Betreut von Eibensang


Germanische Schöpfungsgeschichte   Teil I

Anufa ist auf ihrer Reise durch´s Netz, diesmal im panpagan-Forum, wieder einmal auf ein paar interessante Gedanken gestoßen - diesmal zum Thema "Schöpfungsgeschichte" aus der germanischen Mythologie heraus betrachtet.

Am Anfang gab es nichts. Dieses Nichts nannte man Ginnungagap ("gähnende Kluft”). Man stellte es sich als eine tiefe Schlucht des Nichts und der Windstille vor. Im Süden dieser Schlucht entstand Muspelheim („Muspels Heim“ – ein Feuerriese), ein Reich, in dem Feuer und Hitze herrschte. Später entstand im Norden Niflheim ("Nebelheim"), ein Reich voller Nebel, Frost und Kälte. Im Zentrum von Niflheim steht der Brunnen Hvergelmir ("der brausende Kessel"). Aus dieser Quelle entspringen elf Flüsse, die zusammen Elivagar ("sturmgepeitschte Wogen“) genannt wurden. Sie überfluteten ganz Niflheim, und es bildete sich eine Eisschicht über die andere, bis sie zur Schlucht Ginnungagap reichten. Von Muspelheim flogen Funken nach Niflheim und brachten das Eis am Rand zum Schmelzen.

Aus dem Gemisch aus Feuerfunken und geschmolzenem Eis entstanden der Urriese Ymir („Zwitter“), der alles um sich mit Schrecken erfüllte. Er wurde auch Blain ("der Blaue") genannt. Und das Eis schmolz weiter. Daraus gewann die Urkuh Audhumbla („Die Milchreiche“) Gestalt und Leben, aus deren Euter stets Milch floss. Diese Milch diente Ymir zur Nahrung. Im tiefen Schlaf kamen aus dem Schweiß des Riesen ein männliches und ein weibliches Riesenwesen hervor. Weiter paarten sich die beiden Füße Ymirs, und es entstand Wafthrudnir, dessen sechsköpfiger Sohn der Stammvater des Geschlechtes der Hrimthursar (die Reif- und Frostriesen) wurde.

Audhumbla ernährte alle. Sie aber ernährte sich indem sie das salzige Eis schleckte. Am Abend des ersten Tags kamen aus einem dieser Eisblöcke Menschenhaare hervor, den andern Tag eines Mannes Haupt, den dritten Tag ward es ein ganzer Mann. Dies war Buri (nord. „Erzeuger”, „Vater”), der Urriese und Stammvater der Götter, der Asen. Er paarte sich mit sich selbst und gebar den Riesen Bör ("Sohn“). Bör zeugte mit der Riesin Bestla drei Söhne: Odin, Vili und Vé (die ersten Asen). Bestla ist die Tochter des Hrimthursen Bölthorn ("Unheilshorn"), also war sie eine Reifriesin (Ymirs Nachkommen).

Nachdem Börs Söhne groß und stark genug waren, legten sie sich mit dem alten Ymir an und erschlugen ihn nach einem harten Kampf. Seinem Blut wurde zu einer Flutwelle in der alle Reifriesen ertranken, außer Bergelmir und seiner Gattin, die auf einem Kasten aus Holz Zuflucht fanden. Aus ihnen ging das neue Reifriesengeschlecht hervor.

Die Asen warfen Ymirs Leichnam in die Schlucht Ginnungagap und formten aus seinen Körperteilen die Welt:

Aus seinem Blut wurden die Weltmeere
Aus seinem Körper die Erde
Aus seinen Knochen die Berge
Seine Haare wurden zu Bäumen und dem Gras
Die Zähne und Schädelsplitter zu Steinen und Felsen
Die Maden seines Körpers, sie wurden zu Zwergen
Aus der Schädeldecke wurde das Himmelsgewölbe. Das ist der Grund dafür, daß er auch Blain genannt wurde,
Und aus dem Gehirn die Wolken

Am Himmelsgewölbe waren Hörner an den vier Ecken angebracht. Börs Söhne hoben Ymirs Schädeldecke hoch und setzten an jedes Horn einen Zwerg, der das Gewölbe halten sollte. Sie hießen: Austri (Osten), Vestri (Westen), Nordri (Norden) und Sudri (Süden). Zuletzt nahmen die Götter Funken aus Muspelheim und setzen sie an den Himmel. Dies waren die Sterne.

Um Tag und Nacht festzulegen, erhielten Dag und seine Mutter Nott (die Jötun-Riesen) jeweils einen mit einem Pferd bespannten Wagen von den Göttern. Das Pferd von Dag hieß Skinfaxi (Schimmernde Mähne) und die Nott fuhr mit Hrimfaxi (Reifmähne). Mit diesen fahren sie um die ganze Welt. Die Germanen dachten sich diese als flache, runde Scheibe. Nun wagte es der Riese Mundilfari seine Tochter Sunna und seinen Sohn Manni mit den Göttern gleichzusetzen. Aus diesem Grunde setzte Odin beide in den Himmel, wo seitdem Sunna den Sonnenwagen und Manni den Mondwagen über das Gewölbe lenkt. Die Wagen schufen die Asen aus zwei großen Brocken aus Muspelheim. Manni wird vom Wolf Hati verfolgt. Immer wenn er dem Mondwagen zu nahe kommt entsteht eine Mondfinsternis. Das gleiche gilt für Sunna, deren Wolf Sköll genannt wird. Kommt er Sunnas Wagen zu nahe entsteht eine Sonnenfinsternis.

Als Odin, Hönir (anderer Name für Vili) und Lodur (Loki? anderer Name für Ve) dies alles fertig geschaffen hatten, gingen sie zum Meer um sich auszuruhen. Dort fanden sie zwei Baumstämme, die ihnen gefielen. Da sprach Odin: „Laßt uns Menschen daraus fertigen“. Also schnitzten sie aus ihnen zwei menschliche Wesen. Das eine nannten sie Askr (Esche). Dies war der Mann. Aus dem anderen Embla (Ulme). Dies war die Frau. Ask und Embla wurden die Stammeltern des Menschengeschlechts. Odin gab ihnen Atem, Leben und Geist; Hönir gab ihnen klaren Verstand und Gefühl; Lodur gab ihnen das warme Blut, das blühende Aussehen, die Sprache und das Gehör.
Aber all das reichte den Göttern noch nicht. Sie schufen die Zwerge und gaben ihnen das Aussehen und den Verstand der Menschen, zwangen sie aber unter der Erde zu leben. Es war ein geschäftiges Volk dem sie das Leben gaben. Die Zwerge hatten keine Ruhe – bis sie die Geheimnisse der Erde kannten. Sie beherrschten viele Künste, gruben nach Silber und Gold, sie holten die Edelsteine aus dem Boden und fertigten so Allerlei daraus. Sie wußten das Eisen zu schmieden um daraus scharfe Schwerter und andere Kleinodien zu fertigen. Aber sie waren des Nachts, denn nur dann kamen sie aus der Erde, oft neckisch und erschreckten die Menschen.
Das waren die Schwarzalben.
Aber es gab auch noch die Lichtalben. Sie waren strahlend schön, waren immer fröhlich und tanzten ohne Ende. Sie hatten keine Angst vor dem Tag und auch nicht vor der Nacht. Den Menschen waren sie wohl gesonnen und waren ihnen gut.

Von nun an leben in Midgard die Menschen, in Asgard die Asen, die Riesen und Trolle im westlichen Utgard und die Dunkelzwerge leben in Schwarzalbenheim. Die Lichtzwerge wohnen in Lichtalbenheim.


Ende Teil I


Swanhildja


Aus dem Vergessen     Eibensang, 25.02.2017
"Nazi-Druide" "Burgos" alias "Hasspredix" und die "Heidenszene"     MartinM, 04.02.2017
"Irminsul" auf den Externsteinen - kein harmloser Streich!     MartinM, 14.01.2017
Wo gehörst Du hin? - Teil II     Eibensang, 16.07.2016
Wo gehörst Du hin? - Teil I     Eibensang, 05.06.2016
Der Sonnenglanz - Teil XII     Eibensang, 23.01.2016
Hass, Solidarität und Strukturen     MartinM, 01.08.2015
Gedanken zur APA-Meldung: Inspirierte heidnischer Götterglaube die NSU-Morde?     MartinM, 20.06.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil IV     Myriad Hallaug Lokadís, 14.03.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil III     Myriad Hallaug Lokadís, 14.02.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil II     Myriad Hallaug Lokadís, 24.01.2015
Baldrs und Lokis Geschichte - Teil I     Myriad Hallaug Lokadís, 17.01.2015
Der Sonnenglanz - Teil XI     Eibensang, 22.11.2014
Der erste Merseburger Zauberspruch als Lösezauber zur Geburt?     Peter Hilterhaus, 04.10.2014
Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung - Teil III     Myriad & Sat Ma´at, 24.05.2014
Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung - Teil II     Myriad & Sat Ma´at, 17.05.2014
Anders und doch nicht: eine interreligiöse Erfahrung - Teil I     Myriad & Sat Ma´at, 10.05.2014
Der Sonnenglanz - Teil X     Eibensang, 07.12.2013
Der Sonnenglanz - Teil IX     Eibensang, 03.08.2013
Der Sonnenglanz - Teil VIII     Eibensang, 28.04.2013
Der Sonnenglanz - Teil VII     Eibensang, 02.02.2013
Der Sonnenglanz - Teil VI     Eibensang, 27.10.2012
Der Sonnenglanz - Teil V     Eibensang, 21.07.2012
Der Sonnenglanz - Teil IV     Eibensang, 21.04.2012
Der Sonnenglanz - Teil III     Eibensang, 21.01.2012
Der Sonnenglanz - Teil II     Eibensang, 15.10.2011
Der Sonnenglanz - Teil I     Eibensang, 25.06.2011
Als die Sau noch Göttin war - Teil VI     Eibensang, 19.03.2011
Als die Sau noch Göttin war - Teil IV     Eibensang, 25.12.2010
Alter Sagen neue Sicht - Teil II     Brighid, 18.09.2010
Alter Sagen neue Sicht - Teil I     Brighid, 21.08.2010
Als die Sau noch Göttin war - Teil IV     Eibensang, 05.06.2010
Als die Sau noch Göttin war - Teil III     Eibensang, 06.02.2010
Als die Sau noch Göttin war - Teil II     Eibensang, 08.11.2009
Als die Sau noch Göttin war - Teil I     Eibensang, 22.08.2009
Germanische Schöpfungsgeschichte - Teil II     Swanhildja, 10.05.2009
Germanische Schöpfungsgeschichte - Teil I     Swanhildja, 03.05.2009
Gods of War     Freyjatru, 07.02.2009
Der kleine Unterschied - Teil IV     Eibensang, 15.11.2008
Der kleine Unterschied - Teil III     Eibensang, 08.11.2008
Der kleine Unterschied - Teil II     Eibensang, 25.10.2008
Der kleine Unterschied - Teil I     Eibensang, 18.10.2008
Goden ohne Boden - Teil III     Eibensang, 21.06.2008
Goden ohne Boden - Teil II     Eibensang, 14.06.2008
Goden ohne Boden - Teil I     Eibensang, 07.06.2008
Die "alten Germanen" hatten keine Religion - Teil II     Martin Marheinecke, 01.03.2008
Die "alten Germanen" hatten keine Religion - Teil I     Martin Marheinecke, 23.02.2008
Schuld – die Rückkehr ins Paradies - Teil II     Sven Scholz, 17.11.2007
Schuld – die Rückkehr ins Paradies - Teil I     Sven Scholz, 10.11.2007
Entmystifizierung     Freyjatru, 11.08.2007
Loki – der umstrittene Gott     Freyjatru, 21.04.2007
Weihnachten - Spot an - Teil IV     Martin Marheinecke, 03.02.2007
Weihnachten - Spot an - Teil III     Martin Marheinecke, 20.01.2007
Weihnachten - Spot an - Teil II     Martin Marheinecke, 13.01.2007
Weihnachten - Spot an - Teil I     Martin Marheinecke, 30.12.2006
Heil - Teil III     Eibensang, 14.10.2006
Heil - Teil II     Eibensang, 07.10.2006
Heil - Teil I     Eibensang, 30.09.2006
Achten oder ächten – vom Umgang mit Ahnen - Teil II     Eibensang, 08.07.2006
Achten oder ächten – vom Umgang mit Ahnen - Teil I     Eibensang, 01.07.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil V     Eibensang, 25.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil IV     Eibensang, 18.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil III     Eibensang, 11.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil II     Eibensang, 04.03.2006
Wer erleuchtet das Meer? - Teil I     Eibensang, 25.02.2006
Weihnachtsmärchen - Teil II     Eibensang, 26.11.2005
Weihnachtsmärchen - Teil I     Eibensang, 19.11.2005
No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat - Teil III     Eibensang, 20.08.2005
No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat - Teil II     Eibensang, 06.08.2005
No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat - Teil I     Eibensang, 30.07.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil III     Eibensang, 30.04.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil II     Eibensang, 23.04.2005
Müssen wir dran glauben? - Teil I     Eibensang, 09.04.2005
Runen – wirklich das „Uralphabet“?     Dagaz, 05.03.2005
Tolkien und die nordische Mythologie     Freyjatru, 18.12.2004
Die Frau bei den Germanen     Freyjatru, 09.10.2004
Freyja     Freyjatru, 12.06.2004
Das Runenrad     Dagaz, 20.12.2003
Das Raunen der Runen     Landogar, 01.11.2003
Erste Schritte zum Verständnis der Edda     Freyjatru, 13.09.2003
Gastfreundschaft bei den alten Germanen     Freyjatru, 26.07.2003
Germanenbilder     Freyjatru, 28.06.2003




               
                   
                   



    

© WurzelWerk · 2001-2017