsteht und entwickelt sich und entsteht wieder neu.

Das erinnert mich an die Entstehung des Menschen. Wenn ein Mensch geboren wird so herrscht zunächst einmal Leere, Chaos. Erst allmählich entsteht seine Persona, das was er aus sich heraus werden soll. Jedes Kind entwickelt die Welt neu, jeden Tag – bis es stirbt, denn fertig ist unsere innere Welt nie.
Ein neuer Kosmos entsteht und vergeht wieder. Das was zu viel ist wird weg gespült und macht Neuem Platz. Immer wieder zerbricht eine Welt in uns und dann müssen wir eine neue Welt aufbauen. Eine Änderung in unserem Leben bewirkt zunächst ein Chaos, woraus der Einzelne eine neue Ordnung schaffen muss. Wer das nicht beherrscht hat Schwierigkeiten im Leben. Als Kind, wenn alles neu ist, sehen wir unsere entstehende Welt mit anderen Augen an wie als Erwachsener. Zu diesem Zeitpunkt ist bereits, für uns unmerklich, zumindest eine Welt vergangen und wieder neu entstanden. So wird es weiter gehen. Wir sind alle in das Geflecht des Wyrd und das Örlog eingebunden.
Denn auch die Sippe und die Gemeinschaft stehen oft genug vor der Aufgabe andere Gegebenheiten aufzuarbeiten, das entstandene Chaos zu ordnen.

Interessant ist in der germanischen Schöpfungsgeschichte, dass die Welt nicht von den Göttern gefertigt wird, sondern alles – einschließlich der Götter – entsteht aus einer Fusion. Aus der Vereinigung von Wasser und Feuer. Es sind die Elemente selber, die die Entwicklung in Gang setzen – ohne äußeres Zutun. Und es ist nicht ein einzelner Gott, DER Einzige, der die Welt erschafft und ordnet, sondern es sind drei Götter die die vorhandene Welt neu ordnen.

Als das Zwitterwesen Ymir alt ist wird es getötet. Mit Moral hat das nichts zu tun. Mythische Wesen unterstehen ihr nicht. Sie handeln einfach. Hier kommt das Örlog zum Tragen, das mit „Urgesetz“ übersetzt wird und das Naturgesetz darstellt. Alles Alte muss gehen, weil es sonst der Entwicklung des notwendig Neuen im Wege steht und zur Gefahr wird. Aus der alten Welt entsteht eine neue. Ein Zwitterwesen hat nun keinen Platz mehr in der Gemeinschaft. Es sind andere Kräfte, die nun das Sagen haben – dualistische Kräfte. Das bedeutet eine andere Einstellung und Ordnung, eine andere Ausrichtung. Ymir ist überholt, veraltet. Seine Zeit war, nun ist eine andere Zeit, mit anderen Wesen. Ob sie besser ist sei dahin gestellt. Aber sie ist da! Nur die Sehnsucht nach einem Paradies, nach der Vereinigung, wird bleiben. Die Dualität will in eine Dialektik umgewandelt werden. Nach ihr streben alle Wesen und sehen sie als das höchste Glück an, das aber nur für eine gewisse Zeit seine Gültigkeit hat. Dann vergeht auch dieses wieder. Ein neuer Zustand der Gegensätze und deren Vereinigung entsteht.

Der Kampf mit Ymir stellt die notwendige Auseinandersetzung mit dieser Kraft dar, die überwunden werden muss indem sie besiegt wird. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Damit wird das Vermögen erworben das Neue zu akzeptieren indem das getan wird was ansteht. Wer unterliegt hat noch nicht das Vermögen Neues zu schaffen. Er muß weiter Kraft, Vertrauen und Wissen sammeln um dazu in der Lage zu sein.
Erst mit der Tötung von Ymir greifen göttliche Wesen in die Entwicklung aktiv ein. Sie ordnen die Welt, einschließlich des Himmels. Durch diese Ordnung differenzieren sie auch die Welt. Jeder Bereich bekommt seine Wesen. Jeder Wesenheit weisen sie seinen Platz in dieser neuen Welt zu. Am Ende ist aus dem Chaos eine geordnete Welt geworden in der es sich wieder leben läßt. Zwei Bäume formen sie zu einem Menschenpaar, dem der Verstand gegeben wurde dies alles zu erfassen und zu verstehen.

Die Germanen schildern diesen Vorgang recht drastisch, aber nicht ungehobelt. Die Auffassung der Germanen ist gekennzeichnet durch die sie umgebende Natur, die auch die Menschen formt und prägt. Diese Natur ist rau und fordert viel Anpassung von ihren Geschöpfen. Das gilt sowohl für Mensch und Tier als auch für die Vegetation. Keiner bleibt aussen vor. Germanen sind keine Fatalisten. Aber das Örlog nehmen sie als naturgegeben hin und richten sich danach ein. Das was getan werden muss wird getan. Auch wenn man es nicht mag oder versteht – man trifft seine Vorsorge!
Genauso stellen sie ihre Mythen dar, die Mythen der Götter und Wesen der Anderwelt. So wie die Natur sie geprägt hat erklären sie auch die Natur und den Geist, der in ihr herrscht, der dahinter steht. Rau war das Land, doch rechtschaffen die Menschen, die in ihm wohnten.


Swanhildja


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