Betreut von Eibensang


Der kleine Unterschied   Teil III

Freyja die Schöne und Odin der Schreckliche, der starke Thor und die Schicksal webenden Nornen... Das sind sie doch: die typischen Gestalten aus dem germanischen Götterhimmel? Nicht wahr? Nun jein: als typisch mögen sie gelten. Aber ob wir sie germanisch nennen dürfen – das steht in offener Frage.

Die im Dunkeln sieht man nicht...

Zahlreiche mythologische Liedern und Skaldengedichte kennen wir ausschließlich durch Snorris Zitate – und auch die Sagas anderer Autoren stammen allesamt aus christlicher Zeit. Heidnische Bräuche waren da längst auf dem Rückzug. Ihre zunehmende Durchsetzung mit christlich beeinflussten Werten mochte beim "einfachen Volk" zwar erst allmählich vonstatten gegangen sein – was aber nichts ändert an der grundsätzlichen geistigen Dominanz organisierter Christianisierung: der das eher "unbewusst" betriebene Heidentum, das ja weniger als "Religion" in heutigem Sinne aufgefasst wurde denn vielmehr als "alter Brauch", nichts entgegenzusetzen hatte. Wer damals noch an heidnischen Bräuchen festhielt, galt mit Sicherheit nicht als vorbildlich oder irgend nachahmenswert. Das Heidentum mochte noch Anhänger gehabt haben, aber konnte keine Fürsprecher mehr hervorbringen. Heute aus den Überlieferungen der damals Gebildeteren – der Schreibkundigen – allen Ernstes altgermanische Religionsinhalte ableiten zu wollen, ist ein ähnlich abenteuerliches Unterfangen, als wolle man die Kultur der Apachen nach Karl-May-Erzählungen rekonstruieren. Ähnlichkeiten mit historischer Wirklichkeit könnten vorkommen, sind aber rein zufällig – und sind schwerer auszumachen als Nadeln im Heuhaufen (da sich Nadeln von Heu wenigstens dann unterscheiden lassen unterscheiden lassen, wenn man mal welche findet). In christlicher Kulturdominanz erhaltene heidnische Reste mögen auffindbar sein – aber nur in Form negativer Absetzung: ungenügenden Christentums, sozusagen... als Abweichungen von christlichen Werten oder Gesetzen. Was von heidnischen Brauch-Überbleibseln aber einmal tatsächliche spirituelle Relevanz gehabt haben mag, kann bestenfalls strittig bleiben. Eine Überlieferung "heidnischer Werte" als solcher existiert nicht. Aus der langen Phase des ungleichen Paradigmenwechsels aber bringt kein Mensch mehr die Milch aus der Melange.

"Sank das Boot, brach das Schwert / Kamen andere daher / Und der Sang sank ins Grab..." (Kommt ein Boot, die Singvøgel)


Sank das Boot...
Der erhaltene "Codex Regius der Liederedda" wurde etwa 50 Jahre nach Snorris "Original" niedergeschrieben – und weicht von diesem bereits (z.B. in der dichterisch vergleichsweise starken "Vøluspa", die den Bogen von der Welterschaffung bis zum Untergang der Götter spannt) beträchtlich ab. Dazu kommt, dass schon Snorris Zeitgenossen etliche der älteren "Kenningar" nicht mehr verstanden haben dürften: da die Mythen, auf die solche Begriffsrätsel anspielten, schon über 200 Jahre lang keine spirituelle Relevanz mehr hatten.
Kenningar sind skaldentypische Umschreibungen, die z.B. von einem "Wogenhengst" sprechen, wenn ein Boot gemeint ist. Während sich ein simples und profanes Beispiel wie dieses noch durch bloßes Kombinieren entschlüsseln lässt (da uns sowohl Wogen als auch Hengste bekannt sind), muss man mit dem stofflichen Who is Who schon etwas vertrauter sein, um z.B. "Friggs einzige Freude" als deren Gemahl Odin zu identifizieren. So richtig knuffig wird´s dann aber mit Versen wie diesem:

"Da wurde Völkermord in der Welt zuerst / da sie mit Geren Gullweig (die Goldkraft) stießen / In des Hohen Halle die helle brannten. / Dreimal verbrannt, ist sie dreimal geboren / Oft, unselten, doch ist sie am Leben"

So lautet Vøluspa-Vers 25 in der Übertragung von Karl Simrock.

...Was Edda-Übersetzer Felix Genzmer so überträgt:

"Da kam zuerst / Krieg in die Welt / als Götter Gullweig / mit Geren stießen / und in Heervaters Halle brannten / dreimal brannten / die dreimal geborne"

Genzmer beziffert diese Passage als Vers 15...

Das altnordische Original lässt jedem dieser Sprache Kundigen offensichtlich recht weitgehende Interpretationen zu. Wobei der Gullweig-Vers nicht das krasseste Beispiel dafür ist: Ich wählte es eher aufgrund seiner inhaltlichen Schwergängigkeit. Um zu veranschaulichen, dass zumindest komplexere Kenningar – wie auch sonstige Anspielungen – der Kenntnis dessen bedürfen, worauf da überhaupt angespielt wird. Da Kenningar in Eddastrophen ähnlich oft vorkommen wie röhrende Gitarren im Heavy Metal, liest sich das Ganze für Einsteiger eher ungemütlich – die Kenner aber streiten sich über zahllose Deutungsvarianten: spätestens überall dort, wo Kenningar auf Hintergrundstories verweisen, die schon früh in Vergessenheit gerieten, und die niemand überlieferte. Ob es zu Snorris Lebzeiten – 1179 bis 1241 – noch eine ungebrochene mündliche Überlieferungstradition gab, die heidnisch genannt werden darf, ist höchst umstritten. Tatsache ist, dass von einer solchen Tradition heute nichts mehr übrig ist. Kein Mensch weiß, ob z.B. der Gott Heimdall in historischer Zeit je irgendeine heidnische Verehrung erfuhr – genauer gesagt: ob das überhaupt ein Gott war; ob es einen altgermanischen Gott dieses Namens gab. Wir kennen ihn ausschließlich von Snorri. Er könnte ihn sich ausgedacht haben. Oder die Eigenschaften von anderen heidnischen Göttern zu dem zusammengemixt, was uns heute als goldzähniger Sohn von neun Müttern entgegenstrahlt, dessen Schwert "Haupt" heißt, und der beim drohenden Weltuntergang ins "Gjallarhorn" Alarm bläst. Vielleicht ist der (bereits innerhalb dieser literarischen Erwähnungen nach allen Seiten hin offen bleibende, schon in der Edda selbst nirgends weiter- oder annähernd rund gesponnene – geschweige denn woanders belegte) Heimdall-Mythos trotzdem altgermanisch, also irgendwie wenigstens teil- oder ansatzweise heidnischer Herkunft. Vielleicht aber überhaupt nicht. Beweisen lässt sich das eine sowenig wie das andere.

Einen Tick deutlicher lässt sich Baduhenna belegen – mehr oder minder indirekt: In einem "Hain der Baduhenna", so überliefern antike Quellen, sollen 900 Römer von wilden Friesen niedergemacht worden sein. Auch die etymologische Aufschlüsselung des Namens Baduhenna lässt die Vermutung zu, dass es sich um eine Schlacht- oder Kriegsgöttin handelte. Das ist allerdings auch schon alles, was wir darüber in Erfahrung bringen können: Denn in der Edda kommt eine Göttin Baduhenna nicht vor.
Weshalb die meisten Neuheiden – Germanengläubige eingeschlossen, behaupte ich mal – diesen Namen noch nie gehört haben dürften. Im Gegensatz zu dem Heimdalls.


Ende Teil III


Eibensang


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