Der kleine Unterschied   Teil IV

Freyja die Schöne und Odin der Schreckliche, der starke Thor und die Schicksal webenden Nornen... Das sind sie doch: die typischen Gestalten aus dem germanischen Götterhimmel? Nicht wahr? Nun jein: als typisch mögen sie gelten. Aber ob wir sie germanisch nennen dürfen – das steht in offener Frage.

Kamen andere daher...

Genau deshalb spreche ich übrigens von "Germanengläubigen": jene Neuheiden meinend, die ihre germanische Orientierung ausschließlich aus literarischen Quellen wie der Edda und den Sagas herleiten. Diese Leute glauben, dass alte Germanen an Heimdall, Eir, Idun und Gefjon geglaubt haben, dazu an mystische Orte wie Vanaheim, Muspellheim, Ljossalf- und Svartalfheimr usw. (Dass christlicher Glauben, z.B. der Arianismus, unter zahlreichen germanischen Stämmen während der Völkerwanderungszeit schon längst auf dem Vormarsch war und diese zunehmend dominierte, sei hier nur am Rande erwähnt. Die Bereitschaft, neue spirituelle Einflüsse aufzunehmen bzw. sich solchen zu öffnen, kann in gewisser Hinsicht sogar als ein Hauptmerkmal altgermanischer Religiosität genannt werden...)
 
Wohlgemerkt, und noch mal: Es liegt mir fern, hier irgendjemandem seinen heiligen Glauben an diese oder jene Gottheit, diese oder jene spirituelle Wahrheit abzusprechen. Der einzige Glauben, dem ich widerspreche, ist der, dass es sich dabei auch und zwangsläufig um einen altgermanischen gehandelt haben soll: um Götter, die bereits in vorchristlicher Zeit welche waren und als solche verehrt wurden. Von einer großen Zahl in der Edda erwähnter oder beschriebener Namen und Begriffe lässt sich das – über Snorris Werk hinaus – nirgends belegen. Und hier sind wir am springenden Punkt des "kleinen Unterschieds", den ich meine. Literarische Quellen sind nunmal keine archäologischen und in diesem Sinne keine historischen. Aus archäologischen aber lässt sich schwerlich eine altgemeinte Religion bauen. Verbeulte Helme mit kryptischen Krakelinschriften, verbogene Fibeln, verrottete Klingen,  Scherben von Pötten und nicht mal mehr von Läusen bewohnte Knochenkämme sind für Vitrinen eine Zier – ein Heidentum wird nicht aus ihr. Literarische Hinterlassenschaften über das Heidentum alter Germanen gibt es – aber nicht von ihnen. Der kleine Unterschied hat Konsequenzen. Theoretisch tun (die meisten) germanisch orientierten Neuheiden so, als gäbe es die nicht. Das wiederum hat Konsequenzen für neuheidnische Praktiken: sie werden zum "so tun als ob". Erst aber dieses allgegenwärtige Beharren darauf, dass sie echt sei, altgermanische Tradition, "Religion unserer Vorfahren", macht sie zu einer Peinlichkeit: die ambitioniert gelebte Fantasy.

Denn logischerweise lässt sich auch aus einer nur indirekt nachweisbaren historischen Verehrung z.B. einer Támfana nicht gerade viel Taugliches schnitzen, womit sich neuheidnische Rituale – oder Identitäten – bereichern ließen: Támfana ist nur dadurch bekannt, dass die Römer die erfolgreiche Zerstörung ihres Tempels vermeldeten. Und nur durch ziemlich kniffelige Recherchen über den (in der römischen Geschichtsschreibung nur nebulös angedeuteten) Zeitpunkt jener Schlacht – dem Herbstäquinoktium – lässt sich, im Zusammenhang mit fundierter Etymologie, einigermaßen stichhaltig vermuten, dass es sich bei Támfana um eine "Göttin des Zeitmaßes" gehandelt haben könnte...

Derlei Widerborstigkeiten hinterherzuforschen und das Für und Wider einer Annahme kritisch zu untersuchen, ist natürlich wesentlich unbequemer und emotional unergiebiger, als in irgendeiner Edda-Übertragung gemütlich nachzulesen, dass Odin gern mal in Sökkvabekkr mit Friggs "Zofe" Saga Met aus goldenen Schalen schlürft (um bei solchen Gelegenheiten das eine oder andere Wissenswerte zu erfahren, das seine verschwiegene Göttergattin ihm, dem Sucher, vorzuenthalten pflegt...). Ich finde diese Geschichte auch schön – nur muss sie genauso wenig aus urheidnischem Fundus stammen wie der amüsante Schwank, wo sich Thor in Brautkleider hüllen muss: genau genug beschrieben, um den Donnergott nicht etwa in germanischer, sondern eindeutig hochmittelalterlicher Tracht bestaunen zu können.


Mut zur Wahrheit?

Der Bilderreichtum der Edda ist zweifellos ein einzigartiges Leuchtfeuer in einer sonst vorwiegend aus Scherben und drögen Bruchstücken bestehenden Hinterlassenschaft – allzu oft wird aber übersehen, dass es sich bei dem Schein, den das Dichtkunst-Lehrwerk eines Christen auf die versunkene germanische Mythologie wirft, bereits um ein Grablicht handelt. Natürlich hat gerade Snorri diese Mythologie mit mehr Hingabe geschildert (und wer weiß wo und wie ausgeschmückt, oder verdünnt... die christlichen Einflüsse sind bereits in der Vøluspa erkennbar, höchst ungermanischer Feudalismus wird später in der – ohnedies umstrittenen – Rigsthula beworben: möglicherweise zu Legitimationszwecken solcher Sozialveränderungen) als die den Germanen meist eher feindlich gesinnten Römer: denen es um etwas anderes ging, als ausgerechnet irgendwelche Barbaren kulturell ernst zu nehmen und entsprechend akribisch zu dokumentieren. Aber O-Ton altgermanischer Kultur ist auch Snorri keiner. Er wird nur so behandelt: heute, von Menschen, die ein sozusagen bitteres Interesse daran haben, aus christlichen Aufzeichnungen neuheidnische Identitäten destillieren zu müssen – und oft fließt das Destillat ins rein Fabulöse. Notgedrungen: mangels germanischer Originaltöne. Mangels germanisch-heidnisch motivierter Überlieferung – die es nirgends gibt.

Allerdings: den Mumm, diesen Umstand und seine Konsequenzen wenigstens offen zuzugeben, hätte ich bekennenden Ásatrú schon gern zugetraut. Ich hätte mich wohler gefühlt in deren Gesellschaft. Es hätte mich auch stolzer gemacht, im gesellschaftlichen Echo meiner Ásatrú-Identität, wenn das Ásatrú der meisten, die sich zu seinen (hochumstrittenen möglichen) Inhalten bekennen, wenigstens im Punkt historischer Wahrheitsliebe über die Legendenmacherei anderer neuheidnischer Richtungen herausragend verhielte. Wenn es da auch einen kleinen Unterschied gäbe: zu all den anderen neuheidnischen Strömungen, deren jeweilige Anhänger erbittert um die Anzahl ihrer rituellen Knopflöcher zu streiten vermögen, ohne zu erkennen, dass zuweilen ihr ganzes mythologisches oder spirituelles Gewand überhaupt nur aus Löchern besteht, vulgo des Kaisers neuen Kleidern ähnlicher ist als wenn sie wirklich skyclad herumliefen. Ja, ich weiß: "skyclad" ist kein Ásatrú-Begriff. Eine Wikingergewandung macht aber noch lange keinen Ásatrú. Begriffen? Nein. Spätestens, wenn die meisten das Maul aufreißen, entblößen sie ihre spirituelle Nacktheit. Man muss noch froh sein, wenn ihnen keine Hakenkreuze in die Seele graviert sind – unter dem nostalgischen Stroh. Oder vielleicht sollte man sie schon loben, wenn sie überhaupt andere Gewandung tragen als "Odin statt Jesus"-Leiberl.


Vorhang auf – Geist auch

Offen darf – neben den hier zuvörderst aufgeworfenen (kritischen KennerInnen der Materie freilich schon Bekanntes nur in Erinnerung bringenden) – Fragen aber auch diejenige bleiben, was denn eigentlich so schrecklich daran wäre, dem Bekenntnis zu großen Gottheiten jenes kleine, aber ehrliche hinzuzufügen, dass wir uns ebendiese Großen im Grunde selber schnitzen: müssen, will ich sogar sagen. Denn selbst nach Abzug sämtlicher unsicherer Mythen und Legenden (die man ja deshalb nicht in die Tonne treten muss: Es reichte ja das Bewusstsein darüber, worum es sich womöglich handelt) bleibt doch von germanischer Kultur durchaus genug Erforschbares und Recherchierbares übrig, um sich davon ganz ungewohnte Denkweisen in den Charakter einzuarbeiten, so peu á peu. Klar: eine Heidenarbeit. Die aber kann freilich erst gar nicht beginnen, so lange man (bewusst oder unbewusst) im beharrlichen Leim der sittenchristlichen Tradition kleben bleibt, "das Spirituelle" vom restlichen Leben abtrennen zu können. Und erst diese moderne Reduktion aufs vermeintlich Religiöse zwingt, so will mir scheinen, die Bekennenden zu Rechtfertigungen oder haltlosen Behauptungen, die sich irgendwann im Kreis drehen – während der Matsch des Alltags unbeachtet bleibt (einschließlich möglichen Versinkens in eher bräunlichen Sümpfen), da ja dann fürs thematisch fokussierbarere und aus jeglicher sozialer Mitverantwortlichkeit herausamputierte Religionsverständnis irrelevant. Ja, vielleicht taugt dieses ja überhaupt vorrangig dazu, der komplizierten Welt und ihren zumeist unromantischen Anforderungen wenigstens wochenendweise und freizeitlich zu entfliehen. Spätestens das aber verkaufe mir bitte keiner mehr als germanisch.


Eibensang


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